Können Kinder Sünder sein? Oder: Schuldempfinden bei jungen Menschen

Als 10-Jährige fuhr ich meine jüngere Schwester im Kinderwagen aus. Ich war dabei unachtsam. Sie fiel heraus und stürzte mit dem Kopf auf eine Steinplatte. Und schrie wie am Spieß. „Können Kinder Sünder sein? Oder: Schuldempfinden bei jungen Menschen“ weiterlesen

Kerstin Hack: Als Single zu Besuch bei Familien – meine 5 Wünsche

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Nein, Ihr müsst nicht alles richtig machen. Weder Eure Wohnung perfekt aufräumen, noch Eure Kinder als perfekt erzogen präsentieren, damit wir gerne zu Euch kommen. Ihr müsst auch keine Angst haben, dass wir es Euch übel nehmen, wenn ihr uns keine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken könnt, auch mal gemeinsame Zeit vorzeitig abgebrochen werden muss, weil Unvorhergesehenes passiert. Das gehört einfach dazu. Aber es gibt schon ein paar Dinge, die uns helfen würden…

Regeln erklärt bekommen
In jeder Familie gibt es Regeln. Wir kennen sie nicht. Es würde uns helfen, sie bei passender Gelegenheit kurz erklärt zu bekommen. Das fängt schon damit an, dass man nicht weiß, wem welcher Platz am Esstisch „gehört“. Da helfen ein paar einfache Sätze wie: „Setz dich doch hierhin. Unsere Schuhe tun wir hierhin. Hier dürfen die Kinder nicht spielen. Schokolade ist ok, aber erst nach dem Essen.“ Und schon ist alles klar.

Vertrauen genießen

In einem Artikel las ich einmal: „Mein Mann ist eine katastrophale Mutter. Aber ein phantastischer Vater.“ Daran angelehnt möchte ich Euch bitten, uns, wenn wir mit Euren Kindern zusammen sind, zu erlauben, dies auf unsere Weise zu tun. Sie uns – wenn wir und die Kinder das möchten – anzuvertrauen, ohne ständig eingreifen und steuern zu wollen. Ja, wir sind katastrophale Eltern. Aber wir können phantastische Gesprächs- und Spielpartner für Eure Kinder sein. Auf unsere Art.

Eingeladen werden, mitzumachen

Nein, Ihr müsst uns kein Programm bieten. Auch kein besonderes Essen auf den Tisch stellen, nur weil wir kommen. Das Schöne am Familienleben ist doch gerade, dass immer etwas passiert, auch wenn nichts geplant ist. Wir müssen in unserem Leben ohnehin schon dauernd planen. Es tut uns gut, einfach mitmachen zu können. Beim Fernsehen, Plätzchen backen. Spielen, Gemüse schnipseln, Geschirr spülen, Tisch decken. Da sein und dabei sein und eingeladen sein, für eine Weile dazu gehören. Das reicht.

Ehrlichkeit
Das Gras auf der anderen Seite ist immer grüner. So wie ihr uns gelegentlich um unsere Freiheit und unseren ungestörten Schlaf beneidet, beneiden wir Euch ab und an um Eure Nähe, Zusammengehörigkeit und Zärtlichkeit. Es tut gut, uns gegenseitig auch mal offen zu sagen: „Du, manchmal vermisse ich…“ Ehrlich. Ohne Selbstmitleid. Und ohne, dass wir einander ein schlechtes Gewissen dafür machen, dass wir die Privilegien, die wir haben, auch genießen.
Als Single, die sich Familie für die Zukunft aber durchaus vorstellen kann, finde ich es spannend und ermutigend, wenn ich Paare fragen darf, wie sie das mit dem gemeinsamen Leben schaffen: „Sagt mal, wie kommt ihr mit Euren Fehlern in der Erziehung klar? Wie schafft ihr es, im Chaos nicht unterzugehen? Wie gelingt es, mitten in der Kleinkindphase Zeit und Ruhe für Zärtlichkeit und Sex zu finden?“ Ich wünsche mir ehrliche Antworten, die offen von Herausforderungen erzählen, mir aber auch zeigen, dass und wie Leben als Familie gelingen kann. Und nicht zuletzt tut es uns allen gut, wenn wir uns gegenseitig immer wieder daran erinnern, dass es nie „etwas“ ist, das uns glücklich macht. Sondern immer unsere Art, wie wir unser Leben bejahen, annehmen, leben. So wie es gerade eben ist.

Begegnung

Ja, es langweilt und stresst mich, wenn Eltern nur noch von Babynahrung, Kleidungsgrößen und den Lernerfolgen ihrer Sprösslinge erzählen bzw. ihre Begeisterung darüber keine Grenzen kennt. Ja, auch, weil ich keine Ahnung von den meisten Themen habe und weil sie mit meinem Leben gerade sehr wenig zu tun haben. Aber hauptsächlich, weil ich mich nach echter Begegnung mit Euch sehne. Ich wünsche mir, dass wir uns offen sagen können, wo wir empfinden, dass das Leben des anderen aus dem Ruder läuft. Ohne Kritik und Anklage. Aber offen und fragend: „Du, auf mich wirkt es so, als ob nicht mehr Ihr Euer Leben gestaltet, sondern es von den Kindern und ihren Anforderungen beherrschen lasst? (oder umgekehrt vielleicht von Arbeit und Sozialstress bei uns Kinderlosen). Wie nehmt Ihr das selbst wahr? Was würde Euch helfen?“
Ich wünsche mir, dass wir über die Fragen sprechen, die unter der Oberfläche der organisatorischen Fragen liegen: „Werde ich es schaffen? Mache ich es richtig? Wie komme ich mit meiner Unsicherheit klar? Mit meinem Perfektionismus? Mit meiner Unzufriedenheit über mich selbst, wenn ich schon wieder…? Mit dem Druck, alles auf einmal erledigen zu müssen, nie fertig zu werden? Mit dem Vergleichen mit anderen, die es besser hinkriegen….“
Auf viele Eurer praktischen Fragen – von wundem Po bis zum richtigen Schulsystem – haben wir keine passenden Antworten. Aber die „tieferen“ Fragen – das sind auch unsere Fragen, da finden wir eine gemeinsame Ebene jenseits von “Familienmensch” und “Single”. Es wird die Beziehung zwischen Euch und uns bereichern, wenn wir uns sagen können: „Du, was mich eigentlich bewegt…!“ Und uns dann ermutigen, trösten und an das erinnern, was wir schon geschafft haben. Und uns für unser – ganz unterschiedliches – Leben stärken. Das tut gut. Weil wir uns begegnet sind. Als Menschen. Und Freunde.

Zuerst veröffentlicht unter dem Titel: “Meine fünf Wünsche an Familien
oder: Was kinderlosen Menschen hilft, sich in Eurer Familie wohl zu fühlen
“ im Magazin Family, Juni 2008, mit freundliche Genehmigung. www.bvzeitschriften.net

Kerstin Hack: Zehn Tipps für Singles, die Familien besuchen

Ich bin Single. Und liebe Kinder. Zumindest die meisten. Und Kinder lieben mich und sind gern mit mir zusammen. Zumindest die meisten. Dennoch habe ich Aufenthalte bei Familien nicht immer als entspannend und wohltuend erlebt. Es ist eine fremde Welt, deren Regeln ich nicht kenne. Als Besucher auf dem Familienplaneten droht mir ständig die Gefahr, auf Matchboxautos, Bagger, Legos und Pixibücher zu treten, in Klebefallen aus Essensresten hängen zu bleiben oder von einem Raumschiff oder Rennfahrer überrannt zu werden. Oder gar wütenden Protest zu ernten, weil ich, als ich eine Decke zusammelegen wollte, versehentlich eine Räuberhöhle zerstört habe.
Im Badezimmer fragt man sich verzweifelt, ob der warme Tonfall, mit dem die Mutter sagte: „Ach, du darfst es gerne mal halten und wickeln“ nicht doch einen grausam sarkastischen Unterton hatte. Falls es überhaupt zu Kommunikation in vollständigen Sätzen in der eigenen Sprache kommt. Die Bewohner des Familienplaneten pflegen gelegentlich in unvollständigen Sätzen und unverständlichen Lauten zu kommunizieren: „Dadada, eieieie, butzibutzi” usw.

Kurz: Als Single auf dem Familienplaneten einzufliegen, kann ausgesprochen anstrengend sein, wenn man die Regeln nicht kennt und nicht weiß, wie man sich richtig verhalten soll. Wer – durchaus verständlich – aus Unsicherheit auf Besuche auf Familienplaneten verzichtet, verpasst jedoch unendlich viele schöne, lebendige Momente. Ich habe im Laufe der letzten 20 Jahre mehrere Tausend Stunden bei ganz verschiedenen Familien verbracht und einige hilfreiche Überlebensstrategien entdeckt, die Aufenthalte bei Familien sogar zum Genuss werden lassen können. Ich schreibe aus Single-Perspektive, aber vieles könnte auch für kinderlose Paare hilfreich sein. Und vielleicht finden sogar die Planetenbewohner die eine oder andere Anregung, wie sie die Zeit mit Besuchern auf ihrem Planten für alle angenehmer gestalten könnten.

1. Zweckmäßige Kleidung

Bei Reisen in fremdes Territorium empfiehlt sich angepasste Kleidung. Es muss kein gepanzerter Schutzanzug sein – aber mit Stöckelschuhen lässt sich nun mal nicht gut Fangen spielen. Und mit enger Kleidung kann man nicht gut auf dem Boden sitzen. Edle Blusen und Sakkos ziehen Babyspucke magisch an. Dort bleibt sie besonders gut haften. Für immer. Es ist für alle Beteiligten entspannter, wenn man bequeme Kleidung anhat, die ruhig schmutzig werden darf. Auch die Eltern, die zumindest in der Kleinkindphase nur selten edle Kleidung tragen können, wird es entspannen, wenn der Besucher nicht wie aus dem Ei gepellt daher kommt.

2. Auf Augenhöhe gehen

Keiner liebt es, mit Riesen zu sprechen. Bei kleineren Kinder bedeutet „auf Augenhöhe gehen“, sich körperlich auf ihre Ebene zu begeben, indem man in die Knie geht oder sich zu ihnen auf den Boden setzt. Bei älteren Kindern bedeutet es eher, dass man Ratschläge nicht von oben herab gibt, sondern sie nach ihrer Meinung fragt und sich von ihnen Dinge erklären lässt. Und bei Teenagern darf offen und ehrlich diskutiert werden.
Auf Augenhöhe gehen bedeutet auch, dass man Kinder auch emotional nicht überrennt. Manche wohlmeinenden Singles wollen Kindern gleich zu Beginn des Besuchs zeigen, wie lieb sie sie doch haben – und überschütten sie mit zärtlichen Worten und Gesten: „Ach bist du süss. Bussi. Bussi. Bussi.“ Was meist dazu führt, dass Kinder die Flucht ergreifen. Besser ist, man lässt sich und den Kindern Zeit, warm zu werden. Die Kinder werden es einem – nach einer Weile – mit echter Nähe danken.

3. Aufmerksamkeit schenken

Kinder wollen und brauchen Aufmerksamkeit. Kürzlich war ich Übernachtungsgast bei einer Familie, die ich bislang nicht kannte. Beim Frühstück tauten die Kinder langsam auf. Der Kleinste prahlte: „Ich kann auf Englisch bis Zehn zählen.“ Und lispelte: „Won, tuuu, sriee…usw.“ „Wow!“ Ich lobte ihn. Sein Bruder wollte nicht zurückstehen: „Und ich bis Zwanzig: one, two, three…“ „Wow!“ Der Älteste trumpfte auf: „Und ich bis Hundert. One, two, three…“ Bei Zwanzig gelang es mir, ihn zu unterbrechen und ihn zu bitten, mir den Rest in Zehnerschritten zu sagen. Mittlerweile hatten die jüngeren Brüder ihre selbstgebaute Pappburg mit Klopapierturm angeschleppt und zerrten mich ungeachtet des Protestes ihrer Mutter „Lasst sie doch in Ruhe essen“ ins Kinderzimmer, damit ich sämtliche Bauwerke bewundern konnte.
Kinder spüren mit eingebautem Seismographen, ob unsere Bewunderung und Aufmerksamkeit für sie echt oder nur vorgetäuscht ist, um sie schnell wieder loszuwerden. Wenn sie keine echte Aufmerksamkeit bekommen, kämpfen sie anschließend – zunehmend nerviger – umso mehr darum. Kinder, die erleben, dass man ihnen – zeitweise – ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt, können zu anderen Zeiten auch getrost darauf verzichten.

4. Kommunikationssprünge gelassen ertragen

Eines Morgens wurde ich von der Freundin, bei der ich zu Besuch war, gefragt „Kerstin, magst du nen Kaffee? Hast du auch eine frische Unterhose an?“ „Was?“ Ich habe einige Sekunden gebraucht, um zu realisieren, dass die erste Frage mir galt, die zweite meinem fünfjährigen Patenkind. In Familien gehört der fliegende, übergangslose Wechsel von einem zum nächsten Gesprächspartner zum Überlebensprogramm. Für Singles ist der Umgang damit eine riesige emotionale Herausforderung. Gerade hat man der Freundin noch von beruflichen und privaten Sorgen erzählt und sie hat mitfühlend genickt, doch plötzlich ist sie ganz wo anders: „Peter, neeeeeeeeeeeeeeein, nicht die Milch umschütten. Lisa, die Schere ist da, wo sie immer ist, in der Schublade. Ach, ja. Wo waren wir eben?“
Das ist hart. Sowohl für die Besucher, die dieses Verhalten fälschlicherweise auf sich beziehen: „Sie haben kein Interesse mehr an mir“ und dann mit dem Gefühl kämpfen, unerwünscht zu sein. Aber auch für die Eltern, die nirgends richtig sein können. Aber – zumindest in der Kleinkindphase – gehört das einfach dazu. Erlauben Sie sich, eine Weile den langen ruhigen Gesprächszeiten aus den Single-Tagen ihrer Freunde nachzutrauern. Und akzeptieren Sie dann, was gerade eben so ist: Dass Sie nicht mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit Ihrer Freunde genießen, sondern diese mit einem / einigen kleinen Menschen teilen dürfen. Machen Sie das Beste daraus. Falls die Eltern das Wohnzimmer gerade fluchtartig zu einem Noteinsatz im Kinderzimmer verlassen haben, lesen Sie einfach entspannt in den Büchern, die Sie unter dem Couchtisch finden, falls Hilfe bei Blähungen, das große Stillbuch und Puh, der Bär Sie interessieren. Oder bauen Sie heimlich an der Legoburg weiter. Wo immer möglich, kann man darauf achten, dass gemeinsame Zeiten an Orten (z. B. Cafés mit Spielecke) oder zu Zeiten stattfinden, die ruhigere Gesprächsphasen ermöglichen. Das werden auch die Eltern genießen.

5. Mitmachen
Auch wenn „Piep. Piep. Piep. Wir haben uns alle lieb!“ – trotz Gildo Horn – nicht zum Alltagsvokabular moderner Großstadt-Singles gehört – machen Sie einfach mit. Und genießen Sie es. Bei Spielen und Ritualen einfach locker bleiben und so gut es geht mitmachen. Auch wenn wir, in Familienritualen ungeübte Menschen, uns im ersten Moment albern dabei vorkommen – letztlich ist es schön, wenn wir uns selbst erlauben können, ein bisschen Kind zu sein. Auch wenn wir weder Text noch Klatschrhythmus beherrschen. Und die Kinder natürlich über unsere Unkenntnis lachen. Und sich richtig groß dabei vorkommen.
Natürlich ist bei Zoobesuchen das Lauftempo zwischen den Käfigen unendlich langsam und es bleibt vollkommen unverständlich, warum Kinder im Zoo die meiste Zeit auf dem Spielplatz verbringen wollen, statt sich botanisch weiterzubilden. Was soll´s. Es ist eine gewaltige Umstellung, aber tut – gerade geschäftstüchtigen Menschen, die ihr Leben ständig selbst gestalten (müssen) – gut, Situationen und Dinge einfach so zu nehmen, wie sie kommen. Und mitzumachen.
Und wenn es mal tatsächlich nicht mehr geht, weil der Lärmpegel oder das Chaos zu heftig wird oder Unvorhergesehenes passiert – ruhig offen sagen: “Du ich glaube, heute ist nicht der beste aller Tage. Ich glaube die Kinder brauchen jetzt Euch. Ganz alleine. Ich komme einfach ein andermal wieder. Ok?“

6. Laufen lassen

Früher habe ich mich manchmal verpflichtet gefühlt, Kindern ein möglichst attraktives Programm zu bieten – nicht zuletzt, um zu zeigen und zu beweisen, wie cool ich bin. Mein Animationsprogramm kam nicht immer gut an. Mittlerweile habe ich entdeckt: Kinder brauchen keinen Unterhaltungskünstler, Clown und Animateur. Sie kommen schon selbst auf einen zu, wenn sie gemeinsame Zeit und Aufmerksamkeit wünschen. Dann kann man fragen: Was möchtest du jetzt gerne tun? Und gespannt auf die Vorschläge sein: So habe ich z.B. die Internet-Seite der lokalen Feuerwehr entdeckt, die mein Patenkind mir zeigen wollte. Und habe einfach schöne Kuschelzeiten mit Kindern erlebt, die nichts anderes wollten, als bei mir zu sein.

7. Rituale entwickeln und pflegen
Kinder lieben Rituale. Die müssen nicht feierlich sein. Rituale sind nichts anderes als wiederkehrende, Vertrauen schaffende, gleichbleibende Handlungen. Das können Begrüßungsformen sein, bestimmte Geschichten, Spiele, Sätze, Floskeln, die man nur mit diesem einen Menschen austauscht. Und mit diesem einen Menschen immer wieder. Ich erinnere mich bis heute an die Tante einer Schulfreundin, die uns immer die Geschichte vom aufblasbaren Gummipferd erzählte. Sonst weiß ich fast nichts mehr über sie. Aber das Ritual ist mir in Erinnerung geblieben. Zwischen meinem Patenkind Leonie und mir findet bei jeder Begegnung der immer gleichbleibende Dialog statt, der irgendwann einmal zufällig beim Kaffeetrinken entstanden ist. Sie: „Wie heiße ich?“ „Leonie. Und wenn du Tee trinkst, bist du die Teonie. Und wie heiße ich?“ Sie – mit triumphierendem Unterton in der Stimme: „Kaffeetin“. Und dann wieder: „Wie heiße ich?“ Bis zu fünf Wiederholungen pro Begegnung. Sie findet das unglaublich witzig und kann gar nicht genug davon kriegen.

8. Rat holen

Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung davon, womit Fünfjährige am liebsten spielen, welche Bücher bei Achtjährigen „in“ sind (wahrscheinlich ist sogar das Wort „in“ längst „out”). Ich weiß auch nicht, welche Aktivitäten oder Videos sich für einen Pizzaabend mit älteren Kindern eignen. Bevor ich es riskiere, in entnervt verdrehte Augen von Kindern zu blicken und einen Kommentar wie: „Das ist doch Babykram“ zu hören, frage ich lieber Menschen, die sich auskennen, um Rat. Eltern, Verkäufer oder Kinder im gleichen Alter.
Gleiches gilt für Mitbringsel. Ich fragte einmal den Vater einer Familie, ob ich seinen Kindern Smarties mitbringen könnte oder ob es in ihrer Familie eine Anti-Süßigkeiten Politik gäbe. Er antwortete: „Das haben wir schon lange aufgegeben.“ Als ich die Smarties – wohlgemerkt nach dem Abendessen – verteilt hatte, rannten die vier Jungs weg und holten Stifte. Jeder schrieb seinen Namen auf die Packung oder ließ die Eltern schreiben: „Um Streit zu vermeiden!“ Wow!

9. Geschichten erzählen
Die meisten Kinder lieben Geschichten. Erfundene und echte. Oder auch nur Erzählungen aus dem Leben: „Als ich so alt war wie du, da gab es noch keine Handys. Und auch keine Kiwis. Und keine CD-Player!“ Spätestens dann merken die Kinder, dass man aus einem anderen Jahrhundert stammt und lassen sich fasziniert davon erzählen. Aber auch vorgelesene Geschichten und Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes sind guter Gesprächsstoff und schaffen Verbindung: „Weißt du noch, wie wir zusammen mit den Rädern in den Graben gefallen sind?“ „Ja, klar!“

10. Auf Ratschläge verzichten
Mit Kindern zu leben ist ähnlich herausfordernd, wie den Regelkreis einer Anlage mit 3465 verschiedenen Variablen vernünftig zu steuern. Keiner kann das immer richtig machen. Und natürlich kommt es hin und wieder zu Übersteuerungen des Systems, die umso peinlicher sind, wenn sie von Außenstehenden miterlebt werden. Das ist dann schon schlimm genug. In so einer Situation Erziehungsratschläge zu geben, macht es noch schlimmer. Natürlich zucke ich – ebenso wie das Kind – zusammen, wenn ein Kind wegen einer Unachtsamkeit angeschrien wird. Aber ich muss es den Eltern nicht sagen. Oder wenn, dann in weichen Worten: „Du wirkst gerade etwas angespannt? Magst du darüber reden?“ oder „Was würde dir helfen, mit solchen stressigen Situationen besser klarzukommen? Wann ist es leichter für dich?“ Die meisten Eltern leiden ohnehin an chronisch schlechtem Gewissen, weil sie sich nicht gut, perfekt und liebevoll genug fühlen. Es tut ihnen gut, wenn sie mal von anderen hören: “Das war toll, wie du das gerade deinem Kind erklärt hast! Das hätte ich nie so gut gekonnt!“ Ach, noch was: Kinder mögen Ratschläge übrigens genauso wenig wie ihre Eltern.

Auch wenn ich am Anfang dieses Artikels alle in 20 Jahren selbst miterlebten Katastrophenszenarien in Kurzform beschrieben habe, stimmt es dennoch: Ich bin gerne mit Familien zusammen. Großen und kleinen. Ordentlichen und chaotischen. Es tut mir gut. Manches läuft anders als bei mir. Manches läuft gar nicht. Aber ohne das Wagnis, mich immer wieder auf die Wunderwelt der Familienplaneten einzulassen, hätte ich unendlich viele schöne, lohnende Momente verpasst. So setzte ich mich zum Beispiel am Ende eines langen Tages auf die Treppe zu Hanna, die damals vier Jahre alt war. Ich fragte sie: “Na, wie war dein Tag?” Sie sah mich mit großen Augen an und antwortete: „Ich hab dich vermisst!“
Einige Jahre später, als ich in einer schwierigen persönlichen Situation steckte, bat ich Hanna, mir ein Bild zu malen. Sie fragte, was sie denn malen sollte. Ich bat sie, ein Bild der Hoffnung zu malen. Ich war gespannt. Sie malte die vier Jahreszeiten, beginnend mit Winter, wo nichts wächst, aber wo man Lieder singen kann. Das Bild hängt bis heute an meinem Kühlschrank und erinnert mich daran, dass nach schweren Zeiten auch wieder schöne kommen. Es gehört zu den wertvollsten Geschenken, die mir je gemacht wurden. Geschenke, wie man sie nur auf dem Kinder- und Familienplaneten findet. Besuch erwünscht.

Kerstin Hack lebt in Berlin und arbeitet als Autorin und Referentin zu Glaubens- und Lebensfragen. In ihrer Beratunspraxis unterstützt sie Einzelpersonen und Paare dabei, für sich passende Lösungen zu finden. www.kerstinhack.de

Zuerst veröffentlicht unter dem Titel: „Singles im Anflug – 10 praktische Überlebensstrategien für kinderlose Besucher auf dem Familienplaneten“ im Magazin Family, Juni 2008, mit freundliche Genehmigung. www.bvzeitschriften.net