Kerstin Hack: Afghanistan – ein Lächeln im Land der Tränen

Kerstin Hack sammelte in 2003 Reise-Eindrücke aus einem Land im Aufbruch.

Schon beim Anflug auf Kabul sahen wir neben der Landebahn die Relikte von zwanzig Jahren Krieg: ausgebrannte und zerstörte Flugzeugwracks unterschiedlichster Herkunft. Neben den Wracks ein paar Bundeswehr-Hubschrauber und einige kleine weiße Uno-Flugzeuge – die Mischung wirkte nicht gerade einladend.
Warum fliegt man derzeit freiwillig nach Afghanistan? Unsere internationale Gruppe hatte ganz unterschiedliche Gründe. Da waren zum einen die Mitarbeiter der unterschiedlichsten Hilfsorganisationen (darunter auch wir …), die während des Fluges in ihre Projektpapiere vertieft waren. Dann afghanische Familien, die nach langen Jahren in Europa in ihr Heimatland zurückkehrten. Andere wollten in Kabul eine Arbeitsstelle suchen, um dorthin zurückkehren zu können. Zum Beispiel eine afghanische Erzieherin aus dem Ruhrgebiet, die so dankbar für den Einsatz der Hilfsorganisationen beim Wiederaufbau Afghanistans war, dass sie mir die Hände schüttelte. Die kleine Anissa, die neben mir saß, hatte ihre Zukunft einer solchen Organisation zu verdanken. Nach fünf Monaten Klinikaufenthalt allein in Deutschland war sie nun wieder auf dem Weg nach Hause. In der Phase zwischen Abschied und der Vorfreude brauchte sie eine Hand zum Festhalten und einen Schoss zum Ankuscheln … Es ist einfach zu helfen.

Hilfe ist einfach
Dass Helfen so einfach sein kann, hat mich während meiner gesamten Reise bewegt. Afghanistan hat riesige Probleme zu bewältigen. Zerstörte Straßen, Kraftwerke und Wasserkanäle müssen wieder aufgebaut werden – ganz zu schweigen von der Neuansiedlung von Industrie, dem Wiederaufbau des Gesundheitswesens, der Bildung usw. Komplexe und große Probleme, die komplexe Lösungen und jede Menge Geld erfordern.
Viele Probleme aber können auch mit einfachen Mitteln gelöst werden. Gleich nach unserer Ankunft sah ich ein Kurzzeit-Medizinteam bei der Arbeit, die in einer ländlichen Region innerhalb von einer Woche mehr als 2.000 Patienten behandelten. Ich werde nie das stolz-glückliche Lächeln des Mannes vergessen, dem nach monatelangen Schmerzen ein eitriger Zahn gezogen worden war, den er uns stolz präsentierte. Oder das Gesicht der Mutter, die uns erzählte, dass es ihrem Kind durch eine billige Salz-Wasser-Zucker Lösung gegen Durchfall schon viel besser geht. Afghanistan hat die vierthöchste Kindersterblichkeitsrate der Welt. Die meisten Kinder sterben an vermeidbaren Krankheiten, und schon ein einfacher Durchfall kommt oft einem Todesurteil gleich.

Oft sind es die einfachen Dinge, die effektiv helfen. Einige Organisationen bilden in Kurzlehrgängen Frauen zu Haushaltshilfen aus, wieder andere bringen Witwen Gemüsezucht bei oder lehren Fertigkeiten, mit denen man ein Gewerbe beginnen kann. Kleine Schritte, die im Leben des Einzelnen viel bewirken können.
‚Auch die Grundidee der Arbeit des durch die Gefangenschaft ihrer Mitarbeiter bekannt gewordenen Hilfswerks „Shelter Now“, mit dem ich unterwegs war, ist einfach: Afghanen können die zerstörten Wände ihrer Häuser selbst mit Stampflehm oder Ziegeln wieder aufbauen. Aber für Tür- und Fensterstürze und die Dächer fehlt im Land nach zwanzig Jahren Krieg und fünf Jahren Dürre das Bauholz. Shelter betreibt einfache Fabriken für Betonträger, gibt so auch vielen Afghanen einen Arbeitsplatz und kann das gesamte Baumaterial für ein Haus für nur 330 Euro produzieren.
Afghanen wohnen in ummauerten Siedlungen. Man will vor den Blicken von Außenstehenden geschützt sein. In der Stadt ist es oft ein einzelnes Haus hinter einer Mauer, in dem eine Familie lebt. Auf dem Land wohnt in der Regel eine Großfamilie in einer Ansammlung von mehreren Flachbauten um einen Innenhof. Dort spielt sich das Leben ab. Wasser wird aus dem Brunnen geholt, Geschirr gespült, die Trauben, die man für das traditionelle Gericht Rosinenreis braucht, werden dort getrocknet. In vielen Höfen stehen Webstühle unter kleinen Schutzdächern, an denen Kinder Teppiche knüpfen.

Zeichen der Hoffnung
Der Überlebenswille der Afghanen beeindruckt mich. Man nimmt die Situation so, wie sie ist und macht das Beste daraus. Zeichen von Aufbau und Hoffnung kann man überall sehen. Schon auf den ersten Kilometern in die Innenstadt bin ich positiv überrascht. Ich sehe einige Dinge, die ich erwartet habe: Bettelnde Kinder und Witwen, Kriegs-Invaliden und zerstörte Häuser. Die schmerzliche Vergangenheit ist überall sichtbar.
Aber neben den Relikten des langjährigen Krieges entdecke ich auch viel Hoffnungsvolles. Überall wird gehämmert, genagelt, gebaut. Aus Ruinen entsteht wieder Wohnraum. Zuerst hängen Plastiktüten an den Fensterrahmen, im kalten Winter nagelt man Bretter davor. Später, wenn mehr Geld da ist, wird man richtiges Glas einbauen.
Die Straßenszenen in Kabul erinnern mich an die Bilder, die ich aus dem Nachkriegsdeutschland kenne: Zerstörte Häuser, Trümmermänner und -frauen, die alles Verwertbare aus den Trümmern oder Wracks ziehen. Am Straßenrand arbeitet sich ein Minenräumtrupp Meter um Meter durch ein vermintes Feld – damit Kinder dort wieder spielen und Familien wieder Getreide anbauen können. An Hunderten von Häusern und Ruinen ist schon das OK-Zeichen der Minenräumorganisationen zu sehen.
Neben ein paar Lehmmauern eines ehemaligen Hauses steht ein Zelt. Ein Mann baut jeden Tag ein Stück weiter an seiner Lehmmauer. Neben dem Zelt hat er Blumen gepflanzt …
Auch der Handel blüht wieder auf. Auf den Strassen herrscht buntes Treiben. Gasflaschen und Lampen (falls mal wieder der Strom ausfällt), Obst, Gemüse, Fahrradschläuche, Coca-Cola Und auch anderes, was definitiv Post-Taliban ist: Teppiche und Fahrrad-Schmutzschilde auf denen die Gesichter schöner Frauen abgebildet sind (nur die Gesichter!).

Magnum-Eis und Käse …
Aber Frauen sind nicht nur dort oder auf Teppichen wieder sichtbar, sondern auch im Straßenbild. Manche tragen noch den Ganzkörperschleier, die Burkhas – teils weil sie sich darunter vor den Blicken anderer Männer besser geschützt fühlen, teils aus Scham (wenn sie sich vom Betteln ernähren und nicht wollen, dass ihr Gesicht gesehen wird), teils weil ihre Ehemänner oder Väter es von ihnen verlangen. Man kann diesen Ganzkörperschleier aber auch vorne hochklappen, weil man unter der Burkha ohnehin nichts sieht und nicht vernünftig laufen kann – und das tun viele.
Daneben gibt es die Frauen, die einen Tschador tragen, ein großes Tuch, das Kopf und Oberkörper bedeckt. Manchmal eng ins Gesicht gezogen, so dass nur ein Schlitz für die Augen frei bleibt, meist aber ganz locker ums Gesicht geschlungen – so haben wir uns auch gekleidet, um im Straßenbild nicht sofort aufzufallen. Eine geringe Zahl Frauen trägt nur einen dünnen Schal um den Kopf. Ganz mutige verzichten ganz auf eine Kopfbedeckung – aber das ist noch die extreme Ausnahme.
Oft sieht man mehrere Frauen nebeneinander durch die Strassen gehen, die alle eine unterschiedliche Art der Verschleierung gewählt haben. Sie unterhalten sich fröhlich und akzeptieren offensichtlich problemlos, dass die eine dies, die andere jenes als Kopfbedeckung gewählt hat.

Das neue Kabul ist frei. Und Lebensmut ist wieder zu spüren. Bei der Fahrt durch die Stadt kommentieren ausländische Mitarbeiter jede Neuerung begeistert: „Wow – schau mal, da arbeitet eine Müllabfuhr. Das habe ich hier noch nie gesehen!“ oder „Weißt Du schon: Es gibt jetzt Magnum-Eis und holländischen Käse hier zu kaufen!“ „Das Postsystem funktioniert wieder.“ Jeder Schritt nach vorne ist ein Grund zum Feiern. Selbst kleine Schritte sind große Leistungen für ein Land, das fast alles komplett neu aufbauen muss und dafür nur ein Jahresbudget von 550 Millionen Dollar zur Verfügung hat.

Trotz der offensichtlichen Not war ich selten in meinem Leben so glücklich wie in dieser Zeit in Afghanistan. Angesichts der dunklen Nachrichten, die man aus den Medien kennt, hatte ich ein depressiv trauriges Land erwartet. Statt dessen steckt mich die Aufbruchstimmung, die überall zu spüren ist, restlos an. Jeden Tag machte es mich aufs Neue glücklich, die Schulkinder (vor allem die Mädchen …) zu sehen, die zu Hunderten lachend und quatschend aus der Schule kommen. Viele der Schulen sind noch in Zelten oder zerstörten Gebäuden untergebracht. Ich freue mich mit den Menschen über die Strassen, die neu geteert sind, Abwasserkanäle, neue Arbeitsplätze und über die Dinge, die im Land wieder erhältlich sind. Ich bin berührt und glücklich darüber, dass im Kabuler Stadion, wo zu Taliban–Zeiten die Hinrichtungen stattfanden, Jungs wieder Fußball spielen.

Schmerz der Vergangenheit
So ansteckend die neue Hoffnung ist, so offensichtlich ist auch der Schmerz der Vergangenheit. In der Schamali-Ebene ist das besonders offensichtlich. Alle Kriegsparteien haben ihre Spuren in dem wunderschönen Tal hinterlassen, die Strassen sind gesäumt von Panzerwracks, zerborstenen Containern, zerstörten Gehöften und den rot-weißen Steinen, die vor Minenfeldern warnen. Die Taliban-Krieger haben praktisch alle Obstbäume dieser einst blühenden Gegend abgeschlagen, überall sieht man nur traurige Stümpfe.
Aber aus den scheinbar toten Stümpfen sprießen neue, junge Äste. Die neu austreibenden Bäume treiben mir Tränen in die Augen. Sie sind für mich ein Bild für das, was mit Afghanistan geschehen ist: Das Land schien hoffnungslos kaputt. Aber jetzt treibt es an allen Ecken und Enden neu aus.
Wie glühende Lava unter einer hauchdünnen Kruste. Neben dem Aufbruchwillen ist auch der millionenfache Verlust und Schmerz der Afghaner überall zu spüren. Da ist keiner, der nicht in irgendeiner Form Flucht, Vertreibung, Zerstörung, Verlust von Familienangehörigen, Krankheit, Verletzung, Verkrüppelung, Vergewaltigung, Armut oder Verzweiflung erlebt hat. Da begegnet mir der Professor, der noch einen zweiten Job hat, weil sein Dozentengehalt nicht ausreicht, um seine Familie zu ernähren – genauer gesagt: Die Menschen, die von seiner Familie übrig blieben nach diesem Tag, an dem die Rakete in sein Haus einschlug und er seine beiden kleinen Kinder tot in einer Blutlache unter den Trümmern fand.
Da ist ein ausländischer Arzt, der vorzugsweise ältere Männer behandelte und die Wut seines Übersetzers darüber nicht verstehen konnte. „Lass sie doch sterben!“ verlangte der junge Mann. „Mein Vater ist gestorben, warum sollen diese Männer leben dürfen und mein Vater nicht …“ Der Arzt konnte ihm ein wenig von seiner eigenen Erfahrung der Vaterlosigkeit erzählen, und davon, dass er Gott als einen tröstenden Vater erlebt hat. Ein Tropfen Trost auf den heißen Schmerz, der noch überall glüht.
Da ist die Frau, die ihre Miete nicht mehr zahlen kann. Seit so viele Ausländer nach Kabul gekommen sind und viele Afghanen zurückkehrten, sind die Mieten um ein fünffaches gestiegen. Ihr bescheidenes Zuhause, für das sie früher umgerechnet 10 Dollar Miete zahlen musste, kostet jetzt 50 Dollar. Sie verdient an einem Vormittag etwa drei Dollar, aber es gibt nur wenige Tage, an denen sie oder ihr Mann Arbeit finden. Eines Morgens brach sie vor dem Tor einer Arbeitgeberin zusammen. Ihr Körper hatte es nicht mehr verkraftet, dass sie kaum etwas aß, weil sie wollte, dass zuerst ihre Kinder satt werden.

Die Decke der Hoffnung ist dünn und man weiß nie, wann sie wieder zerreißen wird. Wie bei Schakira. Ihr Mann war von den Taliban ermordet worden. In einem Selbsthilfeprojekt fand sie Arbeit, neue Hoffnung, begann wieder zu lachen, konnte sich mit anderen Frauen austauschen. Als Witwe mit kleinen Kindern war sie froh, als sie erneut heiraten konnte – bis zu dem Tag, an dem der Bruder ihres früheren Ehemanns kam und die Kinder forderte, die nach geltendem Recht seiner Familie gehörten. An dem Tag sprang ihr mühsam geheiltes Herz erneut in tausend Stücke.
Da ist Ali. Mit niemandem hat er darüber geredet, was er im Gefängnis erlebt hat, in das er unschuldig von den Taliban gesperrt wurde.
Fast alle waren unschuldig eingesperrt. Die Frauen, die das Hoftor geöffnet hatten, ohne die Burkha überzuziehen; die kleinen Mädchen, die sich in der Not als Jungs verkleidet hatten, um ihre vaterlose Familie zu ernähren (Frauen durften keinen Beruf ergreifen …) oder die Männer, die es versäumt hatten, ihr Stirnhaar so kurz zu scheren, dass eine haarfreie Stirn beim Gebet den Boden berühren kann.

Helfer: Gefragt und belastet
Tausende von Menschen in Afghanistan haben Ähnliches erlebt. Aber da ist keiner, dem sie ihre Geschichte erzählen könnten. Wem soll man sie auch erzählen? Jemanden, der als Antwort auf das eigene Leid nur erwidern kann, dass seine eigene Geschichte noch viel schlimmer war? Kurz vor meiner Reise las ich, dass 70 % aller Frauen in Afghanistan schwer depressiv sind. Oft wäre es da schon eine große Hilfe, jemanden zu haben, der wirklich zuhört. Eigentlich müssten tausendfach „professionelle Zuhörer“ ins Land kommen. Menschen, die nichts anderes tun, als Zeit mit Afghanen zu verbringen. Ich wünschte mir, ich könnte eine Armee von reifen Tröstern senden, die allein auf Grund ihres Alters in dieser Kultur schon Vertrauen und Respekt genießen. Senioren, die ihren Lebensabend nutzen, um Menschen zuzuhören, die niemandem sonst von ihrem Schmerz erzählen können.
Ich habe mich gefragt, ob man ein besonderer Typ Mensch sein muss, um in einem Land wie Afghanistan zu arbeiten. So eine Mischung aus Indiana Jones und Mutter Theresa. Manche haben besonders die inhaftierten Shelter Mitarbeiter zu Helden und besonders heroischen Menschen hochstilisiert. Aber je besser ich sie kennen lerne, um so bewusster wird mir, dass das einzig „Heldenhafte“ an ihnen ihre Entscheidung ist, sich der Herausforderung Afghanistan täglich aufs Neue bewusst gestellt zu haben. Sie sind bereit, sich das, woran sie glauben, etwas kosten zu lassen.
Mich beeindruckt ihre Entscheidung. Es sind keine Abenteurer oder gar Superheilige, die hier arbeiten, sondern ganz normale Menschen mit alltäglichen Problemen: Stromausfall und kaputte Generatoren, Computerabstürze, Staub an allen Ecken und Enden, Beziehungskrisen, Krankheiten und die Tatsache, dass alles länger dauert als man denkt. Alles … Gas muss gekauft, Wasser muss gepumpt, Elektrizität muss erzeugt werden, Es gibt nichts, was „einfach so“ geht.
Das ist der „normale Alltag“, auf den man ganz menschlich reagiert: Mit Frust, Ärger, Traurigkeit – aber auch Freude, wenn etwas unerwartet einfach war, Gelder für wichtige Projekte bewilligt wurden oder etwas Neues entstanden ist.
Immer wieder kommt mir die Bibelstelle in den Sinn, in der Paulus schreibt, dass wir Gottes kostbare Schätze in sehr zerbrechlichen menschlichen Gefäßen tragen. Ich kann den Druck spüren, der auf diesen menschlichen Gefäßen lastet, die hier in Afghanistan helfen wollen. Aber ich sehe auch die Schätze, die sie diesem Land in vielerlei Hinsicht geben können.

Meine Reise in dieses Land hat viele tiefe Eindrücke hinterlassen. Ich habe mich in Afghanistan verliebt. Als ich – nach zweistündigem verbalem Kampf um einen Platz in der überbuchten Maschine – endlich sitze und einen letzen Blick auf Kabul werfe, das neu aufgebaute Krankenhaus und den noch immer zerstörten Präsidentenpalast von oben sehe, weiß ich, dass ich wiederkommen will. Ich möchte die Geschichte der Hoffnung weiter verfolgen, die sich in diesem Land – allen Widerwärtigkeiten zum Trotz – entfaltet.


Kerstin Hack
ist Autorin und Verlegerin [http://www.down-to-earth.de/ und http;://www.youngartedition.de]. Sie engagiert sich für ihre Heimatstadt Berlin, Wiederaufforstung von Tropen (http://www.baum.down-to-earth.de) und gute Hilfsprojekte.

Der Reisebericht wurde im Juli 04 in der Zeitschrift „Joyce“ veröffentlicht. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter
http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de