Kerstin Hack: Berlin – meine Stadt verstehen, sehen und lieben

IMG_1311Ich bin ein typisches Landkind. Ich liebe die Natur, Blumen, lange Spaziergänge, unberührte Landschaften. Als ich nach Berlin zog, verband mich nichts mit der Stadt, außer der Tatsache, „Kerstin Hack: Berlin – meine Stadt verstehen, sehen und lieben“ weiterlesen

Kerstin Hack: Gebet auf Berlins Straßen. Protokolle vom 30. April und 1. Mai 2006

Es ist wieder soweit. 1. Mai in Berlin. Linksradikale, Autonome und andere Gruppierungen, die ihrem Ärger und ihren Forderungen lautstark und zur Not auch gewaltsam Ausdruck verleihen wollen, schmieden Pläne für ihren 1. Mai. „Kerstin Hack: Gebet auf Berlins Straßen. Protokolle vom 30. April und 1. Mai 2006“ weiterlesen

Kerstin Hack: Unter seinen Flügeln fliegen. Als junge Frau im geistlichen Dienst.

Kerstin Hack über die Auseinandersetzung mit der Frage von Frauen in geistlicher Leiterschaft. Hier berichtet sie von bezeichnenden Stationen in ihrem Leben.

Eine Chronologie. „Kerstin Hack: Unter seinen Flügeln fliegen. Als junge Frau im geistlichen Dienst.“ weiterlesen

10 Satzanfänge – Kerstin Hack erzählt, was sie mag

Meiner Meinung nach …

 

  • die schönste Art zu entspannen:

Liegen

Im Sommer: In der Sonne auf dem Balkon oder an einem Gewässer.

Im Winter: In einem heißen Schaumbad mit Kerzen und einem kühlen Getränk.

  • das Aufregendste, was man den Augen derzeit bieten kann:

Berliner Architektur von klassisch bis ultramodern. Gute Fotografie, die das Gewöhnliche aus außergewöhnlichem Blickwinkel zeigt. Und Hannah, mein Patenkind – immer wieder neu zum Staunen.

  • der beste Tipp für den Umgang mit der Hausarbeit:

Nicht alles schaffen zu wollen. Klar zu entscheiden, was das Wichtigste ist und den zeitraubenden Detailkram (Schubladen sortieren etc.) für ruhigere Zeiten aufheben. Und beim Putzen Tenöre in voller Lautstärker hören – das bringt in Schwung.

  • die menschenfreundlichste Erfindung aller Zeiten:

Für Frauen: Der BH. Die Vorstellung, mit einem Korsett herumzulaufen, finde ich doch sehr einengend.

  • die am dringendsten notwendige Versöhnung:

Begegnung und Versöhnung zwischen Christen aus dem Westen und den Menschen aus der arabischen Welt.  Manche Christen, die alle Menschen aus dem Mittleren Osten als Feinde sehen – und vergessen, dass Jesus selbst aus dieser Region kam. Und Moslems, die Feindbilder gegen Christen und Juden aufbauen. Ein arabisches Kind aus Berlin kommentierte: »Als es die Kindergruppe noch nicht gab, dachte ich, alle Christen sind böse. Aber seit ich euch kenne, weiß ich: ihr seid genauso nett wie wir Araber!«

Außerdem: Die Versöhnung jedes Menschen mit sich selbst und seiner – oft holprigen – Geschichte.

  • die wichtigste Veränderung, die Christen angehen sollten:

Das Wort „du musst“ und „du solltest“ aus unserem Wortschatz streichen. Jesus hat diese Worte nie verwendet, um Menschen zur Veränderung anzuregen.

  • der beste Weg, Stille in den Alltag einzubauen:

Die Zeit zwischen zwei verschiedenen Tätigkeiten für Momente zum Singen, Beten, still sein nutzen.

  • die größte Stärke von Männern:

Ganz anders zu sein. Sich für (aus meiner Perspektive) ungewöhnliche Dinge wie Formel 1 und Technik richtig begeistern zu können. Und mich damit immer wieder neu zu erstaunen und zu faszinieren.

  • die größte Schwäche von Frauen:

Die dumme Angewohnheit, alles auf sich zu beziehen, jeden muffigen Blick, jedes Schweigen…

  • die merkwürdigste Idee, die ich je hatte:

An einem Abend so lange gemeinsam mit einem Freund das Gespräch mit Menschen über Jesus suchen, bis jemand sich entscheiden würde, ihm zu folgen. Dem folgten vier unendlich frustrierende Stunden und am Ende die überraschende und beglückende Begegnung mit einer Frau, die nach der Begegnung mit uns, ihren Weg mit Jesus begann.

Bearbeitete Fassung einer Frageserie, die zuerst in der Zeitschrift Joyce erschien. Mit freundlicher Genehmigung.

Hoffnung hilft – 1. Mai in Kreuzberg, Berlin

Oder: Wenn man nur noch schreien kann

„Halt. Stehenbleiben. Ja, du – dich meine ich!“

Wenn Menschen laut rufen, dann wollen sie Distanz überbrücken.
Wie die Mutter, die ihrem Kind zuruft: „Halt, da kommt ein Auto.“, wenn sie zu weit weg ist, um es selbst zurück zu halten. Wir rufen auch dann laut, wenn die räumliche Distanz zwischen uns zu groß ist.

„Hey, du da. Jaaa! Ich brauche den Eimer. Bitte gib mir den runter.“
„Okay!“

Schreien überbrückt Distanz. Es hilft, den anderen, der weit weg ist zu erreichen. Manchmal schreien Leute einander an, obwohl sie ganz nah beieinander stehen. Das kann man bei Paaren gelegentlich beobachten. Die schreien einander an, obwohl sie im gleichen Raum sind. Und obwohl sie beide nicht schwerhörig sind.

Man kann das auch am 1. Mai erleben. Da brüllen Leute einander oder die Polizisten an, obwohl die direkt vor ihnen stehen und eigentlich ganz gut hören können.

Aber es macht Sinn. Mit Schreien überbrücken wir Distanz. Manchmal räumliche Distanz, aber manchmal auch innerliche Distanz, wenn wir denken, dass der Andere ganz weit weg ist. Wenn man Nähe spürt, muss man nicht schreien. Menschen, die sich ganz nah sind, flüstern oft sogar nur miteinander – zum Beispiel Liebespaare.

Schreien ist oft wirkungsvoll.

In unserer Familie war mein Bruder im Gegensatz zu mir immer der Brave. Ich hatte des Öfteren recht kreative Ideen, die meine Eltern nicht immer so gut fanden. Er hingegen hielt sich jedoch meistens an die Regeln. Doch irgendwann hatte er tatsächlich etwas ausgefressen. Meine Mutter wollte ihm dafür eine runterhauen. Das kam in meiner Familie zum Glück sehr selten vor. Aber in dem Moment war es so weit – sie holte mit dem Arm aus. Und mein Bruder rannte weg. Dann brüllte sie „Halt. Bleib stehen!“ Und war so erschrocken, dass er tatsächlich stehenblieb und sich eine Ohrfeige einfing.

Schreien ist wirkungsvoll. Babies machen es auch dauernd. Sie signalisieren mit dem Schreien: „Ich hab ein Problem. Ich spüre Schmerz. Mir tut etwas weh. Mach was, hilf mir.“ Die meisten Erwachsenen finden das cool und angemessen und machen dann alles Mögliche, um das Schreibündel zufrieden zu stellen.

Wir reagieren auf Schreien, weil es signalisiert: „Da ist einer in Not“.

Schreien ist auch ein Ausdruck von Hoffnung. Man schreit, weil man hofft: Vielleicht reagiert ja einer. Wer völlig verzweifelt ist – etwa, weil er sich in der Antarktis verlaufen hat oder in einer tiefen Depression hängt – schreit nicht mehr. Er gibt auf. Wer schreit, hat noch Hoffnung. Hoffnung gehört zu werden. – Hoffnung hilft!

Die lauteste Form von Schreien ist Gewalt. Wenn man denkt, der andere hört nicht zu, man kommt nicht durch, dann wendet man Gewalt an. Man packt den anderen am Kragen, zertrümmert Teller, schlägt die Möbel kurz und klein – man will, dass der andere hört und spürt: Mir tut hier was weh. Ich kann nicht mehr. Ich bin verzweifelt.

Ich saß mal mit 200 anderen Passagieren auf einem Flughafen fest. Wir saßen da 12 Stunden, ohne Information, ohne Essen, ohne Trinken. Und ohne dass Mitarbeiter der Fluggesellschaft sich um uns gekümmert hätten. Irgendwann war ein Mann so verzweifelt, dass er anfing, mit aller Kraft Plastikschilder zu zertrümmern. Das muss wohl auf den Überwachungskameras zu sehen gewesen sein. Kurz darauf kamen Mitarbeiter der Fluggesellschaft. Sie wollten ihn gleich abführen. Doch der Mann schrie sie an, machte sie auf unsere Lage aufmerksam. Sie reagierten auf seinen Hilfeschrei und brachten uns Wasser, gaben uns Information und einige Stunden später bekamen wir auch etwas zu essen.

Gewalt ist oft nichts anderes als sehr lautes, verzweifeltes Schreien.

So war es vor vielen Jahren auch bei vier Männern in Israel. Sie hatten einen Freund, der durch eine Krankheit bewegungsunfähig geworden war. Er konnte nicht mehr laufen. Sie waren alle verzweifelt.

Dann hörten sie von einem Wanderprediger mit Wunderkräften, der in ihre Gegend kam. Nichts wie hin. Sie bastelten eine improvisierte Trage und schleppten ihren Freund zu dem Haus, in dem der Prediger sich aufhielt.

Nur: Das Gebäude war rappelvoll. Schlimmer als bei „Deutschland sucht den Superstar“. Bis vor die Türen standen die Leute. Jeder wollte einen Blick auf den Wunderprediger erhaschen, seine Worte hören. Die Jungs machten auf ihre Lage aufmerksam. Erst höflich: „Bitte lasst uns durch! Wir wollen unseren Freund zu diesem Arzt bringen.“ Keine Reaktion.

Dann etwas lauter: „Hey Alter, hau mal ab, mein Kumpel hat ein Problem, wir müssen zu dem Meister durch.“ Keine Chance. Die Leute standen wie ne Mauer. Kein Durchkommen. Also raus, aufs Dach. Wenn die Türen zu sind, muss man andere Wege suchen.

Hoffnung hilft. Hoffnung hilft, Wege zu finden, wenn die normalen Wege verschlossen scheinen.

Die Jungs kletterten hoch, zogen ihren Freund hinterher und fingen an, das Dach zu zertrümmern. Unten saßen die Leute. Sie hörten andächtig dem weisen Mann zu, als plötzlich Staub auf sie rieselte, dann immer größere Brocken Holz, Lehm und Stroh herunterkamen. „Was soll das? Seid ihr verrückt?“ schrien sie. Und: „Macht doch was! Haltet die da oben auf!“ riefen sie den Leuten draußen zu. Doch die Zuschauer schauten wie überall lieber zu als einzugreifen.

Irgendwann war das Loch groß genug, um den Freund runterzulassen. Direkt vor die Füße von dem Meister: Jesus.

Wie reagiert man auf so ein Verhalten?

Stellt euch vor, ihr sitzt in der Kirche und plötzlich schleppen ein paar Typen einen Verwundeten an. Oder einen Alkoholiker, der Hilfe braucht. Und weil die Tür gerade geschlossen ist, schlagen sie ein paar Altarfenster ein, um rein zu kommen.

Der typische Deutsche hätte vielleicht gesagt: „So geht das nicht. Diese Jugend heute. Einfach alles kaputt machen. Kein Gefühl für Anstand und Ordnung. Was die machen, ist ja Sachbeschädigung. Klarer Verstoß gegen §303 des Strafgesetzbuches. Außerdem – Hausfriedensbruch, Verstoß gegen §123. Außerdem noch Störung einer öffentlichen Versammlung und Störung des öffentlichen Friedens. Die sollte man verhaften lassen. Eine Lektion sollte man ihnen erteilen. Die sollen erst mal lernen, wie man sich benimmt.“

Was macht Jesus? Er verurteilt sie nicht. Er verliert kein Wort darüber, dass ihr Handeln falsch war. Dass sie Gesetze übertreten hatten, wussten sie ohnehin selbst. Jesus schaut sie erst mal an. Die Jungs und den Kranken, den sie ihm vor die Füße gelegt haben. Er sieht die Hoffnung in ihren Augen. Hoffnung hilft.

Und weil er selbst die Hoffnung in Person ist, reagiert er. Er sagt: „Das größte Problem ist nicht das, was äußerlich an deinem Körper kaputt ist. Das größte Problem ist, was in dir drin kaputt ist. Das, was dich von Gott trennt. Das mache ich jetzt wieder heil. Ich vergebe dir deine Sünden.“

Dann sagt er: „Ich weiß, dass Vergebung allein nicht genug ist. Du brauchst auch konkrete Hilfe. Hoffnung hilft. Ganz praktisch. Deswegen heile ich dich auch. Er nahm er den Gelähmten an der Hand, half ihm auf, er konnte wieder gehen. Seine Freunde waren glücklich. Sie waren gehört worden. Hoffnung hilft!

Jesus hat auf die radikalen Hausbesetzer seiner Tage reagiert.

– Er hat sie nicht verurteilt.
– Er wies sie darauf hin, dass auch sie ein Problem haben.
– Er handelte konkret, um Lösungen herbeizuführen.

So wie die Freunde des Gelähmten damals, gibt es auch heute Menschen, denen diese kranke und kaputte Erde nicht egal ist. Die aufstehen und sich einsetzen wollen, weil ihnen steigende Mieten, die sich Arme nicht mehr leisten können, nicht egal sind. Weil sie Ausbeutung und Ungerechtigkeit auf dieser Welt nicht gleichgültig lassen. Sie leiden mit und wollen was tun. Sie hoffen auf Veränderung.

Aber oft kommen sie nicht durch. Sie wollen gehört werden. Sie hoffen, bei den Machthabern Gehör zu finden. Sie versuchen mit Worten und Aktionen zu ihnen durchzudringen und auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen.

Doch oft werden sie zurückgewiesen. Die anderen stellen sich taub. Geben ihre angestammten Plätze nicht auf. Verurteilen sie als Störenfriede. Reagieren nicht.
Dann versuchen sie es mit Gewalt. Hausbesetzungen. Gewalt gegen die Polizei. Anschläge. Brandstiftungen. Als verzweifelter Weg, gehört zu werden.

Nein, ich bin nicht für Gewalt. Ich lehne Gewalt als Weg, auf Probleme aufmerksam zu machen, ab. Aber ich kann verstehen, wenn Menschen so verzweifelt sind, dass sie keinen anderen Weg sehen, um auf bestimmte Probleme aufmerksam zu machen. Sie wissen nicht, was sie noch tun können, damit die Hoffnung nicht stirbt.

Wie würde Jesus auf die gewaltbereiten Linken von heute reagieren? Ich denke ähnlich, wie er damals auf die Ruhestörer seiner Zeit reagiert hat.

– Er würde sie liebevoll ansehen und nicht verurteilen.
– Er würde sie darauf hinweisen, dass sie selbst ein Problem haben.
– Er würde konkret handeln, um Hilfe in die notvolle Situation zu bringen.

Ich denke, er würde sie erst mal voller Liebe ansehen. Ihnen zeigen, dass er selbst die Hoffnung ist. Er würde ihnen das gleiche sagen, was er zu dem Gelähmten sagte:

„Das erste Problem, um das es geht ist nicht das, was in dieser Welt kaputt ist: Die korrupten Systeme, die Ausbeutung, die Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Das erste Problem beginnt bei dir, in dir drin. Auch da ist vieles kaputt, zerstört, unlebendig.

Deshalb ist das erste Problem, um das du dich kümmern solltest das, was in dir kaputt ist. Ich biete dir an, das in dir zu heilen, was in dir kaputt ist. Ich will kaputt machen, was dich kaputt macht. Ich will reparieren, was dich von Gott und vom Leben trennt. Das mache ich jetzt wieder heil. Ich vergebe dir deine Sünden. Ich gebe dir neue Hoffnung. Hoffnung hilft. Erst mal im Inneren.

Viele Christen denken, das würde genügen. Menschen auf ihre Trennung von Gott und vom Leben hinweisen. Und damit ist es gut.

Das genügt nicht. Jesus sorgte sich nicht nur um die Seele des Kranken. Er kümmert sich auch um den Rest, den kaputten Körper.

Genauso haben wir – als die Freunde von Jesus auf dieser Erde – den Auftrag, uns um diese kranke, kaputte Erde zu kümmern. Und Wege der Heilung zu suchen. Hoffnung hilft. Ganz praktisch.

Das kann bedeuten, dich um sozial benachteiligte Kinder zu kümmern. Oder Leute, die verschuldet sind, zu beraten. Oder Geld abzugeben. Oder mit jemanden, der sich die gestiegene Miete nicht mehr leisten kann, zum Vermieter zu gehen. Oder ihm helfen, die Differenz zu tragen. Oder auf eine andere Weise deine Fähigkeiten einzusetzen, damit anderen geholfen wird.

„Hoffnung hilft“ ist das Motto dieses Gottesdienstes.

Das bedeutet:
– Hinhören und Hinsehen. Und Menschen, die Gewalt anwenden, um auf Probleme aufmerksam zu machen, nicht zu verurteilen.
– Menschen liebevoll und klar darauf hinweisen, dass sie selbst ein Problem mit Kaputtheit haben. Und dass Jesus ihnen anbietet, das zu lösen.
– Konkrete Wege zu finden, wie man Hilfe und Heilung bringen kann.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen schönen 1. Mai.

Ansprache von Kerstin Hack beim Open Air Gottesdienst am Mariannenplatz

Ansprache als MP3

Die Autorin:

Kerstin Hack ist Verlegerin, Autorin und Coach und engagiert sich ehrenamtlich für ihre Stadt Berlin.

Steve Turner: Das Beispiel U2

Anlässlich des heutigen kostenlosen Mini-Konzertes von U2 in Berlin präsentiert die Lesbar einen Auszug aus dem Buch »Imagine« von Steve Turner.

In diesem Kapitel macht der Autor am Beispiel der Band U2 deutlich, wie Christen Kunst und Kultur mit einem lebendigen Zeugnis ihres Glaubens prägen können. Am Ende gibt es einen Link zum sehr lesenswerten Buch. Doch zunächst hat Steve Turner das Wort:

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Können wir uns Christen vorstellen, die eher zum Künstler berufen sind als zum Prediger? Die nicht nur in der Kunstrichtung ihrer Wahl Eindruck hinterlassen, sondern dies auch noch so tun, dass sie Aufmerksamkeit für eine Weltanschauung erregen, die anders ist als die ihrer Zeitgenossen, eine Weltanschauung, die zum Gespräch anregt? Könnte es sein, dass Christen tatsächlich etwas zu den großen Debatten dieser Welt beizutragen haben?

Es ist nicht nur möglich, sondern es geschieht sogar. Ich habe ein Beispiel aus der Rockmusik gewählt, zum Teil wegen meiner Kenntnisse im Bereich der Musik, zum Teil, weil ich die beteiligten Personen kenne und ihre Geschichte mit besonderem Interesse verfolgt habe.

Als ich 1970 anfing, über Musik zu schreiben, wusste ich von keinem Christen, der in den höheren Ebenen des Rock gearbeitet hätte, niemand glich einem John Lennon, Jerry Garcia oder Jim Morrison. Es kursierten Gerüchte, Eric Clapton sei zum Herrn gekommen, Keith Richards wäre ein wiedergeborener Gläubiger. Keines der Gerüchte erwies sich als wahr.

U2 1980Dann änderten sich die Dinge. 1980 erzählte man mir von »dieser Punk-Gruppe aus Dublin«, in der drei der vier Mitglieder Gläubige seien. Bald gab mir jemand die Bandaufnahme einer Session, bei der Bono, der Sänger und Edge, der Gitarrist, einer kleinen Gruppe von Christen ihre Vision für die Rockmusik mitteilten. Es war ziemlich außergewöhnlich. Bono las aus Jesaja 40, 3: »Eine Stimme ruft: In der Wüste bahnt den Weg des HERRN! Ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott!« Er empfand, dass dieser Vers das zusammenfasste, wozu er berufen war.

Obwohl auch jeder Fehler, den die Band in den letzten zwanzig Jahren gemacht hat, öffentlich bekannt wurde, hat U2 sachkundig ein Gesamtwerk geschaffen, das aus den besten Traditionen der modernen Musik genährt wurde, etwas Einmaliges hinzutat und das eine Vision in sich trägt, die eindeutig in der Bibel verwurzelt ist. Mehr als jede andere Formation in der Geschichte der Rockmusik haben sie Gott, Jesus, die Bibel und eine christliche Weltanschauung auf die Tagesordnung gezwungen. Rockkritiker konnten in den 1970ern den Jesusrock ignorieren (was sie auch taten), aber sie konnten U2 nicht ignorieren; sie mussten eine Stellungnahme über die Werte, für die U2 stand, abgeben.

Was U2 tat, funktionierte, weil sie sowohl Respekt vor der Kunstform des Rock hatten als auch vor den Inhalten des Christentums. Ihre sich entwickelnde Weltanschauung war in ihre Kunst integriert, weil sie instinktiv wussten, wie zeitlose geistliche Wahrheiten mit jugendlichen Ängsten, Ekstasen und Idealen zusammentreffen können.

Es hatte schon viele große Rocksongs über die Sprachlosigkeit gegeben, aber vor »Gloria« (1981) gab es keinen, der das Thema auf das Gefühl, nicht zu wissen, wie man beten soll, ausgeweitet hatte, auf das »unaussprechliche Seufzen«, von dem Paulus im Römerbrief spricht.

Es hatte auch schon viele Lieder über den Wunsch nach Veränderung der Welt gegeben, aber kein Song vor »New Year’s Day« (1983) kam als Schlussfolgerung auf Bilder aus dem Matthäusevangelium und der Offenbarung.

In der Frühzeit der Band gab es einen Eifer, der darauf hinwies, dass sie meinten, nur mit einer großen Anzahl von spezifischen Statements über den Glauben in ihren Texten in der Rockwelt tätig sein zu dürfen. Im Hintergrund gab es die Menschen in ihrer charismatischen Gemeinde, die der Meinung waren, dass das Leben eines Rockstars im Widerspruch zum Ruf Christi, demütige Diener zu sein, stand, weil es von seiner Natur her darauf abgelegt ist, Aufmerksamkeit zu erregen. Die Band hat das nicht von vorne herein von sich gewiesen, sondern sie forschten, was Gott von ihnen wollte, während sie Songs für das Album October (1981) schrieben. Das erklärt den Schrei nach Leitung und das Versprechen der Unterordnung in Liedern wie »Gloria« und »Rejoyce«.

octoberSelbst zu dieser Zeit hatte Bono den Hang, Lieder zu schreiben, als wären zwei Gehirne am Werk. Vielleicht war es auch der eine Verstand, der mit zwei Ebenen der Realität beschäftigt war. Er konnte über etwas schreiben, was er im Fernsehen gesehen hatte und plötzlich war er vor dem Grab Christi; oder er schrieb über polnische Arbeiter und sein Geist landete bei der Wiederkunft Christi. In »Surrender« auf dem Album War (1983) scheint er über ein Mädchen auf der Straße zu schreiben, aber dann wird er abgelenkt von einem Stück Theologie des Paulus. »If I want to live, I’ve got to die to myself someday.« (Wenn ich leben möchte, muss ich eines Tages mir selbst sterben) schreibt er.

Diese Schichten haben den Effekt, als blicke man auf eine von diesen Hologrammpostkarten. Mit der normalen Wahrnehmung erkennen wir die glatte Oberfläche, die wir Realität nennen. Wenn wir die Karte drehen, entdecken wir eine andere Dimension, die zwar die ganze Zeit vorhanden, aber für uns unsichtbar war. Bono schaut das Alltägliche an und landet bald in den Bereichen, die nur ein Christ sehen kann. Und dann kehrt er wieder zurück.

Die drei christlichen Mitglieder von U2 (Bono, Edge und Larry Mullen jr.) wussten, dass im Rock Gefahren lauerten, aber sie beschlossen, lieber mit den Widersprüchlichkeiten zu leben, als aufzugeben. Sie entschieden auch, dass ihre Existenz nicht durch die Menge von Evangelium gerechtfertigt war, die sie austeilen konnten. Das Resultat war, dass U2 intensiver wurde und der Glaube natürlicher das Liederschreiben Bonos durchflutete.

Einige Lieder sind Übungen im Sound, oder sie experimentieren mit Worten. Bono nimmt eine Zufallsphrase wie »Hawkmoon 269« »Unforgettable Fire« oder »Shadows and Tall Trees« als Sprungbrett in eine Übung der Selbsterforschung. Der Text zu »Is That All« wurde im Studio improvisiert, nachdem die musikalische Atmosphäre geschaffen worden war.

Besonders der Produzent Brian Eno ermutigte die Band, nichtlineare Methoden der Kreativität auszuprobieren, anstatt vorbereitete Statements zu Songs zu verwandeln. Soundchecks und Jam Sessions wurden aufgenommen, damit neue musikalische Themen erkennbar wurden. Fehler wurden als Hinweise auf unentdeckte Ideen verwendet, anstatt sie wegzuwerfen. Ein Motto von Eno war: Ehre den Fehler als eine versteckte Absicht.

Es gibt eine zweite Gruppe von Liedern, die bewusster konstruiert sind und sich mit gemeinsamen menschlichen Erfahrungen beschäftigen. Es sind Liebeslieder wie »With Or Without You«, Lieder über den Tod wie »One Tree Hill« oder Lieder über Zweifel wie »The First Time«. Sie zeigen nicht immer eine offensichtlich christliche Lösung auf, weil das nicht notwendig ist. Es genügt, dem Publikum mitzuteilen, dass du genau wie die Zuhörer geliebt, Verlust erlitten, gefeiert und getrauert hast.

Im dritten Bereich sind die Songs, die ein biblisch erwecktes Bewusstsein zeigen. Christus zeigte sich besonders besorgt um die Schwachen, Armen, Beraubten, Entfremdeten, Ausgebeuteten und den an den Rand Gedrängten. Man kann erwarten, dass sich diese Sorge auch in der Kunst seiner Nachfolger widerspiegelt.

Die Auswirkungen dessen, was U2 über den persönlichen Glauben gesagt hat, wäre empfindlich gemindert worden, wenn sie nicht diese Gebote ausgelebt hätten. Ich bin überzeugt, dass ein großer Teil des Respekts, der ihnen jetzt entgegengebracht wird, dadurch entstanden ist, dass sie als Menschen angesehen werden, die zu ihrem Wort stehen. Das Evangelium erscheint den Menschen sinnvoller, wenn sie es gelebt sehen anstatt es nur als Worte zu hören.

U2 war Vorreiter der Einbindung von Rockmusik in globale Themen seit 1985, als sie bei Live Aid auftraten, ein Benefizkonzert für die Menschen in Äthiopien. Neben Bonos persönlichen Besuchen an Brennpunkten der Not und der Beteiligung der gesamten Band an Organisationen wie Amnesty International, Greenpeace und Jubilee 2000 hat U2 zahlreiche kraftvolle Songs veröffentlicht, die darauf abzielen, die traurige Lage der Unterdrückten und Zerbrochenen auf dieser Welt zu verstehen.

»Silver and Gold« war eine Reflektion über die Apartheid, »Red Hill Mining Town« trat in die Gedankenwelt einer Britischen Bergbaubevölkerung ein, deren Gruben geschlossen wurden. »Mothers of the Disappeared« erhob die Stimme für die Argentinier, die ihre Kinder während der Herrschaft der Militärjunta verloren hatten. Natürlich hätte jedes dieser Lieder von einem Ungläubigen geschrieben werden können. Aber obwohl Mitleid nicht exklusiv dem Christentum gehört, hat U2 richtig gehandelt, indem die Band diese Sorgen zu einem integralen Teil ihres Werkes gemacht hat.

Dann kommen wir zum Bereich, in dem wir Lieder vorfinden, die eine klare christliche Ausprägung haben, aber nicht alle losen Fäden verknüpfen. Manchmal benutzt Bono, wie schon erklärt, eine sich verschiebende Perspektive, so dass der aufmerksame Zuhörer mit etwas sehr irdischem angesprochen und dann plötzlich in etwas viel größeres hineingezogen wird.

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Der Song »Mysterious Ways« zum Beispiel beginnt damit, dass Johnny spazieren geht. Johnny ist seit Chuck Berry der Rock-Jedermann. In diesem Song ist aber seine Schwester der Mond. (Anmerkung des Übersetzers: Im Deutschen ist der Mond männlich, im Englischen funktioniert das besser: His sister, the moon.) Dies mag uns an Franz von Assisi erinnern und sein Gebet »An den Bruder Sohn und die Schwester Mond«. Wir wissen aber auf jeden Fall, dass es nicht um Johnny B. Goode geht, und dass sein Ziel nicht die Erfüllung in Hollywood ist. Dann kommen die Zeilen: »If you want to kiss the sky / you better learn how to kneel« (Wenn du den Himmel küssen willst / dann lernst zu besser, zu knien). In »Purple Haze« hatte Jimi Hendrix die Zeile »Excuse me, while I kiss the sky!« (Entschuldige mich, solange ich den Himmel küsse.) – was als wilde psychedelische Phantasie interpretiert worden war. Könnte Bono andeuten, dass man für das ultimative transzendentale Erlebnis tatsächlich in Buße und Gebet auf die Knie gehen muss?

Dann kommt der Chorus, »She moves in mysterious ways« (Sie bewegt sich auf geheimnisvolle Weise), was sich auf die »Schwester Mond« zu beziehen scheint. Der Ausdruck »mysterious ways« ist jedoch ein Bezug auf die Hymne des calvinistischen Poeten aus dem 18ten Jahrhundert William Cowper: »God moves in mysterious ways / His wonders to perform« (Gott bewegt sich auf geheimnisvolle Weise, um Seine Wunder zu tun). Diese Anspielung scheint durch den Schlußchorus bestätigt zu werden: »We move through miracle days / Spirit moves in mysterious ways« (Wir bewegen uns durch Tage der Wunder / der Geist bewegt sich auf geheimnisvolle Weise).

In einem Interview bestätigte Bono, dass der Song mehr als eine Ebene hat. »Es ist ein Lied über Frauen oder eine Frau«, sagte er einerseits. An anderer Stelle sagte er, dass das Lied etwas mit seinem Glauben zu tun hat, »der Heilige Geist habe feminine Eigenschaften«. In der Vorstellungskraft eines Christen deutet das Sichtbare auf das Unsichtbare.

Manchmal scheint Bono in einem bestimmten Kapitel oder Buch der Bibel förmlich zu baden, um dann ein Rock-Update zu schreiben. Das Lied »40« ist beinahe wörtlich aus dem Psalm 40 übernommen, »Fire« nimmt seine Bildersprache aus der Offenbarung. »With a Shout« lässt die Schlacht um Jericho wieder auferstehen und »The Wanderer«, gesungen von Johnny Cash (einem angemessen vom Leben gesättigten Gläubigen) auf dem Album Zooropa (1993) war Bonos Fünf-Minuten-Version des Buches Prediger, ursprünglich unter dem Titel »The Preacher« geschrieben.

Nicht alles biblisch inspirierte Material ist erbaulich. Eine der Lektionen, die Bono aus den Psalmen gelernt hat, ist die, dass es zulässig ist, mit Gott zu streiten. Es gibt Zeiten, in denen sich der Christ genauso niedergeschlagen fühlt wie jeder andere Mensch, aber anstatt sich umzubringen oder zu betrinken, schreit er zu Gott, in dem Bewusstsein, dass Gott die Angewohnheit hat, zurück zu schreien.

Manchmal scheint dieses Streitgespräch in Bonos eigener Stimme aufzutauchen – der Christ, der nach einer Erklärung ruft – manchmal erscheint es mit der Stimme verschiedener desillusionierter und verletzter Menschen. Lieder wie »If God Will Send His Angel« (Wenn Gott seinen Engel schicken wird), in dem es heißt »God has got his phone off the hook babe / Would he pick it up if he could?« (Gott hat seinen Telefonhörer nicht aufgelegt / würde er den Anruf entgegennehmen, wenn er könnte?) und »mofo«, in dem es heißt »Lookin’ for to fill that God shaped hole« (Ich versuche, dass gottförmige Loch zu füllen) sind wie Psalmen der Straße, Gebete von Menschen, die kaum wissen, wie man betet.

»Drowning Man«, ein Lied aus dem Album War, dreht den Prozess um. Es schreit kein Mensch nach Gott, sondern Gott ruft nach dem Menschen, bietet eine Hand der Freundschaft an.

Die überzeugendste Anziehungskraft des Christentums war für Bono als Teenager die Vorstellung, dass Gott an ihm interessiert war. Nicht ein Gott, sondern Gott. »Worauf sollen wir diese Beziehung gründen?«, fragte er. »Die Beziehung muss mit dem Vater anfangen und dann mit Christus bestehen, dem Sohn des Vaters.«

cant leave behindDurch das Album All That You Can’t Leave Behind zieht sich ein Thema, das den Ewigkeitstest besteht: Was bleibt zurück, wenn wir sterben, und was können wir mit uns nehmen? Das Albumcover zeigt die vier Mitglieder der Gruppe stehend im Flughafengebäude. Es wird ein Gefühl erweckt, das uns überkommt, wenn wir fliegen und – wie flüchtig auch immer – mit dem Gedanken spielen: Was wäre, wenn dies unser letzter Flug ist? Auf die CD ist ein Bild von einer Frau und einem Kind gedruckt, auf dem Cover aus der Entfernung zu sehen, verwischt und eine Reminiszenz an Kinobilder von todesnahen Erfahrungen, von Menschen, die in eine unbekannte Zukunft gehen.

Das Lied »Walk On«, aus dem der Albumtitel stammt, scheint sich auf 1. Korinther 13 und die Lehre, dass von allen Gaben, die wir besitzen, nur die Liebe über den Tod hinaus bestehen wird, zu beziehen. »The only baggage you can bring is all that you can’t leave behind.« (Das einzige Gepäck, das du mitnehmen kannst ist all das, was zu nicht zurücklassen kannst.)

Auf dem gleichen Album dreht sich der Song »Grace« um das, was der Titel (Gnade) vermuten lässt: Ein »Gedanke, der die Welt verändert hat«, wie der Text erklärt. Bono malt ein Bild der Gnade als eine weibliche Person, die »Schönheit aus hässlichen Dingen macht«. »Grace, she takes the blame, she covers the shame, removes the stain. It could be her name.« (Gnade, sie nimmt die Schuld, sie bedeckt die Schande, entfernt den Fleck. Es könnte ihr Name sein.)

Das bringt uns zu dem Bereich der Lieder, die eine offensichtliche Botschaft haben. Wie geht eine Rockband mit dem völlig unmodernen Thema des Kreuzes um? Es scheint, dass U2 wegen der aufregenden Musik und der Stärke ihrer Vision in der Lage war, Dinge zu erreichen, die schwächere, weniger phantasievolle Künstler niemals hätten schaffen können.

»Sunday Bloody Sunday« (der Titel »Sonntag, blutiger Sonntag« bezieht sich auf den Tod von Irischen Demonstranten durch britische Truppen im Jahr 1972) bewegt sich von einigen generellen Grübeleien über gewalttätige Konflikte zu den Ursachen (the trenches dug within our hearts – die Schützengräben, die in unseren Herzen ausgehoben wurden) und dann zur letztendlichen Lösung (The real battle just begun to claim the victory Jesus won on Sunday bloody Sunday – Der wahre Kampf hat erst begonnen, den Sieg in Anspruch zu nehmen, den Jesus gewonnen hat am Sonntag, blutigen Sonntag). So wird in diesem Lied aus dem Blut das Blut Christi und der Sonntag wird zum Ostersonntag.

»Pride (In the Name of Love)« endet mit der Ermordung von Martin Luther King jr., aber der Anfang dreht sich um Jesus Christus. Wen sonst kennen wir, der im Namen der Liebe kam, der kam, um gerecht zu machen, der sich der Gewalt entgegenstellte und mit einem Kuss betrogen wurde? Die Verbindung mit King illustriert die Kontinuität der friedlichen Revolution und den mächtigen Schatten, den Christus über die Geschichte geworfen hat.

Die Kompositionen der Gruppe sind reifer geworden und die Anknüpfungspunkte wurden feiner. »Until the End of the World« könnte in einer Bar handeln, wenn man nicht aufmerksam zuhört; tatsächlich spielt die Handlung in Gethsemane. Es ist ein Lied, das in der Stimme des Judas Ischariot geschrieben ist, irgendwo zwischen seinem Verrat und seinem Selbstmord.

»When Love Comes to Town«, ein Experiment mit dem Blues, fängt konventionell genug an, aber am Schluss wissen wir, dass die Liebe, die da in die Stadt kommt (oder gekommen ist) die Liebe Christi ist. Der Erzähler im letzten Vers ist ein Römischer Soldat, der um die Kleider Christi gewürfelt hat und der »gesehen hat, wie die Liebe den tiefen Spalt überwunden hat«.

»I Still Haven’t Found What I’m Looking For« ist ein bewusstes Gegengift gegen die Sorte selbstzufriedener Kunst, die behauptet, alles in unserem Leben könne durch ein schnelles Gebet des Glaubens in Ordnung gebracht werden. Wir leben zwischen zwei großen Ereignissen – dem Kreuz und dem Kommen des Reiches Gottes – und als solche leben wir in einem Spannungsfeld. Wir sind nicht mehr so kaputt wie wir vorher waren, aber wir sind noch nicht so in Ordnung, wie wir sein werden. Das Lied ist kompromisslos über das, was Christus bereits bewirkt hat:

»You broke the bonds, loosed the chains, carried the cross, of my shame, you know I believe it.« (Du hast die Fesseln zerbrochen, die Ketten gelöst, das Kreuz meiner Schande getragen, du weißt, dass ich es glaube.)

Über das, was Christus eines Tages bewirken wird, ist das Lied auch eindeutig: »I believe in the kingdom come, when all the colours will bleed into one.« (Ich glaube an das Kommen des Königreiches, wenn alle Farben in eine zusammenlaufen werden.)

Aber gleichzeitig ist sich Bono der Widersprüche und Kompromisse bewusst. Er kann mit der Zunge eines Engels reden und trotzdem noch die Hand eines Teufels ergreifen. Er ist am Gipfel angekommen, aber er rennt immer noch.

Bono: »Die Leute erwarten, dass du als Gläubiger alle Antworten hast, wenn du in Wirklichkeit nichts hast außer einer neuen Menge Fragen… Ich glaube, dass der Erfolg von »I Still Haven’t Found What I’m Looking For« daran liegt, dass es nicht bejahend im traditionellen Sinne eines Gospelsongs ist. Es ist ruhelos, aber dennoch ist da irgendwo reine Freude enthalten.«

U2 2009 - The Edge und BonoU2s Einfluss war und ist beachtlich. Die Band hat nicht nur Einfluss auf die Entwicklung der Rockmusik gehabt, sondern sie war auch eine führende Kraft in der jungen Renaissance der Irischen Kultur. Bonos persönliche Kraft, die für einen Rockstar ungewöhnlich ist, erstreckt sich weit über die Grenzen des Rock hinaus. Als der frisch bekehrte 20jährige im Jahr 1980 der kleinen charismatischen Gemeinde seine Vision mitteilte, hätte er sich nicht träumen lassen, dass man ihn eines Tages bitten würde, das Vorwort für eine Taschenbuchausgabe der Psalmen zu schreiben, und dass man ihn rufen würde, den Papst zu überreden, eine Rolle beim Schuldenerlass für die Dritte Welt zu übernehmen, oder dass er den Jahreswechsel mit dem amerikanischen Präsidenten feiern würde.

Die ursprüngliche Vision der Band war, »einen Weg für den Herrn zu bereiten«, und ich glaube, dass ihnen das gelungen ist, indem sie wichtige Anliegen des Christentums auf die Tagesordnung der Welt gesetzt haben. Sie sind nicht nur zu einem Vorbild für christliche Künstler, die sich nicht auf den engen Markt der christlichen Musiklandschaft beschränken wollen, geworden, sondern sie haben es für jedermann in der Rockmusik akzeptabel gemacht, über Gott, Jesus und die Erlösung zu reden und zu singen.

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Im Buch »Imagine« geht es nicht nur um Musiker, sondern Steve Turner erlaubt Einblicke in viele Bereiche der Kunst, von Malerei über Schriftstellerei, Tanz, und andere bis zur Filmkunst. Mehr zum Buch und Bestellmöglichkeit hier: Steve Turner – Imagine, Verlag Down to Earth

P.S.: Bilder von U2.com

P.P.S.: Dieser Beitrag ist zuerst erschienen bei Günter J. Matthia, dem Übersetzer des Buches.


Kerstin Hack: Wenn Gott Berliner Türkisch spricht Oder: Eine Lektion in Gelassenheit

Es war ein schöner Abend gewesen. Gemeinsam hatten wir als Hausgemeinde gegessen und uns von dem erzählt, wie wir in der vergangenen Woche Gott erlebt hatten. Wir berichteten von unseren Herausforderungen und Chancen und beteten füreinander. Nach einem gelungenen Abend im Berliner Stadtteil Neukölln nahm meine beste Freundin mich im Auto mit in den Westen der Stadt, wo ich wohne. Wir kamen nicht weit. Schon nach wenigen Minuten irritierte uns ein merkwürdig laut klopfendes Geräusch und das Empfinden, dass das rechte Hinterrad nicht mehr rund lief. Ein Platten? Das hätte gerade noch gefehlt. Wir stiegen aus, aber der Reifen schien in Ordnung. „Lass uns Markus anrufen!“ Der einzige Mann in unserer Hausgemeinde und begabter Handwerker war auch gerade auf dem Heimweg, er konnte nur wenige U-Bahn Stationen von uns entfernt sein.

Dennoch verwarfen wir den Gedanken und versuchten nochmals loszufahren. Was konnte das nur sein? Federbruch bei einem fast neuen Auto? Wir hielten nochmals an. Jetzt, wo der Reifen anders stand, konnte ich sehen: eine dicke Schraube hatte sich in den Mantel gebohrt und stand etwa 1,5 cm nach oben raus. Kein Wunder, dass der Reifen nicht rund lief und laute Geräusche verursachte.

Wir fuhren zur nächsten Tankstelle und baten den Tankwart um Hilfe beim Reifenwechel, da wir beide keine – oder ich nur sehr missglückte Erfahrungen damit hatten. „Geht nicht, muss arbeiten, bin alleine hier.“ Vor der Tür standen zwei junge solariumgebräunte Türken mit schickem Haarschnitt. Einer von beiden polierte sein schickes silberglänzenes Auto. „Könnt ihr uns helfen den Reifen zu wechseln?“ fragte ich.

Es gibt Zeiten, da ist es mir wichtig, klarzumachen, dass ich als Frau durchaus auch Dinge beherrsche, die traditionell als reine „Männersache“ gelten. Nachts um halb elf im Winter in Neukölln gehört nicht zu diesen Zeiten. Einer der Männer polierte weiter, der andere sagte:„Erst mal gucken!“

Er sah sich den Reifen an und erklärte uns, dass der noch völlig in Ordnung sei. „Da ist noch voll Luft drin. Geht morgen zum Reifenhändler. Kein Problem. Die Schraube ist oben, nicht an der Seite. Der Reifenhändler kann das so rausmachen, dass der Reifen nicht kaputt geht. Kein Problem.“ Und jetzt? Wollte er uns tatsächlich vermitteln, wir sollten mit dem Auto, so wie es war, weiterfahren? „Ja, kein Problem. Ich hab das auch mal gehabt. Gar kein Problem.“ „Auch Autobahn?“ „Kein Problem. Könnt weiterfahren. Kein Problem.“

Wir folgten seinem Rat, fuhren glücklich über diese Lösung über die Stadtautobahn nach Hause. Da sich die Schraube durch den Widerstand am Fahrbahnbelag immer weiter abrieb, wurde das Klopfgeräusch auch zunehmend leiser und melodischer. Wir waren froh, Auto fahren zu können und nicht spätabends umständlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren zu müssen. Und dankbar, dass gerade zwei türkische Männer an der Tankstelle waren, die sich auskannten – genau die richtigen für unser Problem.

Als wir so ruhig dahinfuhren erinnerte ich mich an etwas, was meine Freundin mir am Tag zuvor erzählt hatte. Sie hatte beim Beten ein Schaf gesehen, das sich in einem Dornstrauch verfangen hatte. Die Dornen hatten sich zum Teil tief im Fell und im Fleisch verhakt. Jesus hob das Schaf nicht einfach heraus – das Risiko weiterer Verletzungen wäre zu groß gewesen. Statt dessen zog er liebevoll und vorsichtig eine Dorne nach der anderen heraus, bevor er das Schaf in die Arme nahm und aus dem Gestrüpp hob.

Ich hätte das wahrscheinlich anders gemacht. Wenn ich ein Problem in mir oder anderen sehe, dann will ich es anpacken und lösen. Gleich und sofort. Das ist meist gut, sinnvoll und befreiend, manchmal auch unangemessen, wenn Dinge noch verhakt und verkantet sind, und richtet dann mehr Schaden an, als dass es nützt.

Manchmal ist es – wie an der Tankstelle – einfach nicht der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort, um ein Problem etwa sofort zu lösen. Vielleicht fehlt das Spezialwerkzeug. Oder die Fachkenntniss. Oder schlicht und ergreifend mehr Licht. Es könnte auch sein, dass es in dieser Situation zu viel Zeit und Energie kosten würde, das Problem gleich zu lösen – so wie wir an diesem Abend erst Stunden später nach Hause gekommen wären, hätten wir versucht, die Sache gleich in Angriff zu nehmen.

In solchen Situationen ist es möglicherweise die bessere Strategie, mit einer Schraube im Reifen erst mal weiterzufahren. Im übertragenen Sinn kann das bedeuten, mit einem Problem, das sich verkapselt hat, so lange zu leben, bis sich ein guter Ort und ein guter Raum dafür finden, es zu lösen. Natürlich nicht für immer. Ich kenne Menschen, die mit so vielen festgeklemmten „Schrauben“ herumfahren, dass ihr ganzes Leben unrund läuft. Das macht wenig Sinn. Genauso wenig, wie alles immer sofort lösen zu müssen.

Ich erlebe es immer wieder, dass Gott mich, wenn er mich etwas lehren möchte, mir Sätze ins Gedächtnis ruft, die ich schon einmal gehört habe. Ich kann mir vorstellen, dass er mich, falls ich mal wieder auf die Idee kommen sollte, alles unbedingt sofort lösen zu müssen, sanft und zart daran erinnert, dass das nicht immer die richtige Strategie ist. Möglicherweise spricht er dabei mit dem sanftem Akzent von Berliner Türken zu mir „Kein Problem. Kannst weiterfahren. Auch Autobahn. Kein Problem!“

Zuerst veröffentlicht im Magazin THE RACE. Die christliche Zeitschrift zum WEITER denken im Jahr 2008. Mit freundlicher Genehmigung.