Kerstin Hack: Wenn man sich wundert…

Als der HERR die Gefangenen Zions zurückführte, waren wir wie Träumende. Da wurde unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel. Da sagte man unter den Nationen: „Der HERR hat Großes an ihnen getan!“, heißt es in Psalm 126. „Kerstin Hack: Wenn man sich wundert…“ weiterlesen

Kerstin Hack: Gebet auf Berlins Straßen. Protokolle vom 30. April und 1. Mai 2006

Es ist wieder soweit. 1. Mai in Berlin. Linksradikale, Autonome und andere Gruppierungen, die ihrem Ärger und ihren Forderungen lautstark und zur Not auch gewaltsam Ausdruck verleihen wollen, schmieden Pläne für ihren 1. Mai. „Kerstin Hack: Gebet auf Berlins Straßen. Protokolle vom 30. April und 1. Mai 2006“ weiterlesen

Hoffnung hilft – 1. Mai in Kreuzberg, Berlin

Oder: Wenn man nur noch schreien kann

„Halt. Stehenbleiben. Ja, du – dich meine ich!“

Wenn Menschen laut rufen, dann wollen sie Distanz überbrücken.
Wie die Mutter, die ihrem Kind zuruft: „Halt, da kommt ein Auto.“, wenn sie zu weit weg ist, um es selbst zurück zu halten. Wir rufen auch dann laut, wenn die räumliche Distanz zwischen uns zu groß ist.

„Hey, du da. Jaaa! Ich brauche den Eimer. Bitte gib mir den runter.“
„Okay!“

Schreien überbrückt Distanz. Es hilft, den anderen, der weit weg ist zu erreichen. Manchmal schreien Leute einander an, obwohl sie ganz nah beieinander stehen. Das kann man bei Paaren gelegentlich beobachten. Die schreien einander an, obwohl sie im gleichen Raum sind. Und obwohl sie beide nicht schwerhörig sind.

Man kann das auch am 1. Mai erleben. Da brüllen Leute einander oder die Polizisten an, obwohl die direkt vor ihnen stehen und eigentlich ganz gut hören können.

Aber es macht Sinn. Mit Schreien überbrücken wir Distanz. Manchmal räumliche Distanz, aber manchmal auch innerliche Distanz, wenn wir denken, dass der Andere ganz weit weg ist. Wenn man Nähe spürt, muss man nicht schreien. Menschen, die sich ganz nah sind, flüstern oft sogar nur miteinander – zum Beispiel Liebespaare.

Schreien ist oft wirkungsvoll.

In unserer Familie war mein Bruder im Gegensatz zu mir immer der Brave. Ich hatte des Öfteren recht kreative Ideen, die meine Eltern nicht immer so gut fanden. Er hingegen hielt sich jedoch meistens an die Regeln. Doch irgendwann hatte er tatsächlich etwas ausgefressen. Meine Mutter wollte ihm dafür eine runterhauen. Das kam in meiner Familie zum Glück sehr selten vor. Aber in dem Moment war es so weit – sie holte mit dem Arm aus. Und mein Bruder rannte weg. Dann brüllte sie „Halt. Bleib stehen!“ Und war so erschrocken, dass er tatsächlich stehenblieb und sich eine Ohrfeige einfing.

Schreien ist wirkungsvoll. Babies machen es auch dauernd. Sie signalisieren mit dem Schreien: „Ich hab ein Problem. Ich spüre Schmerz. Mir tut etwas weh. Mach was, hilf mir.“ Die meisten Erwachsenen finden das cool und angemessen und machen dann alles Mögliche, um das Schreibündel zufrieden zu stellen.

Wir reagieren auf Schreien, weil es signalisiert: „Da ist einer in Not“.

Schreien ist auch ein Ausdruck von Hoffnung. Man schreit, weil man hofft: Vielleicht reagiert ja einer. Wer völlig verzweifelt ist – etwa, weil er sich in der Antarktis verlaufen hat oder in einer tiefen Depression hängt – schreit nicht mehr. Er gibt auf. Wer schreit, hat noch Hoffnung. Hoffnung gehört zu werden. – Hoffnung hilft!

Die lauteste Form von Schreien ist Gewalt. Wenn man denkt, der andere hört nicht zu, man kommt nicht durch, dann wendet man Gewalt an. Man packt den anderen am Kragen, zertrümmert Teller, schlägt die Möbel kurz und klein – man will, dass der andere hört und spürt: Mir tut hier was weh. Ich kann nicht mehr. Ich bin verzweifelt.

Ich saß mal mit 200 anderen Passagieren auf einem Flughafen fest. Wir saßen da 12 Stunden, ohne Information, ohne Essen, ohne Trinken. Und ohne dass Mitarbeiter der Fluggesellschaft sich um uns gekümmert hätten. Irgendwann war ein Mann so verzweifelt, dass er anfing, mit aller Kraft Plastikschilder zu zertrümmern. Das muss wohl auf den Überwachungskameras zu sehen gewesen sein. Kurz darauf kamen Mitarbeiter der Fluggesellschaft. Sie wollten ihn gleich abführen. Doch der Mann schrie sie an, machte sie auf unsere Lage aufmerksam. Sie reagierten auf seinen Hilfeschrei und brachten uns Wasser, gaben uns Information und einige Stunden später bekamen wir auch etwas zu essen.

Gewalt ist oft nichts anderes als sehr lautes, verzweifeltes Schreien.

So war es vor vielen Jahren auch bei vier Männern in Israel. Sie hatten einen Freund, der durch eine Krankheit bewegungsunfähig geworden war. Er konnte nicht mehr laufen. Sie waren alle verzweifelt.

Dann hörten sie von einem Wanderprediger mit Wunderkräften, der in ihre Gegend kam. Nichts wie hin. Sie bastelten eine improvisierte Trage und schleppten ihren Freund zu dem Haus, in dem der Prediger sich aufhielt.

Nur: Das Gebäude war rappelvoll. Schlimmer als bei „Deutschland sucht den Superstar“. Bis vor die Türen standen die Leute. Jeder wollte einen Blick auf den Wunderprediger erhaschen, seine Worte hören. Die Jungs machten auf ihre Lage aufmerksam. Erst höflich: „Bitte lasst uns durch! Wir wollen unseren Freund zu diesem Arzt bringen.“ Keine Reaktion.

Dann etwas lauter: „Hey Alter, hau mal ab, mein Kumpel hat ein Problem, wir müssen zu dem Meister durch.“ Keine Chance. Die Leute standen wie ne Mauer. Kein Durchkommen. Also raus, aufs Dach. Wenn die Türen zu sind, muss man andere Wege suchen.

Hoffnung hilft. Hoffnung hilft, Wege zu finden, wenn die normalen Wege verschlossen scheinen.

Die Jungs kletterten hoch, zogen ihren Freund hinterher und fingen an, das Dach zu zertrümmern. Unten saßen die Leute. Sie hörten andächtig dem weisen Mann zu, als plötzlich Staub auf sie rieselte, dann immer größere Brocken Holz, Lehm und Stroh herunterkamen. „Was soll das? Seid ihr verrückt?“ schrien sie. Und: „Macht doch was! Haltet die da oben auf!“ riefen sie den Leuten draußen zu. Doch die Zuschauer schauten wie überall lieber zu als einzugreifen.

Irgendwann war das Loch groß genug, um den Freund runterzulassen. Direkt vor die Füße von dem Meister: Jesus.

Wie reagiert man auf so ein Verhalten?

Stellt euch vor, ihr sitzt in der Kirche und plötzlich schleppen ein paar Typen einen Verwundeten an. Oder einen Alkoholiker, der Hilfe braucht. Und weil die Tür gerade geschlossen ist, schlagen sie ein paar Altarfenster ein, um rein zu kommen.

Der typische Deutsche hätte vielleicht gesagt: „So geht das nicht. Diese Jugend heute. Einfach alles kaputt machen. Kein Gefühl für Anstand und Ordnung. Was die machen, ist ja Sachbeschädigung. Klarer Verstoß gegen §303 des Strafgesetzbuches. Außerdem – Hausfriedensbruch, Verstoß gegen §123. Außerdem noch Störung einer öffentlichen Versammlung und Störung des öffentlichen Friedens. Die sollte man verhaften lassen. Eine Lektion sollte man ihnen erteilen. Die sollen erst mal lernen, wie man sich benimmt.“

Was macht Jesus? Er verurteilt sie nicht. Er verliert kein Wort darüber, dass ihr Handeln falsch war. Dass sie Gesetze übertreten hatten, wussten sie ohnehin selbst. Jesus schaut sie erst mal an. Die Jungs und den Kranken, den sie ihm vor die Füße gelegt haben. Er sieht die Hoffnung in ihren Augen. Hoffnung hilft.

Und weil er selbst die Hoffnung in Person ist, reagiert er. Er sagt: „Das größte Problem ist nicht das, was äußerlich an deinem Körper kaputt ist. Das größte Problem ist, was in dir drin kaputt ist. Das, was dich von Gott trennt. Das mache ich jetzt wieder heil. Ich vergebe dir deine Sünden.“

Dann sagt er: „Ich weiß, dass Vergebung allein nicht genug ist. Du brauchst auch konkrete Hilfe. Hoffnung hilft. Ganz praktisch. Deswegen heile ich dich auch. Er nahm er den Gelähmten an der Hand, half ihm auf, er konnte wieder gehen. Seine Freunde waren glücklich. Sie waren gehört worden. Hoffnung hilft!

Jesus hat auf die radikalen Hausbesetzer seiner Tage reagiert.

– Er hat sie nicht verurteilt.
– Er wies sie darauf hin, dass auch sie ein Problem haben.
– Er handelte konkret, um Lösungen herbeizuführen.

So wie die Freunde des Gelähmten damals, gibt es auch heute Menschen, denen diese kranke und kaputte Erde nicht egal ist. Die aufstehen und sich einsetzen wollen, weil ihnen steigende Mieten, die sich Arme nicht mehr leisten können, nicht egal sind. Weil sie Ausbeutung und Ungerechtigkeit auf dieser Welt nicht gleichgültig lassen. Sie leiden mit und wollen was tun. Sie hoffen auf Veränderung.

Aber oft kommen sie nicht durch. Sie wollen gehört werden. Sie hoffen, bei den Machthabern Gehör zu finden. Sie versuchen mit Worten und Aktionen zu ihnen durchzudringen und auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen.

Doch oft werden sie zurückgewiesen. Die anderen stellen sich taub. Geben ihre angestammten Plätze nicht auf. Verurteilen sie als Störenfriede. Reagieren nicht.
Dann versuchen sie es mit Gewalt. Hausbesetzungen. Gewalt gegen die Polizei. Anschläge. Brandstiftungen. Als verzweifelter Weg, gehört zu werden.

Nein, ich bin nicht für Gewalt. Ich lehne Gewalt als Weg, auf Probleme aufmerksam zu machen, ab. Aber ich kann verstehen, wenn Menschen so verzweifelt sind, dass sie keinen anderen Weg sehen, um auf bestimmte Probleme aufmerksam zu machen. Sie wissen nicht, was sie noch tun können, damit die Hoffnung nicht stirbt.

Wie würde Jesus auf die gewaltbereiten Linken von heute reagieren? Ich denke ähnlich, wie er damals auf die Ruhestörer seiner Zeit reagiert hat.

– Er würde sie liebevoll ansehen und nicht verurteilen.
– Er würde sie darauf hinweisen, dass sie selbst ein Problem haben.
– Er würde konkret handeln, um Hilfe in die notvolle Situation zu bringen.

Ich denke, er würde sie erst mal voller Liebe ansehen. Ihnen zeigen, dass er selbst die Hoffnung ist. Er würde ihnen das gleiche sagen, was er zu dem Gelähmten sagte:

„Das erste Problem, um das es geht ist nicht das, was in dieser Welt kaputt ist: Die korrupten Systeme, die Ausbeutung, die Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Das erste Problem beginnt bei dir, in dir drin. Auch da ist vieles kaputt, zerstört, unlebendig.

Deshalb ist das erste Problem, um das du dich kümmern solltest das, was in dir kaputt ist. Ich biete dir an, das in dir zu heilen, was in dir kaputt ist. Ich will kaputt machen, was dich kaputt macht. Ich will reparieren, was dich von Gott und vom Leben trennt. Das mache ich jetzt wieder heil. Ich vergebe dir deine Sünden. Ich gebe dir neue Hoffnung. Hoffnung hilft. Erst mal im Inneren.

Viele Christen denken, das würde genügen. Menschen auf ihre Trennung von Gott und vom Leben hinweisen. Und damit ist es gut.

Das genügt nicht. Jesus sorgte sich nicht nur um die Seele des Kranken. Er kümmert sich auch um den Rest, den kaputten Körper.

Genauso haben wir – als die Freunde von Jesus auf dieser Erde – den Auftrag, uns um diese kranke, kaputte Erde zu kümmern. Und Wege der Heilung zu suchen. Hoffnung hilft. Ganz praktisch.

Das kann bedeuten, dich um sozial benachteiligte Kinder zu kümmern. Oder Leute, die verschuldet sind, zu beraten. Oder Geld abzugeben. Oder mit jemanden, der sich die gestiegene Miete nicht mehr leisten kann, zum Vermieter zu gehen. Oder ihm helfen, die Differenz zu tragen. Oder auf eine andere Weise deine Fähigkeiten einzusetzen, damit anderen geholfen wird.

„Hoffnung hilft“ ist das Motto dieses Gottesdienstes.

Das bedeutet:
– Hinhören und Hinsehen. Und Menschen, die Gewalt anwenden, um auf Probleme aufmerksam zu machen, nicht zu verurteilen.
– Menschen liebevoll und klar darauf hinweisen, dass sie selbst ein Problem mit Kaputtheit haben. Und dass Jesus ihnen anbietet, das zu lösen.
– Konkrete Wege zu finden, wie man Hilfe und Heilung bringen kann.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen schönen 1. Mai.

Ansprache von Kerstin Hack beim Open Air Gottesdienst am Mariannenplatz

Ansprache als MP3

Die Autorin:

Kerstin Hack ist Verlegerin, Autorin und Coach und engagiert sich ehrenamtlich für ihre Stadt Berlin.