Rezension „The Passion“. Die letzten 12 Stunden Jesu. Schlag auf Schlag

„Die Geschichte kennt man ja in groben Zügen“, sagte ein wartender Journalist vor der Pressevorführung des Films „The Passion of the Christ“. Menschen mit christlicher Sozialisation sind mit den Geschehnissen vertraut: Der Film beginnt mit der intensiven Auseinandersetzung Jesu im Garten Gethsemane, wo ihn die Anfrage Gottes beschäftigt, ob er bereit sei, die Sünde der Menschen auf sich zu laden und führt weiter über seine Verhaftung durch die religiöse Elite, einen inszenierten Schauprozess, bis hin zur Auslieferung an die herrschende römische Besatzungsmacht. Deren Versuch die Verantwortung an den Marionettenkönig Herodes abzuschieben, der den Gefangenen doch wieder an den römischen Gouverneur Pilatus zurück weist, der ihm aus Angst vor Machtverlust und unter den Druck des Mobs und der religiösen Elite erst zur Folter und dann zum Tode verurteilt. Dem folgt die emotionale und körperliche Folter durch die römischen Soldaten, der unendlich lange Weg zur Hinrichtungsstätte Golgatha und schließlich Kreuzigung – alles geschieht innerhalb von 12 Stunden – die „Passion“ dem Zuschauer in großer Dichte, Schlag auf Schlag (auch im wörtlichen Sinne), nahe bringt.

Kann man das Leben Jesu, das vielen von klein auf so vertraut ist, neu erzählen? Man kann. Mel Gibson gelingt es, indem er die Schauspieler in den historischen Originalsprachen sprechen lässt. Aramäisch (Jesus, seine Jünger, die Juden), Gassen-Latein (die römischen Soldaten), gehobenes Latein (Pilatus und seine Frau). Dadurch fühlt man sich – auch wenn man die Untertitel mitlesen muss – intensiver in die damalige Zeit hineinversetzt. Der Kontrast zwischen dem kehligen, melodischen Aramäisch und dem harten Stakkato des Latein, macht auch den kulturellen Unterschied zwischen beiden Völkern deutlich. Sowohl Juden als auch Heiden werden nicht im Gesamtkontext ihres Lebens dargestellt (z.B. beim Beten, Arbeiten oder Essen), sondern ausschließlich in Bezug auf ihre Rolle im Drama um Jesus.

Dabei kommt keiner gut weg. Weder die religiöse oder politische Elite, die Jesus ihrem Machterhalt opfert, noch die brutalen Soldaten mit geschorenen Köpfen, die die Quälerei offensichtlich genießen, noch das manipulierbare Volk. Es wird deutlich: Sie tragen – selbst wenn sie ihre Hände in Unschuld waschen – am Tod Jesu Schuld. Und doch wieder nicht. Schon in der Gethsemane-Szene zu Beginn des Films wird deutlich, dass Jesus das Leiden aus freien Stücken auf sich nimmt, sich bewusst dafür entscheidet. Und als er – aufs Schrecklichste gefoltert, blutüberströmt und mit geschwollenen Augen – zu Pilatus sagt: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben worden wäre!“, wird deutlich, dass er den Weg ans Kreuz bewusst gewählt hat.

Die Szene bei Pilatus ist eine Schlüsselszene für den ganzen Film, weil sie die Spannungen, in die Menschen in der Begegnung mit Jesus geraten, deutlich macht. Hier trifft alles zusammen: Sprache, Kultur, Weltbilder, politische und religiöse Macht, die Manipulierbarkeit der Masse – und mittendrin ein gequälter Jesus, der fast verwundert erklärt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt, sonst hätten meine Jünger doch dafür gekämpft!“ Ruhig. Logisch. Nicht entrückt.

Gibson bettet Jesus klar in den historischen Kontext ein. Trotz einiger Effekte, die aus Monumentalfilmen der sechziger Jahre entlehnt zu sein scheinen und der dazugehörigen intensiven, dramatisch-lauten musikalischen Untermalung bleibt die Geschichte immer in der historischen Realität verankert. Gibsons Ziel ist keine umfassende Verfilmung des kompletten Lebenswegs Jesu, sondern konzentriert sich auf ein Thema: „The Passion“, das Leiden Jesu.

Der Film fängt ohne die Vorgeschichte zu erläutern, direkt mit der Entscheidung für das Leiden in Gethsemane an. Dem Zuschauer fehlt die Möglichkeit, der ganzen Person Jesu zu begegnen, er wird sofort und intensiv mit seinem Leiden konfrontiert. Darin liegt für mich eine der großen Schwächen des Films. Weil Jesus dem Zuschauer zu Beginn nicht nahe gebracht wurde, erschwert das die Identifikation mit ihm. Man fühlt sich – auch als gläubiger Mensch – wie ein Teil der Masse, die dem Leiden eines Fremden zusieht. Ein ganzheitlicheres Jesus-Bild vermitteln lediglich einige Rückblenden auf Schlüsselszenen aus dem Leben Jesu. Dadurch rückt einem Jesus als Mensch, Lehrer, Kind, Zimmermann und Retter etwas näher. z.B. in der Szene, in der er einen Tisch zimmert und mit seiner Mutter Maria herumalbert, kommt das Menschsein Jesu mit Freude, Lachen und Arbeit sehr gut zum Ausdruck. Maria, die Mutter Jesu und Maria Magdalena sind im Film ständig präsent –  auch in Szenen, in denen sie das neue Testament nicht explizit erwähnt (z. B. Im Hof des Kaiphas, bei Pilatus, auf dem Kreuzweg). Das wirkt auf Menschen, die die biblischen Texte kennen, zunächst befremdlich. Aber sie und Johannes spielen eine Schlüsselrolle, weil sie als Mutter und Nachfolger auf das Leid reagieren, das Jesus widerfährt und so auch dem Zuschauer eine Identifikationsebene bieten.

Die verschiedenen Rückblenden auf Kernaussagen und Schlüsselereignisse aus dem Leben von Jesus, unterbrechen das aktuelle, grausame Geschen. Sie wollen sein Leiden in den Kontext der Erlösung der Menschheit einordnen und erklären. Das gelingt zumindest dann, wenn der Zuschauer genug Vorwissen hat, um diese Bruchstücke und Zitate wie „Dies ist mein Leib, der für Euch gebrochen wird“ zu verstehen und die Bedeutung dieser Worte für sein eigenes Leben zu erfassen.

Und die Rückblenden unterbrechen das Geschehen. Das ist eine große Erleichterung, denn der Film ist schlicht und einfach brutal. Wie brutal kann ich nicht genau sagen, denn ich habe nur etwa 95 % des Filmes tatsächlich gesehen. Manches habe ich nur akustisch wahrgenommen z.B. die Folterszene im Hof der römischen Residenz. Man hört die Römer akribisch genau auf Latein die Peitschenhiebe abzählen, die sie Jesus geben…unio, duo, tres…bis hin zu Zahlen, die so hoch sind, dass mein Schullatein versagt. Auch mit geschlossenen Augen zucke ich bei jedem Peitschenhieb zusammen, unio, duo, tres…. Das Peitschen und Schlagen geht weiter und weiter, bis man schon längst schreien möchte: „Aufhören. Es ist doch genug.“ 39 Peitschenhiebe können unendlich lange sein. Lang ist auch der Weg zur Hinrichtungsstätte. Immer wieder, wohl ein Dutzend Mal sieht man, wie Jesus geschlagen und ausgepeitscht wird und zusammenbricht. Und wieder auf seinem langen Weg ans Kreuz geschlagen und zu Boden geworfen wird. In den meisten Szenen wird nur das überdeutlich dargestellt, was im biblischen Bericht auch erwähnt wird (wie z.B. als ihm die Dornenkrone ins Fleisch gedrückt wird). Aber in einigen Szenen, z.B. bei der Verhaftung und auf dem Weg nach Golgatha, geht Gibson über den Bericht der Bibel hinaus und schildert (die wahrscheinlich realistische Vorstellung), wie Jesus geschlagen, bespuckt, zu Boden geworfen, verspottet und mit Steinen beworfen wird. Das ist mehr als man ertragen oder sich vorstellen kann – vielleicht geht die Brutalität auch über das hinaus, was bei der historischen Hinrichtung tatsächlich der Fall war. Das Thema körperlichen Leidens wird deutlich, überdeutlich illustriert, so dass es auch wirklich jeder versteht: Jesus hat gelitten. Mir war das zu viel. Viel zu viel. .

Schon vor der Vorführung habe ich mich der Frage der Brutalität in dem Film auseinander gesetzt. Ich reagiere sensibel auf die Darstellung von Gewalt und sehe kaum fern (das letzte Mal bei der Wahl 2002). Bei „ Braveheart“ saß ich die letzten 10 Minuten mit geschlossenen Augen und Ohren im Kino und habe die folgende Nacht nicht geschlafen.

Nicht nur ich frage mich: Ist so viel Brutalität erlaubt? Oder anders gefragt: Dürfen und sollen Christen die Brutalität des Todes Jesus so brutal und anschaulich darstellen, wie sie tatsächlich war? Die einen sagen nein und betonen zu Recht, wie sehr Bilder von Gewalt sich tief in der Seele einnisten und die Psyche belasten.

Die anderen sagen ja. Unsere Welt ist brutal. Und wenn wir Menschen begreiflich machen wollen, dass Jesus für uns diese Brutalität ans Kreuz getragen hat, müssen wir es Menschen plastisch vor Augen malen. Täglich sehen wir Bilder von Gewalt, von Kindern, deren Arme von Minen abgerissen wurden, von explodierenden Autobomben, die die zerfetzten Körperteile von Menschen im weiten Umkreis zerstreuen. Wir sehen im Fernsehen die leeren Blicke von Kriegswitwen, die nicht wissen, wer der Vater ihren Kinder ist, weil sie von Dutzenden von Männern vergewaltigt wurden. Mel Gibson scheint davon überzeugt zu sein, dass das Leiden Jesu für diese brutale Welt, nicht brutal genug dargestellt werden kann.

Die zentrale Frage ist nicht, ob man darstellen darf, wie jemand gefoltert und grausam hingerichtet wird oder ob man die nackte Bloßstellung eines politischen Gefangenen öffentlich machen darf. Diese Frage haben Christen schon seit Jahrhunderten beantwortet. Wir stellen die grausamen Szenen jener 12 Stunden seit Jahrhunderten in den jeweiligen zeitgenössischen Kunstformen dar: In den Kreuzen und Kruzifixen und Altarbildern, die in unseren Kirchen hängen und als Silberschmuck unsere Hälse zieren. Wir haben das „Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn“ und den „Mann der Schmerzen und umgeben von Qual“ (aus „Messias“ in Anlehnung an Jesaja 53) in unzähligen Passionen, Spirituals und Liedern besungen und in Passionsspielen aufgeführt.

Die Frage ist nicht, ob man die Hinrichtung Jesu in ihrer ganzen Grausamkeit zeigt, sondern wie man es tut und warum. Wenn man den Tod Jesu in den gewohnten Formen darstellt – ein ordentlicher, mild lächelnder Jesus, der fast entspannt am Kreuz hängt, keusch mit einem Leintuch, das ihm in ordentlichen Falten um die Hüften fällt, ist das weit entfernt von der historischen Wahrheit und so vertraut, dass es Menschen kaum mehr bewegen kann. Nur noch Kinder, die sich an dieser Form der Darstellung noch nicht satt gesehen haben, werden darauf reagieren. So wie die kleine Tochter des Autors Adrian Plass, die zutiefst erschüttert war, als sie zum ersten Mal in einer Kirche ein Kruzifix sah und hörte, was mit Jesus geschehen war. Den meisten von uns ist jedoch die Unschuld abhanden gekommen. Das vertraute Bild vom Kreuz bewegt uns nicht mehr.

Deshalb versuchen Künstler immer wieder die bekannten Formen zu verlassen und das Geschehen am Kreuz auf ungewohnte Weise darzustellen. Sie wollen Menschen zur neuen Auseinandersetzung mit Jesus führen. Man denke an Künstler, die den Tod Jesus in ein anderes Umfeld einbetten: In ihren Werken stirbt er auf einer Müllhalde oder an ein Garagentor genagelt. Sie wollen damit zum Ausdruck zu bringen, dass sein Tod mitten in unsere Welt hinein und auch für uns geschehen ist. Wo würde Jesus heute sterben? In einem Flüchtlingslager oder Altersheim? Am Rande eines Uno-Kongresses oder Kirchentags? Wer würde heute versuchen, seinen Armani-Anzug (das Äquivalent zum feinen Tuch aus Stoff) bei Ebay zu ersteigern?

Gibson versucht das Geschehen am Kreuz ins Blickfeld zu rücken, indem er es in seiner Brutalität überdeutlich darstellt. Der Film spricht eine laute Sprache und ist durch laute, häufig fast dröhnende Musik untermalt. Die Bilder sind laut, eindeutig und klar. Blut fließt in Strömen, Fleisch hängt in Fetzen, da bleibt nichts angedeutet oder allein der Vorstellung des Zuschauers überlassen. Die Brutalität des Kreuzes kommt klar und deutlich zum Ausdruck. Aber gerade dadurch wird der Zuschauer vom eigentlichen Geschehen am Kreuz abgelenkt.

Der Musikkritiker Steve Turner schreibt in Bezug auf verschiedene, Anstoß erregende Darstellungen des Kreuzes: „Nichts davon ist mit dem Ausdruck „Ärgernis des Kreuzes“ gemeint. Was in diesen Fällen Anstoß erregt, ist die Verachtung der Theologie und die einzigen, die außer Gott Anstoß daran nehmen, sind vermutlich Christen. Das wahre „Ärgernis des Kreuzes“ ist das Ärgernis für unseren Stolz, wenn uns gesagt wird, wir seien Sünder, die Errettung brauchen und dass Errettung nicht durch unsere Bemühungen, sondern durch eine hässliche Hinrichtung des ersten Jahrhunderts geschieht. […]Er starb, weil das die von Gott geforderte Strafe für die Sünde war.“ [1]

Das ist die wahrhaft brutale Botschaft. Dass wir Menschen unser Leben gründlich verkorkst haben und Hilfe und  Erlösung nötig haben. Und dass nur dieser zerschlagene, gestorbene und am Ende wieder zurück ins Leben gekommene Mann aus Israel uns genau das geben kann. Das kratzt brutal an meinem Stolz, meiner Ehre, dem Wunsch, mein Leben auch ohne Hilfe von außen, in den Griff zu kriegen. Es widerstrebt meinem Wunsch, mich – durch was auch immer – selbst zu erlösen – und es doch nicht zu schaffen.

Der Film bringt diese Botschaft auch zum Ausdruck. Allerdings kleiner. The Passion (Das Leiden) ist groß geschrieben, „of the Christ“ (des Erlösers) steht kleiner darunter. Der Moment des Getrennt-Seins von Gott – die eigentliche, brutalste Strafe, die Jesus für uns getragen hat, ist aus theologischer Perspektive der Kern des Erlösung. Dieses von Gott – der Quelle des Lebens abgetrennt zu werden, um uns mit ihm neu zu verbinden, hat Jesus letztlich das Leben gekostet. Aber gerade diese Szene wirkt blass im Vergleich zu den Szenen, die das physische Leiden zum Ausdruck zu bringen.

Dennoch geht es Gibson darum, das Leiden von Jesus zu erklären. Um es zu interpretieren,  greift der Film biblische Motive und Bilder auf: Das letzte Abendmahl, die Schlange, der der Kopf zertreten wird, der Vorhang im Tempel, der höchst theatralisch zerreißt. Dabei handelt es sich um Bilder, die nur Menschen, die bereits damit vertraut sind, verstehen und interpretieren können. Dass „die Eingeweihten“ diese Botschaft verstehen können, bedeutet noch lange nicht, dass sie sich auch denjenigen erschließt, die mit den Bilder und Metaphern nicht vertraut sind. Hierfür wären Gesprächspartner hilfreich, die ihnen die biblischen Motive erläutern und die verständlich machen können, dass die brutale Ermordung Jesu, die in diesem Film plastisch zum Ausdruck kommt, auch für sie die Chance zu einem Neuanfang mit Gott beinhaltet.

 

Diese Rezension ist in leicht veränderter Form zuerst in der Zeitschrift Aufatmen erschienen. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Buchtipp:

[1] Steve Turner: Imagine. Christen in Kunst, Musik und Medien. Down to Earth, 2004.

€ 9,80. Direkt zu bestellen beimDown-to-Earth-Verlag.

Ein Buch, das sich intensiv und klug mit der Rolle von Christen im Kunstbereich auseinander setzt.