Kerstin Hack: Wir waren wie die Träumenden.

Wir waren wie die Träumenden… Persönlicher Bericht über die Konferenz „Heile unser Land – Versöhnung mit den Wiedertäufern“

Nur wer die Geschichte kennt, kann verstehen, welche Dynamik diese Konferenz entfaltete und welche Brisanz die behandelte Thematik bis heute in sich birgt. Deshalb ein kurzer historischer Rückblick auf die Bewegung der Täufer. Zürich im Jahr 1525: Zwischen Ulrich Zwingli, dem Züricher Reformator und einigen seiner engsten Mitarbeiter kommt es zum Bruch. Zwingli will eine vorsichtige Reformation in enger Kooperation mit dem Rat der Stadt durchführen. Seine Freunde Felix Manz und Konrad Grebel empfinden dies als Kompromiss am Evangelium: Sie wollen keine Volkskirche, die alle – auch die Lauen und Namenschristen einschließt, sondern eine Bewegung der wahren Gläubigen, die durch Taufe als Erwachsene und geheiligtes Leben ihre Hingabe an Jesus zum Ausdruck bringen.
Eine Disputation vor dem Stadtrat von Zürich brachte keine Lösung: Der Rat erließ am 17. Januar 1525 einen Erlass, der besagte, dass alle ungetauften Kinder binnen Wochenfrist getauft werden sollten. Wer sich dem widersetzte, würde aus Zürich ausgewiesen. Für die „radikalen Reformatoren“ war die Stunde der Entscheidung gekommen. Sie trafen sich zum Beten und Beratschlagen und tauften sich am Ende dieses Treffens gegenseitig als Zeichen Ihrer Entscheidung, Jesus bedingungslos zu folgen und eine (vom Staat) freie/ unabhängige Gemeinschaft der Gläubigen ins Leben zu rufen. Auch weitere Personen baten um die Erwachsenentaufe als Zeichen ihres Glaubens.
Innerhalb von nur einer Woche saßen bereits 25 der Getauften im Gefängnis, aber die Bewegung ließ sich nicht mehr aufhalten. Überall in der Schweiz, Deutschland, Österreich, Holland und Belgien entstanden trotz massiver Verfolgung Gruppen von Gläubigen, die ihre Nachfolge durch die Erwachsenentaufe bezeugten und durch ihren Lebensstil zum Ausdruck brachten. Sie teilten miteinander das Abendmahl in den Häusern, trafen sich in Höhlen und abgelegenen Scheunen, um ihren Glauben miteinander zu teilen und ihre geliebten Glaubenslieder zu singen. Aus Überzeugung lehnten sie jede Form von Gewalt – auch im Kriegsfall – ab.
Dafür bezahlten Tausende von ihnen mit dem Leben. Am 5. Januar 1527, nur zwei Jahre später, wurde Felix Manz, einer der profiliertesten Leiter der Bewegung, wie ein Paket zusammengeschnürt und in den eiskalten Limmat-Fluss geworfen1. Er war der erste von zehntausenden von Märtyrern: Mehr als zweihundert Jahre lang wurden die Täufer verfolgt: Sie wurden enteignet, gefoltert, kamen ins Gefängnis, wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt, ertränkt oder geköpft. Aber dennoch gelang es nicht, ihr inneres Feuer und ihren Glauben auszulöschend
Einige Täufergruppen überlebten in abgelegenen Ecken der Schweiz oder flüchteten nach Böhmen, viele emigrierten nach Amerika. Sie zerfielen aufgrund von Auslegungsfragen in unzählige Gruppen: Die Mennoniten, Hutterer, Amischen, Baptisten, Brüdergemeinden und viele andere Freikirchen haben ihrer Wurzeln direkt oder indirekt in der Täuferbewegung.2 Soweit zum historischen Hintergrund.

Am 1. August 2002 kam es auf einer von David Demian initiierten Konferenz in Kanada zu einer Begegnung zwischen Nachkommen der Schweizer Täufer und einer Gruppe von Schweizer Christen unter der Leitung von Geri Keller (Stiftung Schleife), der selbst reformierter Pfarrer ist. Beide Gruppen spürten, dass die Zeit für Versöhnung reif ist, trafen sich, beteten und bereiteten die Zeit der Versöhnung vor.
Auf den Tag genau neun Monate nach der ersten Begegnung kam es dann auf der Konferenz „Heile unser Land“ zur „Geburt“ dieser Versöhnung. Eine große Gruppe von mennonitischen und amischen Nachkommen der Täufer kamen auf Einladung der Stiftung Schleife aus Amerika in die Schweiz, die auch zusammen mit Schweizer Christen als Zeichen der Versöhnung die Reisekosten für die Nachkommen der Täufer übernahm.

Zu beschreiben, was dort geschah, ist fast unmöglich. Immer wieder wurde Psalm 126 zitiert: „Wir sind wie die Träumenden“. Wenn nach Jahrhunderte langer Spaltung und gegenseitiger Anklage Geschwister sich wieder als Geschwister begegnen, sich gegenseitig vergeben und miteinander Gott anbeten, dann fühlt sich das so ähnlich an wie der Fall der Berliner Mauer: Man ist trunken vor Glück, fassungslos und findet kaum Worte, das Geschehene zu beschreiben.

Wie soll man es auch glauben können, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat,

  • dass Alphornbläser und die Glocken des Großmünsters in Zürich die einst verstoßenen Söhne der Stadt willkommen heißen
  • dass ein Bischof der Täufergemeinden im Großmünster vom Rednerpult am Kindertaufbecken (der Kanzel Zwinglis) aus über Heimkommen und Versöhnung spricht: „Wir sind wieder zu Hause…“
  • Dass der reformierte Kirchenratspräsident Reich darüber spricht, dass die Verfolgung der Täufer ein Verrat am Evangelium war und Kirchen und Freikirchen Zweige am gleichen Ast des großen christlichen Baumes sind…
  • dass ein Chor der Täufer in den traditionellen Kleidern im Großmünster steht und die Jahrhunderte alten Lieder singt: „Siehe wie fein und wie lieblich ist´s, wenn Brüder in Einheit zusammen sind“ ….
  • Dass Täufer und reformierte Christen miteinander tanzen können…
  • Dass mehr als 20 reformierte Pastoren auf den Boden zu Füssen eines Predigers aus der Täuferbewegung sitzen und ihm wie die Kinder lauschen…
  • Dass die Nachkommen der Täufer keinen Groll im Herzen haben, sondern voller Liebe und Verständnis für ihre ehemaligen Verfolger sind…
  • Dass ein ehrwürdiger Amischer Bischof (mit Rauschebart und allem …) vor lauter Begeisterung über das, was Gott tut, die Arme in die Höhe reißt und im alten Deutsch ausruft: „Ich kann nit schweige, Ich kann nit still sey…“

Wir waren wir die Träumenden…

Wie aktuell dieses Thema bis heute noch ist, wurde in den vielen Schuldbekenntnissen der reformierten Pfarrer deutlich: Einige bekannten, aus Angst vor der Kirchenleitung oder Angst, ihre Berufung zu verlieren, nicht zu ihrer inneren Überzeugung, dass Glaubenstaufe biblisch und Wiedertaufe keine Sünde ist, gestanden zu haben. Oder dass sie selbst heimlich die Glaubenstaufen durchgeführt, aber der Obrigkeit verschwiegen hatten. Bekenntnisse, die zeigen, dass viele der Fragen und erzwungenen Kompromisse, die den Bruch zwischen den Täufern und der offiziellen Kirche ausgelöst hatten, bis heute nicht befriedigend gelöst sind.

Als Christin war ich an dem Geschehen intensiv beteiligt. Lange getrennte Glieder des Leibes Jesu fanden wieder zueinander. Das war einfach wunderbar. Aber als Besucherin aus Deutschland fühlte ich mich bei der Behandlung der Schweizer Problematik manchmal als Beobachterin. Ich fragte mich, was das alles für unser Land zu bedeuten hat.
In Deutschland war neben der Tauffrage auch die Gewissensfreiheit der Täufer, die sich der Unterordnung unter die Obrigkeit der Kirche verweigerten, der zentrale Konfliktpunkt zwischen Täufern und der evangelisch-lutherischen aber auch der katholischen Kirche. Die Täufer glaubten, dass jeder Christ nicht in erster Linie der Kirchenleitung, sondern dem Geist Gottes und der Heiligen Schrift verpflichtet ist und dass nicht nur ausgebildete Pastoren, sondern auch Laien das Abendmahl und das Wort Gottes austeilen konnten. Mit diesen Überzeugungen stellten diese ,„unabhängigen“ Christen in den Augen der Reformatoren und der Landesfürsten eine Gefahr für die öffentliche Ordnung dar.
Und so wurden sie auch hierzulande gnadenlos verfolgt – sowohl von der lutherischen als auch von der katholischen Kirche. Und von beiden Großkirchen zusammen. Der einzige Beschluss, der auf dem zweiten Reichstag in Speyer gefasst wurde, dem quasi ersten „ökumenischen Konzil“ der Geschichte, war das Wiedertäufermandat, sprich der Beschluss, alle, die sich wiedertaufen lassen, mit dem Tod zu bestrafen.
Um diesen Beschluss umzusetzen, wurden allein in Bayern zeitweise 1000 Soldaten zur Verfolgung der Täufer eingesetzt, in Rottenburg an einem einzigen Tag 700 Täufer ermordet. In Bamberg, Cadolzburg, Schwäbisch Gmünd und vielen anderen Orten sind Hinrichtungen auf dem Scheiterhaufen, durch das Schwert oder das Ertränken belegt.
Aber es geschah auch in Deutschland, dass Teile der Täuferbewegung in Extreme abglitten: Die Täufer in Münster, die in einem falschen Endzeitverständnis ein irdisches Königreich aufrichten wollten3 und in grauenhafte Irrlehre und Unmoral abglitten und die Anhänger Thomas Münzers, die mit Gewalt die Unterdrückung der Bauern beenden wollten. Dies waren nur Nebenströme, aber diese Geschehnisse haben ein schlechtes Licht auf die ganze Bewegung geworfen.
Vielerorts wissen Menschen nur noch von diesen extremen Auswüchsen. Die Erinnerung an den Hauptstrom dieser faszinierenden und im Evangelium verwurzelten Bewegung ist hierzulande fast ausgelöscht. Dort ist ein reiches Erbe verborgen, das es wieder zu entdecken gilt – insbesondere von einer Generation, die sich nach Vorbildern für radikale und kompromisslose Nachfolge sehnt.

David Demian hat in einer der Ansprachen das Wort „als die Zeit erfüllt war“ betont. Wir können und dürfen in Deutschland nicht einfach kopieren, was in der Schweiz geschehen ist – auch wenn auch unser Land Vergebung für den tausendfachen Mord, an unseren Glaubensgeschwistern dringend nötig hat. Aber Gottes Geschenk der Versöhnung kann man nicht erzwingen oder menschlich machen.
Doch ich träume davon, dass wenn „die Zeit erfüllt ist“, von Gott vorbereitete Menschen sich die Hand zur Versöhnung reichen und Gott uns dann Heilung für die Wunden schenkt, die wir einander zugefügt haben. Und dann, ja dann werden auch wir sein wie die Träumenden…..

Kerstin Hack, Mai 2003
Kerstin Hack leitet den Verlag und Lehrdienst Down to Earth. Auf ihrer Homepage findet sich in der „Denkbar“ neben vielen anderen Artikeln und Essays auch einiges an Material über die Täuferbewegung. www.down-to-earth.de

Buchtipp: Peter Hoover: Feuertaufe für die Freiheit. Das radikale Leben der Täufer.

Erhältlich im Down to Earth Verlag.

1 Vgl. Myron Augsburger:“ Ich werde Dich wiedersehen.“ In stürmischen Leben riskiert Felix Manz sein Leben für eine freie Kirche. Buchbesprechung an anderer Stelle.
2 Peter Hoover:, selbst Nachkomme der Täufer, erzählt in “The secret of the strength. What would Anabaptists tell this Generation“ die faszinierende Geschichte dieser Bewegung . Das komplette Buch gibt es als downloadbares PDF in der “Denkbar”: www.down-to-earth.de
3 Die mannshohen Käfige in denen die Leiter der extremen Bewegung aus Münster nach ihrer Unterwerfung und vor ihrer Hinrichtung mehrere Monate lang durchs Land gefahren wurde, so dass jeder sie begaffen konnte, hängen bis heute zur Abschreckung an einem Kirchturm in Münster….

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de