Kerstin Hack: Als Single zu Besuch bei Familien – meine 5 Wünsche

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Nein, Ihr müsst nicht alles richtig machen. Weder Eure Wohnung perfekt aufräumen, noch Eure Kinder als perfekt erzogen präsentieren, damit wir gerne zu Euch kommen. Ihr müsst auch keine Angst haben, dass wir es Euch übel nehmen, wenn ihr uns keine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken könnt, auch mal gemeinsame Zeit vorzeitig abgebrochen werden muss, weil Unvorhergesehenes passiert. Das gehört einfach dazu. Aber es gibt schon ein paar Dinge, die uns helfen würden…

Regeln erklärt bekommen
In jeder Familie gibt es Regeln. Wir kennen sie nicht. Es würde uns helfen, sie bei passender Gelegenheit kurz erklärt zu bekommen. Das fängt schon damit an, dass man nicht weiß, wem welcher Platz am Esstisch „gehört“. Da helfen ein paar einfache Sätze wie: „Setz dich doch hierhin. Unsere Schuhe tun wir hierhin. Hier dürfen die Kinder nicht spielen. Schokolade ist ok, aber erst nach dem Essen.“ Und schon ist alles klar.

Vertrauen genießen

In einem Artikel las ich einmal: „Mein Mann ist eine katastrophale Mutter. Aber ein phantastischer Vater.“ Daran angelehnt möchte ich Euch bitten, uns, wenn wir mit Euren Kindern zusammen sind, zu erlauben, dies auf unsere Weise zu tun. Sie uns – wenn wir und die Kinder das möchten – anzuvertrauen, ohne ständig eingreifen und steuern zu wollen. Ja, wir sind katastrophale Eltern. Aber wir können phantastische Gesprächs- und Spielpartner für Eure Kinder sein. Auf unsere Art.

Eingeladen werden, mitzumachen

Nein, Ihr müsst uns kein Programm bieten. Auch kein besonderes Essen auf den Tisch stellen, nur weil wir kommen. Das Schöne am Familienleben ist doch gerade, dass immer etwas passiert, auch wenn nichts geplant ist. Wir müssen in unserem Leben ohnehin schon dauernd planen. Es tut uns gut, einfach mitmachen zu können. Beim Fernsehen, Plätzchen backen. Spielen, Gemüse schnipseln, Geschirr spülen, Tisch decken. Da sein und dabei sein und eingeladen sein, für eine Weile dazu gehören. Das reicht.

Ehrlichkeit
Das Gras auf der anderen Seite ist immer grüner. So wie ihr uns gelegentlich um unsere Freiheit und unseren ungestörten Schlaf beneidet, beneiden wir Euch ab und an um Eure Nähe, Zusammengehörigkeit und Zärtlichkeit. Es tut gut, uns gegenseitig auch mal offen zu sagen: „Du, manchmal vermisse ich…“ Ehrlich. Ohne Selbstmitleid. Und ohne, dass wir einander ein schlechtes Gewissen dafür machen, dass wir die Privilegien, die wir haben, auch genießen.
Als Single, die sich Familie für die Zukunft aber durchaus vorstellen kann, finde ich es spannend und ermutigend, wenn ich Paare fragen darf, wie sie das mit dem gemeinsamen Leben schaffen: „Sagt mal, wie kommt ihr mit Euren Fehlern in der Erziehung klar? Wie schafft ihr es, im Chaos nicht unterzugehen? Wie gelingt es, mitten in der Kleinkindphase Zeit und Ruhe für Zärtlichkeit und Sex zu finden?“ Ich wünsche mir ehrliche Antworten, die offen von Herausforderungen erzählen, mir aber auch zeigen, dass und wie Leben als Familie gelingen kann. Und nicht zuletzt tut es uns allen gut, wenn wir uns gegenseitig immer wieder daran erinnern, dass es nie „etwas“ ist, das uns glücklich macht. Sondern immer unsere Art, wie wir unser Leben bejahen, annehmen, leben. So wie es gerade eben ist.

Begegnung

Ja, es langweilt und stresst mich, wenn Eltern nur noch von Babynahrung, Kleidungsgrößen und den Lernerfolgen ihrer Sprösslinge erzählen bzw. ihre Begeisterung darüber keine Grenzen kennt. Ja, auch, weil ich keine Ahnung von den meisten Themen habe und weil sie mit meinem Leben gerade sehr wenig zu tun haben. Aber hauptsächlich, weil ich mich nach echter Begegnung mit Euch sehne. Ich wünsche mir, dass wir uns offen sagen können, wo wir empfinden, dass das Leben des anderen aus dem Ruder läuft. Ohne Kritik und Anklage. Aber offen und fragend: „Du, auf mich wirkt es so, als ob nicht mehr Ihr Euer Leben gestaltet, sondern es von den Kindern und ihren Anforderungen beherrschen lasst? (oder umgekehrt vielleicht von Arbeit und Sozialstress bei uns Kinderlosen). Wie nehmt Ihr das selbst wahr? Was würde Euch helfen?“
Ich wünsche mir, dass wir über die Fragen sprechen, die unter der Oberfläche der organisatorischen Fragen liegen: „Werde ich es schaffen? Mache ich es richtig? Wie komme ich mit meiner Unsicherheit klar? Mit meinem Perfektionismus? Mit meiner Unzufriedenheit über mich selbst, wenn ich schon wieder…? Mit dem Druck, alles auf einmal erledigen zu müssen, nie fertig zu werden? Mit dem Vergleichen mit anderen, die es besser hinkriegen….“
Auf viele Eurer praktischen Fragen – von wundem Po bis zum richtigen Schulsystem – haben wir keine passenden Antworten. Aber die „tieferen“ Fragen – das sind auch unsere Fragen, da finden wir eine gemeinsame Ebene jenseits von “Familienmensch” und “Single”. Es wird die Beziehung zwischen Euch und uns bereichern, wenn wir uns sagen können: „Du, was mich eigentlich bewegt…!“ Und uns dann ermutigen, trösten und an das erinnern, was wir schon geschafft haben. Und uns für unser – ganz unterschiedliches – Leben stärken. Das tut gut. Weil wir uns begegnet sind. Als Menschen. Und Freunde.

Zuerst veröffentlicht unter dem Titel: “Meine fünf Wünsche an Familien
oder: Was kinderlosen Menschen hilft, sich in Eurer Familie wohl zu fühlen
“ im Magazin Family, Juni 2008, mit freundliche Genehmigung. www.bvzeitschriften.net

Günter J. Matthia: Rezension zu »Gut kommunizieren«

»Warst du schon auf der Bank?«, fragt er sie. Eine scheinbar harmlose Frage, die bei ihr Unerwartetes auslöst: »Glaubst du, ich hätte gar nichts zu tun?!«
Wir haben den Tonfall des Mannes nicht gehört und können somit nicht entscheiden, ob die Frage sachlich oder vorwurfsvoll klang. Sie bewertete es auf jeden Fall als Angriff und geht in die Defensive.

Vieles, was im Zusammenleben von Menschen, sei es nun im privaten oder beruflichen Umfeld, schief gehen kann, hat eine Menge mit Kommunikation zu tun. Es gibt daher nicht ohne Grund zahlreiche Ratgeber, Kurse, Seminare, Bücher und andere Medien, die dabei helfen sollen, Kommunikationsfehler zu vermeiden.
Das obige Zitat stammt aus einem solchen Werk, das einen sehr gelungenen Ansatz bringt: Mit nachvollziehbaren Beispielen aus dem Alltag gelingt der Einstieg in die 28 Einzelthemen leicht, da wohl die meisten Leser sich an ähnliche Erlebnisse erinnern können.
Dadurch gelingt es der Autorin, die sich übrigens durch einen ausgesprochen lebendigen und daher gut lesbaren Stil auszeichnet, das Sachthema geradezu unterhaltsam zu machen, ohne dass es dabei verflachen würde.

Als ich meiner Schwiegermutter Urlaubsbilder zeigte, meinte sie bei einem Foto: »Der Rock ist dir aber zu eng!« Erst stritt ich das ab, doch dann schaute ich genauer hin:
Das Wickelband meiner Bluse hing seitlich über dem Rock und es sah so aus, als wäre der Reißverschluss aufgeplatzt!

So beginnt beispielsweise ein Beitrag über die Selbstwahrnehmung – und die ist in der Tat sehr prägend für die Art und Weise, wie wir mit anderen Menschen kommunizieren. Es schadet überhaupt nichts, sich selbst in Frage zu stellen – auf die richtige Weise natürlich. Selbstüberschätzung macht lächerlich:

Neulich erzählte ein Mann im Fernsehen, er hätte geweint, als er feststellte, dass er wie Elvis singen könne. Als er eine Kostprobe seines Könnens gab, waren die Zuschauer den Tränen nahe – vor Lachen.

Mangelndes Selbstwertgefühl dagegen ist nicht weniger schädlich:

Francis Galton lebte vor etwa 100 Jahren in London und machte einmal folgenden Versuch: Er redete sich bewusst ein, er sei der meistgehasste Mann Englands.
Danach machte er seinen gewohnten Spaziergang. Aber an diesem Tag war alles anders: Passanten riefen ihm Schimpfworte zu oder wandten sich voll Abscheu von ihm ab. Er wurde angerempelt und fiel hin. Ein Pferd schlug aus und traf ihn. Wieder ging er zu Boden und die Schaulustigen ergriffen Partei für das Pferd.

Zu jedem Kapitel gibt es ein prägnantes Zitat, einen anregenden Denkanstoß, eine provokante Frage und einen praktischen Handlungsimpuls. So wird dieses Quadro, wie der Verlag das Format nennt, zu einem im wahrsten Wortsinn praktischen Begleiter, den man immer wieder zur Hand nehmen möchte und wird. Es sei denn, man ist nicht daran interessiert, sich mit seiner Umgebung so gut wie möglich auszutauschen.

Die Autorin Damaris Graf ist Diplom-Pädagogin und als freiberufliche Seminarleiterin in unterschiedlichen Organisationen tätig. Man merkt beim Lesen, dass sie mit Herz und Seele bei der Sache ist: Anderen dabei helfen, Kommunikationsprobleme aufzuspüren, zu beseitigen und dadurch zu einem sehr vielversprechenden neuen Ansatz im Zusammenleben und -arbeiten zu gelangen.

Mein Fazit: Unterhaltsam und praktisch, lebendig geschrieben und auch graphisch liebevoll gestaltet. Mir hat das Buch an einigen Punkten die Augen geöffnet – man lernt eben nie aus. Und das ist auch gut so. Vieles ist sofort umsetzbar, der Erfolg zeigt sich häufig schon bei der nächsten Begegnung mit einem Mitmenschen. Die 4 Euro sind eine Investition, die ganz erheblichen Gewinn bringen wird.

ISBN 978-3-935992-62-6
40 Seiten, 4 Euro.
Zum Beispiel direkt beim Verlag: Gut kommunizieren. Training für bessere Beziehungen

(Rezension zuerst erschienen am 18.04.2009 auf dem Blog von G.J.Matthia)