Kerstin Hack: Wenn einer neu zum Leben kommt

Lazarus2„Elazar, komm hierher!“ – wie aus weiter Ferne drang die Stimme zu ihm. Sein erster Impuls war, sich die Decke über den Kopf zu ziehen und so zu tun als sei er noch im Tiefschlaf. So wie er es immer getan hatte, wenn seine Mutter ihn rief, um Holz zu holen oder Wasser. Seine starke jüdische Mutter Susanna. Susanna, die starke, lebensfrohe Frau, die ihre Familie mit der gleichen Kraft führte, mit der sie den Teig für die ungesäuerten Brote knetete. Eins nach dem anderen packte sie an. Und wann immer Aaron, ihr kluger, aber auch ängstlicher Mann sich Sorgen machte, wegen der Unruhen im Land, wegen der Besatzungsmacht, wegen der möglichen Missernte, wegen diesem wenn und jenem aber hörte sie seinen Klagen eine Weile zu. Irgendwann, wenn es ihr zu viel wurde strich sie ihm liebevoll über das Haupt, zog ihn neckisch am Bart, sah ihm in die Augen und sagte: „Mein Lieber, was machst du dir Sorgen um Morgen….wer weiß schon, was Morgen wird…ich lebe heute!“ und Aaron schaute von seinen Pergamentrollen hoch oder den Abrechnungen, in die er gerade vertieft war, sah Susanna an, deren dunkles, gewelltes Haar von den ersten grauen Strähnen wie von Krebsspuren am Strand durchzogen wurde. Lächelte und sagte: „Es gibt viele gute Frauen auf dieser Welt – aber du übertriffst sie alle!“ Und manchmal zog er sie dann an sich, beide hielten inne, glücklich und vertraut.

Unwillkürlich musste Elazar lächeln, als er das Bild seiner Eltern vor seinem inneren Auge sah. Er genoss den Moment, die Vertrautheit in ihren Blicken zu sehen, die Wärme der Erinnerung…an eine glückliche Zeit. Eine Zeit, die schon längst vergangen war. Beide lebten längst nicht mehr. Und er selbst?

In seinen Füssen kribbelte es, so wie wenn er nach einem langen Marsch im Winter seine erstarrten Glieder am Herdfeuer wärmte und das Blut sich neu einen Weg durch die von Kälte verengten Blutbahnen kämpfte und das Leben langsam zurück kam. Das Leben….das Leben…

Langsam erwachten auch seine Gedanken.

Mit einer ruckartigen Kopfbewegung gelang es ihm, das Tuch abzuwerfen, das auf seinen Augen lag. Er blinzelte. Wo war er? Es war dunkel. Von links kam ein Lichtstrahl durch eine Öffnung. Er befand sich in einem etwa mannshohen Raum, einer Art Höhle, in den hellen Kalkstein seiner Heimat gehauen, aus dem auch die Häuser seines Dorfes gebaut waren. „So sehen unsere Gräber aus!“, dachte er und zuckte unwillkürlich zusammen. „Ich bin in meinem Grab!“

Schlagartig kamen die Erinnerungen zurück. Seine Krankheit. Das hohe Fieber. Die Ärzte und Priester, die nicht helfen konnten. Seine zwei Schwestern, die ihn pflegten, ihm essigsaure Wadenwickel machten, um das Fieber zu senken, ihm Sud aus Heilkräutern einflößten und ihm Mut zusprachen: „Eli, komm iss die Suppe, das wird dir wieder Kraft geben. Du wirst bald wieder gesund.“ In ihren Stimmen war nichts von der Leichtigkeit von Sommertagen, sie klangen eher wie der Wind, der durch dürres Herbstlaub bläst, bevor er es von den Ästen reißt. Immer wieder, wenn sie dachten, er würde schlafen, wagten sie es, ihre Befürchtungen offen auszusprechen „Was soll nur aus uns werden, wenn er nicht mehr ist? Wenn nur der Rabbi bald käme!“

Von Tag zu Tag waren die Schmerzen schlimmer geworden, jeder Atemzug zur Qual und er konnte es sich selbst nicht mehr glauben, wenn er ihnen mit einem gezwungenen Lächeln Mut zusprach und flüsterte: „Es wird schon wieder werden. Wir haben schon Schlimmeres überstanden.“

Schlimmeres. Tabita, die mittlere Schwester starb, nachdem sie von einer Gruppe betrunkener römischer Besatzungssoldaten vergewaltigt worden war und es irgendwie noch nach Hause schaffte. Sie war in seine Arme gefallen, hilflos wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln. Er konnte ihrer Seele und ihrem blutenden, geschundenen Körper nicht mehr helfen. Sie starb wenige Stunden später. In schlaflosen Nächten quälte ihn die Erinnerung an ihre leeren Augen, aus denen jedes Leben gewichen war. „Martha, scher mir das Haar…“, hatte sie noch mit tonloser, kaum hörbarer Stimme zu ihrer Schwester gesagt… „ich bin eine geschändete Frau!“ Er hätte sie doch schützen müssen…nun gab es nichts mehr, was er tun konnte…und er fand kein Wort, das sie erreichen und berühren, ihr Lebensmut geben könnte.

Selbst Martha konnte ihr nicht helfen. Sie stand ratlos da, mit Tüchern in der Hand, die die Blutungen nicht mehr stillen konnten. Die große, starke Martha, die Tatkraft in Person, deren „Elazar, komm hierher!“ keinen Widerspruch duldete – und fast immer Arbeit verhieß. Martha, die er immer so sehr bewundert hatte, weil sie für alles ein  Rezept und eine Lösung parat hatte. So oft hatte sie ihm gesagt: „Das ist ganz einfach, Elazar…du musst nur…

Nur in Herzensangelegenheiten war sie ratlos. Aber Miriam, die jüngere, die er zärtlich „Mira“ nannte, war sensibel, zart, konnte gut zuhören, ihm über die Haare streichen und wenn sie „Ach, Eli…“ sagte, wusste er, dass es keine Lösung für seinen Kummer gab, aber zumindest einen Menschen, der mit ihm fühlte und ihn verstand. So wie seinen Kummer über Naomi. Sie hatten als Kinder auf Hochzeiten Verstecken gespielt und sie war immer mutig wie ein Junge über die schmalen Durchgänge zwischen den Flachdächern ihrer Häuser gesprungen. Manchmal hatte sie dabei seine Hand genommen, so dass es ihm auch ums Herz ganz warm wurde: „Elazar, komm hierher… – ich zeig dir das beste Versteck“ ….Unter den Reisigbündeln auf dem Dach fand sie so schnell niemand und so erzählten sie sich kichernd Witze und machten sich über den krummen Gang von Rabbi Joshua und die immer gleichen Werberufe der Straßenverkäufer lustig: „So güüüüüüüüüüünstig wie noch nie!“

Elazar seufzte auf, als er an sie und den Klang ihrer Kinderstimme dachte. Wie es jetzt wohl klingen würde, wenn sie seinen Namen sagen würde „Elazar, komm hierher…“ Der Gedanke tat weh. Wie würde ihre Stimme klingen. Er wusste es nicht. Seit ihren Kindertagen hatte er ihre helle Stimme, die wie ein Wildbach im Frühling über die Silben hüpfte, nicht mehr gehört. Naomi – sie war so bildschön geworden, manchmal wenn sie vom Brunnen kam, den Wasserkrug elegant auf der Schulter tragend, lächelte sie ihn mit ihren grünbraunen lebendigen Augen an, und die Lippen, die früher Kirschkerne meterweit spucken konnten, schienen ganz andere Geheimnisse anzudeuten, die ihn lockten…und ihn in der Nacht vor Sehnsucht seufzen ließen. Aber tagsüber kam seine alte Angst zurück – er wagte es nicht mehr, sie an die Kindertage zu erinnern und mit schüchternen Worten eine mögliche Zukunft anzudeuten. Tausend und eine Nacht hatte er davon geträumt, wie es wäre…sie zu hören, zu spüren, zu ihr zu gehören. Und Tausend und einen Tag hatte er gezögert, gezaudert…bis es zu spät für eine Entscheidung war…Und Zehntausend Tage und Nächte fragte er sich – hätte er überhaupt eine Chance gehabt?

Seine Freunde klopften ihm auf die Schulter und hatten den ein oder anderen Spruch auf Lager, der Vater schwieg, die Mutter versuchte, ihm die Vorzüge anderer junger Frauen aufzuzeigen.

Nur Mira verstand ihn, tröstete ihn. „Elazar, komm her“, hatte sie ihm immer wieder gesagt, bevor sie ihn in die Arme nahm und über seine braunen Locken streichelte. Ihre Worte beruhigten seine Seele wie nasse Tücher die von Quallen stechende Haut nach einem Bad im Meer – einige Minuten lang, bis die stechende Qual wieder kam.

Nein, es war nicht Miras Frauenstimme. Es war auch nicht der helle Klang ihrer Kinderstimme. „Elazar komm hierher!“  – so hatte sie ihn immer gerufen, wenn sie etwas entdeckt hatte, was sie ihm zeigen wollte. Natürlich wollte er nie aus seinen Tätigkeiten herausgerissen werden, doch er liebte seine kleine Schwester zu sehr, um ihr die Freude zu verderben. Und so hatte er sich zu ihr geneigt und ihre Sandkuchen, Marienkäfer, Sonnenuntergänge oder auch nur eine Scherbe von einem zerbrochenen Krug bewundert. „Die stammt bestimmt aus einem Königspalast! Vielleicht von Königin Esther!“ „Ja, die ist wirklich toll. Aber Königin Esther hat nie hier gelebt.“ „Macht nichts. Aber von einer Königin ist es bestimmt.“ „Ja, sicher, wenn du meinst!“, hatte er brav gestaunt. Wie süß sie war. Wie sehr er sie liebte.

Sie hatte viel geweint die letzten Tage, als er so krank war…bevor er starb…Aber es war nicht ihre Stimme, deren Echo sich an den Wänden seiner Grabkammer brach. Es war eine laute, klare Männerstimme: „Elazar, komm zu mir!“ „Komm mit mir, komm folge mir!“ Die Worte hatte er schon gehört – als er dem Mann aus Nazareth begegnet war, der einfach nur sagte: „Komm, geh mit mir!“ Eine Stimme, die kraftvoll und warm zum Leben einlud.

Warm. Noch einmal leben? Leben  – die unbeschwerte Kindheit. Die Liebe der Eltern. Seine Schwestern. Die sanften Hügel seiner Heimat. Die Abendsonne. Die Freunde. Der Rabbi aus Nazareth, der ihm Freund war. Die Mahlzeiten, bei denen gescherzt und gelacht wurde – bis seine Scherze zu derb wurden und sie mit Brotstücken nach ihm warf und Martha mahnend eingriff…frisches Wasser aus der Quelle. Leben. Wunderbares Leben.

Schreckliches Leben. Die gebrochenen Augen seiner Schwester. Naomi, Naomi. Lieben und verlieren. Nathanael, der Bruder von dem jede Spur fehlte, seit er sich nach Tabitas Tod dem Widerstand gegen die Besatzer angeschlossen hatte. „Elazar, komm her“, hatte er gesagt und ihn in seine Pläne eingeweiht, Rache für den Tod der Schwester zu nehmen. Die religiösen Führer, die ihn mit einem scharfen „Elazar, komm hierher“ nach einem Synagogenbesuch zu sich gerufen und stundenlang über seine Verbindungen zum Rabbi ins Kreuzverhör genommen und mit einem schlimmeren Tod bedroht hatten als dem, den er jetzt erlebt hatte. Sein Sterben. Grausam. Noch einmal leben würde auch noch einmal sterben heißen…einen großen Tod und tausend kleine Tode. Verlust. Trauer. Krankheit, Qual, Unverständnis. Anklagen. Naomi. Lieben und verlieren. War es nicht besser, einfach weiter tot zu bleiben?

Von den Wänden seines Grabes hallte es noch immer. „Elazar, komm zu mir!“

Neben der Stimme des Rabbis hörte er irritiertes und ärgerliches Gemurmel anderer Stimmen:

„Jetzt ist er ganz verrückt geworden, öffnet das Grab.“

„Er wird schon wissen, was er tut!“

„Er hat gesagt, dass Gott sich dadurch verherrlichen will.“

„Was meint er damit?“

„So genau weiß ich das auch nicht…hmm…aber das Wort „Herrlichkeit“, Kavod, bedeutet doch auch „Schwere“. Vielleicht will sich Gott durch das Schwere, das Leid verherrlichen. Dadurch, dass wir es geduldig ertragen.“

Unwillkürlich musste Elazar kichern. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie seine Mutter auf so ein Gerede reagiert hätte. Sie hätte die Augen verdreht, dramatisch den Kopf in den Nacken geworfen, so dass ihre Locken um den Kopf getanzt wären wie junge Kälber auf der Weide – die dichten Locken, die ihren Mann noch immer in heiße Leidenschaft versetzen konnten – auch als schon graue Strähnen sie durchzogen.

Und dann hätte sie mit dem vollen, reichen Ton ihrer Stimme gesagt:

„Oh ihr klugen Männer, ihr macht große Worte über Leid, Geduld, Herrlichkeit…aber ihr versteht nichts vom Leben. Der Gott unseres Volkes verherrlicht sich nicht, indem er Menschen leiden lässt – das tun die grausamen Götter anderer Völker. Unser Gott verherrlicht sich, wenn er Menschen befreit, so wie damals als er unser Volk aus Ägypten führte und immer wieder befreite.“

Er sah ihr Gesicht vor sich, wie es vom Feuer des Ofens beleuchtet worden wäre, wenn sie im Feuer gestochert und die frischen Brote gewendet hätte, um ihren Worten mehr Gewicht zu geben:

„Und in jedem lebendigen Menschen verherrlicht sich der lebendige Gott.“

Elazar wusste, dass bei diesem Satz etwas mitschwingen würde, was nur er hören konnte, ein etwas härterer Klang, nicht so hart wie der Klang vom Steineklopfen in den Kalksteinbrüchen seiner Gegend, eher wie der warme, aber etwas dumpfe Klang von Sandelholzstäben. Er wusste, dass sie bei diesen Worten an Tabita und Nathanael dachte. So wie an einem Frühlingstag, als er gemeinsam mit ihr am Tisch gesessen und um Tochter und Sohn, Schwester und Bruder geweint hatte. Für eine Weile hatten sie beide schweigend ihren Tränen freien Lauf gelassen. Dann hatte die Mutter seine Hände in ihre von der Küchenarbeit rauen Hände genommen, ihm in die Augen gesehen und gesagt:

„Elazar, hör mir jetzt gut zu. Wann immer Tod in dein Leben tritt – sei es durch den Verlust eines geliebten Menschen oder durch Grausamkeit und Schmerz, sucht er in dir das nächste Opfer, der Tod ist unersättlich, es genügt ihm nicht, ein Menschenleben auszulöschen, er will mit dem Ende des einen Lebens auch das Leben anderer Menschen zum Ende bringen. Er will sie dazu verleiten, selbst tot zu werden, innerlich starr, traurig, unbeweglich, verschlossen, verzweifelt und ohne Hoffnung, der Begegnung auszuweichen und stets nur nach Sicherheit zu suchen. Er will nicht nur ein Leben zerstören, er will auch das Leben der anderen rauben.

Wann immer ein geliebter Mensch stirbt, hast du die Wahl, ob du auch sterben willst oder ob du am Leben bleibst. Nicht nur weiter existierst, sondern so nah und dicht am Leben bleibst, wie du nur kannst – voller Offenheit und Staunen, voll Begegnung und Freude. Du hast die Wahl.

Gott verherrlicht sich in jedem Menschen, der sich auf das Wagnis des Lebens einlässt und von ganzem Herzen „Ja“ sagt – zu Lachen und Weinen, Freude und Leid, zu Fehlern, Sackgassen und Erfolgen, zum Lieben und verletzt werden, dazu, die Sonne zu sehen und den Regen zu spüren, zum Gewinnen und Verlieren. Ein Mensch, der zugänglich und lebendig bleibt, Leben spendet und empfängt, der klagen und jubelnd singen kann….Wenn Gott Leben schenkt, zeigt Gott seine Macht– aber in jedem lebendigen Menschen, der lebt und fühlt und atmet, entfaltet er seine Herrlichkeit.

Und dann hatte sie seine Hand fest umfasst, war mit ihm vor die Tür getreten und hatte ihren Blick zum Himmel gehoben. Der warme Frühlingsregen war auf ihr Gesicht und ihre Haare gefallen. Es sah aus, als ob tausend Tränen von ihren nassen Haaren über ihr Gesicht flossen. In jeder einzelnen spiegelte sich glitzernd die Sonne.

Ganz warm war es Elazar geworden, er spürte sein Herz wieder schlagen und sein Atem war so laut, dass er das Echo des Rufes „Elazar, komm zu mir“ nur noch leise vernahm. Aber es klang so, als ob in der Stimme des Rabbis all die Stimmen der Menschen mitklangen, die jemals „Elazar, komm hierher“ zu ihm gesagt hatten – und die Stimmen all derer, die ihn in Zukunft mit diesen Worten in ihre Nähe rufen würden.

Von draußen drangen helle Kinderstimmen: „Ich fang dich!“ „Ich hab dich!“ und das freche Gezänk von Spatzen an sein Ohr. Auf seinen Lippen formte sich ein Lächeln und seine Muskeln spannten sich mit neuer Entschlusskraft an. Dann brachte der viele Staub ihn zum Niesen:

“Haaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa….“

Und es klang wie ein „JA“.

 

Kerstin Hack, April 2007

 

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de