Kerstin Hack: Fragen und Entdeckungen

Gute Fragen finde ich klasse. Es gibt kaum ein größeres Kompliment, das man mir machen kann, als zu sagen: „Das war eine gute Frage!“ Die besten Fragen sind Fragen, bei denen der Gefragte tief und gut überlegen muss und beim Antworten etwas Neues über sich selbst entdeckt, was er vorher nicht wusste. „Kerstin Hack: Fragen und Entdeckungen“ weiterlesen

Libanon – Leben in einem innerlich zerrissenen Land

Beim Besuch einer deutschen Familie im Libanon lernte Kerstin Hack das Leben in einem von verschiedensten Religionen und vom Krieg – geprägten Land kennen.

Kompakt und intensiv. Das ist Libanon. Auf einer Fläche von 10.000 Quadratkilometern – etwa halb so groß wie Hessen – leben knapp vier Millionen Menschen der unterschiedlichsten Kulturen. „Libanon – Leben in einem innerlich zerrissenen Land“ weiterlesen

Kerstin Hack: Mein Herz entdecken – im Spiegel der anderen

Wenn man einen Menschen lang genug in einen Raum steckt, in dem die Sinne ausgeschaltet sind z. B. indem er in Salzwasser schwebt und kein Licht da ist, wird er früher oder später verrückt. Ohne spürbare Verankerung in der Begegnung mit der Realität kann er nicht mehr klar denken und fühlen. „Kerstin Hack: Mein Herz entdecken – im Spiegel der anderen“ weiterlesen

Roman Glauben: @vent – ein virtueller Kalender

Kinder lieben Adventskalender. Jeden Tag ein Türchen. Jeden Tag ein kleines Geschenk. Wenn wir ganz ehrlich sind, fänden wir es auch als Erwachsene schön, mit kleinen Geschenken durch die Adventszeit begleitet zu werden. Denn zunehmend verschwindet der Advent als eine Zeit der Vorbereitung, der Einkehr und der Begegnung aus unserem Alltag und wir stolpern unvorbereitet und atemlos in die Weihnachtstage. Mit @vent kann das anders werden.

So geht es
24 Menschen finden sich zu einer adventlichen Mail-Gemeinschaft zusammen. Einer organisiert den Verteiler und legt fest, wer an welchem Tag dran ist, die anderen zu inspirieren.

Der oder diejenige, die an einem bestimmten Tag dran ist, schickt eine Mail mit einem Gedicht, einem Text, einem Zitat oder einer (persönlichen) Geschichte, die einen Bezug zur Stille und zur Adventszeit haben und einigen persönlichen Grüßen rechtzeitig an den Organisator. Der versendet es dann an alle. So erhält jeder der 24 Beteiligten täglich die Möglichkeit, am Erleben eines anderen Menschen teilzuhaben, sich inspirieren zu lassen und sich so selbst auf Weihnachten vorbereiten zu können.

Variationen
– @vent für Gruppen
Es ist auch möglich, @vent mit einer kleineren Gruppe von Menschen zu machen, etwa einem Hauskreis, einer Gesprächsgruppe – dann kommt eben jeder mehrfach dran.

– @vent in der Familie
In einer Familie kann man den Adventskalender auch aus Papier machen. Das Familienmitglied, das dran ist, hängt den gewählten Text an eine Wäscheleine oder liest ihn den anderen Familienmitgliedern vor.

– @vent zu anderen Zeiten
Man kann @vent auch zu jeder anderen Zeit durchführen: Fasten- und Passionszeit, Stille-Wochen in der Gemeinde usw. Die gemeinsam gelesenen Texte stärken die Verbundenheit und das Miteinander.

Idee: Roman Glauben
Weiterführende Bearbeitung: Kerstin Hack

www.down-to-earth.de

Kerstin Hack: Als Single zu Besuch bei Familien – meine 5 Wünsche

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Nein, Ihr müsst nicht alles richtig machen. Weder Eure Wohnung perfekt aufräumen, noch Eure Kinder als perfekt erzogen präsentieren, damit wir gerne zu Euch kommen. Ihr müsst auch keine Angst haben, dass wir es Euch übel nehmen, wenn ihr uns keine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken könnt, auch mal gemeinsame Zeit vorzeitig abgebrochen werden muss, weil Unvorhergesehenes passiert. Das gehört einfach dazu. Aber es gibt schon ein paar Dinge, die uns helfen würden…

Regeln erklärt bekommen
In jeder Familie gibt es Regeln. Wir kennen sie nicht. Es würde uns helfen, sie bei passender Gelegenheit kurz erklärt zu bekommen. Das fängt schon damit an, dass man nicht weiß, wem welcher Platz am Esstisch „gehört“. Da helfen ein paar einfache Sätze wie: „Setz dich doch hierhin. Unsere Schuhe tun wir hierhin. Hier dürfen die Kinder nicht spielen. Schokolade ist ok, aber erst nach dem Essen.“ Und schon ist alles klar.

Vertrauen genießen

In einem Artikel las ich einmal: „Mein Mann ist eine katastrophale Mutter. Aber ein phantastischer Vater.“ Daran angelehnt möchte ich Euch bitten, uns, wenn wir mit Euren Kindern zusammen sind, zu erlauben, dies auf unsere Weise zu tun. Sie uns – wenn wir und die Kinder das möchten – anzuvertrauen, ohne ständig eingreifen und steuern zu wollen. Ja, wir sind katastrophale Eltern. Aber wir können phantastische Gesprächs- und Spielpartner für Eure Kinder sein. Auf unsere Art.

Eingeladen werden, mitzumachen

Nein, Ihr müsst uns kein Programm bieten. Auch kein besonderes Essen auf den Tisch stellen, nur weil wir kommen. Das Schöne am Familienleben ist doch gerade, dass immer etwas passiert, auch wenn nichts geplant ist. Wir müssen in unserem Leben ohnehin schon dauernd planen. Es tut uns gut, einfach mitmachen zu können. Beim Fernsehen, Plätzchen backen. Spielen, Gemüse schnipseln, Geschirr spülen, Tisch decken. Da sein und dabei sein und eingeladen sein, für eine Weile dazu gehören. Das reicht.

Ehrlichkeit
Das Gras auf der anderen Seite ist immer grüner. So wie ihr uns gelegentlich um unsere Freiheit und unseren ungestörten Schlaf beneidet, beneiden wir Euch ab und an um Eure Nähe, Zusammengehörigkeit und Zärtlichkeit. Es tut gut, uns gegenseitig auch mal offen zu sagen: „Du, manchmal vermisse ich…“ Ehrlich. Ohne Selbstmitleid. Und ohne, dass wir einander ein schlechtes Gewissen dafür machen, dass wir die Privilegien, die wir haben, auch genießen.
Als Single, die sich Familie für die Zukunft aber durchaus vorstellen kann, finde ich es spannend und ermutigend, wenn ich Paare fragen darf, wie sie das mit dem gemeinsamen Leben schaffen: „Sagt mal, wie kommt ihr mit Euren Fehlern in der Erziehung klar? Wie schafft ihr es, im Chaos nicht unterzugehen? Wie gelingt es, mitten in der Kleinkindphase Zeit und Ruhe für Zärtlichkeit und Sex zu finden?“ Ich wünsche mir ehrliche Antworten, die offen von Herausforderungen erzählen, mir aber auch zeigen, dass und wie Leben als Familie gelingen kann. Und nicht zuletzt tut es uns allen gut, wenn wir uns gegenseitig immer wieder daran erinnern, dass es nie „etwas“ ist, das uns glücklich macht. Sondern immer unsere Art, wie wir unser Leben bejahen, annehmen, leben. So wie es gerade eben ist.

Begegnung

Ja, es langweilt und stresst mich, wenn Eltern nur noch von Babynahrung, Kleidungsgrößen und den Lernerfolgen ihrer Sprösslinge erzählen bzw. ihre Begeisterung darüber keine Grenzen kennt. Ja, auch, weil ich keine Ahnung von den meisten Themen habe und weil sie mit meinem Leben gerade sehr wenig zu tun haben. Aber hauptsächlich, weil ich mich nach echter Begegnung mit Euch sehne. Ich wünsche mir, dass wir uns offen sagen können, wo wir empfinden, dass das Leben des anderen aus dem Ruder läuft. Ohne Kritik und Anklage. Aber offen und fragend: „Du, auf mich wirkt es so, als ob nicht mehr Ihr Euer Leben gestaltet, sondern es von den Kindern und ihren Anforderungen beherrschen lasst? (oder umgekehrt vielleicht von Arbeit und Sozialstress bei uns Kinderlosen). Wie nehmt Ihr das selbst wahr? Was würde Euch helfen?“
Ich wünsche mir, dass wir über die Fragen sprechen, die unter der Oberfläche der organisatorischen Fragen liegen: „Werde ich es schaffen? Mache ich es richtig? Wie komme ich mit meiner Unsicherheit klar? Mit meinem Perfektionismus? Mit meiner Unzufriedenheit über mich selbst, wenn ich schon wieder…? Mit dem Druck, alles auf einmal erledigen zu müssen, nie fertig zu werden? Mit dem Vergleichen mit anderen, die es besser hinkriegen….“
Auf viele Eurer praktischen Fragen – von wundem Po bis zum richtigen Schulsystem – haben wir keine passenden Antworten. Aber die „tieferen“ Fragen – das sind auch unsere Fragen, da finden wir eine gemeinsame Ebene jenseits von “Familienmensch” und “Single”. Es wird die Beziehung zwischen Euch und uns bereichern, wenn wir uns sagen können: „Du, was mich eigentlich bewegt…!“ Und uns dann ermutigen, trösten und an das erinnern, was wir schon geschafft haben. Und uns für unser – ganz unterschiedliches – Leben stärken. Das tut gut. Weil wir uns begegnet sind. Als Menschen. Und Freunde.

Zuerst veröffentlicht unter dem Titel: “Meine fünf Wünsche an Familien
oder: Was kinderlosen Menschen hilft, sich in Eurer Familie wohl zu fühlen
“ im Magazin Family, Juni 2008, mit freundliche Genehmigung. www.bvzeitschriften.net

Kerstin Hack: Zehn Tipps für Singles, die Familien besuchen

Ich bin Single. Und liebe Kinder. Zumindest die meisten. Und Kinder lieben mich und sind gern mit mir zusammen. Zumindest die meisten. Dennoch habe ich Aufenthalte bei Familien nicht immer als entspannend und wohltuend erlebt. Es ist eine fremde Welt, deren Regeln ich nicht kenne. Als Besucher auf dem Familienplaneten droht mir ständig die Gefahr, auf Matchboxautos, Bagger, Legos und Pixibücher zu treten, in Klebefallen aus Essensresten hängen zu bleiben oder von einem Raumschiff oder Rennfahrer überrannt zu werden. Oder gar wütenden Protest zu ernten, weil ich, als ich eine Decke zusammelegen wollte, versehentlich eine Räuberhöhle zerstört habe.
Im Badezimmer fragt man sich verzweifelt, ob der warme Tonfall, mit dem die Mutter sagte: „Ach, du darfst es gerne mal halten und wickeln“ nicht doch einen grausam sarkastischen Unterton hatte. Falls es überhaupt zu Kommunikation in vollständigen Sätzen in der eigenen Sprache kommt. Die Bewohner des Familienplaneten pflegen gelegentlich in unvollständigen Sätzen und unverständlichen Lauten zu kommunizieren: „Dadada, eieieie, butzibutzi” usw.

Kurz: Als Single auf dem Familienplaneten einzufliegen, kann ausgesprochen anstrengend sein, wenn man die Regeln nicht kennt und nicht weiß, wie man sich richtig verhalten soll. Wer – durchaus verständlich – aus Unsicherheit auf Besuche auf Familienplaneten verzichtet, verpasst jedoch unendlich viele schöne, lebendige Momente. Ich habe im Laufe der letzten 20 Jahre mehrere Tausend Stunden bei ganz verschiedenen Familien verbracht und einige hilfreiche Überlebensstrategien entdeckt, die Aufenthalte bei Familien sogar zum Genuss werden lassen können. Ich schreibe aus Single-Perspektive, aber vieles könnte auch für kinderlose Paare hilfreich sein. Und vielleicht finden sogar die Planetenbewohner die eine oder andere Anregung, wie sie die Zeit mit Besuchern auf ihrem Planten für alle angenehmer gestalten könnten.

1. Zweckmäßige Kleidung

Bei Reisen in fremdes Territorium empfiehlt sich angepasste Kleidung. Es muss kein gepanzerter Schutzanzug sein – aber mit Stöckelschuhen lässt sich nun mal nicht gut Fangen spielen. Und mit enger Kleidung kann man nicht gut auf dem Boden sitzen. Edle Blusen und Sakkos ziehen Babyspucke magisch an. Dort bleibt sie besonders gut haften. Für immer. Es ist für alle Beteiligten entspannter, wenn man bequeme Kleidung anhat, die ruhig schmutzig werden darf. Auch die Eltern, die zumindest in der Kleinkindphase nur selten edle Kleidung tragen können, wird es entspannen, wenn der Besucher nicht wie aus dem Ei gepellt daher kommt.

2. Auf Augenhöhe gehen

Keiner liebt es, mit Riesen zu sprechen. Bei kleineren Kinder bedeutet „auf Augenhöhe gehen“, sich körperlich auf ihre Ebene zu begeben, indem man in die Knie geht oder sich zu ihnen auf den Boden setzt. Bei älteren Kindern bedeutet es eher, dass man Ratschläge nicht von oben herab gibt, sondern sie nach ihrer Meinung fragt und sich von ihnen Dinge erklären lässt. Und bei Teenagern darf offen und ehrlich diskutiert werden.
Auf Augenhöhe gehen bedeutet auch, dass man Kinder auch emotional nicht überrennt. Manche wohlmeinenden Singles wollen Kindern gleich zu Beginn des Besuchs zeigen, wie lieb sie sie doch haben – und überschütten sie mit zärtlichen Worten und Gesten: „Ach bist du süss. Bussi. Bussi. Bussi.“ Was meist dazu führt, dass Kinder die Flucht ergreifen. Besser ist, man lässt sich und den Kindern Zeit, warm zu werden. Die Kinder werden es einem – nach einer Weile – mit echter Nähe danken.

3. Aufmerksamkeit schenken

Kinder wollen und brauchen Aufmerksamkeit. Kürzlich war ich Übernachtungsgast bei einer Familie, die ich bislang nicht kannte. Beim Frühstück tauten die Kinder langsam auf. Der Kleinste prahlte: „Ich kann auf Englisch bis Zehn zählen.“ Und lispelte: „Won, tuuu, sriee…usw.“ „Wow!“ Ich lobte ihn. Sein Bruder wollte nicht zurückstehen: „Und ich bis Zwanzig: one, two, three…“ „Wow!“ Der Älteste trumpfte auf: „Und ich bis Hundert. One, two, three…“ Bei Zwanzig gelang es mir, ihn zu unterbrechen und ihn zu bitten, mir den Rest in Zehnerschritten zu sagen. Mittlerweile hatten die jüngeren Brüder ihre selbstgebaute Pappburg mit Klopapierturm angeschleppt und zerrten mich ungeachtet des Protestes ihrer Mutter „Lasst sie doch in Ruhe essen“ ins Kinderzimmer, damit ich sämtliche Bauwerke bewundern konnte.
Kinder spüren mit eingebautem Seismographen, ob unsere Bewunderung und Aufmerksamkeit für sie echt oder nur vorgetäuscht ist, um sie schnell wieder loszuwerden. Wenn sie keine echte Aufmerksamkeit bekommen, kämpfen sie anschließend – zunehmend nerviger – umso mehr darum. Kinder, die erleben, dass man ihnen – zeitweise – ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt, können zu anderen Zeiten auch getrost darauf verzichten.

4. Kommunikationssprünge gelassen ertragen

Eines Morgens wurde ich von der Freundin, bei der ich zu Besuch war, gefragt „Kerstin, magst du nen Kaffee? Hast du auch eine frische Unterhose an?“ „Was?“ Ich habe einige Sekunden gebraucht, um zu realisieren, dass die erste Frage mir galt, die zweite meinem fünfjährigen Patenkind. In Familien gehört der fliegende, übergangslose Wechsel von einem zum nächsten Gesprächspartner zum Überlebensprogramm. Für Singles ist der Umgang damit eine riesige emotionale Herausforderung. Gerade hat man der Freundin noch von beruflichen und privaten Sorgen erzählt und sie hat mitfühlend genickt, doch plötzlich ist sie ganz wo anders: „Peter, neeeeeeeeeeeeeeein, nicht die Milch umschütten. Lisa, die Schere ist da, wo sie immer ist, in der Schublade. Ach, ja. Wo waren wir eben?“
Das ist hart. Sowohl für die Besucher, die dieses Verhalten fälschlicherweise auf sich beziehen: „Sie haben kein Interesse mehr an mir“ und dann mit dem Gefühl kämpfen, unerwünscht zu sein. Aber auch für die Eltern, die nirgends richtig sein können. Aber – zumindest in der Kleinkindphase – gehört das einfach dazu. Erlauben Sie sich, eine Weile den langen ruhigen Gesprächszeiten aus den Single-Tagen ihrer Freunde nachzutrauern. Und akzeptieren Sie dann, was gerade eben so ist: Dass Sie nicht mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit Ihrer Freunde genießen, sondern diese mit einem / einigen kleinen Menschen teilen dürfen. Machen Sie das Beste daraus. Falls die Eltern das Wohnzimmer gerade fluchtartig zu einem Noteinsatz im Kinderzimmer verlassen haben, lesen Sie einfach entspannt in den Büchern, die Sie unter dem Couchtisch finden, falls Hilfe bei Blähungen, das große Stillbuch und Puh, der Bär Sie interessieren. Oder bauen Sie heimlich an der Legoburg weiter. Wo immer möglich, kann man darauf achten, dass gemeinsame Zeiten an Orten (z. B. Cafés mit Spielecke) oder zu Zeiten stattfinden, die ruhigere Gesprächsphasen ermöglichen. Das werden auch die Eltern genießen.

5. Mitmachen
Auch wenn „Piep. Piep. Piep. Wir haben uns alle lieb!“ – trotz Gildo Horn – nicht zum Alltagsvokabular moderner Großstadt-Singles gehört – machen Sie einfach mit. Und genießen Sie es. Bei Spielen und Ritualen einfach locker bleiben und so gut es geht mitmachen. Auch wenn wir, in Familienritualen ungeübte Menschen, uns im ersten Moment albern dabei vorkommen – letztlich ist es schön, wenn wir uns selbst erlauben können, ein bisschen Kind zu sein. Auch wenn wir weder Text noch Klatschrhythmus beherrschen. Und die Kinder natürlich über unsere Unkenntnis lachen. Und sich richtig groß dabei vorkommen.
Natürlich ist bei Zoobesuchen das Lauftempo zwischen den Käfigen unendlich langsam und es bleibt vollkommen unverständlich, warum Kinder im Zoo die meiste Zeit auf dem Spielplatz verbringen wollen, statt sich botanisch weiterzubilden. Was soll´s. Es ist eine gewaltige Umstellung, aber tut – gerade geschäftstüchtigen Menschen, die ihr Leben ständig selbst gestalten (müssen) – gut, Situationen und Dinge einfach so zu nehmen, wie sie kommen. Und mitzumachen.
Und wenn es mal tatsächlich nicht mehr geht, weil der Lärmpegel oder das Chaos zu heftig wird oder Unvorhergesehenes passiert – ruhig offen sagen: “Du ich glaube, heute ist nicht der beste aller Tage. Ich glaube die Kinder brauchen jetzt Euch. Ganz alleine. Ich komme einfach ein andermal wieder. Ok?“

6. Laufen lassen

Früher habe ich mich manchmal verpflichtet gefühlt, Kindern ein möglichst attraktives Programm zu bieten – nicht zuletzt, um zu zeigen und zu beweisen, wie cool ich bin. Mein Animationsprogramm kam nicht immer gut an. Mittlerweile habe ich entdeckt: Kinder brauchen keinen Unterhaltungskünstler, Clown und Animateur. Sie kommen schon selbst auf einen zu, wenn sie gemeinsame Zeit und Aufmerksamkeit wünschen. Dann kann man fragen: Was möchtest du jetzt gerne tun? Und gespannt auf die Vorschläge sein: So habe ich z.B. die Internet-Seite der lokalen Feuerwehr entdeckt, die mein Patenkind mir zeigen wollte. Und habe einfach schöne Kuschelzeiten mit Kindern erlebt, die nichts anderes wollten, als bei mir zu sein.

7. Rituale entwickeln und pflegen
Kinder lieben Rituale. Die müssen nicht feierlich sein. Rituale sind nichts anderes als wiederkehrende, Vertrauen schaffende, gleichbleibende Handlungen. Das können Begrüßungsformen sein, bestimmte Geschichten, Spiele, Sätze, Floskeln, die man nur mit diesem einen Menschen austauscht. Und mit diesem einen Menschen immer wieder. Ich erinnere mich bis heute an die Tante einer Schulfreundin, die uns immer die Geschichte vom aufblasbaren Gummipferd erzählte. Sonst weiß ich fast nichts mehr über sie. Aber das Ritual ist mir in Erinnerung geblieben. Zwischen meinem Patenkind Leonie und mir findet bei jeder Begegnung der immer gleichbleibende Dialog statt, der irgendwann einmal zufällig beim Kaffeetrinken entstanden ist. Sie: „Wie heiße ich?“ „Leonie. Und wenn du Tee trinkst, bist du die Teonie. Und wie heiße ich?“ Sie – mit triumphierendem Unterton in der Stimme: „Kaffeetin“. Und dann wieder: „Wie heiße ich?“ Bis zu fünf Wiederholungen pro Begegnung. Sie findet das unglaublich witzig und kann gar nicht genug davon kriegen.

8. Rat holen

Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung davon, womit Fünfjährige am liebsten spielen, welche Bücher bei Achtjährigen „in“ sind (wahrscheinlich ist sogar das Wort „in“ längst „out”). Ich weiß auch nicht, welche Aktivitäten oder Videos sich für einen Pizzaabend mit älteren Kindern eignen. Bevor ich es riskiere, in entnervt verdrehte Augen von Kindern zu blicken und einen Kommentar wie: „Das ist doch Babykram“ zu hören, frage ich lieber Menschen, die sich auskennen, um Rat. Eltern, Verkäufer oder Kinder im gleichen Alter.
Gleiches gilt für Mitbringsel. Ich fragte einmal den Vater einer Familie, ob ich seinen Kindern Smarties mitbringen könnte oder ob es in ihrer Familie eine Anti-Süßigkeiten Politik gäbe. Er antwortete: „Das haben wir schon lange aufgegeben.“ Als ich die Smarties – wohlgemerkt nach dem Abendessen – verteilt hatte, rannten die vier Jungs weg und holten Stifte. Jeder schrieb seinen Namen auf die Packung oder ließ die Eltern schreiben: „Um Streit zu vermeiden!“ Wow!

9. Geschichten erzählen
Die meisten Kinder lieben Geschichten. Erfundene und echte. Oder auch nur Erzählungen aus dem Leben: „Als ich so alt war wie du, da gab es noch keine Handys. Und auch keine Kiwis. Und keine CD-Player!“ Spätestens dann merken die Kinder, dass man aus einem anderen Jahrhundert stammt und lassen sich fasziniert davon erzählen. Aber auch vorgelesene Geschichten und Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes sind guter Gesprächsstoff und schaffen Verbindung: „Weißt du noch, wie wir zusammen mit den Rädern in den Graben gefallen sind?“ „Ja, klar!“

10. Auf Ratschläge verzichten
Mit Kindern zu leben ist ähnlich herausfordernd, wie den Regelkreis einer Anlage mit 3465 verschiedenen Variablen vernünftig zu steuern. Keiner kann das immer richtig machen. Und natürlich kommt es hin und wieder zu Übersteuerungen des Systems, die umso peinlicher sind, wenn sie von Außenstehenden miterlebt werden. Das ist dann schon schlimm genug. In so einer Situation Erziehungsratschläge zu geben, macht es noch schlimmer. Natürlich zucke ich – ebenso wie das Kind – zusammen, wenn ein Kind wegen einer Unachtsamkeit angeschrien wird. Aber ich muss es den Eltern nicht sagen. Oder wenn, dann in weichen Worten: „Du wirkst gerade etwas angespannt? Magst du darüber reden?“ oder „Was würde dir helfen, mit solchen stressigen Situationen besser klarzukommen? Wann ist es leichter für dich?“ Die meisten Eltern leiden ohnehin an chronisch schlechtem Gewissen, weil sie sich nicht gut, perfekt und liebevoll genug fühlen. Es tut ihnen gut, wenn sie mal von anderen hören: “Das war toll, wie du das gerade deinem Kind erklärt hast! Das hätte ich nie so gut gekonnt!“ Ach, noch was: Kinder mögen Ratschläge übrigens genauso wenig wie ihre Eltern.

Auch wenn ich am Anfang dieses Artikels alle in 20 Jahren selbst miterlebten Katastrophenszenarien in Kurzform beschrieben habe, stimmt es dennoch: Ich bin gerne mit Familien zusammen. Großen und kleinen. Ordentlichen und chaotischen. Es tut mir gut. Manches läuft anders als bei mir. Manches läuft gar nicht. Aber ohne das Wagnis, mich immer wieder auf die Wunderwelt der Familienplaneten einzulassen, hätte ich unendlich viele schöne, lohnende Momente verpasst. So setzte ich mich zum Beispiel am Ende eines langen Tages auf die Treppe zu Hanna, die damals vier Jahre alt war. Ich fragte sie: “Na, wie war dein Tag?” Sie sah mich mit großen Augen an und antwortete: „Ich hab dich vermisst!“
Einige Jahre später, als ich in einer schwierigen persönlichen Situation steckte, bat ich Hanna, mir ein Bild zu malen. Sie fragte, was sie denn malen sollte. Ich bat sie, ein Bild der Hoffnung zu malen. Ich war gespannt. Sie malte die vier Jahreszeiten, beginnend mit Winter, wo nichts wächst, aber wo man Lieder singen kann. Das Bild hängt bis heute an meinem Kühlschrank und erinnert mich daran, dass nach schweren Zeiten auch wieder schöne kommen. Es gehört zu den wertvollsten Geschenken, die mir je gemacht wurden. Geschenke, wie man sie nur auf dem Kinder- und Familienplaneten findet. Besuch erwünscht.

Kerstin Hack lebt in Berlin und arbeitet als Autorin und Referentin zu Glaubens- und Lebensfragen. In ihrer Beratunspraxis unterstützt sie Einzelpersonen und Paare dabei, für sich passende Lösungen zu finden. www.kerstinhack.de

Zuerst veröffentlicht unter dem Titel: „Singles im Anflug – 10 praktische Überlebensstrategien für kinderlose Besucher auf dem Familienplaneten“ im Magazin Family, Juni 2008, mit freundliche Genehmigung. www.bvzeitschriften.net

Kerstin Hack: Glück ist machbar

Gerade bin ich auf dem Balkon in der Sonne gesessen und habe frisch-cremige Pastinakensuppe mit feinen Lachbällchen gegessen, eine »ideale schnelle Mahlzeit im Rahmen moderner Ernährung«, die ich »mit Genuss und Verstand« genießen kann, wie mich die Packung der Fertignahrungslinie ›Viva und Vital‹ informiert und nicht versäumt, mich aufzufordern: »Lassen Sie es sich gut gehen!«
Habe ich glatt gemacht. Ich saß in der Sonne, genoss das Gefühl, die heiße Suppe in meinen Magen rutschen zu lassen und – war glücklich. Einige schöne Momente lang. Das Coole daran war, dass ich schon vorher wusste, dass ich in diesen Momenten glücklich sein würde. Ganz einfach, weil ich weiß, dass es bestimmte Dinge und Verhaltensweisen gibt, die quasi automatisch Glücksgefühle auslösen.

Was ist Glück?
Ganz vereinfacht gesagt, sind Glücksgefühle nichts anderes als eine biochemische Reaktion im Gehirn. Das Gehirn schüttet bestimmte Glückshormone aus und wir fühlen uns glücklich. Es gibt – vor allem zyklusbedingt bei Frauen – massive Schwankungen im Gefühlshaushalt. Aber dennoch kann man als Faustregel sagen, dass das Gehirn die Glückshormone nicht willkürlich ausschüttet, sondern in der Regel als Reaktion auf Verhalten und Denkmuster. Man kann die Ausschüttung der Glückshormone nicht bewusst steuern, aber man kann sehr stark beeinflussen, ob man Dinge tut und denkt, die glücklich machen.

Glücklich sein und Glück haben
Deutsch ist in Bezug auf Glück eine etwas verwirrende Sprache. Wir sprechen davon, dass man ›Glück hat‹ und meinen damit das, was die Engländer als ›luck‹ bezeichnen. Zufallstreffer in der Lotterie des Lebens, die natürlich dazu führen, dass wir uns eine Weile lang glücklicher fühlen. In der Regel sind Menschen nach einem echten Glückstreffer (Lottogewinn etc.) etwa drei Monate lang glücklicher als zuvor, dann pendelt sich ihr Glücksgefühl wieder auf ihrem vorherigen Niveau ein.
Glück kann man ›haben‹, das ist wunderbar, aber nicht steuerbar. Hingegen können wir sehr wohl beeinflussen, ob wir uns glücklich fühlen.

Was macht glücklich?
Essen zum Beispiel. Wenn wir gut gegessen haben, dann fühlen wir uns hinterher nicht nur gesättigt, sondern in der Regel auch glücklicher als mit knurrendem Magen. Noch eine Grundregel: Alle Dinge, die Leben spenden, machen glücklich. Das gilt sowohl in Bezug auf die Aktivitäten, die unser biologisches Leben erhalten und weitergeben (Sex, Essen und Bewegung) als auch in Bezug auf die Handlungen, die das soziale Miteinander stärken (Begegnung, Zusammenarbeit, Helfen).
Ich finde es genial, dass der Schöpfer es so angelegt hat, dass die Dinge, die Leben spenden, uns glücklich machen. Gott ist kein Mistkerl, der erwartet, dass wir brav unsere Pflicht tun. Er ist vielmehr ein Gott, der will, dass wir lebendig sind und es so genial eingerichtet hat, dass alles, was uns und anderen Menschen Leben spendet, mit den schönsten Gefühlen belohnt wird, die wir kennen.

Als ich das an einem Abend beim Lesen einiger Texte über ›Glück‹ zum ersten Mal verstanden habe, war ich stundenlang so glücklich und aufgekratzt, so begeistert und voller Anbetung, dass ich nicht schlafen konnte, obwohl es so spät war. Ich habe am Ende zu einer ›Notlösung‹ gegriffen und absichtlich ein ausgesprochen depressives und langatmiges Buch über Ermordung von psychisch Kranken im Dritten Reich gelesen, um meine Glücksgefühle so weit abzudämpfen, dass ich einschlafen konnte. Aber es begeistert mich noch immer, dass Glücksgefühle letztlich ein Gradmesser sind, der anzeigt, ob man richtig lebt. Wie genial.

Alle Dinge, die Leben spenden, machen glücklich: Sexuelle Begegnung und Nähe, Essen, Lernen, Bewegung – wenn man sie richtig macht. Natürlich kann man Sex kann auch nur als schnelle Nummer machen, das Falsche essen und es viel zu schnell in sich reinstopfen oder Stoff einfach pauken und sich wie ein Irrer bewegen – dabei wird man nur selten Glücksgefühle haben.
Glück empfindet man, wenn man Leben erlebt. Wenn man sich auf Leben und Begegnung einlässt – mit dem einen Menschen, der zu einem gehört und dem man immer tiefer, offener und echter begegnen möchte. Wenn man Essen nicht nur als Kalorienzufuhr begreift, sondern als Möglichkeit, den eigenen Körper und damit auch die Seele zu nähren. Wenn man das Leben als eine Möglichkeit versteht, Neues zu lernen und zu erfahren und nicht aufhört, zu lernen und zu staunen und wenn man schließlich Bewegung nicht als Programm absolviert, sondern sich an ihrer unendlichen Vielfalt freut.
Ich habe neulich in einem Tanzkurs Fallen geübt. Ich hatte keine Ahnung, wie unterschiedlich man fallen kann. Mal mit dem Oberkörper zuerst, mal mit dem Po, mal schwungvoll, mal langsam. Auch wenn zwei, drei kleine Schrammen noch davon zeugen, dass ich nicht immer gut gefallen bin – ich bin um einige Erfahrungen reicher und habe neue Bewegungsmöglichkeiten entdeckt. Überall da, wo wir unsere Möglichkeiten durch Lernen, Begegnung und Bewegung erweitern, belohnt unser Körper uns dafür mit Glücksgefühlen: »Das hast du gut gemacht. Das fühlt sich gut an!«

Glück und Drogen
Viele Drogen lösen biochemisch im Gehirn ähnliche Reaktionen aus wie die Handlungen und Denkmuster, die uns glücklich machen. Sie sind so gesehen nichts anderes als die Sehnsucht danach, sich glücklich zu fühlen, aber nicht bereit zu sein, selbst aktiv die Dinge zu tun, die dazu führen würden, dass man glücklich wird. Etwas Neues zu entdecken und zu erfahren macht zum Beispiel glücklich. Gras (Marihuana) sorgt dafür, dass man jede Menge Dinge neu ›erlebt‹ – ohne das Risiko sich auf das echte Leben und auf wirkliches Lernen einzulassen. Drogen sind aus dieser Perspektive nichts anderes als der Versuch, eine Abkürzung zu nehmen, um das gewünschte Glücksgefühl zu erreichen. Viele Menschen, die Drogen nehmen, sehnen sich zu Recht nach Glücksgefühlen. Sie können sich aber nicht vorstellen, wie sie im normalen Leben glücklich sein können, wissen einfach nicht, wie das geht. Und greifen deshalb zu Drogen.

Gestern habe ich mich mit einem Freund unterhalten, der zehn Jahre lang wie ein Schlot gekifft hat. Vor vier Monaten hat er damit aufgehört. Er sagte mir: »Ich leiste jetzt viel mehr, kriege mehr auf die Reihe, aber als ich noch gekifft habe, war ich glücklicher!« Er hat Recht. Er hat immer erwartet, dass Glück zu ihm kommt – durch Drogen, eine tolle Frau usw. Er hat es nie gelernt, wie er selbst dafür sorgen kann, dass er glücklich ist. Wir haben dann lange darüber geredet, wie er es wieder lernen kann, sich über Leistungen, Begegnungen, ja das Leben selbst zu freuen, wie er Momente der Achtsamkeit in seinen Alltag einbauen kann und in sich Raum schaffen kann, um kleine Glücksmomente, die er erlebt, intensiver wahrzunehmen. Er ist auf einem guten Weg stark zu werden und auf eigene, gesunde Art und Weise glücklich zu werden.

Glücklich sein üben
Glücksgefühle kannst du nicht machen. Aber du kannst sehr wohl die Voraussetzungen dafür schaffen, glücklicher zu werden, indem du dich dem Leben öffnest. Enge, Verschlossenheit, Hetze und Druck sind Glückskiller. Offenheit, Achtsamkeit, Behutsamkeit mit sich selbst und anderen, Wahrheit und Wahrnehmung öffnen unsere Herzen dem Glück. Glück kann man auch nicht in der Zukunft erleben, sondern immer nur im Jetzt. Viele Menschen denken: »Wenn ich dieses oder jenes geschafft habe, dann werde ich glücklich sein.« Sie sind es dann aber nicht. Und werden es wahrscheinlich nie sein, weil sie es gar nicht gelernt haben, im Moment glücklich zu sein. Es wird dir besser gehen, wenn du schon in der Gegenwart glücklich bist, statt nur auf ein Ziel fixiert zu sein. Wenn ich Bücher schreibe, muss ich mich immer wieder daran erinnern, dass ich den Moment des Schreibens bewusst genießen will, nicht nur den Moment, wenn ich das Buch fertig gedruckt in den Händen halte.
Wer glücklich sein will, kann es nur im Hier und Jetzt, indem er sich auf das einlässt, was ist: die Begegnung, in der er gerade ist. Die Umgebung, in der er sich befindet. Den Körper, den er gerade hat. Indem er wahrnimmt und bewusst genießt, was ist. Statt zu hoffen, dass etwas, was vielleicht einmal sein wird, ihn glücklich machen wird.
Und man kann fühlen üben. Wir denken oft wir fühlen etwas, aber in Wahrheit denken wir Gefühle, statt sie tatsächlich zu fühlen. Vor ein paar Jahren hatte ich ein für mich schockierendes Erlebnis. Ein Freund schenkte mir Blumen und ich dachte mir: »Das ist ja nett.« Das Schlimme war: Ich dachte es, aber ich fühlte es nicht. Ich dachte »es ist nett«, meine Gedanken registrierten es als positiv, aber in meinem Herzen bewegte sich nichts. Seit dieser Zeit habe ich intensiv und bewusst versucht, die verschütteten und versteckten Gefühle, die in mir schlummerten, aber kaum von mir registriert wurden, wahrzunehmen.
Wenn jemand etwas Nettes für mich tat, habe ich versucht, nicht nur zu denken: »Das ist nett!«, sondern zu fühlen: »Oh, das fühlt sich wirklich gut an!«. Freunde haben mir dabei geholfen, indem sie mir manchmal sagten, was sie empfanden: »Du siehst heute aber traurig aus, wie fühlst du dich?«. »Oh ja, ich glaube du hast recht. Ich fühle mich wirklich niedergeschlagen!«

Ich bin immer noch am Lernen, aber ich fühle viel mehr als früher und kann Empfindungen viel mehr genießen und wahrnehmen, bin lebendiger geworden. Ich denke Gefühle nicht mehr nur, ich fühle sie tatsächlich. Und genieße sie.
Gestern habe ich mich lange mit einer Freundin darüber unterhalten, was es bedeutet, sich dem Leben zu öffnen. Je mehr wir sprachen, umso mehr leuchtete ihr Gesicht. Sie wurde sichtbar schöner. Ich habe fasziniert auf ihre immer leuchtenderen Augen und ihre tanzenden Dreadlocks gesehen und mich an ihr und am Leben gefreut – glücklich und von Herzen.

Glücksrezepte für Anfänger
Meine ›Basics‹ für Anfänger im Glücklich werden:

1. Bewegung
Wenn du unglücklich bist – beweg dich. Beweg deinen Kopf. Denk an etwas anderes, etwas Schöneres. Und bewege deinen Körper. Geh raus, schnappe frische Luft. Oder tanze und singe wenigstens in deiner Wohnung. Essen hilft zwar auch gut gegen den ersten Frust, ist aber wegen ungewünschter Nebenerscheinungen zumindest nicht im Übermaß zu empfehlen.

2. Achtsamkeit – 20 Sekunden Regel
Wenn etwas von unserem Kurzzeitspeicher in unseren Langzeitspeicher übergeht, belohnt uns das Gehirn für die geleistete Speicherarbeit mit Glücksgefühlen. Das Speichern funktioniert jedoch nicht, wenn wir gehetzt durchs Leben rennen. Dann rennen wir nur durch und nehmen nichts wahr. Wahrnehmung setzt Achtsamkeit voraus, zum Beispiel wenn wir einem Menschen mit Achtung begegnen, indem wir durch Körpersprache und innere Achtsamkeit zum Ausdruck bringen: Dir gehört jetzt meine volle Konzentration. Oder indem wir eine Sache bewusst und wenigstens 20 Sekunden lang betrachten. Wenn wir etwas so lange achtsam und mit einer Haltung der staunenden Offenheit betrachten – egal ob es ein Bild, ein Gesicht, ein Bauwerk, die Struktur einer Rolltreppe oder die eigenen Hände sind, wird das abgespeichert. Wir werden doppelt belohnt: Mit einem schönen Bild im Speicher und mit Glücksgefühlen.
Tipp: Gleich üben. Schau dir einen schönen Gegenstand 20 Sekunden lang intensiv an. Freu dich daran. Und übe die 20-Sekunden Achtsamkeit immer wieder im Lauf des Tages.

3. Rückblick
Gewöhne dir an, am Ende des Tages über fünf Momente nachzudenken, an denen du glücklich warst. Das macht dich nicht nur doppelt glücklich (Erinnerung an erlebtes Glück fühlt sich (fast) so gut an wie das Glück selbst), sondern wird nach einer gewissen Zeit auch dazu führen, dass du im Alltag Glücksmomente intensiver und bewusster wahrnimmst.

Zuerst veröffentlicht in THE RACE. Die christliche Zeitschrift zum Weiterdenken. Mit freundlicher Genehmigung.