Rezension „The Passion“. Die letzten 12 Stunden Jesu. Schlag auf Schlag

„Die Geschichte kennt man ja in groben Zügen“, sagte ein wartender Journalist vor der Pressevorführung des Films „The Passion of the Christ“. Menschen mit christlicher Sozialisation sind mit den Geschehnissen vertraut: Der Film beginnt mit der intensiven Auseinandersetzung Jesu im Garten Gethsemane, wo ihn die Anfrage Gottes beschäftigt, ob er bereit sei, die Sünde der Menschen auf sich zu laden und führt weiter über seine Verhaftung durch die religiöse Elite, einen inszenierten Schauprozess, bis hin zur Auslieferung an die herrschende römische Besatzungsmacht. Deren Versuch die Verantwortung an den Marionettenkönig Herodes abzuschieben, der den Gefangenen doch wieder an den römischen Gouverneur Pilatus zurück weist, der ihm aus Angst vor Machtverlust und unter den Druck des Mobs und der religiösen Elite erst zur Folter und dann zum Tode verurteilt. Dem folgt die emotionale und körperliche Folter durch die römischen Soldaten, der unendlich lange Weg zur Hinrichtungsstätte Golgatha und schließlich Kreuzigung – alles geschieht innerhalb von 12 Stunden – die „Passion“ dem Zuschauer in großer Dichte, Schlag auf Schlag (auch im wörtlichen Sinne), nahe bringt.

Kann man das Leben Jesu, das vielen von klein auf so vertraut ist, neu erzählen? Man kann. Mel Gibson gelingt es, indem er die Schauspieler in den historischen Originalsprachen sprechen lässt. Aramäisch (Jesus, seine Jünger, die Juden), Gassen-Latein (die römischen Soldaten), gehobenes Latein (Pilatus und seine Frau). Dadurch fühlt man sich – auch wenn man die Untertitel mitlesen muss – intensiver in die damalige Zeit hineinversetzt. Der Kontrast zwischen dem kehligen, melodischen Aramäisch und dem harten Stakkato des Latein, macht auch den kulturellen Unterschied zwischen beiden Völkern deutlich. Sowohl Juden als auch Heiden werden nicht im Gesamtkontext ihres Lebens dargestellt (z.B. beim Beten, Arbeiten oder Essen), sondern ausschließlich in Bezug auf ihre Rolle im Drama um Jesus.

Dabei kommt keiner gut weg. Weder die religiöse oder politische Elite, die Jesus ihrem Machterhalt opfert, noch die brutalen Soldaten mit geschorenen Köpfen, die die Quälerei offensichtlich genießen, noch das manipulierbare Volk. Es wird deutlich: Sie tragen – selbst wenn sie ihre Hände in Unschuld waschen – am Tod Jesu Schuld. Und doch wieder nicht. Schon in der Gethsemane-Szene zu Beginn des Films wird deutlich, dass Jesus das Leiden aus freien Stücken auf sich nimmt, sich bewusst dafür entscheidet. Und als er – aufs Schrecklichste gefoltert, blutüberströmt und mit geschwollenen Augen – zu Pilatus sagt: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben worden wäre!“, wird deutlich, dass er den Weg ans Kreuz bewusst gewählt hat.

Die Szene bei Pilatus ist eine Schlüsselszene für den ganzen Film, weil sie die Spannungen, in die Menschen in der Begegnung mit Jesus geraten, deutlich macht. Hier trifft alles zusammen: Sprache, Kultur, Weltbilder, politische und religiöse Macht, die Manipulierbarkeit der Masse – und mittendrin ein gequälter Jesus, der fast verwundert erklärt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt, sonst hätten meine Jünger doch dafür gekämpft!“ Ruhig. Logisch. Nicht entrückt.

Gibson bettet Jesus klar in den historischen Kontext ein. Trotz einiger Effekte, die aus Monumentalfilmen der sechziger Jahre entlehnt zu sein scheinen und der dazugehörigen intensiven, dramatisch-lauten musikalischen Untermalung bleibt die Geschichte immer in der historischen Realität verankert. Gibsons Ziel ist keine umfassende Verfilmung des kompletten Lebenswegs Jesu, sondern konzentriert sich auf ein Thema: „The Passion“, das Leiden Jesu.

Der Film fängt ohne die Vorgeschichte zu erläutern, direkt mit der Entscheidung für das Leiden in Gethsemane an. Dem Zuschauer fehlt die Möglichkeit, der ganzen Person Jesu zu begegnen, er wird sofort und intensiv mit seinem Leiden konfrontiert. Darin liegt für mich eine der großen Schwächen des Films. Weil Jesus dem Zuschauer zu Beginn nicht nahe gebracht wurde, erschwert das die Identifikation mit ihm. Man fühlt sich – auch als gläubiger Mensch – wie ein Teil der Masse, die dem Leiden eines Fremden zusieht. Ein ganzheitlicheres Jesus-Bild vermitteln lediglich einige Rückblenden auf Schlüsselszenen aus dem Leben Jesu. Dadurch rückt einem Jesus als Mensch, Lehrer, Kind, Zimmermann und Retter etwas näher. z.B. in der Szene, in der er einen Tisch zimmert und mit seiner Mutter Maria herumalbert, kommt das Menschsein Jesu mit Freude, Lachen und Arbeit sehr gut zum Ausdruck. Maria, die Mutter Jesu und Maria Magdalena sind im Film ständig präsent –  auch in Szenen, in denen sie das neue Testament nicht explizit erwähnt (z. B. Im Hof des Kaiphas, bei Pilatus, auf dem Kreuzweg). Das wirkt auf Menschen, die die biblischen Texte kennen, zunächst befremdlich. Aber sie und Johannes spielen eine Schlüsselrolle, weil sie als Mutter und Nachfolger auf das Leid reagieren, das Jesus widerfährt und so auch dem Zuschauer eine Identifikationsebene bieten.

Die verschiedenen Rückblenden auf Kernaussagen und Schlüsselereignisse aus dem Leben von Jesus, unterbrechen das aktuelle, grausame Geschen. Sie wollen sein Leiden in den Kontext der Erlösung der Menschheit einordnen und erklären. Das gelingt zumindest dann, wenn der Zuschauer genug Vorwissen hat, um diese Bruchstücke und Zitate wie „Dies ist mein Leib, der für Euch gebrochen wird“ zu verstehen und die Bedeutung dieser Worte für sein eigenes Leben zu erfassen.

Und die Rückblenden unterbrechen das Geschehen. Das ist eine große Erleichterung, denn der Film ist schlicht und einfach brutal. Wie brutal kann ich nicht genau sagen, denn ich habe nur etwa 95 % des Filmes tatsächlich gesehen. Manches habe ich nur akustisch wahrgenommen z.B. die Folterszene im Hof der römischen Residenz. Man hört die Römer akribisch genau auf Latein die Peitschenhiebe abzählen, die sie Jesus geben…unio, duo, tres…bis hin zu Zahlen, die so hoch sind, dass mein Schullatein versagt. Auch mit geschlossenen Augen zucke ich bei jedem Peitschenhieb zusammen, unio, duo, tres…. Das Peitschen und Schlagen geht weiter und weiter, bis man schon längst schreien möchte: „Aufhören. Es ist doch genug.“ 39 Peitschenhiebe können unendlich lange sein. Lang ist auch der Weg zur Hinrichtungsstätte. Immer wieder, wohl ein Dutzend Mal sieht man, wie Jesus geschlagen und ausgepeitscht wird und zusammenbricht. Und wieder auf seinem langen Weg ans Kreuz geschlagen und zu Boden geworfen wird. In den meisten Szenen wird nur das überdeutlich dargestellt, was im biblischen Bericht auch erwähnt wird (wie z.B. als ihm die Dornenkrone ins Fleisch gedrückt wird). Aber in einigen Szenen, z.B. bei der Verhaftung und auf dem Weg nach Golgatha, geht Gibson über den Bericht der Bibel hinaus und schildert (die wahrscheinlich realistische Vorstellung), wie Jesus geschlagen, bespuckt, zu Boden geworfen, verspottet und mit Steinen beworfen wird. Das ist mehr als man ertragen oder sich vorstellen kann – vielleicht geht die Brutalität auch über das hinaus, was bei der historischen Hinrichtung tatsächlich der Fall war. Das Thema körperlichen Leidens wird deutlich, überdeutlich illustriert, so dass es auch wirklich jeder versteht: Jesus hat gelitten. Mir war das zu viel. Viel zu viel. .

Schon vor der Vorführung habe ich mich der Frage der Brutalität in dem Film auseinander gesetzt. Ich reagiere sensibel auf die Darstellung von Gewalt und sehe kaum fern (das letzte Mal bei der Wahl 2002). Bei „ Braveheart“ saß ich die letzten 10 Minuten mit geschlossenen Augen und Ohren im Kino und habe die folgende Nacht nicht geschlafen.

Nicht nur ich frage mich: Ist so viel Brutalität erlaubt? Oder anders gefragt: Dürfen und sollen Christen die Brutalität des Todes Jesus so brutal und anschaulich darstellen, wie sie tatsächlich war? Die einen sagen nein und betonen zu Recht, wie sehr Bilder von Gewalt sich tief in der Seele einnisten und die Psyche belasten.

Die anderen sagen ja. Unsere Welt ist brutal. Und wenn wir Menschen begreiflich machen wollen, dass Jesus für uns diese Brutalität ans Kreuz getragen hat, müssen wir es Menschen plastisch vor Augen malen. Täglich sehen wir Bilder von Gewalt, von Kindern, deren Arme von Minen abgerissen wurden, von explodierenden Autobomben, die die zerfetzten Körperteile von Menschen im weiten Umkreis zerstreuen. Wir sehen im Fernsehen die leeren Blicke von Kriegswitwen, die nicht wissen, wer der Vater ihren Kinder ist, weil sie von Dutzenden von Männern vergewaltigt wurden. Mel Gibson scheint davon überzeugt zu sein, dass das Leiden Jesu für diese brutale Welt, nicht brutal genug dargestellt werden kann.

Die zentrale Frage ist nicht, ob man darstellen darf, wie jemand gefoltert und grausam hingerichtet wird oder ob man die nackte Bloßstellung eines politischen Gefangenen öffentlich machen darf. Diese Frage haben Christen schon seit Jahrhunderten beantwortet. Wir stellen die grausamen Szenen jener 12 Stunden seit Jahrhunderten in den jeweiligen zeitgenössischen Kunstformen dar: In den Kreuzen und Kruzifixen und Altarbildern, die in unseren Kirchen hängen und als Silberschmuck unsere Hälse zieren. Wir haben das „Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn“ und den „Mann der Schmerzen und umgeben von Qual“ (aus „Messias“ in Anlehnung an Jesaja 53) in unzähligen Passionen, Spirituals und Liedern besungen und in Passionsspielen aufgeführt.

Die Frage ist nicht, ob man die Hinrichtung Jesu in ihrer ganzen Grausamkeit zeigt, sondern wie man es tut und warum. Wenn man den Tod Jesu in den gewohnten Formen darstellt – ein ordentlicher, mild lächelnder Jesus, der fast entspannt am Kreuz hängt, keusch mit einem Leintuch, das ihm in ordentlichen Falten um die Hüften fällt, ist das weit entfernt von der historischen Wahrheit und so vertraut, dass es Menschen kaum mehr bewegen kann. Nur noch Kinder, die sich an dieser Form der Darstellung noch nicht satt gesehen haben, werden darauf reagieren. So wie die kleine Tochter des Autors Adrian Plass, die zutiefst erschüttert war, als sie zum ersten Mal in einer Kirche ein Kruzifix sah und hörte, was mit Jesus geschehen war. Den meisten von uns ist jedoch die Unschuld abhanden gekommen. Das vertraute Bild vom Kreuz bewegt uns nicht mehr.

Deshalb versuchen Künstler immer wieder die bekannten Formen zu verlassen und das Geschehen am Kreuz auf ungewohnte Weise darzustellen. Sie wollen Menschen zur neuen Auseinandersetzung mit Jesus führen. Man denke an Künstler, die den Tod Jesus in ein anderes Umfeld einbetten: In ihren Werken stirbt er auf einer Müllhalde oder an ein Garagentor genagelt. Sie wollen damit zum Ausdruck zu bringen, dass sein Tod mitten in unsere Welt hinein und auch für uns geschehen ist. Wo würde Jesus heute sterben? In einem Flüchtlingslager oder Altersheim? Am Rande eines Uno-Kongresses oder Kirchentags? Wer würde heute versuchen, seinen Armani-Anzug (das Äquivalent zum feinen Tuch aus Stoff) bei Ebay zu ersteigern?

Gibson versucht das Geschehen am Kreuz ins Blickfeld zu rücken, indem er es in seiner Brutalität überdeutlich darstellt. Der Film spricht eine laute Sprache und ist durch laute, häufig fast dröhnende Musik untermalt. Die Bilder sind laut, eindeutig und klar. Blut fließt in Strömen, Fleisch hängt in Fetzen, da bleibt nichts angedeutet oder allein der Vorstellung des Zuschauers überlassen. Die Brutalität des Kreuzes kommt klar und deutlich zum Ausdruck. Aber gerade dadurch wird der Zuschauer vom eigentlichen Geschehen am Kreuz abgelenkt.

Der Musikkritiker Steve Turner schreibt in Bezug auf verschiedene, Anstoß erregende Darstellungen des Kreuzes: „Nichts davon ist mit dem Ausdruck „Ärgernis des Kreuzes“ gemeint. Was in diesen Fällen Anstoß erregt, ist die Verachtung der Theologie und die einzigen, die außer Gott Anstoß daran nehmen, sind vermutlich Christen. Das wahre „Ärgernis des Kreuzes“ ist das Ärgernis für unseren Stolz, wenn uns gesagt wird, wir seien Sünder, die Errettung brauchen und dass Errettung nicht durch unsere Bemühungen, sondern durch eine hässliche Hinrichtung des ersten Jahrhunderts geschieht. […]Er starb, weil das die von Gott geforderte Strafe für die Sünde war.“ [1]

Das ist die wahrhaft brutale Botschaft. Dass wir Menschen unser Leben gründlich verkorkst haben und Hilfe und  Erlösung nötig haben. Und dass nur dieser zerschlagene, gestorbene und am Ende wieder zurück ins Leben gekommene Mann aus Israel uns genau das geben kann. Das kratzt brutal an meinem Stolz, meiner Ehre, dem Wunsch, mein Leben auch ohne Hilfe von außen, in den Griff zu kriegen. Es widerstrebt meinem Wunsch, mich – durch was auch immer – selbst zu erlösen – und es doch nicht zu schaffen.

Der Film bringt diese Botschaft auch zum Ausdruck. Allerdings kleiner. The Passion (Das Leiden) ist groß geschrieben, „of the Christ“ (des Erlösers) steht kleiner darunter. Der Moment des Getrennt-Seins von Gott – die eigentliche, brutalste Strafe, die Jesus für uns getragen hat, ist aus theologischer Perspektive der Kern des Erlösung. Dieses von Gott – der Quelle des Lebens abgetrennt zu werden, um uns mit ihm neu zu verbinden, hat Jesus letztlich das Leben gekostet. Aber gerade diese Szene wirkt blass im Vergleich zu den Szenen, die das physische Leiden zum Ausdruck zu bringen.

Dennoch geht es Gibson darum, das Leiden von Jesus zu erklären. Um es zu interpretieren,  greift der Film biblische Motive und Bilder auf: Das letzte Abendmahl, die Schlange, der der Kopf zertreten wird, der Vorhang im Tempel, der höchst theatralisch zerreißt. Dabei handelt es sich um Bilder, die nur Menschen, die bereits damit vertraut sind, verstehen und interpretieren können. Dass „die Eingeweihten“ diese Botschaft verstehen können, bedeutet noch lange nicht, dass sie sich auch denjenigen erschließt, die mit den Bilder und Metaphern nicht vertraut sind. Hierfür wären Gesprächspartner hilfreich, die ihnen die biblischen Motive erläutern und die verständlich machen können, dass die brutale Ermordung Jesu, die in diesem Film plastisch zum Ausdruck kommt, auch für sie die Chance zu einem Neuanfang mit Gott beinhaltet.

 

Diese Rezension ist in leicht veränderter Form zuerst in der Zeitschrift Aufatmen erschienen. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Buchtipp:

[1] Steve Turner: Imagine. Christen in Kunst, Musik und Medien. Down to Earth, 2004.

€ 9,80. Direkt zu bestellen beimDown-to-Earth-Verlag.

Ein Buch, das sich intensiv und klug mit der Rolle von Christen im Kunstbereich auseinander setzt.

 

 

 

 

 

 


 

Steve Turner: Das Beispiel U2

Anlässlich des heutigen kostenlosen Mini-Konzertes von U2 in Berlin präsentiert die Lesbar einen Auszug aus dem Buch »Imagine« von Steve Turner.

In diesem Kapitel macht der Autor am Beispiel der Band U2 deutlich, wie Christen Kunst und Kultur mit einem lebendigen Zeugnis ihres Glaubens prägen können. Am Ende gibt es einen Link zum sehr lesenswerten Buch. Doch zunächst hat Steve Turner das Wort:

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Können wir uns Christen vorstellen, die eher zum Künstler berufen sind als zum Prediger? Die nicht nur in der Kunstrichtung ihrer Wahl Eindruck hinterlassen, sondern dies auch noch so tun, dass sie Aufmerksamkeit für eine Weltanschauung erregen, die anders ist als die ihrer Zeitgenossen, eine Weltanschauung, die zum Gespräch anregt? Könnte es sein, dass Christen tatsächlich etwas zu den großen Debatten dieser Welt beizutragen haben?

Es ist nicht nur möglich, sondern es geschieht sogar. Ich habe ein Beispiel aus der Rockmusik gewählt, zum Teil wegen meiner Kenntnisse im Bereich der Musik, zum Teil, weil ich die beteiligten Personen kenne und ihre Geschichte mit besonderem Interesse verfolgt habe.

Als ich 1970 anfing, über Musik zu schreiben, wusste ich von keinem Christen, der in den höheren Ebenen des Rock gearbeitet hätte, niemand glich einem John Lennon, Jerry Garcia oder Jim Morrison. Es kursierten Gerüchte, Eric Clapton sei zum Herrn gekommen, Keith Richards wäre ein wiedergeborener Gläubiger. Keines der Gerüchte erwies sich als wahr.

U2 1980Dann änderten sich die Dinge. 1980 erzählte man mir von »dieser Punk-Gruppe aus Dublin«, in der drei der vier Mitglieder Gläubige seien. Bald gab mir jemand die Bandaufnahme einer Session, bei der Bono, der Sänger und Edge, der Gitarrist, einer kleinen Gruppe von Christen ihre Vision für die Rockmusik mitteilten. Es war ziemlich außergewöhnlich. Bono las aus Jesaja 40, 3: »Eine Stimme ruft: In der Wüste bahnt den Weg des HERRN! Ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott!« Er empfand, dass dieser Vers das zusammenfasste, wozu er berufen war.

Obwohl auch jeder Fehler, den die Band in den letzten zwanzig Jahren gemacht hat, öffentlich bekannt wurde, hat U2 sachkundig ein Gesamtwerk geschaffen, das aus den besten Traditionen der modernen Musik genährt wurde, etwas Einmaliges hinzutat und das eine Vision in sich trägt, die eindeutig in der Bibel verwurzelt ist. Mehr als jede andere Formation in der Geschichte der Rockmusik haben sie Gott, Jesus, die Bibel und eine christliche Weltanschauung auf die Tagesordnung gezwungen. Rockkritiker konnten in den 1970ern den Jesusrock ignorieren (was sie auch taten), aber sie konnten U2 nicht ignorieren; sie mussten eine Stellungnahme über die Werte, für die U2 stand, abgeben.

Was U2 tat, funktionierte, weil sie sowohl Respekt vor der Kunstform des Rock hatten als auch vor den Inhalten des Christentums. Ihre sich entwickelnde Weltanschauung war in ihre Kunst integriert, weil sie instinktiv wussten, wie zeitlose geistliche Wahrheiten mit jugendlichen Ängsten, Ekstasen und Idealen zusammentreffen können.

Es hatte schon viele große Rocksongs über die Sprachlosigkeit gegeben, aber vor »Gloria« (1981) gab es keinen, der das Thema auf das Gefühl, nicht zu wissen, wie man beten soll, ausgeweitet hatte, auf das »unaussprechliche Seufzen«, von dem Paulus im Römerbrief spricht.

Es hatte auch schon viele Lieder über den Wunsch nach Veränderung der Welt gegeben, aber kein Song vor »New Year’s Day« (1983) kam als Schlussfolgerung auf Bilder aus dem Matthäusevangelium und der Offenbarung.

In der Frühzeit der Band gab es einen Eifer, der darauf hinwies, dass sie meinten, nur mit einer großen Anzahl von spezifischen Statements über den Glauben in ihren Texten in der Rockwelt tätig sein zu dürfen. Im Hintergrund gab es die Menschen in ihrer charismatischen Gemeinde, die der Meinung waren, dass das Leben eines Rockstars im Widerspruch zum Ruf Christi, demütige Diener zu sein, stand, weil es von seiner Natur her darauf abgelegt ist, Aufmerksamkeit zu erregen. Die Band hat das nicht von vorne herein von sich gewiesen, sondern sie forschten, was Gott von ihnen wollte, während sie Songs für das Album October (1981) schrieben. Das erklärt den Schrei nach Leitung und das Versprechen der Unterordnung in Liedern wie »Gloria« und »Rejoyce«.

octoberSelbst zu dieser Zeit hatte Bono den Hang, Lieder zu schreiben, als wären zwei Gehirne am Werk. Vielleicht war es auch der eine Verstand, der mit zwei Ebenen der Realität beschäftigt war. Er konnte über etwas schreiben, was er im Fernsehen gesehen hatte und plötzlich war er vor dem Grab Christi; oder er schrieb über polnische Arbeiter und sein Geist landete bei der Wiederkunft Christi. In »Surrender« auf dem Album War (1983) scheint er über ein Mädchen auf der Straße zu schreiben, aber dann wird er abgelenkt von einem Stück Theologie des Paulus. »If I want to live, I’ve got to die to myself someday.« (Wenn ich leben möchte, muss ich eines Tages mir selbst sterben) schreibt er.

Diese Schichten haben den Effekt, als blicke man auf eine von diesen Hologrammpostkarten. Mit der normalen Wahrnehmung erkennen wir die glatte Oberfläche, die wir Realität nennen. Wenn wir die Karte drehen, entdecken wir eine andere Dimension, die zwar die ganze Zeit vorhanden, aber für uns unsichtbar war. Bono schaut das Alltägliche an und landet bald in den Bereichen, die nur ein Christ sehen kann. Und dann kehrt er wieder zurück.

Die drei christlichen Mitglieder von U2 (Bono, Edge und Larry Mullen jr.) wussten, dass im Rock Gefahren lauerten, aber sie beschlossen, lieber mit den Widersprüchlichkeiten zu leben, als aufzugeben. Sie entschieden auch, dass ihre Existenz nicht durch die Menge von Evangelium gerechtfertigt war, die sie austeilen konnten. Das Resultat war, dass U2 intensiver wurde und der Glaube natürlicher das Liederschreiben Bonos durchflutete.

Einige Lieder sind Übungen im Sound, oder sie experimentieren mit Worten. Bono nimmt eine Zufallsphrase wie »Hawkmoon 269« »Unforgettable Fire« oder »Shadows and Tall Trees« als Sprungbrett in eine Übung der Selbsterforschung. Der Text zu »Is That All« wurde im Studio improvisiert, nachdem die musikalische Atmosphäre geschaffen worden war.

Besonders der Produzent Brian Eno ermutigte die Band, nichtlineare Methoden der Kreativität auszuprobieren, anstatt vorbereitete Statements zu Songs zu verwandeln. Soundchecks und Jam Sessions wurden aufgenommen, damit neue musikalische Themen erkennbar wurden. Fehler wurden als Hinweise auf unentdeckte Ideen verwendet, anstatt sie wegzuwerfen. Ein Motto von Eno war: Ehre den Fehler als eine versteckte Absicht.

Es gibt eine zweite Gruppe von Liedern, die bewusster konstruiert sind und sich mit gemeinsamen menschlichen Erfahrungen beschäftigen. Es sind Liebeslieder wie »With Or Without You«, Lieder über den Tod wie »One Tree Hill« oder Lieder über Zweifel wie »The First Time«. Sie zeigen nicht immer eine offensichtlich christliche Lösung auf, weil das nicht notwendig ist. Es genügt, dem Publikum mitzuteilen, dass du genau wie die Zuhörer geliebt, Verlust erlitten, gefeiert und getrauert hast.

Im dritten Bereich sind die Songs, die ein biblisch erwecktes Bewusstsein zeigen. Christus zeigte sich besonders besorgt um die Schwachen, Armen, Beraubten, Entfremdeten, Ausgebeuteten und den an den Rand Gedrängten. Man kann erwarten, dass sich diese Sorge auch in der Kunst seiner Nachfolger widerspiegelt.

Die Auswirkungen dessen, was U2 über den persönlichen Glauben gesagt hat, wäre empfindlich gemindert worden, wenn sie nicht diese Gebote ausgelebt hätten. Ich bin überzeugt, dass ein großer Teil des Respekts, der ihnen jetzt entgegengebracht wird, dadurch entstanden ist, dass sie als Menschen angesehen werden, die zu ihrem Wort stehen. Das Evangelium erscheint den Menschen sinnvoller, wenn sie es gelebt sehen anstatt es nur als Worte zu hören.

U2 war Vorreiter der Einbindung von Rockmusik in globale Themen seit 1985, als sie bei Live Aid auftraten, ein Benefizkonzert für die Menschen in Äthiopien. Neben Bonos persönlichen Besuchen an Brennpunkten der Not und der Beteiligung der gesamten Band an Organisationen wie Amnesty International, Greenpeace und Jubilee 2000 hat U2 zahlreiche kraftvolle Songs veröffentlicht, die darauf abzielen, die traurige Lage der Unterdrückten und Zerbrochenen auf dieser Welt zu verstehen.

»Silver and Gold« war eine Reflektion über die Apartheid, »Red Hill Mining Town« trat in die Gedankenwelt einer Britischen Bergbaubevölkerung ein, deren Gruben geschlossen wurden. »Mothers of the Disappeared« erhob die Stimme für die Argentinier, die ihre Kinder während der Herrschaft der Militärjunta verloren hatten. Natürlich hätte jedes dieser Lieder von einem Ungläubigen geschrieben werden können. Aber obwohl Mitleid nicht exklusiv dem Christentum gehört, hat U2 richtig gehandelt, indem die Band diese Sorgen zu einem integralen Teil ihres Werkes gemacht hat.

Dann kommen wir zum Bereich, in dem wir Lieder vorfinden, die eine klare christliche Ausprägung haben, aber nicht alle losen Fäden verknüpfen. Manchmal benutzt Bono, wie schon erklärt, eine sich verschiebende Perspektive, so dass der aufmerksame Zuhörer mit etwas sehr irdischem angesprochen und dann plötzlich in etwas viel größeres hineingezogen wird.

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Der Song »Mysterious Ways« zum Beispiel beginnt damit, dass Johnny spazieren geht. Johnny ist seit Chuck Berry der Rock-Jedermann. In diesem Song ist aber seine Schwester der Mond. (Anmerkung des Übersetzers: Im Deutschen ist der Mond männlich, im Englischen funktioniert das besser: His sister, the moon.) Dies mag uns an Franz von Assisi erinnern und sein Gebet »An den Bruder Sohn und die Schwester Mond«. Wir wissen aber auf jeden Fall, dass es nicht um Johnny B. Goode geht, und dass sein Ziel nicht die Erfüllung in Hollywood ist. Dann kommen die Zeilen: »If you want to kiss the sky / you better learn how to kneel« (Wenn du den Himmel küssen willst / dann lernst zu besser, zu knien). In »Purple Haze« hatte Jimi Hendrix die Zeile »Excuse me, while I kiss the sky!« (Entschuldige mich, solange ich den Himmel küsse.) – was als wilde psychedelische Phantasie interpretiert worden war. Könnte Bono andeuten, dass man für das ultimative transzendentale Erlebnis tatsächlich in Buße und Gebet auf die Knie gehen muss?

Dann kommt der Chorus, »She moves in mysterious ways« (Sie bewegt sich auf geheimnisvolle Weise), was sich auf die »Schwester Mond« zu beziehen scheint. Der Ausdruck »mysterious ways« ist jedoch ein Bezug auf die Hymne des calvinistischen Poeten aus dem 18ten Jahrhundert William Cowper: »God moves in mysterious ways / His wonders to perform« (Gott bewegt sich auf geheimnisvolle Weise, um Seine Wunder zu tun). Diese Anspielung scheint durch den Schlußchorus bestätigt zu werden: »We move through miracle days / Spirit moves in mysterious ways« (Wir bewegen uns durch Tage der Wunder / der Geist bewegt sich auf geheimnisvolle Weise).

In einem Interview bestätigte Bono, dass der Song mehr als eine Ebene hat. »Es ist ein Lied über Frauen oder eine Frau«, sagte er einerseits. An anderer Stelle sagte er, dass das Lied etwas mit seinem Glauben zu tun hat, »der Heilige Geist habe feminine Eigenschaften«. In der Vorstellungskraft eines Christen deutet das Sichtbare auf das Unsichtbare.

Manchmal scheint Bono in einem bestimmten Kapitel oder Buch der Bibel förmlich zu baden, um dann ein Rock-Update zu schreiben. Das Lied »40« ist beinahe wörtlich aus dem Psalm 40 übernommen, »Fire« nimmt seine Bildersprache aus der Offenbarung. »With a Shout« lässt die Schlacht um Jericho wieder auferstehen und »The Wanderer«, gesungen von Johnny Cash (einem angemessen vom Leben gesättigten Gläubigen) auf dem Album Zooropa (1993) war Bonos Fünf-Minuten-Version des Buches Prediger, ursprünglich unter dem Titel »The Preacher« geschrieben.

Nicht alles biblisch inspirierte Material ist erbaulich. Eine der Lektionen, die Bono aus den Psalmen gelernt hat, ist die, dass es zulässig ist, mit Gott zu streiten. Es gibt Zeiten, in denen sich der Christ genauso niedergeschlagen fühlt wie jeder andere Mensch, aber anstatt sich umzubringen oder zu betrinken, schreit er zu Gott, in dem Bewusstsein, dass Gott die Angewohnheit hat, zurück zu schreien.

Manchmal scheint dieses Streitgespräch in Bonos eigener Stimme aufzutauchen – der Christ, der nach einer Erklärung ruft – manchmal erscheint es mit der Stimme verschiedener desillusionierter und verletzter Menschen. Lieder wie »If God Will Send His Angel« (Wenn Gott seinen Engel schicken wird), in dem es heißt »God has got his phone off the hook babe / Would he pick it up if he could?« (Gott hat seinen Telefonhörer nicht aufgelegt / würde er den Anruf entgegennehmen, wenn er könnte?) und »mofo«, in dem es heißt »Lookin’ for to fill that God shaped hole« (Ich versuche, dass gottförmige Loch zu füllen) sind wie Psalmen der Straße, Gebete von Menschen, die kaum wissen, wie man betet.

»Drowning Man«, ein Lied aus dem Album War, dreht den Prozess um. Es schreit kein Mensch nach Gott, sondern Gott ruft nach dem Menschen, bietet eine Hand der Freundschaft an.

Die überzeugendste Anziehungskraft des Christentums war für Bono als Teenager die Vorstellung, dass Gott an ihm interessiert war. Nicht ein Gott, sondern Gott. »Worauf sollen wir diese Beziehung gründen?«, fragte er. »Die Beziehung muss mit dem Vater anfangen und dann mit Christus bestehen, dem Sohn des Vaters.«

cant leave behindDurch das Album All That You Can’t Leave Behind zieht sich ein Thema, das den Ewigkeitstest besteht: Was bleibt zurück, wenn wir sterben, und was können wir mit uns nehmen? Das Albumcover zeigt die vier Mitglieder der Gruppe stehend im Flughafengebäude. Es wird ein Gefühl erweckt, das uns überkommt, wenn wir fliegen und – wie flüchtig auch immer – mit dem Gedanken spielen: Was wäre, wenn dies unser letzter Flug ist? Auf die CD ist ein Bild von einer Frau und einem Kind gedruckt, auf dem Cover aus der Entfernung zu sehen, verwischt und eine Reminiszenz an Kinobilder von todesnahen Erfahrungen, von Menschen, die in eine unbekannte Zukunft gehen.

Das Lied »Walk On«, aus dem der Albumtitel stammt, scheint sich auf 1. Korinther 13 und die Lehre, dass von allen Gaben, die wir besitzen, nur die Liebe über den Tod hinaus bestehen wird, zu beziehen. »The only baggage you can bring is all that you can’t leave behind.« (Das einzige Gepäck, das du mitnehmen kannst ist all das, was zu nicht zurücklassen kannst.)

Auf dem gleichen Album dreht sich der Song »Grace« um das, was der Titel (Gnade) vermuten lässt: Ein »Gedanke, der die Welt verändert hat«, wie der Text erklärt. Bono malt ein Bild der Gnade als eine weibliche Person, die »Schönheit aus hässlichen Dingen macht«. »Grace, she takes the blame, she covers the shame, removes the stain. It could be her name.« (Gnade, sie nimmt die Schuld, sie bedeckt die Schande, entfernt den Fleck. Es könnte ihr Name sein.)

Das bringt uns zu dem Bereich der Lieder, die eine offensichtliche Botschaft haben. Wie geht eine Rockband mit dem völlig unmodernen Thema des Kreuzes um? Es scheint, dass U2 wegen der aufregenden Musik und der Stärke ihrer Vision in der Lage war, Dinge zu erreichen, die schwächere, weniger phantasievolle Künstler niemals hätten schaffen können.

»Sunday Bloody Sunday« (der Titel »Sonntag, blutiger Sonntag« bezieht sich auf den Tod von Irischen Demonstranten durch britische Truppen im Jahr 1972) bewegt sich von einigen generellen Grübeleien über gewalttätige Konflikte zu den Ursachen (the trenches dug within our hearts – die Schützengräben, die in unseren Herzen ausgehoben wurden) und dann zur letztendlichen Lösung (The real battle just begun to claim the victory Jesus won on Sunday bloody Sunday – Der wahre Kampf hat erst begonnen, den Sieg in Anspruch zu nehmen, den Jesus gewonnen hat am Sonntag, blutigen Sonntag). So wird in diesem Lied aus dem Blut das Blut Christi und der Sonntag wird zum Ostersonntag.

»Pride (In the Name of Love)« endet mit der Ermordung von Martin Luther King jr., aber der Anfang dreht sich um Jesus Christus. Wen sonst kennen wir, der im Namen der Liebe kam, der kam, um gerecht zu machen, der sich der Gewalt entgegenstellte und mit einem Kuss betrogen wurde? Die Verbindung mit King illustriert die Kontinuität der friedlichen Revolution und den mächtigen Schatten, den Christus über die Geschichte geworfen hat.

Die Kompositionen der Gruppe sind reifer geworden und die Anknüpfungspunkte wurden feiner. »Until the End of the World« könnte in einer Bar handeln, wenn man nicht aufmerksam zuhört; tatsächlich spielt die Handlung in Gethsemane. Es ist ein Lied, das in der Stimme des Judas Ischariot geschrieben ist, irgendwo zwischen seinem Verrat und seinem Selbstmord.

»When Love Comes to Town«, ein Experiment mit dem Blues, fängt konventionell genug an, aber am Schluss wissen wir, dass die Liebe, die da in die Stadt kommt (oder gekommen ist) die Liebe Christi ist. Der Erzähler im letzten Vers ist ein Römischer Soldat, der um die Kleider Christi gewürfelt hat und der »gesehen hat, wie die Liebe den tiefen Spalt überwunden hat«.

»I Still Haven’t Found What I’m Looking For« ist ein bewusstes Gegengift gegen die Sorte selbstzufriedener Kunst, die behauptet, alles in unserem Leben könne durch ein schnelles Gebet des Glaubens in Ordnung gebracht werden. Wir leben zwischen zwei großen Ereignissen – dem Kreuz und dem Kommen des Reiches Gottes – und als solche leben wir in einem Spannungsfeld. Wir sind nicht mehr so kaputt wie wir vorher waren, aber wir sind noch nicht so in Ordnung, wie wir sein werden. Das Lied ist kompromisslos über das, was Christus bereits bewirkt hat:

»You broke the bonds, loosed the chains, carried the cross, of my shame, you know I believe it.« (Du hast die Fesseln zerbrochen, die Ketten gelöst, das Kreuz meiner Schande getragen, du weißt, dass ich es glaube.)

Über das, was Christus eines Tages bewirken wird, ist das Lied auch eindeutig: »I believe in the kingdom come, when all the colours will bleed into one.« (Ich glaube an das Kommen des Königreiches, wenn alle Farben in eine zusammenlaufen werden.)

Aber gleichzeitig ist sich Bono der Widersprüche und Kompromisse bewusst. Er kann mit der Zunge eines Engels reden und trotzdem noch die Hand eines Teufels ergreifen. Er ist am Gipfel angekommen, aber er rennt immer noch.

Bono: »Die Leute erwarten, dass du als Gläubiger alle Antworten hast, wenn du in Wirklichkeit nichts hast außer einer neuen Menge Fragen… Ich glaube, dass der Erfolg von »I Still Haven’t Found What I’m Looking For« daran liegt, dass es nicht bejahend im traditionellen Sinne eines Gospelsongs ist. Es ist ruhelos, aber dennoch ist da irgendwo reine Freude enthalten.«

U2 2009 - The Edge und BonoU2s Einfluss war und ist beachtlich. Die Band hat nicht nur Einfluss auf die Entwicklung der Rockmusik gehabt, sondern sie war auch eine führende Kraft in der jungen Renaissance der Irischen Kultur. Bonos persönliche Kraft, die für einen Rockstar ungewöhnlich ist, erstreckt sich weit über die Grenzen des Rock hinaus. Als der frisch bekehrte 20jährige im Jahr 1980 der kleinen charismatischen Gemeinde seine Vision mitteilte, hätte er sich nicht träumen lassen, dass man ihn eines Tages bitten würde, das Vorwort für eine Taschenbuchausgabe der Psalmen zu schreiben, und dass man ihn rufen würde, den Papst zu überreden, eine Rolle beim Schuldenerlass für die Dritte Welt zu übernehmen, oder dass er den Jahreswechsel mit dem amerikanischen Präsidenten feiern würde.

Die ursprüngliche Vision der Band war, »einen Weg für den Herrn zu bereiten«, und ich glaube, dass ihnen das gelungen ist, indem sie wichtige Anliegen des Christentums auf die Tagesordnung der Welt gesetzt haben. Sie sind nicht nur zu einem Vorbild für christliche Künstler, die sich nicht auf den engen Markt der christlichen Musiklandschaft beschränken wollen, geworden, sondern sie haben es für jedermann in der Rockmusik akzeptabel gemacht, über Gott, Jesus und die Erlösung zu reden und zu singen.

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Im Buch »Imagine« geht es nicht nur um Musiker, sondern Steve Turner erlaubt Einblicke in viele Bereiche der Kunst, von Malerei über Schriftstellerei, Tanz, und andere bis zur Filmkunst. Mehr zum Buch und Bestellmöglichkeit hier: Steve Turner – Imagine, Verlag Down to Earth

P.S.: Bilder von U2.com

P.P.S.: Dieser Beitrag ist zuerst erschienen bei Günter J. Matthia, dem Übersetzer des Buches.


Günter J. Matthia: Rezension zu Steve Turner – Imagine

Die Aussagen von U2 über den persönlichen Glauben hätten wahrscheinlich weniger Wirkung gehabt, wenn sie diesen Glauben nicht konsequent vorgelebt hätten. Ich bin überzeugt, dass ein großer Teil des Respektes für sie daher kommt, dass man sie für Menschen hält, die zu ihrem Wort stehen. Das Evangelium macht für die Menschen mehr Sinn, wenn sie es gelebt sehen, statt es nur zu hören. -Steve Turner

Der Verfasser dieses Buches ist Journalist, Musikkritiker und Autor. Er lebt in London und schreibt regelmäßig für Zeitungen und Magazine. Er hat verschiedene Bücher über Musiker wie die Beatles, Cliff Richard, Eric Clapton, U2 und andere, sowie mehrere Gedichtbände veröffentlicht. Aus seiner Feder stammt auch die offizielle Biografie »The Man called Cash« über Johnny Cash.

Im vorliegenden Buch geht es auch um Musik und Musiker, aber »Imagine« ist weit mehr als ein Portrait von Künstlern. Steve Turner öffnet den Blick für eine weite und visionäre Perspektive, wie Christen heute Kunst schaffen können, die authentisch ist und etwas bewirkt, weil sie von der säkularisierten Gesellschaft nicht ignoriert wird.

Es hat sich eine ungesunde Spaltung in »christliche« und »weltliche« Kunst entwickelt, das betrifft nicht nur die Musik, sondern genauso die Literatur, Malerei, Theater, Film und Bildhauerei. Axel Nehlsen, Pfarrer in Berlin, sagte 2004: »Als Verantwortliche in Kirche und Gemeinde sind wir oft erschrocken über die kulturelle Irrelevanz der Christen. Wir entdecken mehr Rückzug in den frommen Bereich statt kompetente Einmischung in die Gesellschaft.«
Woher diese Spaltung kommt, die im Versagen vieler sicher sehr begabter Christen gipfelt, ihre Mitmenschen überhaupt zu erreichen, untersucht Steve Turner. Er ist schon früh in seinem Leben auf das ausschlaggebende Denken gestoßen:

Als ich einmal erzählte, dass ich Autor werden wollte, sagte ein älterer Christ zu mir: »Das wäre sehr schön. Es gibt ein paar gute christliche Zeitschriften.« Seine Überzeugung war, dass ein Christ für Christen über das Christentum schreibt, dass ich vielleicht für eine überregionale Zeitung oder ein Magazin über allgemeine Theman schreiben wollte, kam gar nicht in Betracht.

Gut, dass Steve Turner seinen Weg als Autor gefunden hat, der mit seinen Werken nicht nur ein Nischenpublikum erreicht. Er begann als Journalist und interviewte die seinerzeit berühmtesten Musiker, darunter Elton John, Frank Zappa, Lou Reed, Eric Clapton, Pink Floyd, The Who, Rolling Stones … um nur einige zu nennen. Im Buch »Imagine« schildert er unter anderem ein ausführliches Gespräch mit John Lennon zu der Zeit, als das Album »Imagine« gerade erschienen war. Lennon hatte einen Brief bekommen, in dem es hieß: »Du brauchst Jesus, John!« Steve Turner sprach lange mit ihm über Jesus, Gott, Jesus-People und mehr. John Lennon hatte durchaus etwas dazu zu sagen.

Steve Turner untersucht in diesem Buch die Zusammenhänge von Kirche und Kunst, schildert die Einflüsse der Reformation und stellt dann die Frage, was denn eigentlich »die Welt« sein soll.

Die Bibel warnt tatsächlich vor »der Welt« und »Weltlichkeit«. Wenn wir Gott treu sein wollen, müssen wir herausfinden, was damit gemeint ist. … »Habt nicht lieb die Welt…« bedeutet weder »kümmert euch nicht um den Planeten« noch »schließt euch aus der Gesellschaft aus«. Es bedeutet: »Eignet euch kein anti-göttliches Denken an.«

Er widmet sich auch dem Dilemma, in dem viele Christen, die künstlerisch tätig sind, sich wiederfinden.

Man fordert christliche Künstler dazu auf, die alltäglichen Dinge des Lebens zu ignorieren, weil sie keine Gelegenheit zum Zeugnis des Glaubens bieten. Die Erwähnung von Seife oder Football führt nicht natürlicherweise nach Golgatha. Also bleibt ihnen nur das offensichtlich Geistliche, und das macht sie in den Augen von Nichtchristen zu einseitigen Menschen. Es scheint, als hätten sie keinen Alltag, als würden sie nicht in der normalen Welt mit Telefonen, Autos, Fernsehen und so weiter leben.

Steve Turner schildert »missbrauchte und erlöste Kreativität«, untersucht die Bibel zum Thema und führt seine Gedanken über den kreativen Geist Gottes, die Zeit in der wir leben und gesellschaftliche Veränderungen schließlich zu der Frage: Ist es möglich, dass Christen eher zum Künstler berufen sind als zum Prediger? Und wenn ja, wie kann das authentisch gelebt werden?
Am Beispiel der Band U2, in der drei der vier Mitglieder Gläubige sind, zeigt er dann exemplarisch, wie das gelingen kann.

Obwohl jeder Fehler, den die Band in den letzten zwanzig Jahren gemacht hat, öffentlich bekannt wurde, hat U2 sachkundig ein Gesamtwerk geschaffen, das sich aus den besten Traditionen der modernen Musik speist und dem sie etwas Einmaliges hinzufügt. Ihre Musik trägt eine Vision in sich, die eindeutig in der Bibel verwurzelt ist. Mehr als jede andere Band haben sie Gott, Jesus, die Bibel und eine christliche Weltanschauung auf die Tagesordnung gezwungen.

Doch Steve Turner beschränkt sich nicht auf die Musik oder U2 in diesem Buch. »Imagine« stellt Künstler aus allen Bereichen des kreativen Schaffens vor, mit ihren Stärken und ihren Schwächen, ihren Erfolgen und ihren Niederlagen. Das Buch inspiriert, macht Mut und öffnet Wege aus der frommen Sackgasse. Und das ist auch gut so.

Mein Fazit: Sowohl für Kunstschaffende als auch für Kunstinteressierte eine Fundgrube voller einmaliger Inspirationen und Impulse. »Das Evangelium macht für die Menschen mehr Sinn, wenn sie es gelebt sehen, statt es nur zu hören.« Dieses Buch zeigt, wie das gelingen kann.

Steve Turner: Imagine
Taschenbuch, 144 Seiten
Euro 9,80
ISBN 3-935992-17-3
Erhältlich bei: Down to Earth, Berlin