Kerstin Hack: Berlin – meine Stadt verstehen – sehen und lieben

Kerstin Hack erzählt, wie sie ihre Stadt Berlin kennen und lieben lernt.

Ich bin ein typisches Landkind. Ich liebe die Natur, Blumen, lange Spaziergänge, unberührte Landschaften. Als ich nach Berlin zog, verband mich nichts mit der Stadt, außer der Tatsache, dass ich dort wohnte und bei einer christlichen Organisation arbeitete. Das war mein Leben. Die Stadt berührte mich kaum.
Das änderte sich, als ich eines Tages bei einem Spaziergang auf dem Teufelsberg stand, von dem aus man einen Blick über weite Teile der Stadt hat. Berlin ist so pottflach, dass jeder Maulwurfshügel schon als Berg bezeichnet wird… aber das ist ein anderes Thema.
Als ich meinen Blick über die Häuser und Wohnblocks in meinem Gesichtsfeld schweifen lies, empfand ich plötzlich, dass Gott zu mir sprechen wollte: „Ich will Dir ein Erbe in dieser Stadt geben!“ WAS! Dieser eine Satz katapultierte mich aus der sicheren Distanz hinein in das Abenteuer eine Stadt, meine Stadt lieben zu lernen und mir zu eigen zu machen.
Ich bin ein praktischer Mensch. Wenn es stimmt, dass Gott mir ein Erbe geben will, dann sollte ich besser nach Wegen suchen, wie ich dieses Erbe auch in Anspruch nehmen kann, dachte ich mir und organisierte eine Gebetswoche für Kreuzberg für jeden, der mit für diesen alternativen, internationalen Stadtteil beten wollte. Am ersten Nachmittag klopfte es an die Tür des Raumes, in dem wir beteten. Eine Frau bat um Hilfe. Eine der Beterinnen redete mit ihr und führte sie zu Jesus. Für mich war das ein Zeichen der Hoffnung! Wenn wir beginnen, die Distanz zur Stadt aufzugeben und zu den Menschen zu gehen, werden Menschen beginnen, die Distanz zur Gemeinde aufzugeben und zu unseren Türen kommen …und Jesus finden.
Das war 1998. Seit dieser Zeit wächst meine Liebe zu meiner Stadt. Zuerst erschloss sich mir die Stadt auf der Ebene des Verstehens. In der Bibel werden Städte immer wieder wie Menschen angesprochen. Gott spricht über Erbarmen für eine Stadt. Jesus weint Tränen über sie. Und so wie man in der Seelsorge die Geschichte eines Menschen verstehen lernt, um Heilung bringen zu können, kann man auch die kollektive Geschichte einer Stadt verstehen lernen.
Im Laufe der Zeit verstanden meine Freunde und ich immer mehr von dem, was diese Stadt geprägt hat. Jahrhunderte von Dominanz und Missbrauch. Armut, Verzweiflung hatten der Stadt ihren Stempel aufgedrückt, aber dennoch ihre kreative Stärke nicht vollständig unterdrücken können. Berlin wirkt auf mich wie ein missbrauchter Teenager, der seinen Schrei nach Liebe und Heilung unter einer rauen Schale versteckt, aber gleichzeitig seine Verletztheit und Zerbrochenheit in grellen Farben nach außen trägt.
Das kann man sehen. An den Gebäuden, an der Graffiti an den Wänden, an den Denkmälern, an der Art, wie sich Menschen geben und kleiden. Um eine Stadt zu lieben, muss man sie sehen. Wir gingen viel durch die Straßen Berlins, wanderten betend den ehemaligen Mauerstreifen ab (150 km!), gingen zu historischen und gegenwärtigen Schlüsselorten, um vor Ort zu empfinden, was los ist. Im Sehen hat sich unser Verständnis vertieft. Die Dinge, die wir auf der historischen Ebene verstanden haben, haben sich tiefer in unsere Gefühle und geistlichen Empfindungen eingegraben.
Aber Verstehen und Sehen sind nur die ersten Schritte. Die Bibel spricht davon, dass wir uns in einer tiefen Weise mit unseren Städten verbinden sollen. In Jesaja 62 sagt Gott, dass unser Land „verheiratet“ sein soll. Das spricht von seiner und unserer tiefen, intimen Verbundenheit mit dem Raum, an dem man lebt. Er spricht dort über Jerusalem, die „heilige Stadt.“ Aber er fordert auch die Juden im Exil in Babylon auf, sich mit der gleichen Art von Liebe mit ihrer kaputten, heidnischen Stadt zu verbinden (Jer. 29), Beziehungen zu bauen, heimisch zu werden. Letztlich wird die Stadt nur verändert, wenn wir sie berühren. Oder Jesus sie durch uns berührt. Das ist für mich der härteste Schritt.
Ich bin in einer christlichen Subkultur groß geworden, die mich gelehrt hat, mich vor der Welt zu schützen, um meine innere Reinheit zu bewahren. Meine christliche Welt war voll von Berührungsängsten und darauf konzentriert, in einer sicheren christlichen Umgebung ein heiliges Leben zu führen. Der Satz, dass Licht stärker ist als die Finsternis, war offensichtlich aus unseren Bibeln gestrichen. Deshalb kuschelten sich alle Kerzen im Licht zusammen.
Das ist das genaue Gegenteil von dem, was Jesus getan hat. Er war nur selten im Tempel, aber viel bei Leuten, die seine Nähe, seine Heilung und seine Liebe brauchten. Die frommen Lügen und Berührungsängste stecken tief in mir.
Meine christliche Erziehung hat mich gelehrt, achtlos an meiner verwundeten Stadt vorbeizugehen, weil der geistliche Dienst in den christlichen Tempeln Vorrang zu haben scheint. Ich muss es mühsam lernen, mich in meinen –ach so wichtigen – frommen Aktivitäten unterbrechen zu lassen, wenn ein Mensch die Begegnung mit mir braucht. Oder an Orte zu gehen, die alles andere als rein zu sein scheinen.
Langsam aber sicher wage ich mich aus meinem frommen Versteck und gehe mit Jesus an Orte, die er besuchen will. Vor kurzem überschritt ich die Schwelle zu einem der schwulen Cafés und las – mit einer Tasse Latte in der Hand – das Manuskript zum Buch eines Freundes. Er schreibt darüber, dass die Gemeinde in unsere Zeit Gottes Reich nicht nur in theologisch korrekten Sätzen, sondern in der Fülle menschlicher Kreativität (Kunst, Gestaltung, Tanz etc.) und in der ganzen Schönheit gelebter Liebe und Gemeinschaft zum Ausdruck bringen kann und soll. Ich war froh, diese Worte nicht in der Geborgenheit und Sicherheit meines heimischen Studierzimmer zu lesen, sondern an dem Ort, wo die Menschen waren, für die sie geschrieben wurden. Menschen, die zu Jesus finden werden, wenn wir es wagen, sie zu verstehen, mit ihnen zu empfinden und sie zu berühren. Mitten in der Stadt, die ich lieben lerne.

Zuerst veröffentlicht im Magazin IMPULSE.

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter
http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de