Kerstin Hack: Radikal leben in Berlin. Warum Dutschke in Niemöllers Grab liegt – Impulse von einigen Berliner Jesus-Freunden

Vollbremsung. An offenen Kirchentüren kann ich einfach nicht vorbei gehen. Hinter den Mauern alter Dorfkirchen verbirgt sich in der Regel die eine oder andere Entdeckung. So auch bei der Dorfkirche in Dahlem. „Kerstin Hack: Radikal leben in Berlin. Warum Dutschke in Niemöllers Grab liegt – Impulse von einigen Berliner Jesus-Freunden“ weiterlesen

Kerstin Hack: Unter seinen Flügeln fliegen. Als junge Frau im geistlichen Dienst.

Kerstin Hack über die Auseinandersetzung mit der Frage von Frauen in geistlicher Leiterschaft. Hier berichtet sie von bezeichnenden Stationen in ihrem Leben.

Eine Chronologie. „Kerstin Hack: Unter seinen Flügeln fliegen. Als junge Frau im geistlichen Dienst.“ weiterlesen

Kerstin Hack: Reden für das Leben. Schweigen für den Tod.

Ich habe Muskelkater, weil ich zwei Mal bis unter die Kuppel im Glockenturm des französischen Doms in Berlin geklettert bin. Der Turm ist aus schlichten Backsteinen gemauert, auf unzähligen Treppenstufen steigt man nach oben. „Kerstin Hack: Reden für das Leben. Schweigen für den Tod.“ weiterlesen

Kerstin Hack: Erfolg

 Ich sitze in der Ecke und weine. Auf meinem Schoß eine Schüssel mit dampfender arabischer Suppe. Alles zusammen war etwas zu viel: Die Erschöpfung nach einer intensiven Reise, die damit endete, dass ich mich erkältete, als ich unfreiwillig 33 Stunden auf einem Provinzflughafen verbringen musste, dessen einziger „Komfort“ in einer Klimaanlage bestand, die eisig kalte Luft in den Raum blies. Davon wurde der Steinfußboden, auf dem ich saß, weder wärmer noch bequemer. Ergebnis: Müdigkeit bis in die Knochen, rauer Hals, verstopfte Nase, Ohrenschmerzen. Dabei werde ich sonst eigentlich nie krank.

Zu Hause eine ausgefallene Heizungsanlage. 15 Grad in der Wohnung. Im November. Eisig. Kann nachts kaum schlafen, bin übermüdet und gefrustet. Heute wurde die Anlage repariert. Man sagte mir, ich müsste 30 Minuten warten, um zu sehen, ob die Maßnahmen Erfolg hatten. Hatten sie nicht. Es ist immer noch kalt. Die Heizkörper sind lauwarm oder klamm. Jetzt, Freitagnachmittag, kommt niemand mehr. Ein Wochenende Kälte. Frust. Mein Körper ist am Ende.

Habe das ganze Jahr hart gearbeitet. Zusammen mit meinem Lieblingsgrafiker ein Dutzend Impulshefte zu verschiedenen Themen publiziert, viel Werbematerial, ein neues Buch geschrieben, Prospekte und Displays für den Buchhandel gemacht. Geschenkschachteln für die Kunden. Artikel für Zeitschriften geschrieben. Aber an der einen oder anderen Stelle war ich mit Rabatten zu großzügig gewesen, so dass am Ende auf dem Konto – wie ich jetzt an den Bankauszügen sehen kann – nichts mehr übrig blieb. Obwohl die Sachen total beliebt sind.

Nein. Es war keine gute Woche. Ich sitze da und heule. Das Gefühl »Egal, was ich tue, es nützt doch nichts!« ist zu stark. Drückt aus mir raus. Tränen fließen. Ich fühle mich machtlos und hilflos. Weder kriege ich es hin, dass meine Wohnung warm wird, noch dass mein Kontostand in Bewegung kommt.

Ich wünsche mir besser zu sein, erfolgreicher. Oder einfach beschenkt zu werden mit Fürsorge, Wärme, Geld. Und weiß, dass es mir nichts nützen wird, um meine Seele zu besänftigen. Ich denke an Elia. Den, der geistlich richtig Karriere gemacht hat. Er hatte alles richtig gemacht. Sich als radikaler, konsequenter Nachfolger Gottes gezeigt. In in einem dramatischen Showdown alle finsteren Mächte konfrontiert und niedergemacht. Er hätte sich eigentlich gut fühlen können. Hätte.

Wenn da nicht das Gefühl gewesen wäre: »Ich bin der letzte Mohikaner. Der einzige. Völlig alleine gelassen. Und die anderen, vor allem Isebel, dieses Miststück, sitzen mir im Nacken.« Gegen seinen tiefen, inneren Blues kam auch der Erfolg nicht an, den er kurz vorher hatte.

Jeder braucht Erfolg. Erfolg heißt, dass auf meine Handlungen etwas folgt. Dass sie Auswirkungen haben. Dass das, was ich tue, Sinn hat und macht. Erfolg ist gut. Und gehört zum Leben. Wenn Erfolg auf Dauer ausbleibt, kann ich mich zu Recht fragen, ob es Sinn hat, was ich tue. Oder an welchen Maßstäben ich meinen Erfolg messe.

Keinen Erfolg zu haben ist einfach Müll. Aber Erfolg alleine kann nie mein Innerstes ausfüllen. Keinem nützt der äußere Erfolg, wenn die Seele innerlich nicht mitkommt. Wenn man nach wie vor an Bildern festhält, die einem suggerieren , dass man wertlos, nutzlos, hoffnungslos ist. Wer hofft, dass der Karrierekick, der Traummann oder der Supererfolg, der geistliche Durchbruch oder irgend ein anderes tolles Ereignis ihm und allen anderen endlich zeigt, dass er etwas wert ist, der hofft vergeblich. Kein Mensch, kein Ereignis kann geben und ausfüllen, was innerlich fehlt.

Wenn aller Erfolg mich nicht satt macht oder aller Misserfolg mich bis in die Tiefen meiner Seele trifft, hilft nur eins: Das zu tun, was Elia getan hat. Erst einmal zur Ruhe kommen. Loslassen vom eigenen Kämpfen, von den Versuchen, innere Löcher durch äußere Erfolge stopfen zu wollen. Geht nicht. Ging noch nie.

Etwas richtig Gutes essen. Kraft kriegen.

Und dann bei Gott zur Ruhe kommen. Hören, was der Vater sagt. Ganz leise. Überraschend. Vielleicht etwas ganz anderes als das, was ich erwartet haben. Aber genau das, was mein Herz braucht und hören muss, um wieder Kraft zu finden. Das werde ich jetzt tun. Jetzt gleich.

Anmerkung: Diesen Artikel habe ich 2007 geschrieben. Mittlerweile – mit etwas Zeitverzögerung – hat sich auch der Erfolg der vielen publizistischen und sonstigen Arbeit eingestellt…zumindest ein Stück weit.

Zuerst erschienen in THE RACE | Die christliche Zeitschrit zum WEITERdenken: www.therace-online.de

Kerstin Hack (40) inspiriert Menschen durch ihre Arbeit als Autorin und Referentin inGlaubens- und Lebensfragen. In ihrer Beratungspraxis unterstützt sie Menschen dabei, für sich passende Lösungen zu finden. Sie lebt in Berlin und liebt Fotoausstellungen, gute Filme und leckeren Kaffee. » www.kerstinhack.de » www.down-to-earth.de

Kerstin Hack: Wenn Gott Berliner Türkisch spricht Oder: Eine Lektion in Gelassenheit

Es war ein schöner Abend gewesen. Gemeinsam hatten wir als Hausgemeinde gegessen und uns von dem erzählt, wie wir in der vergangenen Woche Gott erlebt hatten. Wir berichteten von unseren Herausforderungen und Chancen und beteten füreinander. Nach einem gelungenen Abend im Berliner Stadtteil Neukölln nahm meine beste Freundin mich im Auto mit in den Westen der Stadt, wo ich wohne. Wir kamen nicht weit. Schon nach wenigen Minuten irritierte uns ein merkwürdig laut klopfendes Geräusch und das Empfinden, dass das rechte Hinterrad nicht mehr rund lief. Ein Platten? Das hätte gerade noch gefehlt. Wir stiegen aus, aber der Reifen schien in Ordnung. „Lass uns Markus anrufen!“ Der einzige Mann in unserer Hausgemeinde und begabter Handwerker war auch gerade auf dem Heimweg, er konnte nur wenige U-Bahn Stationen von uns entfernt sein.

Dennoch verwarfen wir den Gedanken und versuchten nochmals loszufahren. Was konnte das nur sein? Federbruch bei einem fast neuen Auto? Wir hielten nochmals an. Jetzt, wo der Reifen anders stand, konnte ich sehen: eine dicke Schraube hatte sich in den Mantel gebohrt und stand etwa 1,5 cm nach oben raus. Kein Wunder, dass der Reifen nicht rund lief und laute Geräusche verursachte.

Wir fuhren zur nächsten Tankstelle und baten den Tankwart um Hilfe beim Reifenwechel, da wir beide keine – oder ich nur sehr missglückte Erfahrungen damit hatten. „Geht nicht, muss arbeiten, bin alleine hier.“ Vor der Tür standen zwei junge solariumgebräunte Türken mit schickem Haarschnitt. Einer von beiden polierte sein schickes silberglänzenes Auto. „Könnt ihr uns helfen den Reifen zu wechseln?“ fragte ich.

Es gibt Zeiten, da ist es mir wichtig, klarzumachen, dass ich als Frau durchaus auch Dinge beherrsche, die traditionell als reine „Männersache“ gelten. Nachts um halb elf im Winter in Neukölln gehört nicht zu diesen Zeiten. Einer der Männer polierte weiter, der andere sagte:„Erst mal gucken!“

Er sah sich den Reifen an und erklärte uns, dass der noch völlig in Ordnung sei. „Da ist noch voll Luft drin. Geht morgen zum Reifenhändler. Kein Problem. Die Schraube ist oben, nicht an der Seite. Der Reifenhändler kann das so rausmachen, dass der Reifen nicht kaputt geht. Kein Problem.“ Und jetzt? Wollte er uns tatsächlich vermitteln, wir sollten mit dem Auto, so wie es war, weiterfahren? „Ja, kein Problem. Ich hab das auch mal gehabt. Gar kein Problem.“ „Auch Autobahn?“ „Kein Problem. Könnt weiterfahren. Kein Problem.“

Wir folgten seinem Rat, fuhren glücklich über diese Lösung über die Stadtautobahn nach Hause. Da sich die Schraube durch den Widerstand am Fahrbahnbelag immer weiter abrieb, wurde das Klopfgeräusch auch zunehmend leiser und melodischer. Wir waren froh, Auto fahren zu können und nicht spätabends umständlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren zu müssen. Und dankbar, dass gerade zwei türkische Männer an der Tankstelle waren, die sich auskannten – genau die richtigen für unser Problem.

Als wir so ruhig dahinfuhren erinnerte ich mich an etwas, was meine Freundin mir am Tag zuvor erzählt hatte. Sie hatte beim Beten ein Schaf gesehen, das sich in einem Dornstrauch verfangen hatte. Die Dornen hatten sich zum Teil tief im Fell und im Fleisch verhakt. Jesus hob das Schaf nicht einfach heraus – das Risiko weiterer Verletzungen wäre zu groß gewesen. Statt dessen zog er liebevoll und vorsichtig eine Dorne nach der anderen heraus, bevor er das Schaf in die Arme nahm und aus dem Gestrüpp hob.

Ich hätte das wahrscheinlich anders gemacht. Wenn ich ein Problem in mir oder anderen sehe, dann will ich es anpacken und lösen. Gleich und sofort. Das ist meist gut, sinnvoll und befreiend, manchmal auch unangemessen, wenn Dinge noch verhakt und verkantet sind, und richtet dann mehr Schaden an, als dass es nützt.

Manchmal ist es – wie an der Tankstelle – einfach nicht der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort, um ein Problem etwa sofort zu lösen. Vielleicht fehlt das Spezialwerkzeug. Oder die Fachkenntniss. Oder schlicht und ergreifend mehr Licht. Es könnte auch sein, dass es in dieser Situation zu viel Zeit und Energie kosten würde, das Problem gleich zu lösen – so wie wir an diesem Abend erst Stunden später nach Hause gekommen wären, hätten wir versucht, die Sache gleich in Angriff zu nehmen.

In solchen Situationen ist es möglicherweise die bessere Strategie, mit einer Schraube im Reifen erst mal weiterzufahren. Im übertragenen Sinn kann das bedeuten, mit einem Problem, das sich verkapselt hat, so lange zu leben, bis sich ein guter Ort und ein guter Raum dafür finden, es zu lösen. Natürlich nicht für immer. Ich kenne Menschen, die mit so vielen festgeklemmten „Schrauben“ herumfahren, dass ihr ganzes Leben unrund läuft. Das macht wenig Sinn. Genauso wenig, wie alles immer sofort lösen zu müssen.

Ich erlebe es immer wieder, dass Gott mich, wenn er mich etwas lehren möchte, mir Sätze ins Gedächtnis ruft, die ich schon einmal gehört habe. Ich kann mir vorstellen, dass er mich, falls ich mal wieder auf die Idee kommen sollte, alles unbedingt sofort lösen zu müssen, sanft und zart daran erinnert, dass das nicht immer die richtige Strategie ist. Möglicherweise spricht er dabei mit dem sanftem Akzent von Berliner Türken zu mir „Kein Problem. Kannst weiterfahren. Auch Autobahn. Kein Problem!“

Zuerst veröffentlicht im Magazin THE RACE. Die christliche Zeitschrift zum WEITER denken im Jahr 2008. Mit freundlicher Genehmigung.