Kerstin Hack: Einladung zum Fest aller Feste. Die Vielfalt der Volksgruppen als Ausdruck der Fülle Gottes.

Wird es bei dem Fest aller Feste, der „Hochzeit des Lammes“, italienische Pizza oder japanisches Sushi zu essen geben, englischen Tee und Schwarzwälder Kirschtorte, griechischen Wein, indischen Tanz und israelische Musik? Werden die weißen Gewänder lange herunterhängend, wie Saris gewickelt oder wie französische Mode geschnitten sein?

Die Bibel gibt dazu keine genauere Auskunft. Eines steht allerdings fest: Bei dem Fest aller Feste wird eine große Volksmenge, die niemand zählen kann, aus jeder  Nation und aus allen Ethnien, Stämmen und Völkern. Sie alle werden in ihren Sprachen Gott anbeten. (Offenbarung 7,9)

Darauf lebt und arbeitet Gott hin. Von Beginn der Menschheit an ist es Gottes Wunsch,  mit Menschen Gemeinschaft und Austausch zu erleben. Weil dieser Austausch mit dem Sündenfall zerbrach, machte er sich daran, sie zu erlösen, zu sich zu ziehen, wieder mit sich zu versöhnen.

Sein Angebot der Versöhnung gilt allen Menschen. Warum aber betont die Bibel so sehr den kulturellen Aspekt, warum spricht sie von Stämmen, Nationen (eigentlich: „Ethnien/ethnische Gruppen“), Völkern, Sprachen? Warum heißt es nicht einfach: „unendlich viele Menschen werden das Lamm anbeten“?

In 1. Mo. 1, 27 steht: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild – er schuf ihn zum Bilde Gottes – er schuf sie beide, Mann und Frau. “Das Wort Adam bedeutet einerseits „der Mensch“ als Einzelner, kann andererseits aber auch für die Menschheit als Ganzes stehen. Anders gesagt: die gesamte Menschheit ist Spiegel Gottes.

Offensichtlich scheint Gott in der Fülle seiner Eigenschaften nicht in einen einzelnen Menschen hineinzupassen. Und so sind bestimmte Eigenschaften in manchen Menschen und Gruppen von Menschen deutlicher hervorgetreten als in anderen.

Die elementarste Verteilung ist die zwischen Mann und Frau – der Mann hat manche Eigenschaften, die Gottes Wesen widerspiegeln, stärker ausgeprägt als die Frau und umgekehrt.

Die zweite „große Verteilung“ ist die Verteilung von bestimmten Eigenschaften auf verschiedene Volksgruppen (s. Apg. 17, 26). Gott hat den einen Menschen (Adam) als sein Ebenbild geschaffen. Aus Adam heraus haben sich alle Volksgruppen entwickelt, die in unterschiedlicher Art und Weise ein Stück von Gottes Wesen widerspiegeln oder betonen.

Stark vereinfacht und klischeehaft könnte man sagen:

– die Japaner spiegeln in besonderer Weise Gottes Sinn für Ästhetik wider

– die Franzosen bringen etwas von Gottes Lebensfreude oder Lebenskunst zum Ausdruck,

– die Schweizer wissen etwas von Gottes Präzision und seinem friedensstiftenden Wesen,

– die Deutschen sind bekannt für ihre Gründlichkeit – auch Ebenbild Gottes,

– die Amerikaner bringen zum Ausdruck, daß Gott große Pläne hat – ihr Gott ist „very big“,

– die Juden wissen in besonderer Weise, daß Gott ein Gott ist, der Geschichte macht und sehr langfristig arbeitet,

– die Araber bringen die Leidenschaft und Opferbereitschaft, die Gott hat, zum Ausdruck,

– viele Afrikanische Ethnien wissen viel von lauter, jubelnder Freude, die Teil von Gottes Wesen ist usw.

Wenn man die Augen offenhält kann man die ganze Vielfalt Gottes in seinen Kindern widergespiegelt sehen. Gott selbst freut sich über die Fülle, die er in die unterschiedlichen Volksgruppen hineingelegt hat. Die Bibel sagt, dass eines Tages die Könige der Völker ihre Ehre und ihren Reichtum zu Gott bringen werden, (Offenbarung 21, 24-26). Dieser Reichtum besteht nicht nur in materiellen Dingen, sondern auch in kulturellen Schätzen, die Gott gegeben hat und die wieder an ihn zurückgegeben werden.

Auch Sprachen drücken Gottes Vielfalt aus: Gott würde sich vielleicht langweilen, wenn er immer nur „Preis dem Herrn“ hören würde. Ich denke er freut sich genauso, wenn Japaner sagen : Mina toishoni – shuo home tata eio,(laßt uns miteinander Gott loben), oder wenn er in einer rauhen arabischen Stimme hört – „Il hamdu  lilah“ (dem Gott sei Dank) oder ganz feierlich auf griechisch „Doxa Theo“. Oder wenn eine Französin zart  „Je t´aime, Seigneur“ haucht. Wenn ein Albaner sagt: „Ich bete Dich an, Du großer Gott“ heißt das „te dua ti i mahdi zot“ und bei einem Amerikaner „O, Lord, I really wanna praise you tonight…“

Unterschiedliche Kulturen – Schutz vor Selbstzerstörung

Ist dieses Bild nicht zu positiv – sind nicht die kulturellen Unterschiede verantwortlich für ethnische Konflikte von Bosnien bis Ruanda? Erschweren nicht unterschiedliche kulturelle Prägungen Verständnis und Annahme? Hat nicht jeder Schüler, der Grammatik und Satzbau alter oder neuer Sprachen lernen mußte, die Baumeister der Turmes zu Babel verwünscht, die mit ihrer Arroganz und ihrem Stolz die herrlichen Zeiten beendet haben, in denen es „nur eine Sprache und einen Wortschatz“ gab (1. Mo. 11, 1) und keine sieben Deklinationen und 8 Tonhöhen?

Es sieht so aus, als ob das Negative da den Sieg davongetragen hat. Die Schuld der Menschen, wie Gott sein zu wollen, brachte die ganze Verwirrung der Sprachen mit sich. Aber die Vielfalt der Sprachen ist auch Schutz Gottes. Schutz davor, dass der Mensch in seiner Überheblichkeit sich nicht noch mehr Schaden zufügt: 1. Mo 1, 6:  „Sie sind ein Volk und haben eine Sprache. Das ist erst der Anfang ihres Tuns – es wird ihnen nichts unmöglich sein, was sie sich auch immer vornehmen.“

Gott schützt durch die sprachlichen und kulturellen Grenzen die Menschen davor, noch größere, globale Dummheiten zu machen. Es sind sozusagen sprachliche und kulturelle Mauern vorhanden, die sowohl die Verbreitung von Bösem als auch die Verbreitung von Gutem eindämmen. Welcher Nutzen, aber auch welcher Schaden entstehen kann, wenn die kulturellen Mauern durch Weltsprachen und Welthandel eingerissen werden, sieht man an den Segnungen und Auswüchsen der Globalisierung.

Darf man Kulturen verändern?

Mythos Nr. 1: Es gibt unberührte Völker, mit völlig eigener Kultur

Gleichzeitig mit der Wiederentdeckung der Kostbarkeit kultureller Eigenschaften und Werte sowie den negativen Erfahrungen der Vergangenheit (Zerstörung von Kulturen durch Imperialismus und falsch verstandene Mission) stellt sich die Frage, ob man denn Kulturen überhaupt beeinflussen oder verändern darf. Ist es moralisch und ethisch vertretbar, kulturfremde Elemente z.B. „westliche“ Religion in eine Kultur einzubringen?

Eine koreanische Buddhistin erklärte, daß der Gott der Christen etwas Fremdes für sie sei. Buddha sei ihr vertraut – mitten im Satz hielt sie inne – ihr war aufgefallen, daß Buddha auch kein Koreaner war. Indische Mönche hatten den Buddhismus nach Korea gebracht hatten, wo sich die neue Religion mit alten kulturellen Elementen verband. Das ist kein Einzelfall. Die „unberührte Volksgruppe“ ist ein unwissenschaftlicher Mythos. Ethnologen (Völkerkundler) gehen davon aus, daß mindestens 80 Prozent der Verhaltensweisen, Techniken, Gegenstände und religiösen Riten einer Volksgruppe nicht von ihr selbst entwickelt, sondern von anderen Volksgruppen übernommen wurden. Jede Volksgruppe ist von anderen beeinflußt, „schmarotzt“ Ideen, Verhaltensmuster usw.

Zum Beispiel:  Der typische Deutsche

Der typische Deutsche wacht morgens auf, steigt gähnend aus seinem Bett – ein Möbelstück, das in Asien erfunden wurde. Er sieht durch die Glasscheibe – eine Erfindung der Ägypter – aus dem Fenster und ärgert sich über das typisch deutsche Wetter. Anschließend geht er zur Toilette – eine Erfindung der alten Römer, wäscht sich mit Seife – Idee der antiken Gallier – und rasiert sich anschließend – ein Ritus, der auf heidnische Priester der alten Sumerer zurückgeht.

Anschließend legt er seinen Pyjama – abgewandeltes indisches Kleidungsstück – aus Baumwolle –

auch aus Indien – auf die Seite, zieht sich an (geschneiderte Kleider wurden übrigens von den zentralasiatischen Nomaden erfunden) und geht in die Küche, um sich mit Kaffee und Müsli – beides keine deutschen Lebensmittel –zu stärken. Bevor er aus dem Haus geht, dankt er, falls er gläubig ist, noch dem Gott der Hebräer in einer indogermanischen Sprache dafür, dass er ein typischer Deutscher ist.

Und Kulturen verändern sich. Von 1945 bis 1990 haben sich die Bundesrepublik und die DDR getrennt entwickelt – die Leute haben andere Verhaltensmuster, zum Teil sogar eigene Vokabeln, entwickelt und gepflegt. Weder in der BRD noch in der DDR ist die „deutsche Kultur“ so wie sie 1945 war, erhalten geblieben. Viele Dinge, die vor 15 Jahren noch kaum bekannt waren (z.B. Kiwis, Walkman, Techno Musik, Faxgeräte, Boy Groups und Internet), sind jetzt alltäglich und prägen das Leben von vielen.

Auch Werte und Normen unterliegen einer ständigen Veränderung. Wandel in welcher Kultur auch immer läßt sich nicht vermeiden. Unberührte Volksgruppen, so wie manche romantische Träumer sich das vorstellen, gibt es nicht mehr und hat es noch nie gegeben. Die Frage ist, ob allein Coca-Cola, IBM und Apple das Recht haben, Werte zu prägen oder ob es nicht auch genauso legitim ist, andere Werte als die des Kapitalismus zu vermitteln – etwa indem man Menschen die Liebe Gottes nahebringt..

Mythos Nr. 2: Unerreichte Völker bestehen ausschließlich aus glücklichen Menschen

Seit der Antike gibt es den Mythos vom „glücklichen Wilden“, dem zufriedenen, naturverbundenen Menschen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als vom Rest der zivilisationsverdorbenen Menschheit in Frieden gelassen zu werden. Der Mythos erlebte in den Nachwehen der französischen Revolution einen erneuten Aufschwung und jetzt kann man kaum eine Zeitschrift aufschlagen, die nicht irgendwo von Menschen schreibt, die noch wahrhaft glücklich und naturverbunden leben.

Sicher haben Angehörige einers Stammes, der im Regenwald lebt, manche Probleme nicht, mit denen die Bewohner des modernen Großstadtdschungels zu kämpfen haben. Aber es gibt keinen Menschen auf der Erde, der nicht mit Problemen der Angst, der Schuld und des Todes zu kämpfen hat – und auch keinen Menschen, der sich nicht im tiefsten Inneren nach Lösung und Erlösung seiner existentiellen spirituellen Bedürfnisse sehnt. Letztlich nach der Begegnung mit dem einen wahren Gott sehnt, zu dessen Ebenbild er geschaffen wurde.

Das gilt nicht nur für Einzelne, sondern für ganze Volksgruppen. Die überlieferten Erzählungen vieler hundert Völker von Afrika bis Neuseeland sprechen von dem „goldenen Zeitalter“ (die Bibel nennt das Paradies) als Gott noch bei den Menschen wohnte. Sie bedauern, diese Zeit verloren zu haben und sehnen sich dorthin zurück. Das Evangelium ist von daher nichts Wesensfremdes, sondern der Schlüssel, der den Menschen und Völkern dazu hilft, zur Entfaltung und zu ihrer wahren Bestimmung zu finden, damit eines Tages Menschen aus allen Völkern und Nationen und Sprachen den Schöpfer und Retter anbeten.

So wie die Griechen den „unbekannten Gott“ verehrten ohne ihn zu kennen (Apg. 17, 22 – 13), gibt es Hunderte von Fällen aus aller Welt, wo Völker schon durch tief verwurzelte Elemente in ihrer eigenen Kultur oder durch Prophezeiungen auf die Botschaft der Erlösung vorbereitet waren. Die Volksgruppe der Wa (China/ Burma) war durch die Kopfjägerei, durch die man Dämonen besänftigen und eine gute Ernte herbeiführen wollte, immer kleiner geworden. Mehrere Leiter begannen, ihr Volk zu beschwören,  diese Praxis aufzugeben und sich auf die Begegnung mit dem wahren Gott vorzubereiten. Ein Zauberdoktor legte seine Hand auf einen Esel und sagte zu den Ältesten „Wenn ihr diesem Esel folgt, wird er euch zum wahren Gott führen.“ Der Esel lief mehr als 300 km durch unwegsames Gelände – bis direkt vor das Haus eines Missionars, dessen Erstaunen groß war, als die berüchtigten Kopfjäger ihn fragten, ob er zu ihnen kommen und ihnen den Weg zum wahren Gott erklären könne. Er ging mit. Die Menschen begriffen seine Botschaft als die Botschaft der Erlösung, nach der sie sich gesehnt haben und entschieden sich, ihr zu folgen.

Erlösung entfaltet sich auch da, wo Menschen und Nationen zu ihrer eigentlichen Bestimmung zurückfinden oder diese verstärkt, ohne Angst, entfalten können. Die Japaner etwa haben eine Berufung, die Schönheit und Harmonie Gottes zum Ausdruck zu bringen, aber sie verwenden diese Gabe auch, um eine Menge unnütze Dinge zu produzieren. Sie verwenden die Gabe auch, um Götter zu besänftigen, vor denen sie Angst haben. Wann sie da stattdessen die Erfahrung der Begegnung mit einem liebevollen Gott machen, kann diese Gabe auf neue Art und Weise zur Entfaltung kommen.

Den Deutschen wird nachgesagt, sie haben eine besondere Gabe, Ideen zu entwickeln und in alle Welt zu tragen. Diese Gabe wurde in der Nazi-Zeit – geprägt von destruktiven Ideologien – für Tod und Zerstörung mißbraucht. Was kann geschehen, wenn Menschen in Deutschland noch stärker als bisher ihre Forscher- und Erfindergaben in den Dienst Gottes und der Menschen stellen.

——————

Der Artikel wurde erstmals publiziert in dem Magazin „Der Auftrag“ Nr. 63, Juni 1997. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Büchertipps zum Thema:

Ewigkeit in ihren Herzen von Don Richardson. Zu bestellen zum Beispiel über Amazon.