Kerstin Hack: Zehn Tipps für Singles, die Familien besuchen

Ich bin Single. Und liebe Kinder. Zumindest die meisten. Und Kinder lieben mich und sind gern mit mir zusammen. Zumindest die meisten. Dennoch habe ich Aufenthalte bei Familien nicht immer als entspannend und wohltuend erlebt. Es ist eine fremde Welt, deren Regeln ich nicht kenne. Als Besucher auf dem Familienplaneten droht mir ständig die Gefahr, auf Matchboxautos, Bagger, Legos und Pixibücher zu treten, in Klebefallen aus Essensresten hängen zu bleiben oder von einem Raumschiff oder Rennfahrer überrannt zu werden. Oder gar wütenden Protest zu ernten, weil ich, als ich eine Decke zusammelegen wollte, versehentlich eine Räuberhöhle zerstört habe.
Im Badezimmer fragt man sich verzweifelt, ob der warme Tonfall, mit dem die Mutter sagte: „Ach, du darfst es gerne mal halten und wickeln“ nicht doch einen grausam sarkastischen Unterton hatte. Falls es überhaupt zu Kommunikation in vollständigen Sätzen in der eigenen Sprache kommt. Die Bewohner des Familienplaneten pflegen gelegentlich in unvollständigen Sätzen und unverständlichen Lauten zu kommunizieren: „Dadada, eieieie, butzibutzi” usw.

Kurz: Als Single auf dem Familienplaneten einzufliegen, kann ausgesprochen anstrengend sein, wenn man die Regeln nicht kennt und nicht weiß, wie man sich richtig verhalten soll. Wer – durchaus verständlich – aus Unsicherheit auf Besuche auf Familienplaneten verzichtet, verpasst jedoch unendlich viele schöne, lebendige Momente. Ich habe im Laufe der letzten 20 Jahre mehrere Tausend Stunden bei ganz verschiedenen Familien verbracht und einige hilfreiche Überlebensstrategien entdeckt, die Aufenthalte bei Familien sogar zum Genuss werden lassen können. Ich schreibe aus Single-Perspektive, aber vieles könnte auch für kinderlose Paare hilfreich sein. Und vielleicht finden sogar die Planetenbewohner die eine oder andere Anregung, wie sie die Zeit mit Besuchern auf ihrem Planten für alle angenehmer gestalten könnten.

1. Zweckmäßige Kleidung

Bei Reisen in fremdes Territorium empfiehlt sich angepasste Kleidung. Es muss kein gepanzerter Schutzanzug sein – aber mit Stöckelschuhen lässt sich nun mal nicht gut Fangen spielen. Und mit enger Kleidung kann man nicht gut auf dem Boden sitzen. Edle Blusen und Sakkos ziehen Babyspucke magisch an. Dort bleibt sie besonders gut haften. Für immer. Es ist für alle Beteiligten entspannter, wenn man bequeme Kleidung anhat, die ruhig schmutzig werden darf. Auch die Eltern, die zumindest in der Kleinkindphase nur selten edle Kleidung tragen können, wird es entspannen, wenn der Besucher nicht wie aus dem Ei gepellt daher kommt.

2. Auf Augenhöhe gehen

Keiner liebt es, mit Riesen zu sprechen. Bei kleineren Kinder bedeutet „auf Augenhöhe gehen“, sich körperlich auf ihre Ebene zu begeben, indem man in die Knie geht oder sich zu ihnen auf den Boden setzt. Bei älteren Kindern bedeutet es eher, dass man Ratschläge nicht von oben herab gibt, sondern sie nach ihrer Meinung fragt und sich von ihnen Dinge erklären lässt. Und bei Teenagern darf offen und ehrlich diskutiert werden.
Auf Augenhöhe gehen bedeutet auch, dass man Kinder auch emotional nicht überrennt. Manche wohlmeinenden Singles wollen Kindern gleich zu Beginn des Besuchs zeigen, wie lieb sie sie doch haben – und überschütten sie mit zärtlichen Worten und Gesten: „Ach bist du süss. Bussi. Bussi. Bussi.“ Was meist dazu führt, dass Kinder die Flucht ergreifen. Besser ist, man lässt sich und den Kindern Zeit, warm zu werden. Die Kinder werden es einem – nach einer Weile – mit echter Nähe danken.

3. Aufmerksamkeit schenken

Kinder wollen und brauchen Aufmerksamkeit. Kürzlich war ich Übernachtungsgast bei einer Familie, die ich bislang nicht kannte. Beim Frühstück tauten die Kinder langsam auf. Der Kleinste prahlte: „Ich kann auf Englisch bis Zehn zählen.“ Und lispelte: „Won, tuuu, sriee…usw.“ „Wow!“ Ich lobte ihn. Sein Bruder wollte nicht zurückstehen: „Und ich bis Zwanzig: one, two, three…“ „Wow!“ Der Älteste trumpfte auf: „Und ich bis Hundert. One, two, three…“ Bei Zwanzig gelang es mir, ihn zu unterbrechen und ihn zu bitten, mir den Rest in Zehnerschritten zu sagen. Mittlerweile hatten die jüngeren Brüder ihre selbstgebaute Pappburg mit Klopapierturm angeschleppt und zerrten mich ungeachtet des Protestes ihrer Mutter „Lasst sie doch in Ruhe essen“ ins Kinderzimmer, damit ich sämtliche Bauwerke bewundern konnte.
Kinder spüren mit eingebautem Seismographen, ob unsere Bewunderung und Aufmerksamkeit für sie echt oder nur vorgetäuscht ist, um sie schnell wieder loszuwerden. Wenn sie keine echte Aufmerksamkeit bekommen, kämpfen sie anschließend – zunehmend nerviger – umso mehr darum. Kinder, die erleben, dass man ihnen – zeitweise – ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt, können zu anderen Zeiten auch getrost darauf verzichten.

4. Kommunikationssprünge gelassen ertragen

Eines Morgens wurde ich von der Freundin, bei der ich zu Besuch war, gefragt „Kerstin, magst du nen Kaffee? Hast du auch eine frische Unterhose an?“ „Was?“ Ich habe einige Sekunden gebraucht, um zu realisieren, dass die erste Frage mir galt, die zweite meinem fünfjährigen Patenkind. In Familien gehört der fliegende, übergangslose Wechsel von einem zum nächsten Gesprächspartner zum Überlebensprogramm. Für Singles ist der Umgang damit eine riesige emotionale Herausforderung. Gerade hat man der Freundin noch von beruflichen und privaten Sorgen erzählt und sie hat mitfühlend genickt, doch plötzlich ist sie ganz wo anders: „Peter, neeeeeeeeeeeeeeein, nicht die Milch umschütten. Lisa, die Schere ist da, wo sie immer ist, in der Schublade. Ach, ja. Wo waren wir eben?“
Das ist hart. Sowohl für die Besucher, die dieses Verhalten fälschlicherweise auf sich beziehen: „Sie haben kein Interesse mehr an mir“ und dann mit dem Gefühl kämpfen, unerwünscht zu sein. Aber auch für die Eltern, die nirgends richtig sein können. Aber – zumindest in der Kleinkindphase – gehört das einfach dazu. Erlauben Sie sich, eine Weile den langen ruhigen Gesprächszeiten aus den Single-Tagen ihrer Freunde nachzutrauern. Und akzeptieren Sie dann, was gerade eben so ist: Dass Sie nicht mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit Ihrer Freunde genießen, sondern diese mit einem / einigen kleinen Menschen teilen dürfen. Machen Sie das Beste daraus. Falls die Eltern das Wohnzimmer gerade fluchtartig zu einem Noteinsatz im Kinderzimmer verlassen haben, lesen Sie einfach entspannt in den Büchern, die Sie unter dem Couchtisch finden, falls Hilfe bei Blähungen, das große Stillbuch und Puh, der Bär Sie interessieren. Oder bauen Sie heimlich an der Legoburg weiter. Wo immer möglich, kann man darauf achten, dass gemeinsame Zeiten an Orten (z. B. Cafés mit Spielecke) oder zu Zeiten stattfinden, die ruhigere Gesprächsphasen ermöglichen. Das werden auch die Eltern genießen.

5. Mitmachen
Auch wenn „Piep. Piep. Piep. Wir haben uns alle lieb!“ – trotz Gildo Horn – nicht zum Alltagsvokabular moderner Großstadt-Singles gehört – machen Sie einfach mit. Und genießen Sie es. Bei Spielen und Ritualen einfach locker bleiben und so gut es geht mitmachen. Auch wenn wir, in Familienritualen ungeübte Menschen, uns im ersten Moment albern dabei vorkommen – letztlich ist es schön, wenn wir uns selbst erlauben können, ein bisschen Kind zu sein. Auch wenn wir weder Text noch Klatschrhythmus beherrschen. Und die Kinder natürlich über unsere Unkenntnis lachen. Und sich richtig groß dabei vorkommen.
Natürlich ist bei Zoobesuchen das Lauftempo zwischen den Käfigen unendlich langsam und es bleibt vollkommen unverständlich, warum Kinder im Zoo die meiste Zeit auf dem Spielplatz verbringen wollen, statt sich botanisch weiterzubilden. Was soll´s. Es ist eine gewaltige Umstellung, aber tut – gerade geschäftstüchtigen Menschen, die ihr Leben ständig selbst gestalten (müssen) – gut, Situationen und Dinge einfach so zu nehmen, wie sie kommen. Und mitzumachen.
Und wenn es mal tatsächlich nicht mehr geht, weil der Lärmpegel oder das Chaos zu heftig wird oder Unvorhergesehenes passiert – ruhig offen sagen: “Du ich glaube, heute ist nicht der beste aller Tage. Ich glaube die Kinder brauchen jetzt Euch. Ganz alleine. Ich komme einfach ein andermal wieder. Ok?“

6. Laufen lassen

Früher habe ich mich manchmal verpflichtet gefühlt, Kindern ein möglichst attraktives Programm zu bieten – nicht zuletzt, um zu zeigen und zu beweisen, wie cool ich bin. Mein Animationsprogramm kam nicht immer gut an. Mittlerweile habe ich entdeckt: Kinder brauchen keinen Unterhaltungskünstler, Clown und Animateur. Sie kommen schon selbst auf einen zu, wenn sie gemeinsame Zeit und Aufmerksamkeit wünschen. Dann kann man fragen: Was möchtest du jetzt gerne tun? Und gespannt auf die Vorschläge sein: So habe ich z.B. die Internet-Seite der lokalen Feuerwehr entdeckt, die mein Patenkind mir zeigen wollte. Und habe einfach schöne Kuschelzeiten mit Kindern erlebt, die nichts anderes wollten, als bei mir zu sein.

7. Rituale entwickeln und pflegen
Kinder lieben Rituale. Die müssen nicht feierlich sein. Rituale sind nichts anderes als wiederkehrende, Vertrauen schaffende, gleichbleibende Handlungen. Das können Begrüßungsformen sein, bestimmte Geschichten, Spiele, Sätze, Floskeln, die man nur mit diesem einen Menschen austauscht. Und mit diesem einen Menschen immer wieder. Ich erinnere mich bis heute an die Tante einer Schulfreundin, die uns immer die Geschichte vom aufblasbaren Gummipferd erzählte. Sonst weiß ich fast nichts mehr über sie. Aber das Ritual ist mir in Erinnerung geblieben. Zwischen meinem Patenkind Leonie und mir findet bei jeder Begegnung der immer gleichbleibende Dialog statt, der irgendwann einmal zufällig beim Kaffeetrinken entstanden ist. Sie: „Wie heiße ich?“ „Leonie. Und wenn du Tee trinkst, bist du die Teonie. Und wie heiße ich?“ Sie – mit triumphierendem Unterton in der Stimme: „Kaffeetin“. Und dann wieder: „Wie heiße ich?“ Bis zu fünf Wiederholungen pro Begegnung. Sie findet das unglaublich witzig und kann gar nicht genug davon kriegen.

8. Rat holen

Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung davon, womit Fünfjährige am liebsten spielen, welche Bücher bei Achtjährigen „in“ sind (wahrscheinlich ist sogar das Wort „in“ längst „out”). Ich weiß auch nicht, welche Aktivitäten oder Videos sich für einen Pizzaabend mit älteren Kindern eignen. Bevor ich es riskiere, in entnervt verdrehte Augen von Kindern zu blicken und einen Kommentar wie: „Das ist doch Babykram“ zu hören, frage ich lieber Menschen, die sich auskennen, um Rat. Eltern, Verkäufer oder Kinder im gleichen Alter.
Gleiches gilt für Mitbringsel. Ich fragte einmal den Vater einer Familie, ob ich seinen Kindern Smarties mitbringen könnte oder ob es in ihrer Familie eine Anti-Süßigkeiten Politik gäbe. Er antwortete: „Das haben wir schon lange aufgegeben.“ Als ich die Smarties – wohlgemerkt nach dem Abendessen – verteilt hatte, rannten die vier Jungs weg und holten Stifte. Jeder schrieb seinen Namen auf die Packung oder ließ die Eltern schreiben: „Um Streit zu vermeiden!“ Wow!

9. Geschichten erzählen
Die meisten Kinder lieben Geschichten. Erfundene und echte. Oder auch nur Erzählungen aus dem Leben: „Als ich so alt war wie du, da gab es noch keine Handys. Und auch keine Kiwis. Und keine CD-Player!“ Spätestens dann merken die Kinder, dass man aus einem anderen Jahrhundert stammt und lassen sich fasziniert davon erzählen. Aber auch vorgelesene Geschichten und Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes sind guter Gesprächsstoff und schaffen Verbindung: „Weißt du noch, wie wir zusammen mit den Rädern in den Graben gefallen sind?“ „Ja, klar!“

10. Auf Ratschläge verzichten
Mit Kindern zu leben ist ähnlich herausfordernd, wie den Regelkreis einer Anlage mit 3465 verschiedenen Variablen vernünftig zu steuern. Keiner kann das immer richtig machen. Und natürlich kommt es hin und wieder zu Übersteuerungen des Systems, die umso peinlicher sind, wenn sie von Außenstehenden miterlebt werden. Das ist dann schon schlimm genug. In so einer Situation Erziehungsratschläge zu geben, macht es noch schlimmer. Natürlich zucke ich – ebenso wie das Kind – zusammen, wenn ein Kind wegen einer Unachtsamkeit angeschrien wird. Aber ich muss es den Eltern nicht sagen. Oder wenn, dann in weichen Worten: „Du wirkst gerade etwas angespannt? Magst du darüber reden?“ oder „Was würde dir helfen, mit solchen stressigen Situationen besser klarzukommen? Wann ist es leichter für dich?“ Die meisten Eltern leiden ohnehin an chronisch schlechtem Gewissen, weil sie sich nicht gut, perfekt und liebevoll genug fühlen. Es tut ihnen gut, wenn sie mal von anderen hören: “Das war toll, wie du das gerade deinem Kind erklärt hast! Das hätte ich nie so gut gekonnt!“ Ach, noch was: Kinder mögen Ratschläge übrigens genauso wenig wie ihre Eltern.

Auch wenn ich am Anfang dieses Artikels alle in 20 Jahren selbst miterlebten Katastrophenszenarien in Kurzform beschrieben habe, stimmt es dennoch: Ich bin gerne mit Familien zusammen. Großen und kleinen. Ordentlichen und chaotischen. Es tut mir gut. Manches läuft anders als bei mir. Manches läuft gar nicht. Aber ohne das Wagnis, mich immer wieder auf die Wunderwelt der Familienplaneten einzulassen, hätte ich unendlich viele schöne, lohnende Momente verpasst. So setzte ich mich zum Beispiel am Ende eines langen Tages auf die Treppe zu Hanna, die damals vier Jahre alt war. Ich fragte sie: “Na, wie war dein Tag?” Sie sah mich mit großen Augen an und antwortete: „Ich hab dich vermisst!“
Einige Jahre später, als ich in einer schwierigen persönlichen Situation steckte, bat ich Hanna, mir ein Bild zu malen. Sie fragte, was sie denn malen sollte. Ich bat sie, ein Bild der Hoffnung zu malen. Ich war gespannt. Sie malte die vier Jahreszeiten, beginnend mit Winter, wo nichts wächst, aber wo man Lieder singen kann. Das Bild hängt bis heute an meinem Kühlschrank und erinnert mich daran, dass nach schweren Zeiten auch wieder schöne kommen. Es gehört zu den wertvollsten Geschenken, die mir je gemacht wurden. Geschenke, wie man sie nur auf dem Kinder- und Familienplaneten findet. Besuch erwünscht.

Kerstin Hack lebt in Berlin und arbeitet als Autorin und Referentin zu Glaubens- und Lebensfragen. In ihrer Beratunspraxis unterstützt sie Einzelpersonen und Paare dabei, für sich passende Lösungen zu finden. www.kerstinhack.de

Zuerst veröffentlicht unter dem Titel: „Singles im Anflug – 10 praktische Überlebensstrategien für kinderlose Besucher auf dem Familienplaneten“ im Magazin Family, Juni 2008, mit freundliche Genehmigung. www.bvzeitschriften.net

Kerstin Hack: Erstaunlicher Alltag…Amazing Grace

„Amazing Grace“ (erstaunliche Gnade) – fast jeder kennt dieses bewegende Lied, das die unverdiente Gnade Gottes mit so tiefen Worten besingt, dass man erstmals oder immer wieder neu ins Staunen kommt – über den Gott, der uns rettet, nahe kommt und erlöst.
Das Lied hat manch einem Menschen in einer verzweifelten Situation die Kraft gegeben, am Leben festzuhalten. Andere hat es nach dem Verlust eines geliebten Menschen getröstet und vermittelt, dass Gottes Gnade auch in dieser Situation für sie greifbar ist „and grace will lead me on“ – die Gnade wird mich weiterführen.
In New York hat es nach der Tragödie vom 11. September eine Kapelle der Heilsarmee gespielt, während freiwillige Helfer Laster mit Hilfsgütern für die Helfer vom Ground Zero beluden. Unzählige Menschen auf der ganzen Welt fanden Trost und Halt in diesem Lied. Erstaunliche Gnade – wenn man sieht, was die Worte eines Mannes im Herzen von Millionen bewirken können.

Noch erstaunlicher, wenn man das Leben des Autors ansieht.

John Newtons Leben war dramatisch genug. Er verlebte eine glückliche Kindheit – obwohl er schon im Alter von vier Jahren Latein lernen musste. Bildung wurde in seiner Familie ebenso groß geschrieben wie der Glaube – und er nahm beides hungrig in sich auf. Prägend war vor allem seine tiefgläubige Mutter – der Vater war als Seemann oft unterwegs. Als er sieben Jahre alt ist, stirbt seine Mutter an Tuberkulose, der Vater heiratet bald darauf erneut und gründet eine neue Familie. Der kleine John kommt in ein Internat, das ihm die Freude am Lernen verdirbt und seine religiöse Erziehung verblassen lässt. Als er elf Jahre alt ist, wird er Seemann auf dem Schiff seines Vaters. Die Reste seines Glaubens zerbröckeln immer mehr und schließlich wirft er sie im wahrsten Sinne über Bord und wird zu einem militanten Atheisten, der für den christlichen Glauben nur Spott und Verhöhnung übrig hat. Voll Eifer versucht er auch gläubige Menschen von ihrem Glauben abzubringen, was ihm auch in mindestens einem Fall gelingt. Die Jahre auf See sind hart, gekennzeichnet von rauem Leben, Einsamkeit, Sehnsucht nach einer jungen Frau, Mary, in die er sich zutiefst verliebt hatte. Er wird von der Marine zwangsrekrutiert, landet auf Sklavenschiffen in Afrika, erlebt grausame Gefangenschaft und entkommt mehrfach knapp dem Tod.

Schließlich kann er durch die Intervention seines Vaters nach England zurückkehren und erlebt auf der Rückfahrt „erstaunliche Gnade“ – in der Kajüte findet er ein Buch über den schlichten Glauben des mittelalterlichen Mönches Thomas von Kempen. Unter dem Eindruck des Gelesenen findet er in einer langen Nacht, als sein Schiff in einem Sturm fast Schiffbruch erleidet, die Gnade Gottes neu: „Was blind but now I see“ – „Ich war blind – doch nun kann ich wieder sehen“.

Zurück in England kann er Mary heiraten, die auf ihn gewartet hat, erlebt in der Beziehung zu ihr tiefe Herzensnähe und warmen, tiefen Austausch, was viele seiner Briefe bezeugen. Er muss allerdings, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, weiter lange Zeit zur See fahren – als Kapitän auf Schiffen, die Sklaven in die Neue Welt bringen. Erst später, nach einem Schlaganfall, kann er auf Fürsprache eines Adligen ein Pfarramt in der Nähe von Cambridge übernehmen. Dort predigt er, kümmert sich um die Gemeinde und schreibt Lieder – von der erstaunlichen Gnade Gottes.
Noch erstaunlicher als die bewegte Biographie Newtons, die auch heute noch Stoff für eine ganze Reihe von Filmen und Büchern bieten würde, bewegt mich, wie das Lied entstanden ist. Es war – erstaunlich normal. „Amazing Grace“ wurde nicht in einem besonders bewegten Moment geschrieben, als der Autor von erhabenen, tiefen, intensiven Gefühlen durchflutet wurde und sich Gott besonders nahe fühlte. Es entstand auch nicht auf einem Berg, an einem besonderen Ort. Es entstand schlicht und ergreifend in seinem Arbeitszimmer. Lieder schreiben war Teil seiner ganz normalen wöchentlichen Routine. Als Pfarrer war es Newton wichtig, dass seine Gemeinde die Predigtthemen möglichst gut verinnerlichen konnte. Deshalb schrieb er jede Woche (!) ein Lied passend zu der Predigt, die er halten würde. Ein Lied, eine Predigt. Woche für Woche. Nichts Besonderes. Ganz normaler Pfarrersalltag. Und Woche für Woche ein Lied dazu. Wahrscheinlich hat es nicht viele gekümmert, ob er Lieder für sie schrieb. Das musste man als Pfarrer nicht tun. Aber er tat es. Weil die Menschen in der kleinen Landgemeinde in einem Nest in England, das kaum Jemand kennt und ihr geistliches Leben, ihm wichtig waren.
An einem kalten Dezembertag 1772 arbeitete er an einer Predigt über 1. Chr. 17, 16 – 17. Das ist die Passage, in der König David im Rückblick auf sein Leben erstaunt zu Gott sagt: „Wer bin ich und was ist mein Haus, dass du mich bis hierher gebracht hast?“
Als Newton, inspiriert durch die biblische Geschichte, auf sein eigenes Leben zurück sah, brachte er die Worte „erstaunlich“ und „Gnade“ nebeneinander auf Papier. „Amazing Grace“ war geboren. Mitten in seine Wochenroutine wird aus tief erlebtem, eigenen Leben durch Gottes Führung ein Lied geboren, der Millionen von Menschen auf der Welt berühren sollte. Wahrscheinlich war sein Schreiben ein so vertrauter, alltäglicher Ausdruck seiner Fürsorge für die ihm anvertrauten Gemeindeglieder, dass er vielleicht nicht einmal wahrgenommen hat, was für tief bewegende Worte er in diesem Moment geschrieben hat: Wie Gott die Worte, die an diesem kalten Wintertag aus seiner Feder geflossen waren, gebrauchen würde, konnte er sicher nicht einmal ahnen.

So etwas kann man nicht voraussagen. Nicht planen. Aber es gibt der Alltagsroutine neue Kraft, wenn man ahnt, dass Gott einzelne Momente davon mit tiefem Leben füllen kann. Wenn aus einem von Hunderten von Liedern, ein Lied geboren wird, dass das Leben von vielen bereichern kann. Aber dass alle anderen Alltagsmomente genauso wertvoll sind, weil jede Zuwendung und Liebe zählt – egal ob sie einen berührt oder Millionen. Das ist Amazing Grace – erstaunliche Gnade.

Es gibt noch ein zweites Lied von John Newton, das das Leben von Millionen von Menschen verändert hat. Text und Melodie des Liedes sind heute unbekannt. Niemand hat es veröffentlicht. Es war ihnen nicht wichtig. Newton hat es „nur“ für ein paar Kinder geschrieben. Das tat man(n) im 18. Jahrhundert nicht. Newton tat es trotzdem, weil er Kinder liebte. Besonders lag ihm William, ein achtjähriger Junge, am Herzen, der ihn mit seiner Tante besuchte – vielleicht weil der Junge ebenso wie Newton selbst verwaist war. Der Junge war sehr intelligent, besuchte bereits als 14jähriger die Universität von Cambridge und war bereits im Alter von nur 21 Jahren Angehöriger des Parlaments als Parlamentsvertreter für Yorkshire. Er war begabt, reich und mächtig. Mit seiner Karriere ging es steil bergauf. 1785 fand er auf einer Wandertour zum Glauben an Christus und schrieb „Welch unendliche Liebe, dass Christus gestorben ist, um einen solchen Sünder zu retten.“ Er entdeckte erstaunliche Gnade, die ihn aber auch vor eine schwere Entscheidung stellte: Was war das Beste für seinen weiteren Lebensweg? Sollte er seine Privilegien und sein politisches Amt aufgeben, um Christus vielleicht auf andere Art und Weise zu dienen? Oder im Amt bleiben und dort Jesus nachfolgen? Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht und die Frage trieb ihn um und quälte ihn. Er brauchte guten Rat, keine Meinung, keine Floskeln, sondern tiefen, guten, wegweisenden Rat.

Er wusste, an wen er sich wenden konnte: Weil John Newton für ihn da war, als er noch ein Kind war, für ihn Lieder geschrieben und ihn schon damals ernst genommen wusste er, dass er bei ihm guten Rat finden würde. Die Männer redeten miteinander und Newton riet ihm, als bewusster Christ in der Politik zu bleiben, dort seinen Einfluss zu nutzen, um sich für das Evangelium einzusetzen. Der junge Mann schrieb nach diesem Rat in sein Tagebuch: „Ich spürte, wie ich ruhig und gelassen war, bescheidener und inbrünstiger auf Gott sah.“ Es war niemand anderes als William Wilberforce, der zu einem der einflussreichsten Männer Englands im 19. Jahrhundert werden sollte.

Er nahm den Auftrag ernst, Christus im Beruf zu folgen und nutze im Laufe der nächsten Jahrzehnte sein politisches Amt und seinen Einfluss, um sich für das Evangelium einzusetzen. Insbesondere lag es ihm am Herzen, dass die Sklaverei in England abgeschafft und der Sklavenhandel für illegal erklärt würde. Es hat eine gewisse Ironie, wenn man bedenkt, dass sein geistlicher Ziehvater John Newton, der ihn zu der politischen Karriere ermutigt hat, selbst jahrelang Kapitän auf Sklavenschiffen war. Wilberforce wurde zu Beginn seines Engagements für die Abschaffung der Sklaverei noch von den Befürwortern der Sklaverei belächelt, doch er gab nicht auf, sondern verfolgte sein Ziel mit zäher Entschlossenheit.
Vor jeder Einladung überlegte er sich, wen er dort treffen könnte und wie er diesen Menschen für das Ziel, den grausamen Sklavenhandel abzuschaffen oder für andere Anliegen, die ihm als Christen wichtig waren, gewinnen könnte. Er schrieb seine wichtigsten Argumente auf „Spickzettel“, um im Bedarfsfall darauf zugreifen zu können. Diese Routine praktizierte er vor jedem Empfang oder jedem Treffen zu dem er ging. Manchmal prallten seine Worte an seinen Zuhörern ab, aber immer wieder erlebte er, wie der eine oder andere sich davon bewegen ließ. Stück um Stück, Gespräch für Gespräch, Rede für Rede gewann er Einfluss und Zustimmung für seine Anliegen.
Biographen sagen, dass Wilberforce durch seinen kontinuierlichen Einsatz für das Evangelium und die Menschenrechte England mehr geprägt und beeinflusst hat, als die großen Erweckungsprediger John und Charles Wesley. Nur wenige Tage vor seinem Tod erreichte ihn die Nachricht, dass sein Lebenswerk erfüllt war – der Sklavenhandel wurde als illegal erklärt. Erstaunliche Gnade.

Millionen von Menschen wurden in England und später in anderen Ländern aus der Sklaverei befreit oder gar nicht erst versklavt. Weil ein Mann sich die Zeit nahm, Lieder für Kinder zu schreiben. Die Liebe und Wertschätzung, die darin zum Ausdruck kam, führte dazu, dass eines der Kinder sich ihm später bei einer wichtigen Lebensfrage anvertraute und guten Rat bekam. Und so wurden Weichen für ein Land, sogar für die ganze Welt gestellt.

Newton tat nichts Besonderes. Er schrieb Lieder, um seiner Gemeinde Predigtinhalte zu vermitteln. Für einzelne Menschen, die ihm wichtig waren. Ohne zu ahnen, wie viele Einzelne davon bewegt würden. Er tat es nur, weil ihm die Menschen wertvoll waren und er für sie da sein wollte. Und er schrieb Lieder für Kinder. Nichts Besonderes. Er schrieb die Lieder für einige, wenige. War für die einzelnen da. Er gab ihnen ganz alltäglich Zuwendung – auf seine Art und Weise, mit seiner Begabung. Für Dutzende von Kindern. Er streute Samen der Liebe und Ermutigung aus – ganz erstaunliche Alltagsroutine – ohne zu ahnen, dass einer dieser Samen aufgehen und Auswirkungen auf das Leben von Millionen von Menschen haben würde. Er teile aus, wie Gott es tut, weil er wusste, dass jedes Samenkorn der Liebe wertvoll ist.. „Siehe es ging ein Sämann aus zu säen… Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach.“ Mt. 13, 3 – 8.
Erstaunlich einfach. Nichts weiter als Alltagsroutine, Alltagsliebe, Alltagszuwendung – und in allem Alltäglichen Momente der Gnade. Erstaunliche Gnade.