Libanon – Leben in einem innerlich zerrissenen Land

Beim Besuch einer deutschen Familie im Libanon lernte Kerstin Hack das Leben in einem von verschiedensten Religionen und vom Krieg – geprägten Land kennen.

Kompakt und intensiv. Das ist Libanon. Auf einer Fläche von 10.000 Quadratkilometern – etwa halb so groß wie Hessen – leben knapp vier Millionen Menschen der unterschiedlichsten Kulturen. „Libanon – Leben in einem innerlich zerrissenen Land“ weiterlesen

Hoffnung hilft – 1. Mai in Kreuzberg, Berlin

Oder: Wenn man nur noch schreien kann

„Halt. Stehenbleiben. Ja, du – dich meine ich!“

Wenn Menschen laut rufen, dann wollen sie Distanz überbrücken.
Wie die Mutter, die ihrem Kind zuruft: „Halt, da kommt ein Auto.“, wenn sie zu weit weg ist, um es selbst zurück zu halten. Wir rufen auch dann laut, wenn die räumliche Distanz zwischen uns zu groß ist.

„Hey, du da. Jaaa! Ich brauche den Eimer. Bitte gib mir den runter.“
„Okay!“

Schreien überbrückt Distanz. Es hilft, den anderen, der weit weg ist zu erreichen. Manchmal schreien Leute einander an, obwohl sie ganz nah beieinander stehen. Das kann man bei Paaren gelegentlich beobachten. Die schreien einander an, obwohl sie im gleichen Raum sind. Und obwohl sie beide nicht schwerhörig sind.

Man kann das auch am 1. Mai erleben. Da brüllen Leute einander oder die Polizisten an, obwohl die direkt vor ihnen stehen und eigentlich ganz gut hören können.

Aber es macht Sinn. Mit Schreien überbrücken wir Distanz. Manchmal räumliche Distanz, aber manchmal auch innerliche Distanz, wenn wir denken, dass der Andere ganz weit weg ist. Wenn man Nähe spürt, muss man nicht schreien. Menschen, die sich ganz nah sind, flüstern oft sogar nur miteinander – zum Beispiel Liebespaare.

Schreien ist oft wirkungsvoll.

In unserer Familie war mein Bruder im Gegensatz zu mir immer der Brave. Ich hatte des Öfteren recht kreative Ideen, die meine Eltern nicht immer so gut fanden. Er hingegen hielt sich jedoch meistens an die Regeln. Doch irgendwann hatte er tatsächlich etwas ausgefressen. Meine Mutter wollte ihm dafür eine runterhauen. Das kam in meiner Familie zum Glück sehr selten vor. Aber in dem Moment war es so weit – sie holte mit dem Arm aus. Und mein Bruder rannte weg. Dann brüllte sie „Halt. Bleib stehen!“ Und war so erschrocken, dass er tatsächlich stehenblieb und sich eine Ohrfeige einfing.

Schreien ist wirkungsvoll. Babies machen es auch dauernd. Sie signalisieren mit dem Schreien: „Ich hab ein Problem. Ich spüre Schmerz. Mir tut etwas weh. Mach was, hilf mir.“ Die meisten Erwachsenen finden das cool und angemessen und machen dann alles Mögliche, um das Schreibündel zufrieden zu stellen.

Wir reagieren auf Schreien, weil es signalisiert: „Da ist einer in Not“.

Schreien ist auch ein Ausdruck von Hoffnung. Man schreit, weil man hofft: Vielleicht reagiert ja einer. Wer völlig verzweifelt ist – etwa, weil er sich in der Antarktis verlaufen hat oder in einer tiefen Depression hängt – schreit nicht mehr. Er gibt auf. Wer schreit, hat noch Hoffnung. Hoffnung gehört zu werden. – Hoffnung hilft!

Die lauteste Form von Schreien ist Gewalt. Wenn man denkt, der andere hört nicht zu, man kommt nicht durch, dann wendet man Gewalt an. Man packt den anderen am Kragen, zertrümmert Teller, schlägt die Möbel kurz und klein – man will, dass der andere hört und spürt: Mir tut hier was weh. Ich kann nicht mehr. Ich bin verzweifelt.

Ich saß mal mit 200 anderen Passagieren auf einem Flughafen fest. Wir saßen da 12 Stunden, ohne Information, ohne Essen, ohne Trinken. Und ohne dass Mitarbeiter der Fluggesellschaft sich um uns gekümmert hätten. Irgendwann war ein Mann so verzweifelt, dass er anfing, mit aller Kraft Plastikschilder zu zertrümmern. Das muss wohl auf den Überwachungskameras zu sehen gewesen sein. Kurz darauf kamen Mitarbeiter der Fluggesellschaft. Sie wollten ihn gleich abführen. Doch der Mann schrie sie an, machte sie auf unsere Lage aufmerksam. Sie reagierten auf seinen Hilfeschrei und brachten uns Wasser, gaben uns Information und einige Stunden später bekamen wir auch etwas zu essen.

Gewalt ist oft nichts anderes als sehr lautes, verzweifeltes Schreien.

So war es vor vielen Jahren auch bei vier Männern in Israel. Sie hatten einen Freund, der durch eine Krankheit bewegungsunfähig geworden war. Er konnte nicht mehr laufen. Sie waren alle verzweifelt.

Dann hörten sie von einem Wanderprediger mit Wunderkräften, der in ihre Gegend kam. Nichts wie hin. Sie bastelten eine improvisierte Trage und schleppten ihren Freund zu dem Haus, in dem der Prediger sich aufhielt.

Nur: Das Gebäude war rappelvoll. Schlimmer als bei „Deutschland sucht den Superstar“. Bis vor die Türen standen die Leute. Jeder wollte einen Blick auf den Wunderprediger erhaschen, seine Worte hören. Die Jungs machten auf ihre Lage aufmerksam. Erst höflich: „Bitte lasst uns durch! Wir wollen unseren Freund zu diesem Arzt bringen.“ Keine Reaktion.

Dann etwas lauter: „Hey Alter, hau mal ab, mein Kumpel hat ein Problem, wir müssen zu dem Meister durch.“ Keine Chance. Die Leute standen wie ne Mauer. Kein Durchkommen. Also raus, aufs Dach. Wenn die Türen zu sind, muss man andere Wege suchen.

Hoffnung hilft. Hoffnung hilft, Wege zu finden, wenn die normalen Wege verschlossen scheinen.

Die Jungs kletterten hoch, zogen ihren Freund hinterher und fingen an, das Dach zu zertrümmern. Unten saßen die Leute. Sie hörten andächtig dem weisen Mann zu, als plötzlich Staub auf sie rieselte, dann immer größere Brocken Holz, Lehm und Stroh herunterkamen. „Was soll das? Seid ihr verrückt?“ schrien sie. Und: „Macht doch was! Haltet die da oben auf!“ riefen sie den Leuten draußen zu. Doch die Zuschauer schauten wie überall lieber zu als einzugreifen.

Irgendwann war das Loch groß genug, um den Freund runterzulassen. Direkt vor die Füße von dem Meister: Jesus.

Wie reagiert man auf so ein Verhalten?

Stellt euch vor, ihr sitzt in der Kirche und plötzlich schleppen ein paar Typen einen Verwundeten an. Oder einen Alkoholiker, der Hilfe braucht. Und weil die Tür gerade geschlossen ist, schlagen sie ein paar Altarfenster ein, um rein zu kommen.

Der typische Deutsche hätte vielleicht gesagt: „So geht das nicht. Diese Jugend heute. Einfach alles kaputt machen. Kein Gefühl für Anstand und Ordnung. Was die machen, ist ja Sachbeschädigung. Klarer Verstoß gegen §303 des Strafgesetzbuches. Außerdem – Hausfriedensbruch, Verstoß gegen §123. Außerdem noch Störung einer öffentlichen Versammlung und Störung des öffentlichen Friedens. Die sollte man verhaften lassen. Eine Lektion sollte man ihnen erteilen. Die sollen erst mal lernen, wie man sich benimmt.“

Was macht Jesus? Er verurteilt sie nicht. Er verliert kein Wort darüber, dass ihr Handeln falsch war. Dass sie Gesetze übertreten hatten, wussten sie ohnehin selbst. Jesus schaut sie erst mal an. Die Jungs und den Kranken, den sie ihm vor die Füße gelegt haben. Er sieht die Hoffnung in ihren Augen. Hoffnung hilft.

Und weil er selbst die Hoffnung in Person ist, reagiert er. Er sagt: „Das größte Problem ist nicht das, was äußerlich an deinem Körper kaputt ist. Das größte Problem ist, was in dir drin kaputt ist. Das, was dich von Gott trennt. Das mache ich jetzt wieder heil. Ich vergebe dir deine Sünden.“

Dann sagt er: „Ich weiß, dass Vergebung allein nicht genug ist. Du brauchst auch konkrete Hilfe. Hoffnung hilft. Ganz praktisch. Deswegen heile ich dich auch. Er nahm er den Gelähmten an der Hand, half ihm auf, er konnte wieder gehen. Seine Freunde waren glücklich. Sie waren gehört worden. Hoffnung hilft!

Jesus hat auf die radikalen Hausbesetzer seiner Tage reagiert.

– Er hat sie nicht verurteilt.
– Er wies sie darauf hin, dass auch sie ein Problem haben.
– Er handelte konkret, um Lösungen herbeizuführen.

So wie die Freunde des Gelähmten damals, gibt es auch heute Menschen, denen diese kranke und kaputte Erde nicht egal ist. Die aufstehen und sich einsetzen wollen, weil ihnen steigende Mieten, die sich Arme nicht mehr leisten können, nicht egal sind. Weil sie Ausbeutung und Ungerechtigkeit auf dieser Welt nicht gleichgültig lassen. Sie leiden mit und wollen was tun. Sie hoffen auf Veränderung.

Aber oft kommen sie nicht durch. Sie wollen gehört werden. Sie hoffen, bei den Machthabern Gehör zu finden. Sie versuchen mit Worten und Aktionen zu ihnen durchzudringen und auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen.

Doch oft werden sie zurückgewiesen. Die anderen stellen sich taub. Geben ihre angestammten Plätze nicht auf. Verurteilen sie als Störenfriede. Reagieren nicht.
Dann versuchen sie es mit Gewalt. Hausbesetzungen. Gewalt gegen die Polizei. Anschläge. Brandstiftungen. Als verzweifelter Weg, gehört zu werden.

Nein, ich bin nicht für Gewalt. Ich lehne Gewalt als Weg, auf Probleme aufmerksam zu machen, ab. Aber ich kann verstehen, wenn Menschen so verzweifelt sind, dass sie keinen anderen Weg sehen, um auf bestimmte Probleme aufmerksam zu machen. Sie wissen nicht, was sie noch tun können, damit die Hoffnung nicht stirbt.

Wie würde Jesus auf die gewaltbereiten Linken von heute reagieren? Ich denke ähnlich, wie er damals auf die Ruhestörer seiner Zeit reagiert hat.

– Er würde sie liebevoll ansehen und nicht verurteilen.
– Er würde sie darauf hinweisen, dass sie selbst ein Problem haben.
– Er würde konkret handeln, um Hilfe in die notvolle Situation zu bringen.

Ich denke, er würde sie erst mal voller Liebe ansehen. Ihnen zeigen, dass er selbst die Hoffnung ist. Er würde ihnen das gleiche sagen, was er zu dem Gelähmten sagte:

„Das erste Problem, um das es geht ist nicht das, was in dieser Welt kaputt ist: Die korrupten Systeme, die Ausbeutung, die Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Das erste Problem beginnt bei dir, in dir drin. Auch da ist vieles kaputt, zerstört, unlebendig.

Deshalb ist das erste Problem, um das du dich kümmern solltest das, was in dir kaputt ist. Ich biete dir an, das in dir zu heilen, was in dir kaputt ist. Ich will kaputt machen, was dich kaputt macht. Ich will reparieren, was dich von Gott und vom Leben trennt. Das mache ich jetzt wieder heil. Ich vergebe dir deine Sünden. Ich gebe dir neue Hoffnung. Hoffnung hilft. Erst mal im Inneren.

Viele Christen denken, das würde genügen. Menschen auf ihre Trennung von Gott und vom Leben hinweisen. Und damit ist es gut.

Das genügt nicht. Jesus sorgte sich nicht nur um die Seele des Kranken. Er kümmert sich auch um den Rest, den kaputten Körper.

Genauso haben wir – als die Freunde von Jesus auf dieser Erde – den Auftrag, uns um diese kranke, kaputte Erde zu kümmern. Und Wege der Heilung zu suchen. Hoffnung hilft. Ganz praktisch.

Das kann bedeuten, dich um sozial benachteiligte Kinder zu kümmern. Oder Leute, die verschuldet sind, zu beraten. Oder Geld abzugeben. Oder mit jemanden, der sich die gestiegene Miete nicht mehr leisten kann, zum Vermieter zu gehen. Oder ihm helfen, die Differenz zu tragen. Oder auf eine andere Weise deine Fähigkeiten einzusetzen, damit anderen geholfen wird.

„Hoffnung hilft“ ist das Motto dieses Gottesdienstes.

Das bedeutet:
– Hinhören und Hinsehen. Und Menschen, die Gewalt anwenden, um auf Probleme aufmerksam zu machen, nicht zu verurteilen.
– Menschen liebevoll und klar darauf hinweisen, dass sie selbst ein Problem mit Kaputtheit haben. Und dass Jesus ihnen anbietet, das zu lösen.
– Konkrete Wege zu finden, wie man Hilfe und Heilung bringen kann.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen schönen 1. Mai.

Ansprache von Kerstin Hack beim Open Air Gottesdienst am Mariannenplatz

Ansprache als MP3

Die Autorin:

Kerstin Hack ist Verlegerin, Autorin und Coach und engagiert sich ehrenamtlich für ihre Stadt Berlin.

Kerstin Hack: Endlich schmerzfrei – Die Geschichte einer Heilung

1981 stürzt Kerstin Hack beim Schulsport. 27 Jahre später macht ihr die Halswirbelsäule noch immer Probleme. Blitzheilung im Segnungsgottesdienst? Fehlanzeige! Dafür kommt die Besserung in kleinen Schritten. Kerstin Hack erzählt die Geschichte ihrer Heilung.

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Sinnvolle Weihnachtsgeschenke

Manchmal sucht man zum Weihnachtsfest (nicht nur, sondern auch) nach Geschenken, die nicht gleich die Welt kosten und dennoch mehr sind als eine Tafel Schokolade oder ein Paar Socken.

Kerstin Hack bietet in ihrem Verlag Down to Earth mit dem Quadro-Format (4 Euro) und den Impulsheften (2 Euro) genau das Richtige für solche Fälle. Manches Produkt habe ich schon rezensiert, was mir als Lektor des Verlages natürlich realtiv leicht fällt. (Lektoren und Übersetzer kennen ein Buch besser als der Autor, sagt man gelegentlich in Fachkreisen.)

Hier nun als kleine Entscheidungshilfe  meine persönliche (und sicher sehr subjektive) »Best of Down to Earth« Liste, was die Impulshefte und Quadros betrifft:

  • Platz 10: Marcus Splitt: Entscheiden – Das Heft verspricht keine Patentrezepte. Statt dessen gibt es Impulse, wie jeder mit seinen individuellen Fähigkeiten und Begabungen die richtigen Entscheidungen finden könnte – und was mit falschen Entscheidungen zu tun ist.
  • Platz 9: Kerstin Hack: Glaubensfragen – Keine leicht bekömmliche Kost, diese Glaubensfragen. Sondern Wachmacher und Aufreger, Nadelstiche und Ruhestörungen für den frommen Dornröschenschlaf. Wer weiterschlafen will: Bitte nicht lesen! [Meine Rezension]
  • Platz 8: Roland Allen / Kerstin Hack: Gemeinden gründen – Kein Gehalt für den Pastor? Na so was! Keine Aufsicht durch die Mutterkirche? Unerhört! Kein Glaubenskurs vor der Taufe? Aber hallo! Wo gibt es denn so was? Bei Paulus!
  • Platz 7: Kerstin Hack: Swing-Quadro – Leben oder gelebt werden, Alltagstrott oder Ausbruch, Langeweile oder Abenteuer? Wer wissen möchte, ob es womöglich jenseits der grauen Routine noch etwas anderes gibt, wird hier fündig.
  • Platz 6: Kerstin Hack: Spurensuche – Ein herrlich unfrommer Text über ein frommes Thema: Gott. Gott selbst ist ja überhaupt nicht fromm. Er lässt sich auch ganz woanders finden, als in Kirchen und Gemeinden. Vorzugsweise sogar.
  • Platz 5: Thorsten Huith: Kreativ leben – Manche Zeitgenossen bilden sich ein, nicht kreativ sein zu können und verkommen dann vor der Mattscheibe mit RTL und Pro7 und Sat1. Vermutlich lesen sie nicht. Wenn doch: Zugreifen und anders leben lernen!
  • Platz 4: Kerstin Hack: Krisen – Jede Krise bietet auch die Chance, Dinge anders, neu und besser zu machen. Man muss nur erst mal begreifen, dass Krise nicht Katastrophe heißt. Hierbei kan dieses Heft hilfreich unterstützen. [Meine Rezension]
  • Platz 3: Kerstin Hack: Natürlich wachsen – Mancher Mitmensch scheint zu glauben, er sei schon reif geboren und könne nun so bleiben, wie er ist. Für solche Personen ist das Heft denkbar ungeeignet. Allen anderen nimmt die Lektüre den falschen Leistungsdruck. [Meine Rezension]
  • Platz 2: Damaris Graf: Gut kommunizieren – Es gelingt der Autorin, die sich übrigens durch einen ausgesprochen lebendigen und daher gut lesbaren Stil auszeichnet, das Sachthema geradezu unterhaltsam zu machen, ohne dass es dabei verflachen würde.[Meine Rezension]
  • Platz 1: Harald Sommerfeld: No More Blues – Eine Lektüre für Christen, damit sie weniger frömmeln und muffeln und für Nichtchristen, damit sie muffelnde und frömmelnde Christen nicht für exemplarische Vertreter ihrer Gattung halten. Das Quadro aller Quadros. [Meine Rezension]

Ich wünsche viel Spaß beim Verschenken oder sich selbst Gönnen.

Günter J. Matthia: Rezension zu »Glaubensfragen«

Fragen bewegen. Es wäre falsch zu vermuten, dass der Sinn aller Fragen darin besteht, Antworten zu erhalten. Häufig besteht er vor allem darin, uns innerlich in Bewegung zu bringen und Dinge aus neuer Perspektive zu sehen.

Kluge Sätze, die den einleitenden Gedanken eines Impulsheftes aus dem Down-to-Earth-Verlag entnommen sind. Es geht in diesem Heft nicht um Antworten, sondern um Fragen. Um Fragen, die sich jeder von uns schon gestellt haben mag, aber auch um solche, auf die man nicht so leicht kommt.

Manche Fragen, die ich in diesem Heft gefunden habe, sind sehr persönlicher Natur:

  • Was war dein albernster Versuch, Jesus zu beeindrucken?
  • Welche ausgebliebene Gebetserhörung war für dich am schwersten zu verkraften? Was hat sich dadurch für dich verändert?

Manche Fragen kann ich nicht beantworten:

  • Wenn du deine Beziehung zu Jesus mit einem Tanz vergleichen würdest – welcher Tanz wäre es?
  • Wenn du Gottes Liebe mit einer Pflanze vergleichen würdest – welche wäre das?

Manche Fragen lösen umfangreiche Denkprozesse bei mir aus:

  • Wenn du eine Passage aus der Bibel streichen könntest – welche würdest du wählen?
  • Was könnte Jesus bei christlichen Treffen langweilen?

Das Heft ist, wie die gesamte Impulsreihe übrigens, mit passenden Fotos und Graphikelementen sowie klugen Zitaten liebevoll und professionell gestaltet, Inhalt und Optik machen gleichermaßen deutlich, dass die 2 Euro, die das Heft kostet, eine gute Investition in das persönliche Glaubensleben sind. Auch für Gespräche im Hausbibel- oder sonst einem Gesprächskreis finden sich reichlich Denkanstöße.

Mein Fazit: Es lohnt sich auf jeden Fall, sich als Gruppe oder Einzelner immer wieder mit den Fragen zu beschäftigen, die Kerstin Hack in diesem Heft gesammelt hat. Auch, wenn manche Frage ohne Antwort bleiben mag. Oder gerade deshalb?

Kerstin Hack: Glaubensfragen – Impulse, Jesus neu zu entdecken
32 Seiten, 2 Euro.
Verlag Down to Earth, Berlin
Erhältlich direkt bei Down to Earth im Shop.

Günter J. Matthia: Rezension zu W.P.Young – The Shack

Zwischen uns sei Wahrheit, lieber Leser dieser Rezension. Das Buch, das ich hier empfehle, ist ein zwiespältiges Werk; ein gutes und ein bedenkliches Buch zugleich.
Vorab: Man darf nicht vergessen, dass man es bei der Lektüre mit einem Roman zu tun hat. Ein Roman darf vieles, was einem Sachbuch anzukreiden wäre. Zum Beispiel den Leser samt Protagonisten aus dieser Welt heraus in eine andere entführen. Nicht irgend eine außerirdische Sphäre, dies ist kein Science-Fiction-Roman, sondern – um es etwas vereinfacht auszudrücken – in unsere Welt, wie sie eigentlich sein sollte. Wie sie sich der Schöpfer gedacht haben mag, wenn man einen Schöpfer in Betracht zieht.

Wiliam P. Young, so heißt der Autor, auf diesem gedanklichen Weg zu folgen, fällt Europäern sicher schwerer als Amerikanern. Der Protagonist Mackenzie Allen Phillips, meist kurz Mack genannt, ist ein Typus Mensch, den es hier in Deutschland weit weniger häufig gibt als in der Heimat des Autors. Mack ist der typische Amerikaner, der selbstverständlich sonntags die Kirche besucht, vor dem Essen ein Dankgebet spricht und ein »christliches« Leben führt. Er zweifelt nicht an der Existenz Gottes, wenngleich er keine allzu persönliche Beziehung zu Gott pflegt, sondern landläufig-traditionell gläubig lebt: Man ist Christ, liest die Bibel und gehört einer Kirche an.
Im säkularisierten Europa trifft man solche Menschen womöglich noch in einigen ländlichen Gebieten in größerer Zahl an. In Amerika ist das noch immer eine Beschreibung der Mehrheit der Bevölkerung.

Zurück zu Mackenzie. Während eines Wochenendausfluges verschwindet Missy, die kleine Tochter, spurlos. Die Suche bleibt erfolglos, es gibt bald keinen Zweifel mehr, dass sie von einem Serientäter entführt und umgebracht wurde, obwohl die Leiche des Kindes nicht auffindbar ist. Die blutdurchtränkte Kleidung des Mädchens und die Beschreibung des Entführers sprechen deutlich genug, um Hoffnungen zu ersticken. The Great Sadness senkt sich auf Macks Leben.

So weit, so traurig und leider auch so realistisch. Wir alle kennen solche Geschichten aus den Medien, sie sind keine Fiktion, sondern grausame Wirklichkeit. Mancher leitet daraus ab, dass es keinen barmherzigen und guten Gott geben kann.

Doch Mack erhält eine handschriftliche Einladung von »Papa«. So nennt seine Frau Gott, da sie ein etwas engeres Verhältnis zu ihm zu haben scheint als Mack. »Papa« lädt ihn in ausgerechnet die Hütte ein, in der man damals die blutdurchtränkten Kleider seiner kleinen Tochter gefunden hat. Ein grausamer Scherz eines Verrückten? Eine Falle des Mörders? Oder tatsächlich eine Einladung von Gott persönlich? Auf jeden Fall hat Macks Frau trotz der Unterschrift »Papa« nichts damit zu tun, so viel ist sicher.
Weil Mack, der keine Ahnung hat, was ihn und ob ihn überhaut etwas erwartet, sich auf das Wochenende einlässt (vorsichtshalber mit Schusswaffe im Gepäck), kann uns der Autor des Romans zusammen mit Mack in jene »andere« Welt entführen, in der es möglich und an der Tagesordnung ist, wie Adam und Eva einst mit Gott zu plaudern.
Allerdings hat Mack zunächst Mühe, Gott zu erkennen. Er begegnet keineswegs jemandem, der Gandalf aus dem Herrn der Ringe ähneln würde. Für manchen Leser mag das, was in der Hütte und ringsum bei Ausflügen folgt, irritierend sein. Schon wegen der Darstellung von »Papa«, Jesus und des Hei- ja, da sind wir schon mitten in den Problemen für unsere traditionellen Vorstellungen: Der Heilige Geist ist weiblich. Bono, Sänger von U2, hat schon vor Jahren über den Geist Gottes gesungen: She moves in mysterious ways. In diesem Buch nun heißt sie Sarayu. Doch auch »Papa« begegnet Mack zunächst als Frau, als Afroamerikanerin, da der Begriff »Vater« für Mack aufgrund der eigenen Kindheit nicht viel Gutes zu bedeuten hat.
Die drei Personen des einen Gottes, eine Frau namens »Papa«, Jesus und Sarayu begleiten nun den Protagonisten durch das Wochenende. Sie sind / er ist, nicht nur was Namen und Geschlecht betrifft, völlig anders, als religiöses Denken (und Establishment) es in Amerika oder hierzulande zulassen möchte.

Es ist ein mutiges Buch, denn dass ein Autor, selbst in einem Roman, dermaßen radikal mit dem herkömmlichen Gottesbild bricht, muss zu vehementen Protesten der traditionsverhafteten Geistlichkeit führen. Das war auch in Amerika prompt der Fall, manch ein Hirte wollte seinen Schäfchen gar verbieten, »The Shack« zu lesen. Dennoch (oder deshalb?) hat das Buch offensichtlich ein Dauerabonnement für die Bestsellerlisten.
Nun ist die deutsche Ausgabe erschienen, man darf gespannt sein, ob es auch hierzulande entsprechende Reaktionen geben wird.

Doch zurück zur Geschichte, die William Paul Young erzählt und zu der Zwiespältigkeit, die ich empfunden habe. Erzählerisch ist »The Shack« kein Meisterwerk.
Mack wird sehr idealisiert dargestellt, so perfekt, dass er mir im Lauf der Lektüre unglaubwürdig wird. Beim besten Willen kann ich mir einen solchen Mustervater, Musterehemann und Mustermenschen nicht im wirklichen Leben vorstellen – samt Musterehefrau übrigens. Beide machen immer so gut wie alles richtig.
Auch meine ich, dass der Autor sich etwas zu viel vorgenommen hat, zumindest für den Umfang des Buches. Er will möglichst allen Fragen nachgehen, die es rund um Gott, Mensch und das Leid sowie die Ungerechtigkeit der Welt gibt. Und Antworten vorschlagen.

  • Wie kann Gott, vorausgesetzt, er ist ein guter Gott, solch ein Verbrechen an einem unschuldigen Kind zulassen?
  • Wie muss man leben, damit Gott zufrieden ist?
  • Bestraft und erzieht Gott die Menschen durch Krankheit oder anderes Leid?
  • Wird das nicht langweilig, im Himmel immer nur auf goldenen Straßen rumzulaufen und Loblieder zu singen?
  • Wer ist für Naturkatastrophen verantwortlich zu machen?
  • Warum all die Kriege und Abschlachtereien im Alten Testament?
  • … und viele weitere Fragen und Problemkreise.

Was Young schreibt, ist – wie schon oben angedeutet – alles andere als »kirchenkonform«. Zum Beispiel wenn sich Mack und Jesus über die Kirche / Gemeinde unterhalten:

Mack paused, searching for the right words. „You’re talking about the church as this woman you’re in love with; I’m pretty sure, I haven’t met her.“ He turned away slightly. „She’s not the place I go on Sundays,“ Mack said more to himself, unsure if it was safe to say out loud.
„Mack, that’s because you’re only seeing the institution, a man-made system. That’s not what I came to build. What I see are people and their lives, a living, breathing community of all those who love me, not buildings and programs.“
Mack was a bit taken back to hear Jesus talking about „church“ this way, but then again, it didn’t really surprise him. It was a relief. „So how do I become part of that church?“ he asked. „This woman you seem to be so gaga over.“

„As well-intentioned as it might be, you know that religious machinery can chew up people!“ Jesus said. „An awful lot of what is done in my name has nothing to do with me and is often, even if unintentional, very contrary to my purposes.“
„You’re not too fond of religion and institutions?“ Mack said, not sure if he was asking a question or making an observation.
„I don’t create institutions – never have, never will.“

Die Antworten, die Young anbietet, habe ich so gut wie immer als nachvollziehbar empfunden, und sie sind auch in sich schlüssig. Das Gottesbild, das er in diesem Roman zeichnet, teile ich weithin schon eine ganze Weile. Ich halte dieses Buch für hervorragend geeignet, dem einen oder anderen Christen ein wenig die Augen dafür zu öffnen, dass nicht alles, was von einer Kanzel verkündet wird, unbedingt und immer richtig sein muss.
Doch, und da taucht der Zwiespalt wieder auf, so gut dieses Buch für nachdenkliche und suchende Gläubige sein mag, es taugt meiner Meinung nach nicht dazu, Menschen für Gott zu interesieren, die davon überzeugt sind, dass es keinen Gott gibt. Das muss und soll ja nun auch nicht die Aufgabe eines Romans sein.
Es ist dem Autor jedoch nicht gelungen, das zeigen auch etliche Rezensionen und Bewertungen in säkularen Medien, so spannend und interessant zu erzählen, dass ein Leser, der mit dem Glauben nicht viel oder gar nichts am Hut hat, dem Buch sonderlich viel abgewinnen könnte.
Wer am Thema »Gott und Mensch« grundsätzlich nicht interessiert ist, wird die seitenlange Dialoge als ermüdend und die Handlung als ungenügend empfinden. Der arg konstruierte Schluss sei hier sowieso mit dem gnädigen Mantel des Schweigens bedeckt.
Man muss schon am Thema an und für sich interessiert sein, wenn man das Buch interessant finden soll. Als Erzählung ist »The Shack«, trotz einiger hervorragender Szenen, allenfalls Durchschnitt. Stilistisch und sprachlich zeichnet sich der Text ebenfalls nicht aus: Nicht schlecht, aber auch nicht gut.

Mein Fazit: Ich habe das Buch trotz der oben angedeuteten Schwächen mit Begeisterung und nicht unerheblichem »inneren Gewinn« gelesen. Ich empfehle es mit voller Überzeugung als eine herausragende Lektüre, weit besser als mancher Alltagslesestoff. Nur sollte der Leser erstens nie vergessen, dass er einen Roman liest, und zweitens nicht zu sehr an traditionellen Formen und Lehren festkleben wollen. Die werden nämlich kräftig erschüttert. Und das ist auch gut so!
Ach ja, und drittens: Wer am Thema Gott und Mensch grundsätzlich nicht interessiert ist, den wird das Buch kaum sonderlich begeistern. Es sei denn, Sarayu wird aktiv?

  • Die deutsche und englische Version sowie das Hörbuch, eine Leseprobe aus der deutschen Version und weitere Informationen findet man am besten und einfachsten hier: Die Hütte / The Shack bei Down to Earth

Rezension zuerst erschienen auf dem Blog von Günter J. Matthia

Günter J. Matthia: Rezension zu »Krisen«

Fehler vermeidet man, indem man Erfahrung sammelt. Erfahrung sammelt man, indem man Fehler macht.
(Peter Laurence)

Eine Krise als Chance begreifen, in widrigen Umständen die geeigneten Schritte zur Lösung des Problems einschlagen, die richtige Hilfe finden, wenn man alleine nicht weiter kommt… – kann man das lernen?

Autorin und Coach Kerstin Hack meint: Ja. Mit diesem Impulsheft gibt sie praxiserprobte und für jedermann anwendbare Tipps weiter, wie man mit den großen und kleinen Krisen besser umzugehen lernt.
Wer bisher und auch in Zukunft ein Leben ohne Krisen führt, wird dieses Heft nicht brauchen. Alle übrigen Menschen, mich eingeschlossen, werden aus den Gedanken und Ratschlägen, die Kerstin Hack zum Thema zusammengestellt hat, sicher einiges lernen können, egal, ob die persönliche Krise aktuell existiert oder vielleicht erst morgen hereinbricht.
Die Autorin geht mit dem Leser sechs Schritte, die zwar nicht die Umstände ändern werden, aber den typischen Tunnelblick in Notsituationen vom Unheil weg auf ganz konkrete Maßnahmen lenken helfen:

1. Behutsam durch die Krise gehen
2. Genau hinsehen
3. Was hat zur Krise beigetragen?
4. Neue Perspektiven gewinnen
5. Meine Ressourcen entdecken
6. Allianzen schmieden

Die meisten Menschen neigen in Krisen zu einem von zwei Extremen: Entweder sie geben die Hoffnung völlig auf und lassen sich von dem Geschehen überwältigen. Oder sie versuchen hektisch und häufig unüberlegt,  so schnell es geht aus der Krise herauszukommen. Beides sind völlig verständliche und normale Reaktionen.
Um schwere Zeiten gut zu bewältigen  ist es wichtig, dass du erst einmal innerlich in der Situation ankommst und akzeptierst: »Ja, ich befinde mich in einer Krise.«
Nicht die Krise ist das Wichtigste und alles Bestimmende, sondern du und dein Leben. Du bist wichtiger als die Krise…

Ob die Krise nun – von außen betrachtet – eher klein ist oder eine wirkliche Katastrophe, als Betroffener wird man oft allein gelassen oder mit Sätzen wie »Es wird schon wieder« oder »Geht schon vorbei« billig vertröstet. Dieses Impulsheft kann dagegen den entscheidenden Anstoß geben, dass es eben doch ein Morgen gibt. Wer würde in einer bedrohlichen Situation dicke Bücher wälzen wollen? Das Format des Heftes mit seinen kurzen, prägnanten Texten ist da schon eher geeignet.
Auch für Menschen, die anderen zu helfen versuchen, wenn diese sich in Not befinden, vermittelt Kerstin Hack mit diesem (wie immer auch optisch sehr ansprechenden) Produkt aus ihrem Verlag eine ganze Menge an Ideen, dass und wie wirklich geholfen werden kann.

»Erfahrung sammelt man, indem man Fehler macht«, heißt es in dem Zitat oben. Noch besser ist es, aus diesen Erfahrungen dann auch zu lernen. Dabei hilft »Krisen – Impulse, schwierige Zeiten zu bewältigen«.

Mein Fazit: lesens- und bedenkenswert, für Krisenbetroffene und Krisenhelfer gleichermaßen

Leseprobe und Bestellmöglichkeiten hier: Impulsheft »Krisen« bei Down to Earth

Rezension ursprünglich erschienen auf dem Blog von Günter J. Matthia

Kerstin Hack: Erfolg

 Ich sitze in der Ecke und weine. Auf meinem Schoß eine Schüssel mit dampfender arabischer Suppe. Alles zusammen war etwas zu viel: Die Erschöpfung nach einer intensiven Reise, die damit endete, dass ich mich erkältete, als ich unfreiwillig 33 Stunden auf einem Provinzflughafen verbringen musste, dessen einziger „Komfort“ in einer Klimaanlage bestand, die eisig kalte Luft in den Raum blies. Davon wurde der Steinfußboden, auf dem ich saß, weder wärmer noch bequemer. Ergebnis: Müdigkeit bis in die Knochen, rauer Hals, verstopfte Nase, Ohrenschmerzen. Dabei werde ich sonst eigentlich nie krank.

Zu Hause eine ausgefallene Heizungsanlage. 15 Grad in der Wohnung. Im November. Eisig. Kann nachts kaum schlafen, bin übermüdet und gefrustet. Heute wurde die Anlage repariert. Man sagte mir, ich müsste 30 Minuten warten, um zu sehen, ob die Maßnahmen Erfolg hatten. Hatten sie nicht. Es ist immer noch kalt. Die Heizkörper sind lauwarm oder klamm. Jetzt, Freitagnachmittag, kommt niemand mehr. Ein Wochenende Kälte. Frust. Mein Körper ist am Ende.

Habe das ganze Jahr hart gearbeitet. Zusammen mit meinem Lieblingsgrafiker ein Dutzend Impulshefte zu verschiedenen Themen publiziert, viel Werbematerial, ein neues Buch geschrieben, Prospekte und Displays für den Buchhandel gemacht. Geschenkschachteln für die Kunden. Artikel für Zeitschriften geschrieben. Aber an der einen oder anderen Stelle war ich mit Rabatten zu großzügig gewesen, so dass am Ende auf dem Konto – wie ich jetzt an den Bankauszügen sehen kann – nichts mehr übrig blieb. Obwohl die Sachen total beliebt sind.

Nein. Es war keine gute Woche. Ich sitze da und heule. Das Gefühl »Egal, was ich tue, es nützt doch nichts!« ist zu stark. Drückt aus mir raus. Tränen fließen. Ich fühle mich machtlos und hilflos. Weder kriege ich es hin, dass meine Wohnung warm wird, noch dass mein Kontostand in Bewegung kommt.

Ich wünsche mir besser zu sein, erfolgreicher. Oder einfach beschenkt zu werden mit Fürsorge, Wärme, Geld. Und weiß, dass es mir nichts nützen wird, um meine Seele zu besänftigen. Ich denke an Elia. Den, der geistlich richtig Karriere gemacht hat. Er hatte alles richtig gemacht. Sich als radikaler, konsequenter Nachfolger Gottes gezeigt. In in einem dramatischen Showdown alle finsteren Mächte konfrontiert und niedergemacht. Er hätte sich eigentlich gut fühlen können. Hätte.

Wenn da nicht das Gefühl gewesen wäre: »Ich bin der letzte Mohikaner. Der einzige. Völlig alleine gelassen. Und die anderen, vor allem Isebel, dieses Miststück, sitzen mir im Nacken.« Gegen seinen tiefen, inneren Blues kam auch der Erfolg nicht an, den er kurz vorher hatte.

Jeder braucht Erfolg. Erfolg heißt, dass auf meine Handlungen etwas folgt. Dass sie Auswirkungen haben. Dass das, was ich tue, Sinn hat und macht. Erfolg ist gut. Und gehört zum Leben. Wenn Erfolg auf Dauer ausbleibt, kann ich mich zu Recht fragen, ob es Sinn hat, was ich tue. Oder an welchen Maßstäben ich meinen Erfolg messe.

Keinen Erfolg zu haben ist einfach Müll. Aber Erfolg alleine kann nie mein Innerstes ausfüllen. Keinem nützt der äußere Erfolg, wenn die Seele innerlich nicht mitkommt. Wenn man nach wie vor an Bildern festhält, die einem suggerieren , dass man wertlos, nutzlos, hoffnungslos ist. Wer hofft, dass der Karrierekick, der Traummann oder der Supererfolg, der geistliche Durchbruch oder irgend ein anderes tolles Ereignis ihm und allen anderen endlich zeigt, dass er etwas wert ist, der hofft vergeblich. Kein Mensch, kein Ereignis kann geben und ausfüllen, was innerlich fehlt.

Wenn aller Erfolg mich nicht satt macht oder aller Misserfolg mich bis in die Tiefen meiner Seele trifft, hilft nur eins: Das zu tun, was Elia getan hat. Erst einmal zur Ruhe kommen. Loslassen vom eigenen Kämpfen, von den Versuchen, innere Löcher durch äußere Erfolge stopfen zu wollen. Geht nicht. Ging noch nie.

Etwas richtig Gutes essen. Kraft kriegen.

Und dann bei Gott zur Ruhe kommen. Hören, was der Vater sagt. Ganz leise. Überraschend. Vielleicht etwas ganz anderes als das, was ich erwartet haben. Aber genau das, was mein Herz braucht und hören muss, um wieder Kraft zu finden. Das werde ich jetzt tun. Jetzt gleich.

Anmerkung: Diesen Artikel habe ich 2007 geschrieben. Mittlerweile – mit etwas Zeitverzögerung – hat sich auch der Erfolg der vielen publizistischen und sonstigen Arbeit eingestellt…zumindest ein Stück weit.

Zuerst erschienen in THE RACE | Die christliche Zeitschrit zum WEITERdenken: www.therace-online.de

Kerstin Hack (40) inspiriert Menschen durch ihre Arbeit als Autorin und Referentin inGlaubens- und Lebensfragen. In ihrer Beratungspraxis unterstützt sie Menschen dabei, für sich passende Lösungen zu finden. Sie lebt in Berlin und liebt Fotoausstellungen, gute Filme und leckeren Kaffee. » www.kerstinhack.de » www.down-to-earth.de