Kerstin Hack: Der letzte Jude in Kabul

Die Begegnung mit einem außergewöhnlichen Mann.

In einem Magazin las ich vom Tod eines Menschen, den ich gekannt hatte. Das kam unerwartet. Ich hatte mich mit einer Freundin in einem der chicen Cafés nahe der alten Ostberliner Synagoge getroffen und war nach unserem Gespräch selbst noch ein bisschen länger geblieben.
Nach einer intensiven Woche wollte ich nun gemütlich auf „Wochenende“ umschalten. Ich blätterte ziellos durch einige der Hochglanzmagazine, die mich darüber informierten, welche Szenelokale in Barcelona, Madrid und London ich unbedingt kennen sollte – die meist-frequentiertesten Coffee-Bars und hippsten Modeläden von Reykjawik und Beirut natürlich auch. Nun wusste ich auch, wer die angesagtesten DJs und trendigsten Designer waren. Wissen ist zu viel gesagt. Ich habe kurz und oberflächlich von ihnen gelesen und ihre Namen danach sofort wieder vergessen. In meinem Hirn vermischte sich alles zum Einheitsbrei. Nur wenige Namen und Geschichten stachen aus der bunten Eintönigkeit so deutlich hervor, dass sie in meinem Denken haften blieben
So wie Lewy, über dessen Tod „Dummy“ berichtete, ein Magazin, das weniger durch bunte Farben und dick aufgetragenen Drucklack als vielmehr durch innovatives, gewagtes Design und brillanten Journalismus glänzte. Lewy kannte ich. Ich war ihm 2003 begegnet, als ich Afghanistan bereiste, um über eine Hilfsorganisation zu schreiben, deren Arbeit ich unterstützen wollte. Meine Freunde von der Hilfsorganisation kannten „Rabbi“ Isaak Lewy schon lange und wollten sich nach seinem Wohlergehen erkundigen.
Wohl erging es ihm nicht. Die etwa achtzig Jahre Leben waren nicht spurlos an ihm vorüber gegangen – nicht zuletzt, weil viele Jahrzehnte davon von Invasion, Krieg und religiös fanatischer Gewaltherrschaft geprägt waren. Er war schwach und bewegte sich nur mit Mühe. Und er war einsam. Als er noch ein junger Mann war, lebten Zehntausende von Juden in Afghanistan. Seine Frau gebar ihm mehrere Söhne. Die jüdische Gemeinschaft in Kabul war voller Leben. Dann kamen die Russen. Lewy blieb. Die jüdischen Familien verließen mit Millionen weiterer Afghanen das Land in Richtung Westen oder Norden oder Süden oder Osten. Nur weg vom Krieg. Nach den Russen kam der Bürgerkrieg, die fünfjährige Dürre, die die nächste Flüchtlingswelle auslöste. Lewy blieb. Auch dann, als seine Frau gestorben war. Er blieb selbst dann noch, als die Taliban ihn einsperrten und folterten und seine Söhne zwangen zum Islam zu konvertieren. Er blieb, als es immer schwerer wurde, die Medikamente zu erhalten, die er zum Überleben brauchte. Lewy schlug die Angebote aus, in den Westen zu emigrieren und blieb.
„Ich kann hier nicht weggehen. Wenn ich gehe, wird das hier eine Moschee. Solange ich lebe, bleibe ich hier!“ Hier, das war die Synagoge, deren Eingangstor einst leuchtend blau und verheißungsvoll gewesen sein muss. Jetzt war von der Pracht nicht mehr viel übrig, der Haken neben dem Tor zeigte wie bei allen Häusern, dass das Gebäude von der zuständigen Minen-Räum-Truppe untersucht worden und frei von Minen war. Es hatte weniger durch den Krieg gelitten als durch die Abwesenheit von Menschen und Leben.
Lewys Zimmer war in der hinteren Ecke des Gebäudes, unter dem Gebetsraum der Synagoge. Durch die Fenster, die auf den kargen, mit Gestrüpp und Gräsern bewachsenen Innenhof hinaus gingen, fiel nur wenig Licht. Alles in Lewys Zimmer war düster mit Ausnahme von einem leuchtend farbigen Kissen und zwei roten Blechdosen auf einem alten, abgenutzten Schrank. Von ihnen ging inmitten dieser trüben Atmosphäre ein eigenartiger Glanz aus. Kein strahlender, prachtvoller Glanz, sondern die fröhliche Farbe des Lebens. Es war, als könnte man in der Farbe andere Zeiten widergespiegelt sehen, in denen diese Räume noch gefüllt waren mit Lachen, Kindergeschrei, Gesang, Gebeten und Tanz.
Es war zu dunkel zum Fotografieren. Ich kann meine Hand keine Fünfzehntel-Sekunde lang ruhig zu halten. Ein Stativ habe ich nicht dabei. Ich versuche es trotzdem. Ich will den Zauber dieser roten Dosen einfangen, aber will den Zauber des Augenblicks und die Erzählungen des alten Mannes nicht durch grelles Blitzlicht stören. In manchen Momenten, wenn er von früher erzählt, leuchten Lewys Augen voller Leben.
Nach dem Tee erhebt Lewy sich mit Mühe und führt uns in den Raum, wo die Juden Kabuls früher zum Beten zusammen kamen. „Hier saßen die Frauen – hinter dem Vorhang“ erläutert er. Der Vorhang ist verschlissen, kaum mehr vorhanden. Auch die alten Regeln und Traditionen machen keinen Sinn mehr, wenn es keine Menschen mehr gibt, die nach ihnen leben wollen, wenn niemand mehr da ist. Ich darf den Gebetsraum betreten, obwohl ich eine Frau bin. Ich stehe am Fenster und sehe und höre Lewy zu, als er eine Schriftrolle aus dem Schrank nimmt und für uns die Jahrtausende alten Lieder und Gebete seines Volkes vorträgt. Vielleicht war es das letzte Mal.
Die Gegenwart holt mich ein. In dem Magazin lese ich, dass Lewy etwa ein Jahr nach unserem Besuch gestorben ist und auch, dass er nicht der letzte Jude in Kabul war, sondern dass es dort noch einen zweiten gab. Und dass Lewy den anderen Juden Kabuls kannte, aber nicht mochte. Vielleicht hat er uns deshalb nichts von ihm erzählt. Vielleicht habe ich es auch nicht verstanden. Wenn ein afghanischer Jude mit gebrochener Stimmer spricht, von einem moslemischen Nachbarn ins Englische übersetzt wird und Christen aus Deutschland versuchen, ihn zu verstehen, ist mehr als nur eine Sprachbarriere zu überwinden.
Aber vielleicht hat er es tatsächlich so empfunden, dass er der Letzte seiner Art war. Vielleicht hat er es gar nicht in der Tiefe wahrgenommen, dass es da noch einen zweiten Menschen in seiner Nähe gab. Das ist kein neues Problem. Ich denke an den alten jüdischen Propheten Elia, der wie Lewy für die Ehre seines Gottes kämpfte, und sich für den einzigen wahren  Gläubigen hielt, der übrig geblieben war. Es kostete Gott einiges an Energie – er musste sogar extra einen Engel vorbeischicken – um diesem alten Propheten den Blick dafür zu öffnen, dass es außer ihm noch andere gottesfürchtige Menschen auf Erden gab. Bei Lewy kam diese Botschaft offensichtlich nicht mehr an.
Das Bild aus Lewys Wohnung mit den roten Dosen ist nicht perfekt, leicht verwackelt, unvollkommen. So wie das Leben meistens ist. Ich habe es dennoch – oder auch gerade wegen des Zaubers, der von der Unschärfe, dem Angedeuteten, dem Nicht-Perfekten ausgeht, für einen Benefizkalender ausgewählt, den ich publiziere. Es ziert das letzte Kalenderblatt, markiert das Ende eines langen Jahres. Und es symbolisiert wohl auch das Ende der langen Geschichte der Juden in Afghanistan. Aber vielleicht täuscht es auch…so wie das letzte Blatt eines Kalenders immer nur ein scheinbares Ende ist, weil nach dem Abhängen des Alten ein neues Jahr beginnt.
Ich trete hinaus in die kalte Herbstluft. Ich bin traurig, wie immer, wenn ich höre, dass ein Mensch, den ich kannte, aus dem Leben gegangen ist. Aber es berührt mich auch tief, dass ich in der Begegnung mit Lewy ein winziges Stück Geschichte erleben durfte. Ich schließe mein Fahrrad auf und radle los. Rechts am Bürgersteig läuft ein jüdischer Mann mit seinem Sohn an mir vorbei. Beide tragen die Kippa. Es ist Sabbat. In Berlin.

Kerstin Hack. Berlin, 14.10.2005
www.down-to-earth.de

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter
http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de