Kerstin Hack: Leben in Grün. Meine Geschichte.

Kerstin Hack ist Multi-Talent, Mentorin und innovative Pionierin in einem. Die 39-jährige* Wahl-Berlinerin entdeckt Hoffnungsschimmer am Horizont, wenn viele nur dunkle Wolken sehen. Immer wieder gründet sie neue Projekte, selbst wenn die Umstände nicht ideal scheinen „Kerstin Hack: Leben in Grün. Meine Geschichte.“ weiterlesen

Können Kinder Sünder sein? Oder: Schuldempfinden bei jungen Menschen

Als 10-Jährige fuhr ich meine jüngere Schwester im Kinderwagen aus. Ich war dabei unachtsam. Sie fiel heraus und stürzte mit dem Kopf auf eine Steinplatte. Und schrie wie am Spieß. „Können Kinder Sünder sein? Oder: Schuldempfinden bei jungen Menschen“ weiterlesen

Rezension „The Passion“. Die letzten 12 Stunden Jesu. Schlag auf Schlag

„Die Geschichte kennt man ja in groben Zügen“, sagte ein wartender Journalist vor der Pressevorführung des Films „The Passion of the Christ“. Menschen mit christlicher Sozialisation sind mit den Geschehnissen vertraut: Der Film beginnt mit der intensiven Auseinandersetzung Jesu im Garten Gethsemane, wo ihn die Anfrage Gottes beschäftigt, ob er bereit sei, die Sünde der Menschen auf sich zu laden und führt weiter über seine Verhaftung durch die religiöse Elite, einen inszenierten Schauprozess, bis hin zur Auslieferung an die herrschende römische Besatzungsmacht. Deren Versuch die Verantwortung an den Marionettenkönig Herodes abzuschieben, der den Gefangenen doch wieder an den römischen Gouverneur Pilatus zurück weist, der ihm aus Angst vor Machtverlust und unter den Druck des Mobs und der religiösen Elite erst zur Folter und dann zum Tode verurteilt. Dem folgt die emotionale und körperliche Folter durch die römischen Soldaten, der unendlich lange Weg zur Hinrichtungsstätte Golgatha und schließlich Kreuzigung – alles geschieht innerhalb von 12 Stunden – die „Passion“ dem Zuschauer in großer Dichte, Schlag auf Schlag (auch im wörtlichen Sinne), nahe bringt.

Kann man das Leben Jesu, das vielen von klein auf so vertraut ist, neu erzählen? Man kann. Mel Gibson gelingt es, indem er die Schauspieler in den historischen Originalsprachen sprechen lässt. Aramäisch (Jesus, seine Jünger, die Juden), Gassen-Latein (die römischen Soldaten), gehobenes Latein (Pilatus und seine Frau). Dadurch fühlt man sich – auch wenn man die Untertitel mitlesen muss – intensiver in die damalige Zeit hineinversetzt. Der Kontrast zwischen dem kehligen, melodischen Aramäisch und dem harten Stakkato des Latein, macht auch den kulturellen Unterschied zwischen beiden Völkern deutlich. Sowohl Juden als auch Heiden werden nicht im Gesamtkontext ihres Lebens dargestellt (z.B. beim Beten, Arbeiten oder Essen), sondern ausschließlich in Bezug auf ihre Rolle im Drama um Jesus.

Dabei kommt keiner gut weg. Weder die religiöse oder politische Elite, die Jesus ihrem Machterhalt opfert, noch die brutalen Soldaten mit geschorenen Köpfen, die die Quälerei offensichtlich genießen, noch das manipulierbare Volk. Es wird deutlich: Sie tragen – selbst wenn sie ihre Hände in Unschuld waschen – am Tod Jesu Schuld. Und doch wieder nicht. Schon in der Gethsemane-Szene zu Beginn des Films wird deutlich, dass Jesus das Leiden aus freien Stücken auf sich nimmt, sich bewusst dafür entscheidet. Und als er – aufs Schrecklichste gefoltert, blutüberströmt und mit geschwollenen Augen – zu Pilatus sagt: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben worden wäre!“, wird deutlich, dass er den Weg ans Kreuz bewusst gewählt hat.

Die Szene bei Pilatus ist eine Schlüsselszene für den ganzen Film, weil sie die Spannungen, in die Menschen in der Begegnung mit Jesus geraten, deutlich macht. Hier trifft alles zusammen: Sprache, Kultur, Weltbilder, politische und religiöse Macht, die Manipulierbarkeit der Masse – und mittendrin ein gequälter Jesus, der fast verwundert erklärt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt, sonst hätten meine Jünger doch dafür gekämpft!“ Ruhig. Logisch. Nicht entrückt.

Gibson bettet Jesus klar in den historischen Kontext ein. Trotz einiger Effekte, die aus Monumentalfilmen der sechziger Jahre entlehnt zu sein scheinen und der dazugehörigen intensiven, dramatisch-lauten musikalischen Untermalung bleibt die Geschichte immer in der historischen Realität verankert. Gibsons Ziel ist keine umfassende Verfilmung des kompletten Lebenswegs Jesu, sondern konzentriert sich auf ein Thema: „The Passion“, das Leiden Jesu.

Der Film fängt ohne die Vorgeschichte zu erläutern, direkt mit der Entscheidung für das Leiden in Gethsemane an. Dem Zuschauer fehlt die Möglichkeit, der ganzen Person Jesu zu begegnen, er wird sofort und intensiv mit seinem Leiden konfrontiert. Darin liegt für mich eine der großen Schwächen des Films. Weil Jesus dem Zuschauer zu Beginn nicht nahe gebracht wurde, erschwert das die Identifikation mit ihm. Man fühlt sich – auch als gläubiger Mensch – wie ein Teil der Masse, die dem Leiden eines Fremden zusieht. Ein ganzheitlicheres Jesus-Bild vermitteln lediglich einige Rückblenden auf Schlüsselszenen aus dem Leben Jesu. Dadurch rückt einem Jesus als Mensch, Lehrer, Kind, Zimmermann und Retter etwas näher. z.B. in der Szene, in der er einen Tisch zimmert und mit seiner Mutter Maria herumalbert, kommt das Menschsein Jesu mit Freude, Lachen und Arbeit sehr gut zum Ausdruck. Maria, die Mutter Jesu und Maria Magdalena sind im Film ständig präsent –  auch in Szenen, in denen sie das neue Testament nicht explizit erwähnt (z. B. Im Hof des Kaiphas, bei Pilatus, auf dem Kreuzweg). Das wirkt auf Menschen, die die biblischen Texte kennen, zunächst befremdlich. Aber sie und Johannes spielen eine Schlüsselrolle, weil sie als Mutter und Nachfolger auf das Leid reagieren, das Jesus widerfährt und so auch dem Zuschauer eine Identifikationsebene bieten.

Die verschiedenen Rückblenden auf Kernaussagen und Schlüsselereignisse aus dem Leben von Jesus, unterbrechen das aktuelle, grausame Geschen. Sie wollen sein Leiden in den Kontext der Erlösung der Menschheit einordnen und erklären. Das gelingt zumindest dann, wenn der Zuschauer genug Vorwissen hat, um diese Bruchstücke und Zitate wie „Dies ist mein Leib, der für Euch gebrochen wird“ zu verstehen und die Bedeutung dieser Worte für sein eigenes Leben zu erfassen.

Und die Rückblenden unterbrechen das Geschehen. Das ist eine große Erleichterung, denn der Film ist schlicht und einfach brutal. Wie brutal kann ich nicht genau sagen, denn ich habe nur etwa 95 % des Filmes tatsächlich gesehen. Manches habe ich nur akustisch wahrgenommen z.B. die Folterszene im Hof der römischen Residenz. Man hört die Römer akribisch genau auf Latein die Peitschenhiebe abzählen, die sie Jesus geben…unio, duo, tres…bis hin zu Zahlen, die so hoch sind, dass mein Schullatein versagt. Auch mit geschlossenen Augen zucke ich bei jedem Peitschenhieb zusammen, unio, duo, tres…. Das Peitschen und Schlagen geht weiter und weiter, bis man schon längst schreien möchte: „Aufhören. Es ist doch genug.“ 39 Peitschenhiebe können unendlich lange sein. Lang ist auch der Weg zur Hinrichtungsstätte. Immer wieder, wohl ein Dutzend Mal sieht man, wie Jesus geschlagen und ausgepeitscht wird und zusammenbricht. Und wieder auf seinem langen Weg ans Kreuz geschlagen und zu Boden geworfen wird. In den meisten Szenen wird nur das überdeutlich dargestellt, was im biblischen Bericht auch erwähnt wird (wie z.B. als ihm die Dornenkrone ins Fleisch gedrückt wird). Aber in einigen Szenen, z.B. bei der Verhaftung und auf dem Weg nach Golgatha, geht Gibson über den Bericht der Bibel hinaus und schildert (die wahrscheinlich realistische Vorstellung), wie Jesus geschlagen, bespuckt, zu Boden geworfen, verspottet und mit Steinen beworfen wird. Das ist mehr als man ertragen oder sich vorstellen kann – vielleicht geht die Brutalität auch über das hinaus, was bei der historischen Hinrichtung tatsächlich der Fall war. Das Thema körperlichen Leidens wird deutlich, überdeutlich illustriert, so dass es auch wirklich jeder versteht: Jesus hat gelitten. Mir war das zu viel. Viel zu viel. .

Schon vor der Vorführung habe ich mich der Frage der Brutalität in dem Film auseinander gesetzt. Ich reagiere sensibel auf die Darstellung von Gewalt und sehe kaum fern (das letzte Mal bei der Wahl 2002). Bei „ Braveheart“ saß ich die letzten 10 Minuten mit geschlossenen Augen und Ohren im Kino und habe die folgende Nacht nicht geschlafen.

Nicht nur ich frage mich: Ist so viel Brutalität erlaubt? Oder anders gefragt: Dürfen und sollen Christen die Brutalität des Todes Jesus so brutal und anschaulich darstellen, wie sie tatsächlich war? Die einen sagen nein und betonen zu Recht, wie sehr Bilder von Gewalt sich tief in der Seele einnisten und die Psyche belasten.

Die anderen sagen ja. Unsere Welt ist brutal. Und wenn wir Menschen begreiflich machen wollen, dass Jesus für uns diese Brutalität ans Kreuz getragen hat, müssen wir es Menschen plastisch vor Augen malen. Täglich sehen wir Bilder von Gewalt, von Kindern, deren Arme von Minen abgerissen wurden, von explodierenden Autobomben, die die zerfetzten Körperteile von Menschen im weiten Umkreis zerstreuen. Wir sehen im Fernsehen die leeren Blicke von Kriegswitwen, die nicht wissen, wer der Vater ihren Kinder ist, weil sie von Dutzenden von Männern vergewaltigt wurden. Mel Gibson scheint davon überzeugt zu sein, dass das Leiden Jesu für diese brutale Welt, nicht brutal genug dargestellt werden kann.

Die zentrale Frage ist nicht, ob man darstellen darf, wie jemand gefoltert und grausam hingerichtet wird oder ob man die nackte Bloßstellung eines politischen Gefangenen öffentlich machen darf. Diese Frage haben Christen schon seit Jahrhunderten beantwortet. Wir stellen die grausamen Szenen jener 12 Stunden seit Jahrhunderten in den jeweiligen zeitgenössischen Kunstformen dar: In den Kreuzen und Kruzifixen und Altarbildern, die in unseren Kirchen hängen und als Silberschmuck unsere Hälse zieren. Wir haben das „Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn“ und den „Mann der Schmerzen und umgeben von Qual“ (aus „Messias“ in Anlehnung an Jesaja 53) in unzähligen Passionen, Spirituals und Liedern besungen und in Passionsspielen aufgeführt.

Die Frage ist nicht, ob man die Hinrichtung Jesu in ihrer ganzen Grausamkeit zeigt, sondern wie man es tut und warum. Wenn man den Tod Jesu in den gewohnten Formen darstellt – ein ordentlicher, mild lächelnder Jesus, der fast entspannt am Kreuz hängt, keusch mit einem Leintuch, das ihm in ordentlichen Falten um die Hüften fällt, ist das weit entfernt von der historischen Wahrheit und so vertraut, dass es Menschen kaum mehr bewegen kann. Nur noch Kinder, die sich an dieser Form der Darstellung noch nicht satt gesehen haben, werden darauf reagieren. So wie die kleine Tochter des Autors Adrian Plass, die zutiefst erschüttert war, als sie zum ersten Mal in einer Kirche ein Kruzifix sah und hörte, was mit Jesus geschehen war. Den meisten von uns ist jedoch die Unschuld abhanden gekommen. Das vertraute Bild vom Kreuz bewegt uns nicht mehr.

Deshalb versuchen Künstler immer wieder die bekannten Formen zu verlassen und das Geschehen am Kreuz auf ungewohnte Weise darzustellen. Sie wollen Menschen zur neuen Auseinandersetzung mit Jesus führen. Man denke an Künstler, die den Tod Jesus in ein anderes Umfeld einbetten: In ihren Werken stirbt er auf einer Müllhalde oder an ein Garagentor genagelt. Sie wollen damit zum Ausdruck zu bringen, dass sein Tod mitten in unsere Welt hinein und auch für uns geschehen ist. Wo würde Jesus heute sterben? In einem Flüchtlingslager oder Altersheim? Am Rande eines Uno-Kongresses oder Kirchentags? Wer würde heute versuchen, seinen Armani-Anzug (das Äquivalent zum feinen Tuch aus Stoff) bei Ebay zu ersteigern?

Gibson versucht das Geschehen am Kreuz ins Blickfeld zu rücken, indem er es in seiner Brutalität überdeutlich darstellt. Der Film spricht eine laute Sprache und ist durch laute, häufig fast dröhnende Musik untermalt. Die Bilder sind laut, eindeutig und klar. Blut fließt in Strömen, Fleisch hängt in Fetzen, da bleibt nichts angedeutet oder allein der Vorstellung des Zuschauers überlassen. Die Brutalität des Kreuzes kommt klar und deutlich zum Ausdruck. Aber gerade dadurch wird der Zuschauer vom eigentlichen Geschehen am Kreuz abgelenkt.

Der Musikkritiker Steve Turner schreibt in Bezug auf verschiedene, Anstoß erregende Darstellungen des Kreuzes: „Nichts davon ist mit dem Ausdruck „Ärgernis des Kreuzes“ gemeint. Was in diesen Fällen Anstoß erregt, ist die Verachtung der Theologie und die einzigen, die außer Gott Anstoß daran nehmen, sind vermutlich Christen. Das wahre „Ärgernis des Kreuzes“ ist das Ärgernis für unseren Stolz, wenn uns gesagt wird, wir seien Sünder, die Errettung brauchen und dass Errettung nicht durch unsere Bemühungen, sondern durch eine hässliche Hinrichtung des ersten Jahrhunderts geschieht. […]Er starb, weil das die von Gott geforderte Strafe für die Sünde war.“ [1]

Das ist die wahrhaft brutale Botschaft. Dass wir Menschen unser Leben gründlich verkorkst haben und Hilfe und  Erlösung nötig haben. Und dass nur dieser zerschlagene, gestorbene und am Ende wieder zurück ins Leben gekommene Mann aus Israel uns genau das geben kann. Das kratzt brutal an meinem Stolz, meiner Ehre, dem Wunsch, mein Leben auch ohne Hilfe von außen, in den Griff zu kriegen. Es widerstrebt meinem Wunsch, mich – durch was auch immer – selbst zu erlösen – und es doch nicht zu schaffen.

Der Film bringt diese Botschaft auch zum Ausdruck. Allerdings kleiner. The Passion (Das Leiden) ist groß geschrieben, „of the Christ“ (des Erlösers) steht kleiner darunter. Der Moment des Getrennt-Seins von Gott – die eigentliche, brutalste Strafe, die Jesus für uns getragen hat, ist aus theologischer Perspektive der Kern des Erlösung. Dieses von Gott – der Quelle des Lebens abgetrennt zu werden, um uns mit ihm neu zu verbinden, hat Jesus letztlich das Leben gekostet. Aber gerade diese Szene wirkt blass im Vergleich zu den Szenen, die das physische Leiden zum Ausdruck zu bringen.

Dennoch geht es Gibson darum, das Leiden von Jesus zu erklären. Um es zu interpretieren,  greift der Film biblische Motive und Bilder auf: Das letzte Abendmahl, die Schlange, der der Kopf zertreten wird, der Vorhang im Tempel, der höchst theatralisch zerreißt. Dabei handelt es sich um Bilder, die nur Menschen, die bereits damit vertraut sind, verstehen und interpretieren können. Dass „die Eingeweihten“ diese Botschaft verstehen können, bedeutet noch lange nicht, dass sie sich auch denjenigen erschließt, die mit den Bilder und Metaphern nicht vertraut sind. Hierfür wären Gesprächspartner hilfreich, die ihnen die biblischen Motive erläutern und die verständlich machen können, dass die brutale Ermordung Jesu, die in diesem Film plastisch zum Ausdruck kommt, auch für sie die Chance zu einem Neuanfang mit Gott beinhaltet.

 

Diese Rezension ist in leicht veränderter Form zuerst in der Zeitschrift Aufatmen erschienen. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Buchtipp:

[1] Steve Turner: Imagine. Christen in Kunst, Musik und Medien. Down to Earth, 2004.

€ 9,80. Direkt zu bestellen beimDown-to-Earth-Verlag.

Ein Buch, das sich intensiv und klug mit der Rolle von Christen im Kunstbereich auseinander setzt.

 

 

 

 

 

 


 

Kerstin Hack: Reden für das Leben. Schweigen für den Tod.

Ich habe Muskelkater, weil ich zwei Mal bis unter die Kuppel im Glockenturm des französischen Doms in Berlin geklettert bin. Der Turm ist aus schlichten Backsteinen gemauert, auf unzähligen Treppenstufen steigt man nach oben. „Kerstin Hack: Reden für das Leben. Schweigen für den Tod.“ weiterlesen

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Kerstin Hack: Die Geschichte einer Erlösung

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Sinnvolle Weihnachtsgeschenke

Manchmal sucht man zum Weihnachtsfest (nicht nur, sondern auch) nach Geschenken, die nicht gleich die Welt kosten und dennoch mehr sind als eine Tafel Schokolade oder ein Paar Socken.

Kerstin Hack bietet in ihrem Verlag Down to Earth mit dem Quadro-Format (4 Euro) und den Impulsheften (2 Euro) genau das Richtige für solche Fälle. Manches Produkt habe ich schon rezensiert, was mir als Lektor des Verlages natürlich realtiv leicht fällt. (Lektoren und Übersetzer kennen ein Buch besser als der Autor, sagt man gelegentlich in Fachkreisen.)

Hier nun als kleine Entscheidungshilfe  meine persönliche (und sicher sehr subjektive) »Best of Down to Earth« Liste, was die Impulshefte und Quadros betrifft:

  • Platz 10: Marcus Splitt: Entscheiden – Das Heft verspricht keine Patentrezepte. Statt dessen gibt es Impulse, wie jeder mit seinen individuellen Fähigkeiten und Begabungen die richtigen Entscheidungen finden könnte – und was mit falschen Entscheidungen zu tun ist.
  • Platz 9: Kerstin Hack: Glaubensfragen – Keine leicht bekömmliche Kost, diese Glaubensfragen. Sondern Wachmacher und Aufreger, Nadelstiche und Ruhestörungen für den frommen Dornröschenschlaf. Wer weiterschlafen will: Bitte nicht lesen! [Meine Rezension]
  • Platz 8: Roland Allen / Kerstin Hack: Gemeinden gründen – Kein Gehalt für den Pastor? Na so was! Keine Aufsicht durch die Mutterkirche? Unerhört! Kein Glaubenskurs vor der Taufe? Aber hallo! Wo gibt es denn so was? Bei Paulus!
  • Platz 7: Kerstin Hack: Swing-Quadro – Leben oder gelebt werden, Alltagstrott oder Ausbruch, Langeweile oder Abenteuer? Wer wissen möchte, ob es womöglich jenseits der grauen Routine noch etwas anderes gibt, wird hier fündig.
  • Platz 6: Kerstin Hack: Spurensuche – Ein herrlich unfrommer Text über ein frommes Thema: Gott. Gott selbst ist ja überhaupt nicht fromm. Er lässt sich auch ganz woanders finden, als in Kirchen und Gemeinden. Vorzugsweise sogar.
  • Platz 5: Thorsten Huith: Kreativ leben – Manche Zeitgenossen bilden sich ein, nicht kreativ sein zu können und verkommen dann vor der Mattscheibe mit RTL und Pro7 und Sat1. Vermutlich lesen sie nicht. Wenn doch: Zugreifen und anders leben lernen!
  • Platz 4: Kerstin Hack: Krisen – Jede Krise bietet auch die Chance, Dinge anders, neu und besser zu machen. Man muss nur erst mal begreifen, dass Krise nicht Katastrophe heißt. Hierbei kan dieses Heft hilfreich unterstützen. [Meine Rezension]
  • Platz 3: Kerstin Hack: Natürlich wachsen – Mancher Mitmensch scheint zu glauben, er sei schon reif geboren und könne nun so bleiben, wie er ist. Für solche Personen ist das Heft denkbar ungeeignet. Allen anderen nimmt die Lektüre den falschen Leistungsdruck. [Meine Rezension]
  • Platz 2: Damaris Graf: Gut kommunizieren – Es gelingt der Autorin, die sich übrigens durch einen ausgesprochen lebendigen und daher gut lesbaren Stil auszeichnet, das Sachthema geradezu unterhaltsam zu machen, ohne dass es dabei verflachen würde.[Meine Rezension]
  • Platz 1: Harald Sommerfeld: No More Blues – Eine Lektüre für Christen, damit sie weniger frömmeln und muffeln und für Nichtchristen, damit sie muffelnde und frömmelnde Christen nicht für exemplarische Vertreter ihrer Gattung halten. Das Quadro aller Quadros. [Meine Rezension]

Ich wünsche viel Spaß beim Verschenken oder sich selbst Gönnen.

Günter J. Matthia: Rezension zu W.P.Young – The Shack

Zwischen uns sei Wahrheit, lieber Leser dieser Rezension. Das Buch, das ich hier empfehle, ist ein zwiespältiges Werk; ein gutes und ein bedenkliches Buch zugleich.
Vorab: Man darf nicht vergessen, dass man es bei der Lektüre mit einem Roman zu tun hat. Ein Roman darf vieles, was einem Sachbuch anzukreiden wäre. Zum Beispiel den Leser samt Protagonisten aus dieser Welt heraus in eine andere entführen. Nicht irgend eine außerirdische Sphäre, dies ist kein Science-Fiction-Roman, sondern – um es etwas vereinfacht auszudrücken – in unsere Welt, wie sie eigentlich sein sollte. Wie sie sich der Schöpfer gedacht haben mag, wenn man einen Schöpfer in Betracht zieht.

Wiliam P. Young, so heißt der Autor, auf diesem gedanklichen Weg zu folgen, fällt Europäern sicher schwerer als Amerikanern. Der Protagonist Mackenzie Allen Phillips, meist kurz Mack genannt, ist ein Typus Mensch, den es hier in Deutschland weit weniger häufig gibt als in der Heimat des Autors. Mack ist der typische Amerikaner, der selbstverständlich sonntags die Kirche besucht, vor dem Essen ein Dankgebet spricht und ein »christliches« Leben führt. Er zweifelt nicht an der Existenz Gottes, wenngleich er keine allzu persönliche Beziehung zu Gott pflegt, sondern landläufig-traditionell gläubig lebt: Man ist Christ, liest die Bibel und gehört einer Kirche an.
Im säkularisierten Europa trifft man solche Menschen womöglich noch in einigen ländlichen Gebieten in größerer Zahl an. In Amerika ist das noch immer eine Beschreibung der Mehrheit der Bevölkerung.

Zurück zu Mackenzie. Während eines Wochenendausfluges verschwindet Missy, die kleine Tochter, spurlos. Die Suche bleibt erfolglos, es gibt bald keinen Zweifel mehr, dass sie von einem Serientäter entführt und umgebracht wurde, obwohl die Leiche des Kindes nicht auffindbar ist. Die blutdurchtränkte Kleidung des Mädchens und die Beschreibung des Entführers sprechen deutlich genug, um Hoffnungen zu ersticken. The Great Sadness senkt sich auf Macks Leben.

So weit, so traurig und leider auch so realistisch. Wir alle kennen solche Geschichten aus den Medien, sie sind keine Fiktion, sondern grausame Wirklichkeit. Mancher leitet daraus ab, dass es keinen barmherzigen und guten Gott geben kann.

Doch Mack erhält eine handschriftliche Einladung von »Papa«. So nennt seine Frau Gott, da sie ein etwas engeres Verhältnis zu ihm zu haben scheint als Mack. »Papa« lädt ihn in ausgerechnet die Hütte ein, in der man damals die blutdurchtränkten Kleider seiner kleinen Tochter gefunden hat. Ein grausamer Scherz eines Verrückten? Eine Falle des Mörders? Oder tatsächlich eine Einladung von Gott persönlich? Auf jeden Fall hat Macks Frau trotz der Unterschrift »Papa« nichts damit zu tun, so viel ist sicher.
Weil Mack, der keine Ahnung hat, was ihn und ob ihn überhaut etwas erwartet, sich auf das Wochenende einlässt (vorsichtshalber mit Schusswaffe im Gepäck), kann uns der Autor des Romans zusammen mit Mack in jene »andere« Welt entführen, in der es möglich und an der Tagesordnung ist, wie Adam und Eva einst mit Gott zu plaudern.
Allerdings hat Mack zunächst Mühe, Gott zu erkennen. Er begegnet keineswegs jemandem, der Gandalf aus dem Herrn der Ringe ähneln würde. Für manchen Leser mag das, was in der Hütte und ringsum bei Ausflügen folgt, irritierend sein. Schon wegen der Darstellung von »Papa«, Jesus und des Hei- ja, da sind wir schon mitten in den Problemen für unsere traditionellen Vorstellungen: Der Heilige Geist ist weiblich. Bono, Sänger von U2, hat schon vor Jahren über den Geist Gottes gesungen: She moves in mysterious ways. In diesem Buch nun heißt sie Sarayu. Doch auch »Papa« begegnet Mack zunächst als Frau, als Afroamerikanerin, da der Begriff »Vater« für Mack aufgrund der eigenen Kindheit nicht viel Gutes zu bedeuten hat.
Die drei Personen des einen Gottes, eine Frau namens »Papa«, Jesus und Sarayu begleiten nun den Protagonisten durch das Wochenende. Sie sind / er ist, nicht nur was Namen und Geschlecht betrifft, völlig anders, als religiöses Denken (und Establishment) es in Amerika oder hierzulande zulassen möchte.

Es ist ein mutiges Buch, denn dass ein Autor, selbst in einem Roman, dermaßen radikal mit dem herkömmlichen Gottesbild bricht, muss zu vehementen Protesten der traditionsverhafteten Geistlichkeit führen. Das war auch in Amerika prompt der Fall, manch ein Hirte wollte seinen Schäfchen gar verbieten, »The Shack« zu lesen. Dennoch (oder deshalb?) hat das Buch offensichtlich ein Dauerabonnement für die Bestsellerlisten.
Nun ist die deutsche Ausgabe erschienen, man darf gespannt sein, ob es auch hierzulande entsprechende Reaktionen geben wird.

Doch zurück zur Geschichte, die William Paul Young erzählt und zu der Zwiespältigkeit, die ich empfunden habe. Erzählerisch ist »The Shack« kein Meisterwerk.
Mack wird sehr idealisiert dargestellt, so perfekt, dass er mir im Lauf der Lektüre unglaubwürdig wird. Beim besten Willen kann ich mir einen solchen Mustervater, Musterehemann und Mustermenschen nicht im wirklichen Leben vorstellen – samt Musterehefrau übrigens. Beide machen immer so gut wie alles richtig.
Auch meine ich, dass der Autor sich etwas zu viel vorgenommen hat, zumindest für den Umfang des Buches. Er will möglichst allen Fragen nachgehen, die es rund um Gott, Mensch und das Leid sowie die Ungerechtigkeit der Welt gibt. Und Antworten vorschlagen.

  • Wie kann Gott, vorausgesetzt, er ist ein guter Gott, solch ein Verbrechen an einem unschuldigen Kind zulassen?
  • Wie muss man leben, damit Gott zufrieden ist?
  • Bestraft und erzieht Gott die Menschen durch Krankheit oder anderes Leid?
  • Wird das nicht langweilig, im Himmel immer nur auf goldenen Straßen rumzulaufen und Loblieder zu singen?
  • Wer ist für Naturkatastrophen verantwortlich zu machen?
  • Warum all die Kriege und Abschlachtereien im Alten Testament?
  • … und viele weitere Fragen und Problemkreise.

Was Young schreibt, ist – wie schon oben angedeutet – alles andere als »kirchenkonform«. Zum Beispiel wenn sich Mack und Jesus über die Kirche / Gemeinde unterhalten:

Mack paused, searching for the right words. „You’re talking about the church as this woman you’re in love with; I’m pretty sure, I haven’t met her.“ He turned away slightly. „She’s not the place I go on Sundays,“ Mack said more to himself, unsure if it was safe to say out loud.
„Mack, that’s because you’re only seeing the institution, a man-made system. That’s not what I came to build. What I see are people and their lives, a living, breathing community of all those who love me, not buildings and programs.“
Mack was a bit taken back to hear Jesus talking about „church“ this way, but then again, it didn’t really surprise him. It was a relief. „So how do I become part of that church?“ he asked. „This woman you seem to be so gaga over.“

„As well-intentioned as it might be, you know that religious machinery can chew up people!“ Jesus said. „An awful lot of what is done in my name has nothing to do with me and is often, even if unintentional, very contrary to my purposes.“
„You’re not too fond of religion and institutions?“ Mack said, not sure if he was asking a question or making an observation.
„I don’t create institutions – never have, never will.“

Die Antworten, die Young anbietet, habe ich so gut wie immer als nachvollziehbar empfunden, und sie sind auch in sich schlüssig. Das Gottesbild, das er in diesem Roman zeichnet, teile ich weithin schon eine ganze Weile. Ich halte dieses Buch für hervorragend geeignet, dem einen oder anderen Christen ein wenig die Augen dafür zu öffnen, dass nicht alles, was von einer Kanzel verkündet wird, unbedingt und immer richtig sein muss.
Doch, und da taucht der Zwiespalt wieder auf, so gut dieses Buch für nachdenkliche und suchende Gläubige sein mag, es taugt meiner Meinung nach nicht dazu, Menschen für Gott zu interesieren, die davon überzeugt sind, dass es keinen Gott gibt. Das muss und soll ja nun auch nicht die Aufgabe eines Romans sein.
Es ist dem Autor jedoch nicht gelungen, das zeigen auch etliche Rezensionen und Bewertungen in säkularen Medien, so spannend und interessant zu erzählen, dass ein Leser, der mit dem Glauben nicht viel oder gar nichts am Hut hat, dem Buch sonderlich viel abgewinnen könnte.
Wer am Thema »Gott und Mensch« grundsätzlich nicht interessiert ist, wird die seitenlange Dialoge als ermüdend und die Handlung als ungenügend empfinden. Der arg konstruierte Schluss sei hier sowieso mit dem gnädigen Mantel des Schweigens bedeckt.
Man muss schon am Thema an und für sich interessiert sein, wenn man das Buch interessant finden soll. Als Erzählung ist »The Shack«, trotz einiger hervorragender Szenen, allenfalls Durchschnitt. Stilistisch und sprachlich zeichnet sich der Text ebenfalls nicht aus: Nicht schlecht, aber auch nicht gut.

Mein Fazit: Ich habe das Buch trotz der oben angedeuteten Schwächen mit Begeisterung und nicht unerheblichem »inneren Gewinn« gelesen. Ich empfehle es mit voller Überzeugung als eine herausragende Lektüre, weit besser als mancher Alltagslesestoff. Nur sollte der Leser erstens nie vergessen, dass er einen Roman liest, und zweitens nicht zu sehr an traditionellen Formen und Lehren festkleben wollen. Die werden nämlich kräftig erschüttert. Und das ist auch gut so!
Ach ja, und drittens: Wer am Thema Gott und Mensch grundsätzlich nicht interessiert ist, den wird das Buch kaum sonderlich begeistern. Es sei denn, Sarayu wird aktiv?

  • Die deutsche und englische Version sowie das Hörbuch, eine Leseprobe aus der deutschen Version und weitere Informationen findet man am besten und einfachsten hier: Die Hütte / The Shack bei Down to Earth

Rezension zuerst erschienen auf dem Blog von Günter J. Matthia

Günter J. Matthia: Rezension zu »No more blues«

Es gilt, etwas in Worte zu fassen, was eigentlich nur selbst erlebt werden kann: Das Gefühl, wenn eine unsichtbare, jedoch deshalb nicht weniger drückende Last von den Schultern – von der Seele genommen wird. Das Gefühl, wenn plötzlich das sprichwörtliche »Aha-Erlebnis« stattfindet. Ein Gefühl, ein Empfinden, das mich bei der Lektüre des hier vorgestellten Buches mehrmals überrascht hat.

Christen sagen, Jesus Christus habe »ihre Schuld auf sich genommen«. Warum gibt es dann kaum jemanden, der mehr unter Schuldgefühlen leidet, als gerade die Christen?

So beginnt der neueste »Monatsbegleiter« aus der Quadro-Serie im Down to Earth Verlag. Ich habe keinen Monat gebraucht, um die 40 Seiten zu lesen, denn erstens lasse ich mir von einem Buch nicht sagen, in welchem Rhythmus oder Tempo ich es lesen soll, und zweitens wollte ich am Ende jeder Seite sofort wissen, was als nächstes auf mich wartet. Noch ein »Ach so!«, ein weiteres »Warum habe ich das in 30 Jahren nicht kapiert?« oder ein »Das habe ich immer so empfunden – jetzt weiß ich auch warum!«

Es geht um den Blues. Nicht den von B. B. King oder Eric Clapton, sondern um den Blues, den viele, viel zu viele Christen mit sich herumtragen und der von den Menschen rings herum keineswegs übersehen wird, der noch dazu das eigene Christenleben schwer macht. Das hat Tradition im Christentum:

Während Jesus den Menschen das einfache Evangelium verkündete: »Dir sind deine Sünden vergeben«, hören Menschen, die gläubig werden, von Christen oft etwas anderes.

Zunächst einmal müssen sie einsehen, dass sie Vergebung brauchen, also wird ihnen statt des Zuspruchs der Vergebung ein Spiegel ihres Versagens vorgehalten.

Sobald sie Christen werden, bringt man ihnen bei, dass die Vergebung ein leicht verderbliches Gut sei, das immer nur bis zur Gegenwart reiche. Jeder neue Fehltritt erfordere spezielle Maßnahmen der Tilgung: Beichte, Bekenntnis, Wiedergutmachung oder dergleichen.

Mir hat man seinerzeit (vor rund 35 Jahren) sogar beigebracht, dass ich noch gar nicht »richtig« erlöst sei, da ich ja noch die Beatles, die Rolling Stones und – o weh, o weh – sogar Led Zeppelin hörte. Erst wenn diese Platten verbrannt seien (und natürlich Buße für den Besitz und das Hören getan war), durfte ich als »erlöst« gelten. Doch dann stellte sich heraus, dass ich rauchte. Auch das ging natürlich nicht. Und so weiter…

Es gab – und gibt, Gott sei es geklagt – viele solche Fälle wie mich. Einige, die ungefähr zeitgleich mit mir Jesus kennen gelernt hatten, waren einige Monate später nicht mehr am Glauben interessiert. Die tiefe und übersprudelnde Freude, die Jesus in mein und ihr Herz gegeben hatte, wurde gedämpft, zeitweise sogar erstickt. Christsein wurde zum Leben nach einem unüberschaubaren und sowieso unerfüllbaren Regel- und Gesetzeswerk. Man darf nicht weltliche Musik hören. Man darf nicht nackt baden gehen. Man muss zum Gottesdienst gehen. Man muss beim Gemeindeputz mithelfen. Man muss dieses, man darf nicht jenes.

»No more blues« nennt ein anderes Beispiel, eins, das ich ebenfalls kennen gelernt habe:

Der Blues beginnt oft schon am Tag der Bekehrung. Voller Freude bricht jemand in ein neues Leben mit Jesus auf. Doch schon fällt er einem Mitchristen in die Hände, der ihn wohlmeinend unterweist: Ab heute müsse er täglich in der Bibel lesen.

Schon ist die Weiche falsch gestellt. Kein Wunder, dass der Zug bald im Bahnhof der Schuldgefühle einfährt. Was Kür sein sollte, ist zur Pflicht geworden.

Ich versichere dir: »Du musst überhaupt nicht in der Bibel lesen!« Damit sage ich nicht: »Lies nicht in der Bibel!« Wenn du willst, darfst du sie gern lesen. Ich würde mich darüber freuen. Ich weiß, dass sie dir gut tun wird. Ich sage nur: Du musst sie nicht lesen. Jedenfalls nicht, um Gott zu gefallen – du gefällst ihm nämlich schon.

Ich kann das ganz einfach beweisen. 1500 Jahre lang gab es Christen, ohne dass es gedruckte Bibeln gab. Dem normalen Christen waren die existierenden Handschriften entweder nicht zugänglich, oder er konnte nicht lesen. Wie kann Bibellesen da eine Christenpflicht sein? Wie kann ein Christ etwas müssen, was der Mehrheit der Christen über 1500 Jahre gar nicht möglich war?

Der Autor Harald Sommerfeld ist ein Querdenker, der durch das Querdenken so manchen gordischen Knoten durchschlagen hilft. Er umgeht unbequeme Probleme nicht, sondern er lädt mit diesem Buch dazu ein, gerade diese unangenehmen Aspekte des Lebens als Christ aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Und das kann, vorausgesetzt der Leser lässt sich darauf ein, zu den eingangs geschilderten »Aha-Erlebnissen« führen.

Er verkennt dabei nicht die Tatsache, dass es durchaus Dinge in der persönlichen Historie eines Christen geben mag, bei denen eine »Aufarbeitung« unumgänglich ist, damit sie sich nicht mehr störend auswirken. Zum Beispiel:

Wenn du merkst, dass ein bestimmtes Fehlverhalten dich hartnäckig bedrückt, Schuldgefühle nicht abzuschütteln sind und etwas in dir einfach nicht glauben will, dass die Sache durch Jesus schon erledigt ist, dann kann ein Bekenntnis vor einem anderen dir helfen. Manches kann leichter entmachtet und losgelassen werden, wenn es ausgesprochen wird.

Suche dir einen Menschen, dem du vertraust. Erzähle ihm, was du getan hast, und lass dir von ihm bestätigen und zusprechen, dass die Sache vergeben und erledigt ist. Dann geh fröhlich deines Weges.

»No more blues« ist ein Mutmacher, aber nicht von der billigen Art, die »alles wird gut« zu suggerieren versucht. Das Quadro ist nicht oberflächlich, sondern es versetzt den Leser in die Lage, unter die Oberfläche des (eigenen) Glaubenslebens zu schauen. Dort sind womöglich Denkmuster und Überzeugungen verborgen, die dafür sorgen, dass Christen zwar sagen, Jesus Christus habe »ihre Schuld auf sich genommen«. Unsere Mitmenschen dagegen fragen sich: »Warum gibt es dann kaum jemanden, der mehr unter Schuldgefühlen leidet, als gerade die Christen?«

Harald Sommerfeld zeigt Wege auf, wie man diese Zustand nachhaltig ändern kann.

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Mein Fazit: Eigentlich sollte dieses Heft zur Pflichtlektüre erklärt werden, aber dann würde man ja, falls jemand es nicht liest, wieder den Blues erzeugen. Viel besser: Neugierig werden, anfangen zu lesen und – wie ich – nicht mehr aufhören wollen.

Die Lektüre wird nicht ohne Folgen für das eigene Leben bleiben. Und, nicht zu vergessen: Eric Clapton darf man weiter hören und genießen!

ISBN 978-3-935992-56-5
40 Seiten, 4 Euro
Bestellen und Probelesen kann man hier: Verlag Down to Earth

P.S.: Das Foto zeigt eine Doppelseite aus dem Quadro, um auch die wieder sehr gelungene Grafikarbeit zumindest andeutungsweise sichtbar zu machen. Diese Hefte sind auch optisch ein Highlight. (Man verzeihe mir den Anglizismus, aber da das Quadro einen englischen Titel hat, obwohl es in Deutsch geschrieben wurde, bin ich so frei. Ohne Blues Schuldgefühle.)

(Rezension zuerst erschienen auf dem Blog von Günter J. Matthia)