Kerstin Hack: Wenn einem mit dem Himmel die Hölle heiß gemacht wird

Ein paar Gedanken und Erlebnisse zum Umgang mit Manipulation im frommen Gewand.

„Wenn du böse bist, kommst du in die Hölle.“ Okay. Den Trick kennen wir, darauf fallen wir nicht mehr herein. Das ist Manipulation der einfachsten Machart. Das hat vielleicht noch funktioniert, um uns als Kleinkinder zum richtigen Verhalten zu bringen: „Wenn du Nägel kaust, deinen Bruder haust…dann…“ Mittlerweile hat dieser Trick – zumindest in der plumpen Form – längst ausgedient.
Aber so ganz wohl ist uns immer noch nicht, wenn uns jemand vermittelt, dass es höllisch unangenehm wird, wenn wir etwas Bestimmtes nicht tun, weil ohne unseren Einsatz das Ferienlager nicht klappt, die Jugendgruppe zusammenbricht, das ach so gesegnete Projekt nicht mehr am Laufen gehalten werden kann. Höllisch unangenehm. Da macht mir einer Druck mit der Hölle auf Erden. Oder der ewigen Hölle. Um mich dahin zu kriegen, dass ich das tue, was er will. Natürlich um des Himmels willen.
Es ist höllisch unangenehm, so unter Druck gesetzt zu werden. Aber zumindest ist es meist recht einfach zu durchschauen.
Strickmuster: Du tust etwas (nicht), dann kommt die Hölle. Dein Pech. Damit kann ich leben. Wenn jemand meint, er müsste mich mit solchen Tricks zum Handeln bewegen, kann ich gut und gerne darauf verzichten. Okay.
Schwieriger wird es für mich, wenn einer mit dem Himmel ankommt, um seine Ziele durchzusetzen. Eine befreundete Grafikerin, alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern, arbeitet für eine christliche Autorin. Ihre Kundin hat im Gegensatz zu ihr nicht nur ein schönes Haus und ein schickes Auto, sondern hält es auch für nötig, zu den besten Friseuren zu gehen, um den Herrn würdig zu repräsentieren. Ist ja auch eindeutig klar, dass Jesus eher auf goldblonde Strähnchen steht, als auf im Dienst für andere Menschen strähnig gewordenes Haar. Okay. Das ist ihre Sache, sie muss das mit ihrem Gott und ihrem Gewissen so vereinbaren. Dumm ist nur, dass sie ständig versucht, meine Freundin zu bewegen, für sie weit unterhalb des üblichen Preises zu arbeiten und den Himmel dafür als Druckmittel nimmt: „Du wirst im Himmel dafür belohnt werden, wenn du das günstig für mich machst.“ Ach ja?!
Was meiner Freundin bleibt, ist ein schlechtes Gewissen, wenn sie lieber auf der Erde ein angemessenes Einkommen haben möchte, um sich und ihre Töchter durchzubringen, als irgendwann im Himmel belohnt zu werden.
Eine andere Frau lehnte es ab, einer Bekannten in einer komplizierten Angelegenheit Hilfe zu geben, weil ihr dafür Zeit und Wissen fehlte. Das „Nein“ wurde vom Anrufer jedoch nicht akzeptiert. Die Bekannte erklärte, dass sie sich zu hartnäckigem Bitten berechtigt fühlte, weil Jesus selbst im Gleichnis mit der bittenden Witwe erklärt, dass wir nicht aufhören sollen zu bitten, bis wir das Erwünschte erhalten haben. Wie bitte? In diesem Gleichnis geht es um eine Frau, die einen gesetzlichen Anspruch auf Rechtsbeistand hatte. Sie hatte das Recht, Hilfe von den zuständigen Stellen zu bekommen, war gesetzlich verbürgt, so wie unser Anspruch, vom Staat Hilfe und Unterstützung zu bekommen.
In freiwilligen Beziehungen (Freundschaften, Bekanntschaften, selbst in der Gemeinde) gelten andere Regeln. Da hat jeder das Recht den anderen um Hilfe zu bitten, aber auch jeder hat das Recht „Ja“ oder „Nein“ zu sagen. Keiner ist verpflichtet. Da gilt es, höllisch aufzupassen, wenn „biblische „Prinzipien“, der Himmel oder die Hölle zu Hilfe geholt werden, um jemanden zu etwas zu bewegen, was er nicht will. Ziemlich wahrscheinlich ist da nicht Jesus dahinter, sondern wie ein Freund von mir gern sagt, „Sankt Manipulatius“ als Schutzpatron aktiv.
Das erinnert an andere Religionen, die ihren Nachfolgern den Himmel versprechen, wenn sie auf Erden religiöse Überzeugungen mit Gewalt durchsetzen. Zu Jesus passt das nicht. Er hat seine Jünger nicht mit himmlischen Versprechungen zur Nachfolge verführt. Nein, er hat – selbst wenn er den Himmel erwähnt hat – betont, welche Auswirkungen das Leben mit ihm erst mal auf der Erde haben wird: „Ich will dich zum Menschenfischer machen.“ Und „Ihr werdet Kranke heilen, Dämonen austreiben…“ und ja: „Schon auf Erden werden Menschen Häuser und Besitz mit Euch teilen, ihr werdet viel haben, ohne viel zu besitzen.“ Er hat sie nicht aufs Jenseits vertröstet, sondern mit dem Diesseits motiviert: „Wenn ihr mit mir lebt, wird das schon auf dieser Erde Auswirkungen haben – auf euer eigenes Leben und das Leben derer um euch herum.“
Sie mit Versprechungen auf den Himmel zum Handeln auf der Erde zu bewegen, gehört nicht zu den taktischen Werkzeugen, die er eingesetzt hat. Nicht einmal in Situationen, in denen es ihm nahe ging, dass Menschen seine Angebote ablehnten. Zum Beispiel der reiche Jüngling, der Jesus folgen, aber auch materielle Sicherheiten behalten wollte. Jesus wusste, dass halbherziges Handeln immer zu ganzherziger Unzufriedenheit führt und dass der junge Mann glücklicher werden würde, wenn er das Risiko der Nachfolge ganz eingehen würde.
Obwohl er traurig über die Entscheidung des Mannes war, hat er dennoch nicht den Himmels-Joker gezogen, um ihn doch noch zur Nachfolge zu bewegen: „Du, wenn du mit mir gehst, gibt es noch ein Extra; du kommst in den Himmel. Und dort wirst du noch viel reicher sein als hier.“ Nein, er hat klar kommuniziert, was er wollte. Und er hat das „Nein“ des anderen ohne Wenn und Aber akzeptiert. Und das, obwohl er wusste, dass die Person nicht die beste Wahl getroffen hat.

Wir dürfen uns auf den Himmel freuen. Aber um Menschen zum Handeln auf der Erde zu bewegen, stehen uns nur die Mittel des offenen und direkten Bittens und Fragens zur Verfügung – mit dem Risiko und der großen menschlichen Freiheit ein „Ja“, aber auch ein „Nein“ zu geben.
Wenn Menschen Bitten durch ein himmlisches Prämienversprechen anreichern, zeigt das, dass sie vom Leben auf der Erde und von dem freien Willen – den Gott uns gegeben hat und den er respektiert – selbst nur recht wenig verstanden haben. Und vielleicht weniger Jesus selbst und seinem Beispiel folgen als vielmehr Sankt Manipulatius.

Kerstin Hack ist Autorin, Verlegerin und Referentin. Sie lebt in ihrer Lieblingsstadt Berlin und liebt Menschen, Bücher, Reisen. Mehr von ihr gibt es unter
www.down-to-earth.de (Ihr Verlag, ihre Bücher)
kerstin.down-to-earth.de (Ihr Blog)

Zuerst veröffentlicht in Dennoch 4 / 07. Mit freundlicher Genehmigung.

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de