Hack, Schilling, Duval: Drei Frauen mit SWING – gesunde Lebensrhythmen finden

Drei Frauen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen stellen sich der herausfordernden Aufgabe, ihren Alltag so zu gestalten, dass alles geschafft wird, was zu schaffen ist, dabei aber das Leben nicht zu kurz kommt.

Birgit Schilling (Jahrg. `60) ist Mutter von drei Teenagern und freiberuflich als Supervisorin und Beraterin tätig. Gemeinsam mit Bianka Bleier schrieb sie das Buch: „Besser einfach – einfach besser. Das Haushalts – Survival Buch“, das sich mit der Frage beschäftigt, wie man den Haushalt so effektiv und praktisch gestalten kann, dass noch Zeit für anderes bleibt. Sie lebt mit ihrer Familie in Hürth bei Köln. (Im Internet: www.Birgitschilling.de)

Birgit-Cathrin Duval (Jahrg. `67) arbeitet als Journalistin und Fotografin für Tageszeitungen und Magazine. Ihre Reportagen führen sie rund um den Globus. Sie lebt in der Grenzecke D/F/CH und hat im April 2005 geheiratet. (Im Internet-Seite: www.bcmpress.de)

Kerstin Hack (Jahrg. `67) ist Single. Sie hat den Down to Earth Verlag (www.down-to-earth.de) in Berlin aufgebaut, engagiert sich im Netzwerk „Gemeinsam für Berlin“ für ihre Stadt und ist als Referentin zu Themen wie Gebet, Städte verändern, Gott erfahren und in Balance Leben tätig. In ihrem Internet-Tagebuch „Kerstinpur“ (www.kerstinpur.down-to-earth.de) erzählt sie frisch und offen von ihrem Leben.

Alle drei Frauen haben das Buch von Kerstin Hack „Swing. Lebe im Rhythmus der Schöpfung“ gelesen. Die Grundidee des Buches ist, das Leben so zu gestalten wie Gott es in der Schöpfungswoche tat. Er versuchte nicht, alles auf einmal zu schaffen, sondern gab jedem Tag seinen eigenen Schwerpunkt und schuf beispielsweise am ersten Tag „nur“ das Licht, ruhte am siebten Tag usw. Im Lebensalltag kann das – so das SWING-Konzept – so aussehen, dass man jedem der sieben Wochentage einen eigenen Schwerpunkt gibt (z.B. am 1. Tag der Woche Kreativität, am 7. Tag Ruhe) und so sicherstellt, dass die verschiedenen Elemente, die man für ein ausgewogenes Leben braucht, ihren Raum finden. In diesem Artikel erzählen die drei Frauen, ob und wie dieses Konzept in ihren unterschiedlichen Lebensformen umgesetzt werden kann.

Wie sieht bei dir eine normale Woche aus?

Kerstin Hack: Als Verlegerin und Autorin habe ich eigentlich einen sehr geregelten Wochenablauf: normale Bürozeiten hinter dem Computer von Montag bis Freitag und dann ein freies Wochenende. Allerdings sind die Aufgaben, mit denen ich mich innerhalb einer Woche beschäftige, sehr verschieden. Ich habe für jeden Wochentag einen anderen Schwerpunkt und genieße es, wenn ich die Woche so gestalten kann, dass z. B. der Montag schwerpunktmäßig für Kreatives, der Dienstag für Planen, der Mittwoch vor allem für Kommunikation etc. verwendet wird. Dieser Wochenrhythmus wird in der Regel nur dann gesprengt, wenn ich zu Vorträgen, Beratungsterminen oder Konferenzen unterwegs bin – dann kommt das Leben manchmal ganz schön durcheinander.

Birgit Schilling: Da ich erst vor einigen Monaten meine Weiterbildung zur Supervisorin beendet habe, für die ich viel unterwegs war, bin ich zur Zeit noch dabei, meinen zu mir passenden Wochenrhythmus zu finden. In der Regel arbeite ich morgens zwischen 8 und 14 Uhr in meinem Beruf. An den meisten Nachmittagen bin ich für die Kinder da und erledige Hausarbeit. Da wir an manchen Wochenenden in der Gemeinde aktiv sind, halte ich mir den Freitagmorgen so ganz für mich persönlich frei. Das gelingt mir nicht immer, aber doch immer öfter. Da kann es vorkommen, dass ich morgens, nachdem die Familie aus dem Haus gegangen ist, noch mal ins Bett gehe und schlafe, mich mit einer Freundin zum Einkaufsbummel treffe und einfach das mache, wozu ich gerade Lust habe. Im Blick auf die Hausarbeit habe ich nur für die Wäsche und den Wocheneinkauf feste Wochentage.

Birgit-Cathrin Duval: Selbstständig sein heißt, dass man selbst ständig etwas zu tun hat. Normale Bürozeiten und freie Wochenenden gibt es bei mir nicht. Es gibt Tage, an denen sich stündlich etwas ändert. Ein Anruf von der Redaktion, man muss zu einem Unfall oder einem Termin ausrücken, den die Tageszeitungen oftmals sehr kurzfristig vergeben. Wer in diesem Geschäft arbeiten will, braucht ein hohes Maß an Flexibilität und Disziplin. Das geht natürlich sehr zu Lasten des Privatlebens. Mir fällt es schwer, Ruhezeiten einzuplanen und sie einzuhalten. Seit vergangenem Sommer laufe ich jeden Montagmorgen mit einer Laufgruppe. Für mich ist das ein optimaler Start in die Woche. Das schafft Ausgleich und macht unheimlich Spaß.

Wie sieht bei dir eine ideale Woche aus?

Birgit Schilling: Wenn ich am Ende einer Woche zurückschaue und feststelle, dass ich in dieser Woche heiter und gelassen war ( mein WachstumszielJ) und dass alle wichtigen Aspekte meines Lebens Raum hatten, dann war das für mich eine ideale Woche. Dann habe ich mit Begeisterung in meinem Beruf/in der Gemeinde gearbeitet, war ich mit meinen Mädchen einige Male „eine Runde“ im Wald spazieren, hatte Qualitätszeiten mit Johannes. Wolfgang und ich verbrachten einen Abend in unserer Haussauna oder waren beim Italiener eine Kleinigkeit essen. Ich habe mich mit einer Freundin getroffen oder zumindest mit ihr länger telefoniert, war mehrmals joggen, hatte Zeit zur Stille und die Haushaltsarbeit ist getan.

Kerstin Hack: Eine Woche ist für mich dann perfekt, wenn es mir gelungen ist, den verschiedenen Aspekten des Lebens, die ich in SWING beschrieben habe, Raum zu geben: Kreativität, Ordnung, Produktivität, Rhythmus, Lebensfreude, Beziehungen und Ruhe. Wenn einer oder mehrere dieser Lebensbereiche zu kurz kommt, kann eine Woche immer noch gut sein. Aber wenn ich einen oder mehrere Aspekte auf Dauer vernachlässige, tut mir das überhaupt nicht gut. Ich wünsche mir, gedanklich nicht stehen zu bleiben, sondern beständig zu lernen. Deshalb finde ich es genial, wenn ich in der Woche etwas Neues lernen oder erfahren konnte.

Birgit-Cathrin Duval: Die perfekte Woche gibt es nicht. Wenn ich mir eine ideale Woche vorstellen würde und müsste am Wochenende erkennen, dass ich es nicht geschafft habe, wäre ich nur frustriert. Mir ist wichtig, täglich eine Balance zu finden zwischen Arbeit und Freizeit, da bei meiner beruflichen Tätigkeit die Grenzen sehr fließend sind. Umso mehr genieße ich die Lauftreffen am Montag mit anschließendem Frühstück oder freie Wochenenden.

Welche Dinge hast du gut im Griff?

Birgit Schilling: Mein Haushalt läuft dank der aktiven Mithilfe meiner Familie und einer Putzhilfe einmal die Woche wirklich gut. Damit meine ich nicht perfekt, aber halt sehr zeitsparend. Erst dadurch habe ich Freiraum für meinen Beruf und für Beziehungen, die mir wichtig sind.

Birgit-Cathrin Duval: Früh aufzustehen. Denn als Freiberufler ist man leicht versucht, einfach so in den Tag hinein zu leben. Ich liebe die Stunden vor Sonnenaufgang. Für mich sind es die kreativsten Momente des Tages. Und da ich diese einfach nicht missen möchte, klingelt bei mir der Wecker sehr früh.

Kerstin Hack: Es fällt mir relativ leicht, mein Leben zu planen und zu ordnen, ich schreibe gern und ich weiß, wie wichtig es ist, auch ausgedehnte Ruhephasen zu haben. Es gelingt mir fast immer, die Tage, die ich für diese Dinge reserviert habe, auch von anderen Aktivitäten freizuhalten.

Was sind deine persönlichen Herausforderungen in Bezug auf augewogene Lebensgestaltung? Wie umgehst du sie?

Birgit Schilling: Mein Haupt-Stolperstein: Ich bin immer wieder in Gefahr, zu viel zu machen. Wenn ich beispielsweise eine berufliche Anfrage habe, die mich reizt oder wenn mich eine Idee überfällt, was man in unserer Gemeinde noch alles so machen könnte, dann bin ich schnell Feuer und Flamme und meine in diesem Moment: „Na super! Klar, das mache ich. Irgendwie schaffe ich das schon noch!“ Aber dieser erste Eindruck ist oft falsch.

Ich übe mich darin, nie spontan zu entscheiden, sondern in Ruhe zu überdenken, ob diese Anfrage oder Idee hier und jetzt für mich wirklich dran ist. Wichtige Projekte spreche ich mit meinem Mann durch, dessen Rat mir sehr hilfreich ist.

Birgit-Cathrin Duval: Ich bevorzuge Chaos gegenüber Ordnung – das erlaubt maximale Flexibilität und Kreativität, ist aber gleichzeitig ein Stolperstein. Mir schwirren zu viele Gedanken und Projekte gleichzeitig im Kopf herum und ich verzettele mich anstatt eines dann konkret anzugehen und auszuführen. Mein Verlobter rückt in solchen Situationen meinen Fokus zurecht. Er bringt Ordnung in das Chaos, wofür ich ihm unendlich dankbar bin, denn er ergänzt mich in diesem Bereich und sorgt auch dafür, dass ich konkrete Entscheidungen treffe.

Kerstin Hack: Ich mag Orga-Kram und Aufgaben, die Liebe zum Detail erfordern, nicht sonderlich. Ich erwische mich immer wieder dabei, dass ich mich an dem Tag, den ich für diese Aufgaben reserviert habe, doch mit anderen Dingen beschäftige, die ich lieber tue, und die ungeliebten Aufgaben verschiebe. Und obwohl ich ein lebensfroher Mensch bin, fällt es mir manchmal schwer, mich von der Arbeit, die nie aufhört, loszureißen, und Dinge zu machen oder zu unternehmen, die für mich Leben pur sind: Konzerte, Caféhaus – Besuche, Ausstellungen, kurz: etwas Neues zu entdecken und zu erleben. Ich musste es regelrecht lernen, Dinge wahrzunehmen und zu genießen und mir Gutes zu gönnen. Da übe ich immernoch.

Woran würde deine Freundin/würden deine Kinder bemerken, dass du eine gute Balance lebst?

Birgit Schilling: Wenn ich in einer guten Balance lebe, können mich meine Kinder bei einer Tätigkeit unterbrechen und ich reagiere freundlich darauf. Während sie mir von ihren Freuden und Sorgen erzählen, höre ich ihnen aufmerksam zu.

Birgit-Cathrin Duval: Wenn die Balance stimmt, dann strahlt das nach außen und ist für alle deutlich sichtbar. Mein Wesen ist durchtränkt von einer tiefen Leidenschaft – für das Leben, Freunde, Gott und die Welt. Nur ist das leider nur zu selten der Fall.

Kerstin Hack: Wenn ich in Balance bin, bin ich in der Regel spritzig, inspirierend und offen für neue Impulse von anderen Menschen. Ich sprudele über vor Ideen und fühle mich „weich“, gelassen und im Fluss. Andere spüren das, manchmal sehen das gute Freunde sogar schon an meinem Äußeren.

Kann das Konzept von Swing auch hilfreich für Frauen sein, die fest in einen Job oder die Familie eingebunden sind oder funktioniert es nur für Freiberufler?

Kerstin Hack: Das Konzept der Schöpfungswoche sagt ja letztlich nichts anderes, als dass zum Menschsein eine Ausgewogenheit von Kreativität, Ordnung, Lebensfreude, Beziehung, Ruhe usw. gehört. Das ist bei Familien nicht anders als bei Singles. Man kann als ganze Familie darüber reden, welche Aspekte im Leben miteinander zu kurz kommen (z.B. Lebensfreude) und Strategien überlegen, wie man das ändern kann. Sicher wird das z. T. anders aussehen als im Leben eines selbstständigen Singles wie ich es bin. Aber Konzepte soll man ja nicht kopieren, sondern kapieren und dann auf das eigene Leben übertragen und fruchtbar machen.

Birgit Schilling: Das hat auch viel mit Selbstwahrnehmung zu tun. Einfach zu wissen: Wie bin ich persönlich eigentlich gestrickt? Was brauche ich, um in einer guten Balance zu leben? Welche Lebensaspekte baue ich automatisch mit ein, welche Aspekte kommen bei mir zu kurz? Wie könnte ich diese in meine persönliche Situation einbauen? Es geht darum, ideenreich und kreativ das eigene Leben zu gestalten.

Birgit-Cathrin Duval: Swing bringt viele neue Ideen und inspiriert, über die eigene Zeitplanung nachzudenken. Letztendlich muss jede Frau für sich selbst entscheiden, welche Aspekte sie in ihren persönlichen Tagesablauf einbaut. Ich habe, wie auch Kerstin Hack in ihrem Buch festgestellt, dass die Montage eine wirklich erfrischende Kreativität in sich bergen. Als Journalistin und Autorin freue ich mich auf jeden Montag, denen ein gewisser Zauber inne wohnt.

Wenn du einen einzigen Tipp zum Thema Zeitplanung weitergeben könntest, welchen würdest du geben?

Birgit-Cathrin Duval: Ich gebe jedem Jahr ein bestimmtes Motto. Dann schreibe ich mir auf, welche Ziele ich in diesem Jahr erreichen möchte, welche Wünsche und Träume ich habe. Das schriftliche Formulieren signalisiert meinem Unterbewusstsein, was in diesem Jahr wichtig ist. Daraus ergeben sich dann die kurzfristigen Ziele. Ich bin kein Planungs-Typ, aber ich liebe es zu schreiben und male oft entsprechende Skizzen zu meinen Zielen.

Kerstin Hack: Es ist gut, Erfolge bewusst zu registrieren, z . B. mit einem Danke-Erfolgsbuch. Wir hetzen häufig von einem Punkt zum anderen, ohne es uns selbst gegönnt zu haben, die Leistung zu würdigen und ohne Gott „Danke“ für das gesagt zu haben, was wir leisten konnten. Es kommt viel Ruhe ins Leben, wenn man es lernt, die Pause – Taste zu drücken, wie Gott zu sagen „Das war sehr gut“ und erst nach einer Pause weiter zu machen.

Birgit Schilling: Gönnen Sie sich Weiterbildungskurse zum Thema: Zeit– und Lebensplanung. Immer wieder beobachte ich, dass manche Familien ganz selbstverständlich Geld für die Förderung ihrer Kinder ausgeben, aber nicht auf die Idee kommen, Geld für die Förderung der Mutter zu investieren.

Ein 2. Tipp: Wenn Sie so gestrickt sind wie ich, planen Sie für sich immer wieder freie Zeitfenster in Ihr Leben mit ein. Und dann – egal ob die „to-do-Liste“ abgearbeitet ist oder nicht: Gönnen Sie sich Auszeiten, in denen Ihre Seele aufamten und auftanken kann.

Kerstin Hack, die Autorin des Buches „Swing. Lebe im Rhythmus der Schöpfung“ (http://swing.down-to-earth.de) hat mit SWING ein fröhlich – inspirierendes Buch geschrieben, das noch viele weitere Tipps zum Thema „Leben in Balance“ enthält. Sie ist ist Verlegerin (http://www.down-to-earth.de) und gefragte Referentin zu Themen wie Lebensbalance und kreative Spiritualität. Persönliches von ihr findet man unter http://www.kerstin.down-to-earth.de

Buchtipp:

Kerstin Hack: Swing. Lebe im Rhythmus der Schöpfung. 12,80 Eur

LINK http://www.down-to-earth.de/product_info.php?cPath=28&products_id=116

Geschrieben: 2005

Kerstin Hack: Erstaunlicher Alltag…Amazing Grace

„Amazing Grace“ (erstaunliche Gnade) – fast jeder kennt dieses bewegende Lied, das die unverdiente Gnade Gottes mit so tiefen Worten besingt, dass man erstmals oder immer wieder neu ins Staunen kommt – über den Gott, der uns rettet, nahe kommt und erlöst.
Das Lied hat manch einem Menschen in einer verzweifelten Situation die Kraft gegeben, am Leben festzuhalten. Andere hat es nach dem Verlust eines geliebten Menschen getröstet und vermittelt, dass Gottes Gnade auch in dieser Situation für sie greifbar ist „and grace will lead me on“ – die Gnade wird mich weiterführen.
In New York hat es nach der Tragödie vom 11. September eine Kapelle der Heilsarmee gespielt, während freiwillige Helfer Laster mit Hilfsgütern für die Helfer vom Ground Zero beluden. Unzählige Menschen auf der ganzen Welt fanden Trost und Halt in diesem Lied. Erstaunliche Gnade – wenn man sieht, was die Worte eines Mannes im Herzen von Millionen bewirken können.

Noch erstaunlicher, wenn man das Leben des Autors ansieht.

John Newtons Leben war dramatisch genug. Er verlebte eine glückliche Kindheit – obwohl er schon im Alter von vier Jahren Latein lernen musste. Bildung wurde in seiner Familie ebenso groß geschrieben wie der Glaube – und er nahm beides hungrig in sich auf. Prägend war vor allem seine tiefgläubige Mutter – der Vater war als Seemann oft unterwegs. Als er sieben Jahre alt ist, stirbt seine Mutter an Tuberkulose, der Vater heiratet bald darauf erneut und gründet eine neue Familie. Der kleine John kommt in ein Internat, das ihm die Freude am Lernen verdirbt und seine religiöse Erziehung verblassen lässt. Als er elf Jahre alt ist, wird er Seemann auf dem Schiff seines Vaters. Die Reste seines Glaubens zerbröckeln immer mehr und schließlich wirft er sie im wahrsten Sinne über Bord und wird zu einem militanten Atheisten, der für den christlichen Glauben nur Spott und Verhöhnung übrig hat. Voll Eifer versucht er auch gläubige Menschen von ihrem Glauben abzubringen, was ihm auch in mindestens einem Fall gelingt. Die Jahre auf See sind hart, gekennzeichnet von rauem Leben, Einsamkeit, Sehnsucht nach einer jungen Frau, Mary, in die er sich zutiefst verliebt hatte. Er wird von der Marine zwangsrekrutiert, landet auf Sklavenschiffen in Afrika, erlebt grausame Gefangenschaft und entkommt mehrfach knapp dem Tod.

Schließlich kann er durch die Intervention seines Vaters nach England zurückkehren und erlebt auf der Rückfahrt „erstaunliche Gnade“ – in der Kajüte findet er ein Buch über den schlichten Glauben des mittelalterlichen Mönches Thomas von Kempen. Unter dem Eindruck des Gelesenen findet er in einer langen Nacht, als sein Schiff in einem Sturm fast Schiffbruch erleidet, die Gnade Gottes neu: „Was blind but now I see“ – „Ich war blind – doch nun kann ich wieder sehen“.

Zurück in England kann er Mary heiraten, die auf ihn gewartet hat, erlebt in der Beziehung zu ihr tiefe Herzensnähe und warmen, tiefen Austausch, was viele seiner Briefe bezeugen. Er muss allerdings, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, weiter lange Zeit zur See fahren – als Kapitän auf Schiffen, die Sklaven in die Neue Welt bringen. Erst später, nach einem Schlaganfall, kann er auf Fürsprache eines Adligen ein Pfarramt in der Nähe von Cambridge übernehmen. Dort predigt er, kümmert sich um die Gemeinde und schreibt Lieder – von der erstaunlichen Gnade Gottes.
Noch erstaunlicher als die bewegte Biographie Newtons, die auch heute noch Stoff für eine ganze Reihe von Filmen und Büchern bieten würde, bewegt mich, wie das Lied entstanden ist. Es war – erstaunlich normal. „Amazing Grace“ wurde nicht in einem besonders bewegten Moment geschrieben, als der Autor von erhabenen, tiefen, intensiven Gefühlen durchflutet wurde und sich Gott besonders nahe fühlte. Es entstand auch nicht auf einem Berg, an einem besonderen Ort. Es entstand schlicht und ergreifend in seinem Arbeitszimmer. Lieder schreiben war Teil seiner ganz normalen wöchentlichen Routine. Als Pfarrer war es Newton wichtig, dass seine Gemeinde die Predigtthemen möglichst gut verinnerlichen konnte. Deshalb schrieb er jede Woche (!) ein Lied passend zu der Predigt, die er halten würde. Ein Lied, eine Predigt. Woche für Woche. Nichts Besonderes. Ganz normaler Pfarrersalltag. Und Woche für Woche ein Lied dazu. Wahrscheinlich hat es nicht viele gekümmert, ob er Lieder für sie schrieb. Das musste man als Pfarrer nicht tun. Aber er tat es. Weil die Menschen in der kleinen Landgemeinde in einem Nest in England, das kaum Jemand kennt und ihr geistliches Leben, ihm wichtig waren.
An einem kalten Dezembertag 1772 arbeitete er an einer Predigt über 1. Chr. 17, 16 – 17. Das ist die Passage, in der König David im Rückblick auf sein Leben erstaunt zu Gott sagt: „Wer bin ich und was ist mein Haus, dass du mich bis hierher gebracht hast?“
Als Newton, inspiriert durch die biblische Geschichte, auf sein eigenes Leben zurück sah, brachte er die Worte „erstaunlich“ und „Gnade“ nebeneinander auf Papier. „Amazing Grace“ war geboren. Mitten in seine Wochenroutine wird aus tief erlebtem, eigenen Leben durch Gottes Führung ein Lied geboren, der Millionen von Menschen auf der Welt berühren sollte. Wahrscheinlich war sein Schreiben ein so vertrauter, alltäglicher Ausdruck seiner Fürsorge für die ihm anvertrauten Gemeindeglieder, dass er vielleicht nicht einmal wahrgenommen hat, was für tief bewegende Worte er in diesem Moment geschrieben hat: Wie Gott die Worte, die an diesem kalten Wintertag aus seiner Feder geflossen waren, gebrauchen würde, konnte er sicher nicht einmal ahnen.

So etwas kann man nicht voraussagen. Nicht planen. Aber es gibt der Alltagsroutine neue Kraft, wenn man ahnt, dass Gott einzelne Momente davon mit tiefem Leben füllen kann. Wenn aus einem von Hunderten von Liedern, ein Lied geboren wird, dass das Leben von vielen bereichern kann. Aber dass alle anderen Alltagsmomente genauso wertvoll sind, weil jede Zuwendung und Liebe zählt – egal ob sie einen berührt oder Millionen. Das ist Amazing Grace – erstaunliche Gnade.

Es gibt noch ein zweites Lied von John Newton, das das Leben von Millionen von Menschen verändert hat. Text und Melodie des Liedes sind heute unbekannt. Niemand hat es veröffentlicht. Es war ihnen nicht wichtig. Newton hat es „nur“ für ein paar Kinder geschrieben. Das tat man(n) im 18. Jahrhundert nicht. Newton tat es trotzdem, weil er Kinder liebte. Besonders lag ihm William, ein achtjähriger Junge, am Herzen, der ihn mit seiner Tante besuchte – vielleicht weil der Junge ebenso wie Newton selbst verwaist war. Der Junge war sehr intelligent, besuchte bereits als 14jähriger die Universität von Cambridge und war bereits im Alter von nur 21 Jahren Angehöriger des Parlaments als Parlamentsvertreter für Yorkshire. Er war begabt, reich und mächtig. Mit seiner Karriere ging es steil bergauf. 1785 fand er auf einer Wandertour zum Glauben an Christus und schrieb „Welch unendliche Liebe, dass Christus gestorben ist, um einen solchen Sünder zu retten.“ Er entdeckte erstaunliche Gnade, die ihn aber auch vor eine schwere Entscheidung stellte: Was war das Beste für seinen weiteren Lebensweg? Sollte er seine Privilegien und sein politisches Amt aufgeben, um Christus vielleicht auf andere Art und Weise zu dienen? Oder im Amt bleiben und dort Jesus nachfolgen? Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht und die Frage trieb ihn um und quälte ihn. Er brauchte guten Rat, keine Meinung, keine Floskeln, sondern tiefen, guten, wegweisenden Rat.

Er wusste, an wen er sich wenden konnte: Weil John Newton für ihn da war, als er noch ein Kind war, für ihn Lieder geschrieben und ihn schon damals ernst genommen wusste er, dass er bei ihm guten Rat finden würde. Die Männer redeten miteinander und Newton riet ihm, als bewusster Christ in der Politik zu bleiben, dort seinen Einfluss zu nutzen, um sich für das Evangelium einzusetzen. Der junge Mann schrieb nach diesem Rat in sein Tagebuch: „Ich spürte, wie ich ruhig und gelassen war, bescheidener und inbrünstiger auf Gott sah.“ Es war niemand anderes als William Wilberforce, der zu einem der einflussreichsten Männer Englands im 19. Jahrhundert werden sollte.

Er nahm den Auftrag ernst, Christus im Beruf zu folgen und nutze im Laufe der nächsten Jahrzehnte sein politisches Amt und seinen Einfluss, um sich für das Evangelium einzusetzen. Insbesondere lag es ihm am Herzen, dass die Sklaverei in England abgeschafft und der Sklavenhandel für illegal erklärt würde. Es hat eine gewisse Ironie, wenn man bedenkt, dass sein geistlicher Ziehvater John Newton, der ihn zu der politischen Karriere ermutigt hat, selbst jahrelang Kapitän auf Sklavenschiffen war. Wilberforce wurde zu Beginn seines Engagements für die Abschaffung der Sklaverei noch von den Befürwortern der Sklaverei belächelt, doch er gab nicht auf, sondern verfolgte sein Ziel mit zäher Entschlossenheit.
Vor jeder Einladung überlegte er sich, wen er dort treffen könnte und wie er diesen Menschen für das Ziel, den grausamen Sklavenhandel abzuschaffen oder für andere Anliegen, die ihm als Christen wichtig waren, gewinnen könnte. Er schrieb seine wichtigsten Argumente auf „Spickzettel“, um im Bedarfsfall darauf zugreifen zu können. Diese Routine praktizierte er vor jedem Empfang oder jedem Treffen zu dem er ging. Manchmal prallten seine Worte an seinen Zuhörern ab, aber immer wieder erlebte er, wie der eine oder andere sich davon bewegen ließ. Stück um Stück, Gespräch für Gespräch, Rede für Rede gewann er Einfluss und Zustimmung für seine Anliegen.
Biographen sagen, dass Wilberforce durch seinen kontinuierlichen Einsatz für das Evangelium und die Menschenrechte England mehr geprägt und beeinflusst hat, als die großen Erweckungsprediger John und Charles Wesley. Nur wenige Tage vor seinem Tod erreichte ihn die Nachricht, dass sein Lebenswerk erfüllt war – der Sklavenhandel wurde als illegal erklärt. Erstaunliche Gnade.

Millionen von Menschen wurden in England und später in anderen Ländern aus der Sklaverei befreit oder gar nicht erst versklavt. Weil ein Mann sich die Zeit nahm, Lieder für Kinder zu schreiben. Die Liebe und Wertschätzung, die darin zum Ausdruck kam, führte dazu, dass eines der Kinder sich ihm später bei einer wichtigen Lebensfrage anvertraute und guten Rat bekam. Und so wurden Weichen für ein Land, sogar für die ganze Welt gestellt.

Newton tat nichts Besonderes. Er schrieb Lieder, um seiner Gemeinde Predigtinhalte zu vermitteln. Für einzelne Menschen, die ihm wichtig waren. Ohne zu ahnen, wie viele Einzelne davon bewegt würden. Er tat es nur, weil ihm die Menschen wertvoll waren und er für sie da sein wollte. Und er schrieb Lieder für Kinder. Nichts Besonderes. Er schrieb die Lieder für einige, wenige. War für die einzelnen da. Er gab ihnen ganz alltäglich Zuwendung – auf seine Art und Weise, mit seiner Begabung. Für Dutzende von Kindern. Er streute Samen der Liebe und Ermutigung aus – ganz erstaunliche Alltagsroutine – ohne zu ahnen, dass einer dieser Samen aufgehen und Auswirkungen auf das Leben von Millionen von Menschen haben würde. Er teile aus, wie Gott es tut, weil er wusste, dass jedes Samenkorn der Liebe wertvoll ist.. „Siehe es ging ein Sämann aus zu säen… Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach.“ Mt. 13, 3 – 8.
Erstaunlich einfach. Nichts weiter als Alltagsroutine, Alltagsliebe, Alltagszuwendung – und in allem Alltäglichen Momente der Gnade. Erstaunliche Gnade.