Kerstin Hack: Unter Palmen und Schleiern – Sieben Tage in einem islamischen Land

Seit ich vor fünfzehn Jahren zum ersten Mal ein arabisches Land besucht habe, habe ich ein Stück meines Herzens an die Menschen, die in dieser Region leben, ihre Kultur und Lebensweise verloren. Ich liebe die Intensität des Lebens, die mir dort entgegenspringt: die farbenprächtigen Basare ebenso wie die dramatischen Gesten beim Gespräch, die tief gepflegte Frauenkultur in Tee- oder Badezeremonien. Und so war es keine Frage, dass ich die Einladung annahm, im Herbst 2007 auf einer Frauenkonferenz Vorträge über das Leben (den Inhalt meiner beiden Bücher „Swing“ und „Spring“) zu halten.

1. Tag

Fünf Uhr morgens ist nicht ganz meine Zeit. Trotzdem bin ich schon vor dem Wecker wach und springe unter die Dusche. Kurz noch ein Milchkaffee, dann den schweren Koffer die 80 Treppen runterschleppen. Die Muskeln ächzen. Warum nur hatte ich zugesagt, drei Dosen Sauerkraut mitzubringen und natürlich Schokolade und Bücher? Vor der Tür Nieselregen. Die Busfahrt zum Flughafen endet abrupt, weil der Bus ein Technikproblem hat. Die Passagiere ertragen es mit Geduld und steigen schweigend in den Ersatzbus um.

Am Flughafen erwarten mich vor allem Männer mit Laptops. Montagmorgen. Geschäftsreisezeit. Man unterhält sich über Verhandlungen, trinkt noch einen Kaffee. Der Wintereinbruch hat es in sich. Wir landen eine Stunde zu spät an meinem Umsteigeflughafen. Während ich zu meinem Flugsteig renne, freue ich mich, dass ich fit bin und ziemlich schnell und erreiche als Letzte gerade noch das Flugzeug. Puh.

Im Inneren des Flugzeugs einer arabischen Fluggesellschaft erwartet mich eine geschmackvolle cremefarbene Innenausstattung, die schönste, die ich je bei einem Flugzeug gesehen habe. Stewardessen mit zartem Schleier reichen mir auf Silbertabletts einen Becher Wasser, den ich dankbar entgegennehme. Auf den Videoschirmen wird neben der Streckenführung eingeblendet, wie weit entfernt Mekka ist und in welcher Richtung es liegt. Das ist wichtig, weil sich das im Laufe eines Fluges ja mehrfach ändert und gläubige Muslime ihren Körper beim Gebet in Richtung Mekka ausrichten müssen.

Es ist dunkel als wir landen. So kann ich zwar die orangefarbenen, breit angelegten Straßenzüge erkennen, aber nichts mehr von der Landschaft sehen. Nur den vielen Sand am Rand der Landebahn, der im Dunkeln aussieht wie Schnee.

Das Innere des Flughafens wirkt architektonisch wie eine große Moschee. Die Wände sind mit grünen und blauen Fliesen ausgekleidet. Der süßlich schwere Geruch von Weihrauch liegt in der Luft. Ich sehe Männer im traditionellen Gewand und einzelne Frauen, die bis auf einen kleinen Sehschlitz komplett schwarz verschleiert sind. Die glitzernde Weihnachtsdekoration wirkt etwas fehl am Platz.

Nach der Ankunft werde ich von einem Ehepaar begrüßt, das ich indirekt schon lange kenne. Als Teenager hatte ich von ihrer Arbeit gelesen und für sie gebetet. Vor einer Weile schrieb die Frau mich an: „Du wirst mich nicht kennen, aber ich wollte mit dir Kontakt aufnehmen…“ Ich schrieb zurück: „Ich weiß, wer du bist.“ Einige Mails später lud sie mich ein, auf einer von christlichen Gemeinden veranstalteten, jährlich stattfindenden Frauenkonferenz fünf Vorträge zu halten.

Auf dem Weg von der Hauptstadt bis zu ihrer Stadt erzählt mir das Ehepaar, dass der Großonkel des heutigen Regenten vor einigen Jahrzehnten Christen eingeladen hatte, ein Krankenhaus in seinem Land zu eröffnen. Er wollte kein Regierungskrankenhaus, sondern ein von Christen geführtes Haus, weil er erlebt hatte, dass Christen die Menschen mit Liebe behandeln. Er erlaubte ihnen, Andachten zu halten und christliche Literatur weiterzugeben. Viele dieser Freiheiten wurden später unter dem wachsenden Druck fundamentalistischer Kreise wieder zurückgenommen, aber das Krankenhaus gibt es nach wie vor – und die Mitarbeiter bringen ihren Glauben durch ihre Liebe und Fürsorge zum Ausdruck.

Wir fahren vorbei an den für diese Region typischen Ladenzeilen. Zweistöckige Häuser, auf   denen mit riesigen Reklametafeln die jeweilige Dienstleistung beworben wird. Im ersten Stock wohnt meist die Familie des Ladenbesitzers im Erdgeschoss liegt ein von grellem Neonlicht erleuchteter, bis an die Decke mit den verschiedensten Artikeln gefüllter Ladenraum. Neben den Ladenhäusern steht das eine oder andere größere Gebäude – in geschmackvoller orientalischer Architektur. Dazwischen Wüste – von der Straße nur durch eine – natürlich künstlich bewässerte eine – Palmenallee abgetrennt. Ohne Bewässerung wächst hier nichts. Mir kommt das alles vertraut vor und ich freue mich, auf den Straßenschildern das ein oder andere arabische Wort entziffern zu können.

„Siehst du den Punkt da oben auf dem Berg? Da ist eine Klinik für Falken. Gute Jagdfalken sind sehr teuer. Und wenn ein Falke Federn verliert, können ihm dort wieder neue eingepflanzt werden.“ Was für ein Aufwand. Ich staune.

In einem kleinen Lokal essen wir zu Abend. Im Schwarma, das ich aus Berlin kenne, stecken einige Pommes – regionale Variante. Zum Nachtisch gibt es Fruchtcocktail: Pürierte Mango, Erdbeeren und Avocado (!!), kunstvoll verziert mit Sahne, Nüssen und einer Waffel. Gar nicht so schlecht, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat.

Im Haus meiner Gastgeber angekommen, falle ich ins Bett und stecke mir vorher schnell noch Ohrstöpsel in die Ohren. Die nächste Moschee ist gleich um die Ecke und ich weiß aus Erfahrung, dass es nicht wirklich angenehm ist, morgens um zehn nach fünf vom lauten Ruf eines Muezzins geweckt zu werden. Lieber erst mal schlafen.

2. Tag

Natürlich haben die Muezzins gewonnen. Die haben auch Lautsprecher. Gegen Rundumbeschallung kommen selbst die besten Ohrstöpsel nicht an: „Allah hu akbar“  (Gott ist groß) reißt mich aus dem Schlaf. Ich bin erstaunt, wie melodisch es klingt. Aus anderen islamischen Ländern war ich weitaus rauere, kehligere Varianten des Gebetsrufes gewohnt.  Den Rest des Textes verstehe ich nicht. Ich weiß nur, dass es sinngemäß heißt: „Es gibt keinen Gott außer Allah. Mohammed ist sein Prophet (2 x), Komm zum Gebet. Komm zur Sicherheit. Das Gebet ist besser als der Schlaf. Gott ist größer. Es gibt keinen Gott außer Allah.“ Naja, an Schlafen ist ohnehin nicht zu denken.

Ich frage mich, welcher Moslem wirklich um diese Tageszeit oder gar im Sommer, wenn der Gebetsruf morgens um vier ertönt, überzeugt ist, dass Beten besser ist als schlafen. Aber ich denke auch an die christliche Tradition des Stundengebets. Meine Großmutter ist auf dem Land aufgewachsen, dort wo das Morgen- und Abendläuten der Kirchturmglocken als Ruf zur Einkehr und zum Gebet verstanden wurde und ihren Tagesrhythmus gestaltet hat.

Als ich – einige Stunden später  im Palmengarten hinter dem Haus sitze, fällt mir auf, dass Jesus nie gesagt hat „Du musst“. In meiner Bibel finde ich es zumindest nicht. Selbst als jemand ihn fragt: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden, verwendet Jesus das Wort „du musst“ nicht in der Antwort. Sobald ich „du musst“ sage, greife ich auf das Leben des anderen über: Auf ein „Du musst mir einen Kaffee kochen!“, muss der andere mit Gehorsam reagieren. Ein „Ich wünsche mir einen Kaffee!“ oder „Bitte tue das für mich!“,  kann er freier reagieren. Vielleicht reagiere ich deshalb so allergisch, wenn in Religionen (egal in welcher, auch in der christlichen), so viel von „du musst als guter …. dies und jenes tun!“ Wer tun muss, lebt nicht in Beziehung. Und so sitze ich unter den Palmen einer Anlage, die den Nachbarn gehört, und rede mit meinem Gott über die vielen „du musst“, die ich in mir spüre und sage ihm, dass ich Dinge gern und aus Liebe tun möchte, nicht aus Zwang. Und nehme mir vor, den Frauen auf der Konferenz davon zu erzählen.

Ich genieße die Sonne und blicke immer wieder zu den Vögeln und Schmetterlingen auf. In diesem Stadtteil war bis vor wenigen Jahrzehnten nichts als Wüste. Dann wurde gebaut und gewässert. Größere Bäume sind von einem Ring aus Steinen oder Beton umgeben, der täglich vom eigens dafür angestellten Gärtner mit Wasser gefüllt wird. Das gilt selbst für Palmen, von denen es, wie ich erfahre, männliche und weibliche gibt. Die männlichen tragen Samen. Die werden abgeschlagen. Dann klettert man mit dem Samenzweig auf die Spitze einer weiblichen Palme hoch und bestäubt sie. Die weiblichen Palmen tragen dann Früchte. Spannend. Mit den Pflanzen kamen auch die Tiere in die Region. Ich finde es faszinierend, wie Tiere merken, wo Lebensraum ist und sich auf den Weg dorthin machen.

Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich erschrecke, als eine Zitrone vom Baum fällt. Gut, dass sie mich nicht getroffen hat. Die reife Frucht riecht wunderbar. Und oben im Baum hängt wilder Honig. Weiter hinten im Garten hält die arabische Besitzerfamilie die Tiere, eine Art Antilopen und Hühner.

Abends geht der Hausbesitzer mit seiner Frau durch den Garten. Sie trägt eine Art Gesichtsmaske, die hier Burka heißt, und schwarz oder golden ist und vor allem von älteren Frauen getragen wird. Die jüngeren Frauen bevorzugen den schwarzen  Kopfschleier, der das ganze Gesicht bedeckt und nur die Augen frei lässt. Die Gestaltung der Burka hat mit ihrer afghanischen Namensvetterin nichts zu tun. Aus der Ferne sieht es eher so aus, als habe die Frau sich dunkle Augenbrauen und einen Bart aufgeklebt. Wenn es nicht ganz unhöflich gewesen wäre, hätte ich mir das Kleidungsstück gerne aus der Nähe angesehen. Aber so blieb es bei einem freundlichen Gruß und ein paar englischen Floskeln, weil mir die arabische Grußformel – „Salam alaikum“ und die Antwort „Wa alaikum Salam“ leider erst nach dem Gespräch wieder einfiel.

Später kaufen wir im lokalen Supermarkt Lebensmittel ein. Natürlich gibt es viel Minze und andere einheimische Gewürze und traditionelle Kleidung. Es wirkt absurd, hier teure Tomaten aus Holland neben den billigeren, aber nicht so glatten Tomaten des arabischen Nachbarlandes zu sehen. Gemüse durch die halbe Welt zu fliegen ist hier nicht weniger absurd als in Deutschland, aber hier registriere ich die fremden Lebensmittel mehr als zu Hause, da habe ich mich schon zu sehr daran gewöhnt. Über einen Importartikel habe ich mich jedoch sehr gefreut: Granatäpfel aus Afghanistan. Auch wenn Obst sicherlich nicht viel dazu beiträgt, Finanzen ins Land zu bringen, zeigt es doch, dass Handel langsam aber sicher in Gang kommt. Das ist ein gutes Zeichen und freut mich.

In der Lebensmittelabteilung fällt mir auf, dass es hier vieles in Großpackungen gibt: Hackfleisch in der Mehrkilopackung und zehn oder zwölf Hühner im handlichen Familienkarton, selbst Chilischoten sind kiloweise abgepackt. Mir brennt schon vom Hinsehen der Mund. Als ich in einem Konfektladen, in dem sich kiloschwere Kekspackungen türmen, zwei Stück arabisches Konfekt als Nachtisch kaufen will, lacht der Verkäufer: „Nur zwei? Die sind Geschenk des Hauses!“

Wir gönnen uns zum Abschluss der Einkäufe auf meinen Wunsch hin noch einen Fruchtcocktail – diesmal Mango, Erdbeere, Banane und Avocado. Dabei beobachten wir die einheimischen Teenies, die sich in dem offenem Restaurantbereich des Supermarktes aufhalten. Die Jungs ganz cool im arabischen Gewand, jedoch nicht mit dem traditionellen Tuch auf dem Kopf, sondern mit Baseballcaps, die sie sich lässig in den Nacken geschoben hatte. Die Mädchen mit Kopftuch, engen Jeans, breiten, glänzenden Gürteln, gut geschminkt. Meine Gastgeberin meinte, dass sie massiven Ärger bekommen würden, wenn die Eltern mitbekämen, dass ihre Töchter ohne die Abaija, den traditionellen schwarzen Überwurf in der Öffentlichkeit zu sehen waren. Aber Verbote haben bisher noch keine Generation von Teenies davon abgehalten, die eigenen Grenzen auszutesten. Und natürlich benutzen und zeigen sie ihre Handys – Statussymbol, fast kultur-unabhängig.

 

3. Tag

Der Tag vergeht ruhig, mit Vorbereitungen für die Konferenz und einem Treffen mit dem Konferenzteam, das – typisch für die bunte Mischung aus Nationalitäten – aus drei verschiedenen Kontinenten kommt. Abends gehe ich mit meinen Gastgebern zu einem Treffen von Christen – wir werden mit Vanillekaffee und Zitronenkuchen bewirtet.

Hier leben Tausende von ausländischen Christen. Sie dürfen sich in als Kirchen registrierten Gebäuden treffen. In den wenigen offiziellen Kirchengebäuden treffen sich mehrere Dutzend verschiedene Gemeinden  – meist getrennt nach Nationalität. Da gibt es Gottesdienste für die Amerikaner, die Philippinos, Christen aus anderen arabischen Ländern, Inder und Pakistanis. Obwohl Tausende von Christen im Land leben, wissen nur wenige Einheimische, worum es beim christlichen Glauben eigentlich geht – ihnen ist nur die Weihnachtsdeko aus den Einkaufzentren bekannt.

Zuerst erstaunt mich das. Da leben Tausende von Christen über Jahrzehnte in einem Land – ohne, dass die einheimische Bevölkerung mitbekommt, was sie eigentlich glauben. Dann denke ich an meine Heimatstadt – und an die vielen Bevölkerungsgruppen, denen der christliche Glaube genauso ein Buch mit sieben Siegeln ist. Welcher Punk oder Neonazi könnte sagen, was Christen glauben – oder welcher Angehörige der vielen Nationalitäten, die hier leben?

4. Tag

Heute steht viel einheimische Kultur und Lebensweise auf dem Programm. Erst erledigen wir einige Besorgungen bei einheimischen Händlern. Festkleidung wird hier in der Regel nicht von der Stange gekauft, sondern individuell angepasst – und mit einer Unmenge an Pailletten reich verziert. Dazu tragen reiche Frauen oft riesige Behänge aus Gold, die manchmal fast wie ein Kettenhemd wirken und der alten beduinischen Tracht nachempfunden sind. In den Auslagen der Goldschmiede kann man sie bewundern. Manches ist mir zu bunt, aber vieles empfinde ich einfach nur als wunderschön. Männer bekommen den Schmuck nur selten zu sehen. Wie in vielen islamischen Ländern werden auch hier Feste nach Geschlechtern getrennt gefeiert. Auch Hochzeiten. Die Braut feiert mit den Frauen, der Bräutigam mit den Männern. Das Brautpaar begegnet sich erst nach Ende der Feier. Ich stelle mir vor, wie merkwürdig es sein muss, wenn sie sich gegenseitig fragen: „Sag mal, wie war denn deine Hochzeit?“ Aber vermutlich ist es für sie nicht merkwürdig – das ist seit Jahrhunderten Tradition.

In der Mittagshitze genießen wir die Kühle eines alten Palastes. Mir fällt auf, wie viele Wohnzimmer es gibt. Familien sind groß und weitläufig. Reiche Männer haben meist mehrere Frauen. Der letzte Herrscher hatte 19 Söhne. Töchter werden in der Statistik nicht erwähnt. Jede Frau führt ihren eigenen Hausstand.

Wir bewundern antike Kaffeesets und Kochtöpfe, die doppelt so groß sind wie eine Badewanne. Wahrscheinlich passt da mehr hinein als ich in einem Monat essen kann. Aber es macht Sinn: Um Reis, Fleisch und Gemüse für eine Großfamilie zu kochen, sind derartige Dimensionen bis heute normal. Jede größere Familie besitzt so ein „Monstrum“. Ich frage mich, wie viele Menschen wie viele Stunden Gemüse schnippeln müssen, um so einen Topf voll zu bekommen.

Nachmittags gehen wir zu Nura, einer Frau aus einer südindischen Volksgruppe, deren Name „Licht“ bedeutet – ein sehr verbreiteter Name in der islamischen Welt. Ihre Großfamilie lebt auf engstem Raum. Sie, ihr Mann, der als Taxifahrer und heimlich als Fotomodell arbeitet und ihr kleiner Sohn leben in einem einzigen Zimmer. Die einzigen Möbelstücke sind ein monströses orientalisches Bett aus Kunststoff, an dessen Ecken die Farbe bereits abgeschabt ist und einer Kommode, in der die Kleidung verstaut wird. Einziger Luxus: Die Klimaanlage, die – mir zu Ehren – auf Hochtouren läuft und mich in meinem dünnen Baumwollrock frieren lässt. Und der riesige Fernseher, in dem gerade ein Bundesliga-Fußballspiel übertragen wird. Ich glaube VFB Wolfsburg spielt gegen Werder Bremen. Oder so ähnlich. Die arabischen Kommentare sagen mir nicht viel. Und ich konzentriere mich eher auf die Begegnung mit Nura, die mir stolz ihren wertvollsten Besitz zeigt: einen Schminkkoffer, in dessen Fächern aus dünnem Plastik Kajal, Lidschatten und Lippenstifte in allen Farben verborgen sind. Ich bewundere das gute Stück ausgiebig und lasse mir von ihr erzählen, dass sie schon als kleines Mädchen davon geträumt hat, andere Menschen schön zu machen. Das tut sie nun auch mit mir, während ich neben dem Bett auf dem einzig freien Stück Boden in ihrem Zimmer sitze. Sie bemalt mir die Hände mit Henna, einer grünen Paste, die aus den Blättern des Hennastrauches gewonnen wird, mit kunstvollen Blumenmustern. Das ist die traditionelle Art, wie Frauen sich zu Festlichkeiten schmücken. Ich wollte das schon immer mal ausprobieren und es ist ideal, um den Konferenzteilnehmerinnen zu signalisieren: Ich empfinde es als etwas Besonderes, bei Euch zu sein.

Auf dem Rückweg fotografiere ich noch den Fraueneingang eines Colleges. Viele öffentliche Gebäude haben getrennte Eingänge und Servicebereiche für Männer und Frauen: Banken, Bibliotheken, Ämter. Eine andere Welt.

Abends sind wir zu Gast bei einer einheimischen Familie. Gastfreundschaft vom Feinsten. Die Tische, genauer gesagt die Tücher am Boden,  biegen sich unter den Köstlichkeiten. Wir trinken Tee aus frischem Ingwer und Kräutern. Ich genieße das Interesse an meiner Person, die wirklich persönlichen Fragen „Was macht dich glücklich?“ und den regen Austausch, der auf die Fragen folgt. Während wir die vielen Köstlichkeiten genießen, die als Hauptgericht auf einem Tuch auf dem Boden ausgebreitet sind, frage ich zurück: „Wie hat sich Ernährung in eurem Land durch den Reichtum am meisten geändert?“ Die älteste Tochter erklärt mir „Für die alten Menschen war Essen früher vor allem einfach Zusammensein. Man teilte, was man hatte. Egal, wie viel oder wenig es war. Das hat sich geändert.“ Später beim Abschied bedankt sie sich bei mir für diese Frage, die sie, wie sie sagt, sehr bewegt hat. So viel Offenheit und Herzlichkeit hätte ich nicht erwartet. Satt und glücklich laufen wir im Licht einer Taschenlampe nach Hause.

 

5. Tag

Die Frauenkonferenz findet in einem edlen Hotel statt. Alle Frauen bekommen Stofftaschen mit den Seminarunterlagen und Logo. Es sind etwa 120 Frauen aus einem guten Dutzend Ländern da. Nach dem Musikteil bin ich dran. Ich gestalte den Einstieg kreativ. Ich zeige auf meine Kleidung und frage: „Meine Schuhe sind aus Italien: Wer von Euch ist auch aus Europa? Meine Bibel ist aus Amerika. Wer von Euch…“.

Ich wollte mich nicht einfach vorstellen, sondern die Frauen frage, was sie von mir wissen müssten, um mir vertrauen zu können. Ich hatte erfahren, dass hier Misstrauen als das größte Beziehungsproblem empfunden wird. Interessant.

Noch interessanter sind die Fragen, die mir gestellt werden: „Wie kannst du über Leben in Balance sprechen, wenn du selbst in einem Land aufgewachsen bist, in dem dir keine Gefahr drohte?“, fragt als erstes eine Afrikanerin. Gefolgt von einer Asiatin, die wissen will, wie ich mit meinem Singlesein klarkomme. Und eine dritte Frau fragt, wie meine Eltern reagiert haben, als ich mich entschieden habe, Jesus zu folgen. Puh. Steileinstieg.

Ich antworte so offen und ehrlich wie ich kann. Erzähle offen, dass äußere Sicherheit keine emotionale Sicherheit garantiert. Dass meine Eltern es nicht leicht fanden, zu verstehen, dass ihre Tochter plötzlich neue Lebensprioritäten hatte. Und was ich mir für mein Leben wünsche. Ich ernte Gelächter. Und Verständnis und Vertrauen. Das Eis ist gebrochen. Ich bin nicht mehr „die Konferenzsprecherin“, sondern Kerstin, die sie auf einer Reise ins Leben begleitet.

Ich fühle mich frei und kann den ganzen Tag, fast ohne auf mein Konzept zu blicken, über mein Lieblingsthema sprechen: wie wir innerlich wieder lebendig werden können. Besonders betone ich den Aspekt, dass wir keine Opfer sind, sondern unser Leben bewusst gestalten können. Ich erzähle viel von Esther und Ruth, die zwar nicht alle Umstände, in denen sie lebten beeinflussen konnten, aber den Einflussbereich, den sie hatten, nutzten.

Was ich nicht wusste: Zum Tagesabschluss wird ein Film über das Leben von Esther gezeigt. Eine Mischung aus Bollywood und Melodram. Nicht gerade der beste Film, den ich je gesehen habe, aber dennoch eine gute Illustration für das, was ich den Frauen mitgeben wollte. Eine etwa fünfzigjährige weiße Südafrikanerin kommt auf mich zu und sagt mir: „Ich habe mein Leben lang geglaubt, dass es einfach unser Schicksal ist, dass Frauen immer Opfer sein müssen. Danke für deine Botschaft!“ Ich kann nur ahnen, was sich in den Tagen bewegt hat.

6. Tag

Ich härte ab. Der Gebetsruf des Muezzins weckt mich zwar immer noch, aber ich stecke den Kopf tiefer ins Kissen und schlinge den Arm um das freie Ohr und schlafe schon, während er noch singt, wieder ein. Ich frage mich, wie lange es wohl dauern würde, bis ich ihn gar nicht mehr höre.

Der zweite und letzte Tag der Konferenz ist besonders schön. Am Morgen spreche ich noch einmal über Tod und Leben und den Unterschied zwischen einem Menschen, der innerlich abgestorben und jemanden, der innerlich lebendig ist. An einigen Gesichtern kann ich wie schon am Vortag ablesen, dass die Frauen tief bewegt sind. Die Mehrzahl der Frauen sind jedoch Asiatinnen, es fällt mir schwer, in ihren Gesichtern zu erkennen, ob sie meine Worte verstanden haben – Englisch ist ja auch nicht ihrer Muttersprache –  und was sie berührt hat.

In der Pause kommt eine Philippina auf mich zu, bittet mich in gebrochenem Englisch um ein Gespräch. Sie ist einem Mann zuliebe sie in dieses Land gekommen und hat auf andere Arbeitsangebote verzichtet. Verständlich. Viele junge Frauen haben miserabel bezahlte, ausbeuterische Jobs und sehen in einer Beziehung nicht nur die Erfüllung ihrer romantischen Träume, sondern auch den Ausweg aus ihrer ökonomischen Misere. Ihr Freund hat jedoch mittlerweile in Kanada Arbeit gefunden. Er scheint sein Versprechen, sie nachholen zu wollen, nicht wahr zu machen. Vor seiner Abreise hatte er sie mehrfach zu Sex genötigt. Ihre verbale Weigerung „Wenn du mich liebst, würdest du warten!“ kam bei ihm nicht an. Sie fühlt sich ausgeliefert und kann vor Frustration und Schuldgefühlen nicht mehr schlafen. Sie fühlt hilflos. Ich auch. Wie soll ich in den paar wenigen Minuten, die wir haben, noch dazu bei erheblichen Kommunikationsproblemen, dieses Kuddelmuddel auflösen helfen? Sie sagt: „Wenn ich dir zuhöre, dann kann ich glauben, dass Gott mir vergibt und es Hoffnung gibt. “ Ich frage mich, wem sie sonst zuhört und was andere Menschen ihr wohl sagen.

Eine andere Frau erzählt mir das gleiche: „Wenn ich dir zuhöre spüre ich Leben.“ Ich genieße das Gespräch mit ihr in einer Pause im Hotel. Wir erzählen uns von dem, was uns lebendig macht. Lachen und reden miteinander. Und mit unserem Gott. Rennen, weil wir zu spät dran sind, zusammen durch die Gänge des edlen Hotels. Fühlen uns frisch und lebendig wie Kinder. Gleichzeitig bin ich traurig, weil die Frauen solche Lebendigkeit offensichtlich nur selten erleben.

Zum Abschluss der Konferenz fahren wir noch auf einen Berg in der Umgebung. Ich genieße die herrlich karge Landschaft und den weiten Blick, das Baden meiner Füße in einer heißen Quelle – auch so etwas gibt es hier.

Eine Inderin erzählt mir in Kurzfassung ihr Leben. Als ihr erster Mann von Unbekannten ermordet wurde, haben seine Eltern sie zu Unrecht verdächtigt und ins Gefängnis gebracht. Über Nacht verlor sie ihren ganzen Besitz, ihre Arbeit, einen Teil ihrer Familie. Aber im Gefängnis erlebte sie Jesus. Jetzt ist sie, als ehemalige Hindu, mit einem ehemaligen Moslem verheiratet, der ebenfalls Jesus folgen will. Sie leugnet nicht, wie hart die Jahre waren, aber sie strahlt Leben aus. Man spürt ihr ab, dass der Glaube sie stärkt und ihr Leben prägt.

Jetzt noch kurz zurück, Koffer packen. Dann muss ich dieses Land schon wieder verlassen.

 

6./7. Tag – Rückflug

Spätabends geht es dann zum Flughafen. Kurzer Zwischenstopp bei einer deutsch-arabischen Familie. Das Haus wirkt sehr ärmlich. Sie sparen alles, was sie können für eine bessere Zukunft in seinem Heimatland. Sie vermisst es, ihren christlichen Glauben nicht mit ihrem Mann teilen zu können, der Moslem ist. Und bereut es, ihn  in einer Zeit, in der ihr und ihrer Tochter ein Leben in Hartz IV drohte, einen Mann, der ihren Glauben nicht teilt, geheiratet zu haben. Gleichzeitig schätzt und liebt sie ihn. Er, der wie viele hier Mohammed heißt, ist ein warmherziger und kluger Mann mit lebendigem Gesichtsausdruck. Er stellt mir interessante Fragen über Geister. Vieles, was wir psychologisch erklären, wird hier offensichtlich mit anderen Terminologien und Kategorien beschrieben. Ich verstehe zwar nicht ganz, worauf er hinaus will, aber das Gespräch ist offen und voll echter Fragen.

Auf dem Weg zum Flughafen wird der Nebel immer dichter. Man kann nur einige Meter weit sehen. Beim Check-in und Abschied ist alles normal. Ich sehe einen kleinen Jungen, der einen alten, blinden Mann liebe- und temperamentvoll führt. Das ist hier normal. Und einen Mann, der seine Frau, die – vermutlich nach dem Abschied von einem Kind – heftig weint, liebevoll in den Arm nimmt. Berührung zwischen den Geschlechtern – das sieht man in der Öffentlichkeit hier sonst eigentlich nicht. Selbst Zärtlichkeiten zwischen Ehepartnern sind in der Öffentlichkeit tabu. Dennoch: Ich freue mich, diese Gesten der Nähe zu sehen.

Auf dem Flugsteig erhalte ich die Antwort auf die Frage, ob man bei dem Nebel überhaupt fliegen kann: Nein.

Wann es weitergeht, weiß keiner. Auf den Anzeigetafeln wird noch nicht mal die Verspätung angezeigt. Also mache ich es mir so gut es geht, gemütlich und versuche neben schreienden Kindern im Gang zum Gate zu schlafen. Es ist eiskalt. Ich hasse Klimaanlagen! Der Flughafen ist total überfüllt. Sogar unter den Tischen der Duty Free Shops schlafen Menschen, darunter Tausende, die sich auf der Rückreise von der Pilgerfahrt nach Mekka befinden. Alles bricht zusammen. Nach 14 Stunden Warten erfahren wir, dass unser Flug gestrichen wurde. Pech. Wir können umbuchen. Müssen aber noch mal 12 Stunden warten.

Immerhin in der Lounge der Fluggesellschaft, die sonst nur die First- und Business-Class Passagiere betreten dürfen. Dort gibt es richtig leckeres Essen. Neben meinem eigenen Essen belade ich einen ganzen Teller mit Konfekt und teile ihn mit der internationalen Ansammlung von Gestrandeten aus dem Libanon, Kuwait, Italien und Deutschland. Die arabischen Frauen sind davon ebenso begeistert wie von den Fotos meiner Familie und der Henna-Bemalung an meinen Händen.

Eine der Frauen in unserer Sitzgruppe sagt: „Du verhältst dich ja wie eine echte Araberin!“  Ich freue mich über das ernstgemeinte Kompliment. Sie trägt kein Kopftuch und erzählt mir von ihrer Tante, die in ihrem Heimatland durchgesetzt hat, dass Frauen keinen Schleier mehr tragen müssen und ein Recht auf Bildung, Freiheit und Berufsausübung eingeführt hat. Stark.
Dennoch bin ich richtig müde. Auch bei den anderen gestrandeten Passagieren sehe ich Tränen in den Augen, wenn sie mit ihren Familien telefonieren und ihnen sagen, dass noch immer nicht klar ist, wann wir losfliegen können. Immer wieder gehen mir, wenn ich die Augen schließe, trostreiche christliche Lieder durch den Kopf. Die Worte tun mir wohl und berühren mich. Ich ahne, dass liebe Freunde dafür gebetet haben, dass ich Gottes Nähe und Liebe mitten in dem Chaos erfahre. Später erfahre ich, dass das tatsächlich so war. Es kam spürbar an.

Auch der zweite Versuch, von dort wegzukommen, scheitert. Als wir schon mit rollenden Motoren auf der Startbahn stehen, kommt das Aus: „Der Flughafen wird wegen schlechten Wetters vorübergehend geschlossen.“ Der Italiener, der neben mir sitzt, kommentiert trocken: „So weit waren wir noch nie.“ Die nächsten Stunden verbringen wir wartend in der Maschine. Erst nach sieben Stunden geht es in die Luft.

Zwischenstopp in Frankfurt. Ich eile zum Gate nach Berlin. Fünf Minuten vor Abflug erfahre ich, dass man versäumt hat, mir bei der Umbuchung ein gültiges Ticket mitzugeben und ich leider nicht mitfliegen kann. Mir stehen nach fast 60 Stunden ohne Schlaf  vor Müdigkeit und Verzweiflung die Tränen in den Augen. Ich sage einem Mitarbeiter: „Wenn Sie mir jetzt noch sagen, dass meine Haare nicht frisch gewaschen sind, fange ich an zu weinen.“ Er reagiert souverän: „Aber ihre Hände sind toll bemalt!“ Der weltbeste Frauenversteher, der mir je begegnet ist.

In fünf Minuten ist das nicht zu regeln. „Boarding beendet!“ Die Maschine hebt ab. Ohne mich.

Wie durch ein Wunder findet eine Mitarbeiterin am Startflughafen das benötigte Dokument. Nach 33 Stunden Chaos auf diesem Flughafen ist es für mich leichter zu glauben, dass ein Engel beim Auffinden des Dokumentes half, als dass es sich um einen natürlichen Vorgang handelte.
Zu Hause wurde ich von einer lieben Freundin mit einer Tafel Schokolade begrüßt. Sie kochte, während ich duschte (Wohltat) heißen Tee. Die Heizung in meiner Wohnung funktionierte nicht. 15,2 Grad ist richtig kalt, wenn man aus der Wärme kommt. Dennoch bin ich froh, wieder zurück zu sein. Und dankbar für die Zeiten, die ich erlebt habe.

 

Bearbeitete und leicht gekürzte Fassung eines Artikels, der zuerst in der Zeitschrift Joyce erschien. Mit freundlicher Genehmigung.

 

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Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter
http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de