Keine schöne Bescherung

Jetzt, in den letzten Tagen vor Weihnachten, warten sicher viele Kinder in deinem Umfeld sehnsüchtig auf die Bescherung am Heiligabend. Doch für viele Kinder und Erwachsene auf der Welt ist Weihnachten keine schöne Bescherung. Kerstin Hack teilt Gedanken, die trösten und uns gleichzeitig ermutigen, anderen eine schöne Bescherung zu bereiten. „Keine schöne Bescherung“ weiterlesen

Steve Turner: Das Beispiel U2

Anlässlich des heutigen kostenlosen Mini-Konzertes von U2 in Berlin präsentiert die Lesbar einen Auszug aus dem Buch »Imagine« von Steve Turner.

In diesem Kapitel macht der Autor am Beispiel der Band U2 deutlich, wie Christen Kunst und Kultur mit einem lebendigen Zeugnis ihres Glaubens prägen können. Am Ende gibt es einen Link zum sehr lesenswerten Buch. Doch zunächst hat Steve Turner das Wort:

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Können wir uns Christen vorstellen, die eher zum Künstler berufen sind als zum Prediger? Die nicht nur in der Kunstrichtung ihrer Wahl Eindruck hinterlassen, sondern dies auch noch so tun, dass sie Aufmerksamkeit für eine Weltanschauung erregen, die anders ist als die ihrer Zeitgenossen, eine Weltanschauung, die zum Gespräch anregt? Könnte es sein, dass Christen tatsächlich etwas zu den großen Debatten dieser Welt beizutragen haben?

Es ist nicht nur möglich, sondern es geschieht sogar. Ich habe ein Beispiel aus der Rockmusik gewählt, zum Teil wegen meiner Kenntnisse im Bereich der Musik, zum Teil, weil ich die beteiligten Personen kenne und ihre Geschichte mit besonderem Interesse verfolgt habe.

Als ich 1970 anfing, über Musik zu schreiben, wusste ich von keinem Christen, der in den höheren Ebenen des Rock gearbeitet hätte, niemand glich einem John Lennon, Jerry Garcia oder Jim Morrison. Es kursierten Gerüchte, Eric Clapton sei zum Herrn gekommen, Keith Richards wäre ein wiedergeborener Gläubiger. Keines der Gerüchte erwies sich als wahr.

U2 1980Dann änderten sich die Dinge. 1980 erzählte man mir von »dieser Punk-Gruppe aus Dublin«, in der drei der vier Mitglieder Gläubige seien. Bald gab mir jemand die Bandaufnahme einer Session, bei der Bono, der Sänger und Edge, der Gitarrist, einer kleinen Gruppe von Christen ihre Vision für die Rockmusik mitteilten. Es war ziemlich außergewöhnlich. Bono las aus Jesaja 40, 3: »Eine Stimme ruft: In der Wüste bahnt den Weg des HERRN! Ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott!« Er empfand, dass dieser Vers das zusammenfasste, wozu er berufen war.

Obwohl auch jeder Fehler, den die Band in den letzten zwanzig Jahren gemacht hat, öffentlich bekannt wurde, hat U2 sachkundig ein Gesamtwerk geschaffen, das aus den besten Traditionen der modernen Musik genährt wurde, etwas Einmaliges hinzutat und das eine Vision in sich trägt, die eindeutig in der Bibel verwurzelt ist. Mehr als jede andere Formation in der Geschichte der Rockmusik haben sie Gott, Jesus, die Bibel und eine christliche Weltanschauung auf die Tagesordnung gezwungen. Rockkritiker konnten in den 1970ern den Jesusrock ignorieren (was sie auch taten), aber sie konnten U2 nicht ignorieren; sie mussten eine Stellungnahme über die Werte, für die U2 stand, abgeben.

Was U2 tat, funktionierte, weil sie sowohl Respekt vor der Kunstform des Rock hatten als auch vor den Inhalten des Christentums. Ihre sich entwickelnde Weltanschauung war in ihre Kunst integriert, weil sie instinktiv wussten, wie zeitlose geistliche Wahrheiten mit jugendlichen Ängsten, Ekstasen und Idealen zusammentreffen können.

Es hatte schon viele große Rocksongs über die Sprachlosigkeit gegeben, aber vor »Gloria« (1981) gab es keinen, der das Thema auf das Gefühl, nicht zu wissen, wie man beten soll, ausgeweitet hatte, auf das »unaussprechliche Seufzen«, von dem Paulus im Römerbrief spricht.

Es hatte auch schon viele Lieder über den Wunsch nach Veränderung der Welt gegeben, aber kein Song vor »New Year’s Day« (1983) kam als Schlussfolgerung auf Bilder aus dem Matthäusevangelium und der Offenbarung.

In der Frühzeit der Band gab es einen Eifer, der darauf hinwies, dass sie meinten, nur mit einer großen Anzahl von spezifischen Statements über den Glauben in ihren Texten in der Rockwelt tätig sein zu dürfen. Im Hintergrund gab es die Menschen in ihrer charismatischen Gemeinde, die der Meinung waren, dass das Leben eines Rockstars im Widerspruch zum Ruf Christi, demütige Diener zu sein, stand, weil es von seiner Natur her darauf abgelegt ist, Aufmerksamkeit zu erregen. Die Band hat das nicht von vorne herein von sich gewiesen, sondern sie forschten, was Gott von ihnen wollte, während sie Songs für das Album October (1981) schrieben. Das erklärt den Schrei nach Leitung und das Versprechen der Unterordnung in Liedern wie »Gloria« und »Rejoyce«.

octoberSelbst zu dieser Zeit hatte Bono den Hang, Lieder zu schreiben, als wären zwei Gehirne am Werk. Vielleicht war es auch der eine Verstand, der mit zwei Ebenen der Realität beschäftigt war. Er konnte über etwas schreiben, was er im Fernsehen gesehen hatte und plötzlich war er vor dem Grab Christi; oder er schrieb über polnische Arbeiter und sein Geist landete bei der Wiederkunft Christi. In »Surrender« auf dem Album War (1983) scheint er über ein Mädchen auf der Straße zu schreiben, aber dann wird er abgelenkt von einem Stück Theologie des Paulus. »If I want to live, I’ve got to die to myself someday.« (Wenn ich leben möchte, muss ich eines Tages mir selbst sterben) schreibt er.

Diese Schichten haben den Effekt, als blicke man auf eine von diesen Hologrammpostkarten. Mit der normalen Wahrnehmung erkennen wir die glatte Oberfläche, die wir Realität nennen. Wenn wir die Karte drehen, entdecken wir eine andere Dimension, die zwar die ganze Zeit vorhanden, aber für uns unsichtbar war. Bono schaut das Alltägliche an und landet bald in den Bereichen, die nur ein Christ sehen kann. Und dann kehrt er wieder zurück.

Die drei christlichen Mitglieder von U2 (Bono, Edge und Larry Mullen jr.) wussten, dass im Rock Gefahren lauerten, aber sie beschlossen, lieber mit den Widersprüchlichkeiten zu leben, als aufzugeben. Sie entschieden auch, dass ihre Existenz nicht durch die Menge von Evangelium gerechtfertigt war, die sie austeilen konnten. Das Resultat war, dass U2 intensiver wurde und der Glaube natürlicher das Liederschreiben Bonos durchflutete.

Einige Lieder sind Übungen im Sound, oder sie experimentieren mit Worten. Bono nimmt eine Zufallsphrase wie »Hawkmoon 269« »Unforgettable Fire« oder »Shadows and Tall Trees« als Sprungbrett in eine Übung der Selbsterforschung. Der Text zu »Is That All« wurde im Studio improvisiert, nachdem die musikalische Atmosphäre geschaffen worden war.

Besonders der Produzent Brian Eno ermutigte die Band, nichtlineare Methoden der Kreativität auszuprobieren, anstatt vorbereitete Statements zu Songs zu verwandeln. Soundchecks und Jam Sessions wurden aufgenommen, damit neue musikalische Themen erkennbar wurden. Fehler wurden als Hinweise auf unentdeckte Ideen verwendet, anstatt sie wegzuwerfen. Ein Motto von Eno war: Ehre den Fehler als eine versteckte Absicht.

Es gibt eine zweite Gruppe von Liedern, die bewusster konstruiert sind und sich mit gemeinsamen menschlichen Erfahrungen beschäftigen. Es sind Liebeslieder wie »With Or Without You«, Lieder über den Tod wie »One Tree Hill« oder Lieder über Zweifel wie »The First Time«. Sie zeigen nicht immer eine offensichtlich christliche Lösung auf, weil das nicht notwendig ist. Es genügt, dem Publikum mitzuteilen, dass du genau wie die Zuhörer geliebt, Verlust erlitten, gefeiert und getrauert hast.

Im dritten Bereich sind die Songs, die ein biblisch erwecktes Bewusstsein zeigen. Christus zeigte sich besonders besorgt um die Schwachen, Armen, Beraubten, Entfremdeten, Ausgebeuteten und den an den Rand Gedrängten. Man kann erwarten, dass sich diese Sorge auch in der Kunst seiner Nachfolger widerspiegelt.

Die Auswirkungen dessen, was U2 über den persönlichen Glauben gesagt hat, wäre empfindlich gemindert worden, wenn sie nicht diese Gebote ausgelebt hätten. Ich bin überzeugt, dass ein großer Teil des Respekts, der ihnen jetzt entgegengebracht wird, dadurch entstanden ist, dass sie als Menschen angesehen werden, die zu ihrem Wort stehen. Das Evangelium erscheint den Menschen sinnvoller, wenn sie es gelebt sehen anstatt es nur als Worte zu hören.

U2 war Vorreiter der Einbindung von Rockmusik in globale Themen seit 1985, als sie bei Live Aid auftraten, ein Benefizkonzert für die Menschen in Äthiopien. Neben Bonos persönlichen Besuchen an Brennpunkten der Not und der Beteiligung der gesamten Band an Organisationen wie Amnesty International, Greenpeace und Jubilee 2000 hat U2 zahlreiche kraftvolle Songs veröffentlicht, die darauf abzielen, die traurige Lage der Unterdrückten und Zerbrochenen auf dieser Welt zu verstehen.

»Silver and Gold« war eine Reflektion über die Apartheid, »Red Hill Mining Town« trat in die Gedankenwelt einer Britischen Bergbaubevölkerung ein, deren Gruben geschlossen wurden. »Mothers of the Disappeared« erhob die Stimme für die Argentinier, die ihre Kinder während der Herrschaft der Militärjunta verloren hatten. Natürlich hätte jedes dieser Lieder von einem Ungläubigen geschrieben werden können. Aber obwohl Mitleid nicht exklusiv dem Christentum gehört, hat U2 richtig gehandelt, indem die Band diese Sorgen zu einem integralen Teil ihres Werkes gemacht hat.

Dann kommen wir zum Bereich, in dem wir Lieder vorfinden, die eine klare christliche Ausprägung haben, aber nicht alle losen Fäden verknüpfen. Manchmal benutzt Bono, wie schon erklärt, eine sich verschiebende Perspektive, so dass der aufmerksame Zuhörer mit etwas sehr irdischem angesprochen und dann plötzlich in etwas viel größeres hineingezogen wird.

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Der Song »Mysterious Ways« zum Beispiel beginnt damit, dass Johnny spazieren geht. Johnny ist seit Chuck Berry der Rock-Jedermann. In diesem Song ist aber seine Schwester der Mond. (Anmerkung des Übersetzers: Im Deutschen ist der Mond männlich, im Englischen funktioniert das besser: His sister, the moon.) Dies mag uns an Franz von Assisi erinnern und sein Gebet »An den Bruder Sohn und die Schwester Mond«. Wir wissen aber auf jeden Fall, dass es nicht um Johnny B. Goode geht, und dass sein Ziel nicht die Erfüllung in Hollywood ist. Dann kommen die Zeilen: »If you want to kiss the sky / you better learn how to kneel« (Wenn du den Himmel küssen willst / dann lernst zu besser, zu knien). In »Purple Haze« hatte Jimi Hendrix die Zeile »Excuse me, while I kiss the sky!« (Entschuldige mich, solange ich den Himmel küsse.) – was als wilde psychedelische Phantasie interpretiert worden war. Könnte Bono andeuten, dass man für das ultimative transzendentale Erlebnis tatsächlich in Buße und Gebet auf die Knie gehen muss?

Dann kommt der Chorus, »She moves in mysterious ways« (Sie bewegt sich auf geheimnisvolle Weise), was sich auf die »Schwester Mond« zu beziehen scheint. Der Ausdruck »mysterious ways« ist jedoch ein Bezug auf die Hymne des calvinistischen Poeten aus dem 18ten Jahrhundert William Cowper: »God moves in mysterious ways / His wonders to perform« (Gott bewegt sich auf geheimnisvolle Weise, um Seine Wunder zu tun). Diese Anspielung scheint durch den Schlußchorus bestätigt zu werden: »We move through miracle days / Spirit moves in mysterious ways« (Wir bewegen uns durch Tage der Wunder / der Geist bewegt sich auf geheimnisvolle Weise).

In einem Interview bestätigte Bono, dass der Song mehr als eine Ebene hat. »Es ist ein Lied über Frauen oder eine Frau«, sagte er einerseits. An anderer Stelle sagte er, dass das Lied etwas mit seinem Glauben zu tun hat, »der Heilige Geist habe feminine Eigenschaften«. In der Vorstellungskraft eines Christen deutet das Sichtbare auf das Unsichtbare.

Manchmal scheint Bono in einem bestimmten Kapitel oder Buch der Bibel förmlich zu baden, um dann ein Rock-Update zu schreiben. Das Lied »40« ist beinahe wörtlich aus dem Psalm 40 übernommen, »Fire« nimmt seine Bildersprache aus der Offenbarung. »With a Shout« lässt die Schlacht um Jericho wieder auferstehen und »The Wanderer«, gesungen von Johnny Cash (einem angemessen vom Leben gesättigten Gläubigen) auf dem Album Zooropa (1993) war Bonos Fünf-Minuten-Version des Buches Prediger, ursprünglich unter dem Titel »The Preacher« geschrieben.

Nicht alles biblisch inspirierte Material ist erbaulich. Eine der Lektionen, die Bono aus den Psalmen gelernt hat, ist die, dass es zulässig ist, mit Gott zu streiten. Es gibt Zeiten, in denen sich der Christ genauso niedergeschlagen fühlt wie jeder andere Mensch, aber anstatt sich umzubringen oder zu betrinken, schreit er zu Gott, in dem Bewusstsein, dass Gott die Angewohnheit hat, zurück zu schreien.

Manchmal scheint dieses Streitgespräch in Bonos eigener Stimme aufzutauchen – der Christ, der nach einer Erklärung ruft – manchmal erscheint es mit der Stimme verschiedener desillusionierter und verletzter Menschen. Lieder wie »If God Will Send His Angel« (Wenn Gott seinen Engel schicken wird), in dem es heißt »God has got his phone off the hook babe / Would he pick it up if he could?« (Gott hat seinen Telefonhörer nicht aufgelegt / würde er den Anruf entgegennehmen, wenn er könnte?) und »mofo«, in dem es heißt »Lookin’ for to fill that God shaped hole« (Ich versuche, dass gottförmige Loch zu füllen) sind wie Psalmen der Straße, Gebete von Menschen, die kaum wissen, wie man betet.

»Drowning Man«, ein Lied aus dem Album War, dreht den Prozess um. Es schreit kein Mensch nach Gott, sondern Gott ruft nach dem Menschen, bietet eine Hand der Freundschaft an.

Die überzeugendste Anziehungskraft des Christentums war für Bono als Teenager die Vorstellung, dass Gott an ihm interessiert war. Nicht ein Gott, sondern Gott. »Worauf sollen wir diese Beziehung gründen?«, fragte er. »Die Beziehung muss mit dem Vater anfangen und dann mit Christus bestehen, dem Sohn des Vaters.«

cant leave behindDurch das Album All That You Can’t Leave Behind zieht sich ein Thema, das den Ewigkeitstest besteht: Was bleibt zurück, wenn wir sterben, und was können wir mit uns nehmen? Das Albumcover zeigt die vier Mitglieder der Gruppe stehend im Flughafengebäude. Es wird ein Gefühl erweckt, das uns überkommt, wenn wir fliegen und – wie flüchtig auch immer – mit dem Gedanken spielen: Was wäre, wenn dies unser letzter Flug ist? Auf die CD ist ein Bild von einer Frau und einem Kind gedruckt, auf dem Cover aus der Entfernung zu sehen, verwischt und eine Reminiszenz an Kinobilder von todesnahen Erfahrungen, von Menschen, die in eine unbekannte Zukunft gehen.

Das Lied »Walk On«, aus dem der Albumtitel stammt, scheint sich auf 1. Korinther 13 und die Lehre, dass von allen Gaben, die wir besitzen, nur die Liebe über den Tod hinaus bestehen wird, zu beziehen. »The only baggage you can bring is all that you can’t leave behind.« (Das einzige Gepäck, das du mitnehmen kannst ist all das, was zu nicht zurücklassen kannst.)

Auf dem gleichen Album dreht sich der Song »Grace« um das, was der Titel (Gnade) vermuten lässt: Ein »Gedanke, der die Welt verändert hat«, wie der Text erklärt. Bono malt ein Bild der Gnade als eine weibliche Person, die »Schönheit aus hässlichen Dingen macht«. »Grace, she takes the blame, she covers the shame, removes the stain. It could be her name.« (Gnade, sie nimmt die Schuld, sie bedeckt die Schande, entfernt den Fleck. Es könnte ihr Name sein.)

Das bringt uns zu dem Bereich der Lieder, die eine offensichtliche Botschaft haben. Wie geht eine Rockband mit dem völlig unmodernen Thema des Kreuzes um? Es scheint, dass U2 wegen der aufregenden Musik und der Stärke ihrer Vision in der Lage war, Dinge zu erreichen, die schwächere, weniger phantasievolle Künstler niemals hätten schaffen können.

»Sunday Bloody Sunday« (der Titel »Sonntag, blutiger Sonntag« bezieht sich auf den Tod von Irischen Demonstranten durch britische Truppen im Jahr 1972) bewegt sich von einigen generellen Grübeleien über gewalttätige Konflikte zu den Ursachen (the trenches dug within our hearts – die Schützengräben, die in unseren Herzen ausgehoben wurden) und dann zur letztendlichen Lösung (The real battle just begun to claim the victory Jesus won on Sunday bloody Sunday – Der wahre Kampf hat erst begonnen, den Sieg in Anspruch zu nehmen, den Jesus gewonnen hat am Sonntag, blutigen Sonntag). So wird in diesem Lied aus dem Blut das Blut Christi und der Sonntag wird zum Ostersonntag.

»Pride (In the Name of Love)« endet mit der Ermordung von Martin Luther King jr., aber der Anfang dreht sich um Jesus Christus. Wen sonst kennen wir, der im Namen der Liebe kam, der kam, um gerecht zu machen, der sich der Gewalt entgegenstellte und mit einem Kuss betrogen wurde? Die Verbindung mit King illustriert die Kontinuität der friedlichen Revolution und den mächtigen Schatten, den Christus über die Geschichte geworfen hat.

Die Kompositionen der Gruppe sind reifer geworden und die Anknüpfungspunkte wurden feiner. »Until the End of the World« könnte in einer Bar handeln, wenn man nicht aufmerksam zuhört; tatsächlich spielt die Handlung in Gethsemane. Es ist ein Lied, das in der Stimme des Judas Ischariot geschrieben ist, irgendwo zwischen seinem Verrat und seinem Selbstmord.

»When Love Comes to Town«, ein Experiment mit dem Blues, fängt konventionell genug an, aber am Schluss wissen wir, dass die Liebe, die da in die Stadt kommt (oder gekommen ist) die Liebe Christi ist. Der Erzähler im letzten Vers ist ein Römischer Soldat, der um die Kleider Christi gewürfelt hat und der »gesehen hat, wie die Liebe den tiefen Spalt überwunden hat«.

»I Still Haven’t Found What I’m Looking For« ist ein bewusstes Gegengift gegen die Sorte selbstzufriedener Kunst, die behauptet, alles in unserem Leben könne durch ein schnelles Gebet des Glaubens in Ordnung gebracht werden. Wir leben zwischen zwei großen Ereignissen – dem Kreuz und dem Kommen des Reiches Gottes – und als solche leben wir in einem Spannungsfeld. Wir sind nicht mehr so kaputt wie wir vorher waren, aber wir sind noch nicht so in Ordnung, wie wir sein werden. Das Lied ist kompromisslos über das, was Christus bereits bewirkt hat:

»You broke the bonds, loosed the chains, carried the cross, of my shame, you know I believe it.« (Du hast die Fesseln zerbrochen, die Ketten gelöst, das Kreuz meiner Schande getragen, du weißt, dass ich es glaube.)

Über das, was Christus eines Tages bewirken wird, ist das Lied auch eindeutig: »I believe in the kingdom come, when all the colours will bleed into one.« (Ich glaube an das Kommen des Königreiches, wenn alle Farben in eine zusammenlaufen werden.)

Aber gleichzeitig ist sich Bono der Widersprüche und Kompromisse bewusst. Er kann mit der Zunge eines Engels reden und trotzdem noch die Hand eines Teufels ergreifen. Er ist am Gipfel angekommen, aber er rennt immer noch.

Bono: »Die Leute erwarten, dass du als Gläubiger alle Antworten hast, wenn du in Wirklichkeit nichts hast außer einer neuen Menge Fragen… Ich glaube, dass der Erfolg von »I Still Haven’t Found What I’m Looking For« daran liegt, dass es nicht bejahend im traditionellen Sinne eines Gospelsongs ist. Es ist ruhelos, aber dennoch ist da irgendwo reine Freude enthalten.«

U2 2009 - The Edge und BonoU2s Einfluss war und ist beachtlich. Die Band hat nicht nur Einfluss auf die Entwicklung der Rockmusik gehabt, sondern sie war auch eine führende Kraft in der jungen Renaissance der Irischen Kultur. Bonos persönliche Kraft, die für einen Rockstar ungewöhnlich ist, erstreckt sich weit über die Grenzen des Rock hinaus. Als der frisch bekehrte 20jährige im Jahr 1980 der kleinen charismatischen Gemeinde seine Vision mitteilte, hätte er sich nicht träumen lassen, dass man ihn eines Tages bitten würde, das Vorwort für eine Taschenbuchausgabe der Psalmen zu schreiben, und dass man ihn rufen würde, den Papst zu überreden, eine Rolle beim Schuldenerlass für die Dritte Welt zu übernehmen, oder dass er den Jahreswechsel mit dem amerikanischen Präsidenten feiern würde.

Die ursprüngliche Vision der Band war, »einen Weg für den Herrn zu bereiten«, und ich glaube, dass ihnen das gelungen ist, indem sie wichtige Anliegen des Christentums auf die Tagesordnung der Welt gesetzt haben. Sie sind nicht nur zu einem Vorbild für christliche Künstler, die sich nicht auf den engen Markt der christlichen Musiklandschaft beschränken wollen, geworden, sondern sie haben es für jedermann in der Rockmusik akzeptabel gemacht, über Gott, Jesus und die Erlösung zu reden und zu singen.

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Im Buch »Imagine« geht es nicht nur um Musiker, sondern Steve Turner erlaubt Einblicke in viele Bereiche der Kunst, von Malerei über Schriftstellerei, Tanz, und andere bis zur Filmkunst. Mehr zum Buch und Bestellmöglichkeit hier: Steve Turner – Imagine, Verlag Down to Earth

P.S.: Bilder von U2.com

P.P.S.: Dieser Beitrag ist zuerst erschienen bei Günter J. Matthia, dem Übersetzer des Buches.


Kerstin Hack: Deine Berufung entdecken

Es gibt nichts Schöneres, als Menschen zu erleben, die genau das tun, was sie als ihre Berufung empfinden. Sie strahlen und leuchten und erleben Erfüllung. Menschen hingegen, die gar nicht richtig wissen, wozu sie auf dieser Welt sind, leben letztlich immer am Leben vorbei.
Deshalb ist die Frage „Wozu bin ich berufen?“ so entscheidend.

1. Berufen, Gottes Kind zu sein

In der Bibel steht: „Seine eigenen Kinder sollten wir werden durch seinen Sohn Jesus Christus. Das hat Gott schon damals aus Liebe zu uns beschlossen.“ Epheser 1, 5
Gottes Kinder werden wir, wenn wir an Jesus Christus glauben, unser Leben unter sein Management stellen und mit ihm leben (lies Johannes. 1, 12).
Wenn wir Gott unser Leben anvertrauen, ihn in uns aufgenommen haben, fließt seine Kraft in und durch unser Leben – wie die Kraft, die eine Weintraube hat, die ihre ganze Energie aus dem Weinstock bezieht, denn Jesus spricht: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Johannes 15, 5

2. Berufen, zu Gottes Familie zu gehören

Die Bibel vergleicht die Gemeinde mit einem Körper (Leib), in dem die einzelnen Glieder sich gegenseitig ergänzen und fördern. Wenn Du Dein Leben Jesus gegeben hast, gehörst Du damit automatisch zu seiner Familie, der Gemeinde. Der Apostel Paulus, der im ersten Jahrhundert viele Gemeinden gründete, erklärt das so: „So wie unser Leib aus vielen Gliedern besteht, so besteht auch die Gemeinde Christi aus vielen Gliedern und ist doch ein einziger Leib.“
Und: „Unser Leib soll eine Einheit sein, in der jeder für den anderen da ist.“ 1. Korintherbrief 12, 12 und 25
Es ist Gottes Plan, dass wir mit anderen Menschen verbunden sind und unsere Gaben, Talente und unseren Persönlichkeitsstil nutzen, um die anderen zu stärken und zu fördern.
Wenn wir in Gottes Familie dienen, können wir unsere Gaben effektiv einsetzen und trainieren. Gleichzeitig empfangen wir von den anderen Mitgliedern Kraft und Input. Aber wir sind nicht nur füreinander da, sondern auch von Gott berufen, dazu beizutragen, dass noch andere Menschen, die bisher noch nicht zu ihm gehören, Teil seiner Familie werden.

3. Berufen zu konkreten Aufgaben

Gott hat ganz bestimmte Pläne und Absichten mit Deinem Leben. Er hat Aufgaben vorbereitet, die nur Du erfüllen kannst. Die Bibel sagt: „Wir sind sein Werk, durch Jesus Christus neu geschaffen, um Gutes zu tun. Damit erfüllen wir nur, was Gott schon immer mit uns vorhatte.“ Epheser 2, 10
Aber man kann den Gipfel eines Berges nicht erreichen, wenn man nicht die unteren Regionen durchwandert hat.
Genauso ist es unmöglich, die spezifische persönliche Berufung zur Entfaltung zu bringen, wenn die Basis nicht stabil ist. Darum ist es wichtig, in Deine Beziehung mit Jesus und in das Leben in seiner Gemeinde zu investieren, um zur vollen Entfaltung Deiner persönlichen Berufung zu finden.

Berufung leben

Menschen, die ihre Gaben und Talente einsetzen, sind glücklicher als Menschen, die sich nur um sich selber drehen. Mutter Theresa hat immer von innen her gestrahlt . Das kann man von vielen reichen Popstars, die vom Drehen um sich selbst schon schwindelig im Kopf sind, nicht behaupten.

Gott dienen und die eigenen Gaben und Talente einzusetzen hat positive Auswirkungen:

1. Gott freut sich

Gott hat Dich so geschaffen, wie Du bist und er freut sich wie ein Vater über sein Kind, wenn Du das Potenzial, das er in Dich hineingelegt hat, voll ausschöpfst. Er liebt uns so sehr, dass er alles für uns investiert hat, um uns zu retten. Und er freut sich, wenn wir alles investieren, um anderen Menschen seine Liebe zu vermitteln.

2. Du freust Dich
Du blühst auf, wenn Du merkst, was in Dir steckt. Du spürst: „Wow – dafür bin ich geschaffen! Ich kann etwas einbringen!“
Vieles von Gottes ursprünglichem, perfekten Plan mit Deinem Leben konnte sich nicht entfalten, solange Du ohne ihn gelebt hast.
Durch Jesus wird Dein Leben in seiner ganzen Fülle wieder hergestellt. Gottes Leben lebt in uns – wir leben unser Leben mit ihm. Gott, der Vater freut sich unendlich, wenn Du das ganze Potenzial dessen, was er in Dich hineingelegt hat, voll ausschöpfst. Durch Dich soll Gottes Liebe in einzigartiger Weise sichtbar werden. Je mehr Du Deine Gaben einsetzt, umso mehr erkennst Du, wie einzigartig Du bist und wie Du damit Gott und Menschen dienen kannst.


3. Andere Menschen freuen sich

Christen, die ihre Talente einsetzen, um anderen zu helfen, zeigen Menschen, wie Gott ist. Sie sind ein Zeugnis für Jesus, der sagt: „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ Joh. 13, 15.
Wenn Du das gibst, was nur Du geben kannst, werden alle davon profitieren. Wenn Du Deine Gaben und Talente nicht einsetzt, werden sie – und Du mit ihnen – verkümmern und anderen Menschen wird etwas Einmaliges fehlen, was nur Du geben kannst.

© Auszug aus „Nr. 1: Entdecke, wer Du bist, finde Deinen Platz“ von Leo Bigger und Kerstin Hack
Nr. 1 ist als Buch im shop von Down to Earth erhältlich.

Die Autorin freut sich über Rückmeldungen und Kommentare.

Hinweis: Down to Earth, 2002 (www.down-to-earth.de). Nur zum persönlichen Gebrauch. Veröffentlichungen in Printmedien oder im Internet nur nach schriftlicher Genehmigung von Down to Earth.

Günter J. Matthia: Rezension zu »Feuertaufe«

Nach 43 Wochen Haft im Rathaus von Oetenbach gelang ihm die Flucht. Die reformierte Obrigkeit schäumte vor Wut. Speziell eingesetzte Täuferjäger führten Razzien in verdächtigen Häusern durch und machten den Gläubigen das Leben schwer. Schließlich fanden die Täuferjäger heraus, wo die Meylis lebten und stürmten mit dreißig Mann das Haus. Schwer bewaffnet brachen sie durch die Türen. Als sie feststellten, dass Meyli ihnen wieder entkommen war, verwüsteten sie die Räume. Dann nahmen sie seine beiden Söhne, Hans und Martin, gefangen. Martin war schon verheiratet und so ergriffen die Täuferjäger auch seine Frau Anna und legten sie in Fesseln. Ihr vierzehn Wochen altes Kind nahmen sie ihr weg und gaben es an »rechtgläubige« reformierte Christen.
Die Gefangenen wurden nach Zürich gebracht, dort verurteilt und inhaftiert. Den Männern nahm man die Kleider weg und kettete sie zwanzig Wochen am Steinboden fest. Man folterte sie mit Raupen und Spinnen. Sie bekamen gerade so viel zu essen und zu trinken, dass sie am Leben blieben. Doch die Gefangenen widerriefen ihren Glauben nicht.

Ich habe dieses Buch aus dem Englischen übersetzt und dabei manches Mal Tränen in den Augen gehabt. Ich musste mehrfach den Schreibtisch verlassen, zu erschüttert, um weiter zu arbeiten. Aus der Schulzeit wusste ich noch ganz vage etwas von der Geschichte von 1500 bis 1600, aber dass in unserem Land Menschen gefoltert und getötet wurden, aus solchen Gründen, von rechtgläubigen Protestanten und Katholiken, die plötzlich einen gemeinsamen Feind hatten, war mir unbekannt gewesen. Und was die Täufer wirklich wollten, wer sie wirklich waren, das hatte mir sowieso niemand beigebracht.
Das Buch hat ein katholisches und ein evangelisches Vorwort. Der katholische Theologe schreibt unter anderem:

Die katholische Kirche des 16. Jahrhunderts hat diese Täuferbewegung blutig verfolgt, im Zusammenspiel mit den Obrigkeiten fast vernichtet und schwere Blutschuld auf sich geladen. Die katholische Kirche des beginnenden 21. Jahrhunderts hat endlich die Begegnung gesucht, mit den Nachfahren dieser Täuferbewegung. Sie beginnt langsam zu entdecken, welche Erinnerungen noch zu heilen sind, welche Schuld abzutragen und welcher ökumenische Schatz noch zu heben ist.

Der evangelische Theologe erklärt in seinem Beitrag:

Als Christ in landeskirchlicher Tradition kann man diese Geschichte nur mit Entsetzen und voller Scham lesen. Besonders fassungslos hat mich gemacht, in diesem Erzählen zugleich die Stimme derer, die damals so grausam mundtot gemacht wurden, vielfältig und leicht verständlich vernehmen zu können: Warum hat man sie damals nicht gehört? Gewiss, ihre Stimme stiftet auch Unruhe, aber es ist eine heilsame Unruhe (Psalm 139, 21f).

Dies ist kein Buch für Menschen, die seichte Lektüre lieben. Es ist kein Buch für jemanden, der angenehm unterhalten werden will. Es ist auch kein Buch für Christen, die nicht gewillt sind, ihrem eigenen Leben einen Spiegel vorzuhalten.

Wer aber bereit ist, sich verstören und in der Gemütlichkeit der frommen Nischen stören zu lassen, dem sei das Buch nachdrücklich empfohlen. Es hat das Potential, die Gemeinde Jesu Christi, evangelisch, katholisch, freikirchlich und freischwebend, zu entzünden. Der dabei entstehende Brand wäre außerordentlich gefährlich für den Status Quo der Christenheit.

Mein Fazit: Wer sich ernsthaft fragt, warum unser Christsein oft so wirkungslos auf unsere (ungläubige) Umwelt bleibt, wird in diesem Buch etliche Gedankenanstöße und Schlüssel zum Umdenken finden.

ISBN-13: 978-3935992237
260 Seiten, Euro 14,80

Mehr zum Buch, Leseproben sowie Bestellmöglichkeiten direkt beim Verlag:  Down To Earth

(Rezension zuerst erschienen am 16. Juli 2007 auf dem Blog von G.J.Matthia)

Kerstin Hack: Erstaunlicher Alltag…Amazing Grace

„Amazing Grace“ (erstaunliche Gnade) – fast jeder kennt dieses bewegende Lied, das die unverdiente Gnade Gottes mit so tiefen Worten besingt, dass man erstmals oder immer wieder neu ins Staunen kommt – über den Gott, der uns rettet, nahe kommt und erlöst.
Das Lied hat manch einem Menschen in einer verzweifelten Situation die Kraft gegeben, am Leben festzuhalten. Andere hat es nach dem Verlust eines geliebten Menschen getröstet und vermittelt, dass Gottes Gnade auch in dieser Situation für sie greifbar ist „and grace will lead me on“ – die Gnade wird mich weiterführen.
In New York hat es nach der Tragödie vom 11. September eine Kapelle der Heilsarmee gespielt, während freiwillige Helfer Laster mit Hilfsgütern für die Helfer vom Ground Zero beluden. Unzählige Menschen auf der ganzen Welt fanden Trost und Halt in diesem Lied. Erstaunliche Gnade – wenn man sieht, was die Worte eines Mannes im Herzen von Millionen bewirken können.

Noch erstaunlicher, wenn man das Leben des Autors ansieht.

John Newtons Leben war dramatisch genug. Er verlebte eine glückliche Kindheit – obwohl er schon im Alter von vier Jahren Latein lernen musste. Bildung wurde in seiner Familie ebenso groß geschrieben wie der Glaube – und er nahm beides hungrig in sich auf. Prägend war vor allem seine tiefgläubige Mutter – der Vater war als Seemann oft unterwegs. Als er sieben Jahre alt ist, stirbt seine Mutter an Tuberkulose, der Vater heiratet bald darauf erneut und gründet eine neue Familie. Der kleine John kommt in ein Internat, das ihm die Freude am Lernen verdirbt und seine religiöse Erziehung verblassen lässt. Als er elf Jahre alt ist, wird er Seemann auf dem Schiff seines Vaters. Die Reste seines Glaubens zerbröckeln immer mehr und schließlich wirft er sie im wahrsten Sinne über Bord und wird zu einem militanten Atheisten, der für den christlichen Glauben nur Spott und Verhöhnung übrig hat. Voll Eifer versucht er auch gläubige Menschen von ihrem Glauben abzubringen, was ihm auch in mindestens einem Fall gelingt. Die Jahre auf See sind hart, gekennzeichnet von rauem Leben, Einsamkeit, Sehnsucht nach einer jungen Frau, Mary, in die er sich zutiefst verliebt hatte. Er wird von der Marine zwangsrekrutiert, landet auf Sklavenschiffen in Afrika, erlebt grausame Gefangenschaft und entkommt mehrfach knapp dem Tod.

Schließlich kann er durch die Intervention seines Vaters nach England zurückkehren und erlebt auf der Rückfahrt „erstaunliche Gnade“ – in der Kajüte findet er ein Buch über den schlichten Glauben des mittelalterlichen Mönches Thomas von Kempen. Unter dem Eindruck des Gelesenen findet er in einer langen Nacht, als sein Schiff in einem Sturm fast Schiffbruch erleidet, die Gnade Gottes neu: „Was blind but now I see“ – „Ich war blind – doch nun kann ich wieder sehen“.

Zurück in England kann er Mary heiraten, die auf ihn gewartet hat, erlebt in der Beziehung zu ihr tiefe Herzensnähe und warmen, tiefen Austausch, was viele seiner Briefe bezeugen. Er muss allerdings, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, weiter lange Zeit zur See fahren – als Kapitän auf Schiffen, die Sklaven in die Neue Welt bringen. Erst später, nach einem Schlaganfall, kann er auf Fürsprache eines Adligen ein Pfarramt in der Nähe von Cambridge übernehmen. Dort predigt er, kümmert sich um die Gemeinde und schreibt Lieder – von der erstaunlichen Gnade Gottes.
Noch erstaunlicher als die bewegte Biographie Newtons, die auch heute noch Stoff für eine ganze Reihe von Filmen und Büchern bieten würde, bewegt mich, wie das Lied entstanden ist. Es war – erstaunlich normal. „Amazing Grace“ wurde nicht in einem besonders bewegten Moment geschrieben, als der Autor von erhabenen, tiefen, intensiven Gefühlen durchflutet wurde und sich Gott besonders nahe fühlte. Es entstand auch nicht auf einem Berg, an einem besonderen Ort. Es entstand schlicht und ergreifend in seinem Arbeitszimmer. Lieder schreiben war Teil seiner ganz normalen wöchentlichen Routine. Als Pfarrer war es Newton wichtig, dass seine Gemeinde die Predigtthemen möglichst gut verinnerlichen konnte. Deshalb schrieb er jede Woche (!) ein Lied passend zu der Predigt, die er halten würde. Ein Lied, eine Predigt. Woche für Woche. Nichts Besonderes. Ganz normaler Pfarrersalltag. Und Woche für Woche ein Lied dazu. Wahrscheinlich hat es nicht viele gekümmert, ob er Lieder für sie schrieb. Das musste man als Pfarrer nicht tun. Aber er tat es. Weil die Menschen in der kleinen Landgemeinde in einem Nest in England, das kaum Jemand kennt und ihr geistliches Leben, ihm wichtig waren.
An einem kalten Dezembertag 1772 arbeitete er an einer Predigt über 1. Chr. 17, 16 – 17. Das ist die Passage, in der König David im Rückblick auf sein Leben erstaunt zu Gott sagt: „Wer bin ich und was ist mein Haus, dass du mich bis hierher gebracht hast?“
Als Newton, inspiriert durch die biblische Geschichte, auf sein eigenes Leben zurück sah, brachte er die Worte „erstaunlich“ und „Gnade“ nebeneinander auf Papier. „Amazing Grace“ war geboren. Mitten in seine Wochenroutine wird aus tief erlebtem, eigenen Leben durch Gottes Führung ein Lied geboren, der Millionen von Menschen auf der Welt berühren sollte. Wahrscheinlich war sein Schreiben ein so vertrauter, alltäglicher Ausdruck seiner Fürsorge für die ihm anvertrauten Gemeindeglieder, dass er vielleicht nicht einmal wahrgenommen hat, was für tief bewegende Worte er in diesem Moment geschrieben hat: Wie Gott die Worte, die an diesem kalten Wintertag aus seiner Feder geflossen waren, gebrauchen würde, konnte er sicher nicht einmal ahnen.

So etwas kann man nicht voraussagen. Nicht planen. Aber es gibt der Alltagsroutine neue Kraft, wenn man ahnt, dass Gott einzelne Momente davon mit tiefem Leben füllen kann. Wenn aus einem von Hunderten von Liedern, ein Lied geboren wird, dass das Leben von vielen bereichern kann. Aber dass alle anderen Alltagsmomente genauso wertvoll sind, weil jede Zuwendung und Liebe zählt – egal ob sie einen berührt oder Millionen. Das ist Amazing Grace – erstaunliche Gnade.

Es gibt noch ein zweites Lied von John Newton, das das Leben von Millionen von Menschen verändert hat. Text und Melodie des Liedes sind heute unbekannt. Niemand hat es veröffentlicht. Es war ihnen nicht wichtig. Newton hat es „nur“ für ein paar Kinder geschrieben. Das tat man(n) im 18. Jahrhundert nicht. Newton tat es trotzdem, weil er Kinder liebte. Besonders lag ihm William, ein achtjähriger Junge, am Herzen, der ihn mit seiner Tante besuchte – vielleicht weil der Junge ebenso wie Newton selbst verwaist war. Der Junge war sehr intelligent, besuchte bereits als 14jähriger die Universität von Cambridge und war bereits im Alter von nur 21 Jahren Angehöriger des Parlaments als Parlamentsvertreter für Yorkshire. Er war begabt, reich und mächtig. Mit seiner Karriere ging es steil bergauf. 1785 fand er auf einer Wandertour zum Glauben an Christus und schrieb „Welch unendliche Liebe, dass Christus gestorben ist, um einen solchen Sünder zu retten.“ Er entdeckte erstaunliche Gnade, die ihn aber auch vor eine schwere Entscheidung stellte: Was war das Beste für seinen weiteren Lebensweg? Sollte er seine Privilegien und sein politisches Amt aufgeben, um Christus vielleicht auf andere Art und Weise zu dienen? Oder im Amt bleiben und dort Jesus nachfolgen? Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht und die Frage trieb ihn um und quälte ihn. Er brauchte guten Rat, keine Meinung, keine Floskeln, sondern tiefen, guten, wegweisenden Rat.

Er wusste, an wen er sich wenden konnte: Weil John Newton für ihn da war, als er noch ein Kind war, für ihn Lieder geschrieben und ihn schon damals ernst genommen wusste er, dass er bei ihm guten Rat finden würde. Die Männer redeten miteinander und Newton riet ihm, als bewusster Christ in der Politik zu bleiben, dort seinen Einfluss zu nutzen, um sich für das Evangelium einzusetzen. Der junge Mann schrieb nach diesem Rat in sein Tagebuch: „Ich spürte, wie ich ruhig und gelassen war, bescheidener und inbrünstiger auf Gott sah.“ Es war niemand anderes als William Wilberforce, der zu einem der einflussreichsten Männer Englands im 19. Jahrhundert werden sollte.

Er nahm den Auftrag ernst, Christus im Beruf zu folgen und nutze im Laufe der nächsten Jahrzehnte sein politisches Amt und seinen Einfluss, um sich für das Evangelium einzusetzen. Insbesondere lag es ihm am Herzen, dass die Sklaverei in England abgeschafft und der Sklavenhandel für illegal erklärt würde. Es hat eine gewisse Ironie, wenn man bedenkt, dass sein geistlicher Ziehvater John Newton, der ihn zu der politischen Karriere ermutigt hat, selbst jahrelang Kapitän auf Sklavenschiffen war. Wilberforce wurde zu Beginn seines Engagements für die Abschaffung der Sklaverei noch von den Befürwortern der Sklaverei belächelt, doch er gab nicht auf, sondern verfolgte sein Ziel mit zäher Entschlossenheit.
Vor jeder Einladung überlegte er sich, wen er dort treffen könnte und wie er diesen Menschen für das Ziel, den grausamen Sklavenhandel abzuschaffen oder für andere Anliegen, die ihm als Christen wichtig waren, gewinnen könnte. Er schrieb seine wichtigsten Argumente auf „Spickzettel“, um im Bedarfsfall darauf zugreifen zu können. Diese Routine praktizierte er vor jedem Empfang oder jedem Treffen zu dem er ging. Manchmal prallten seine Worte an seinen Zuhörern ab, aber immer wieder erlebte er, wie der eine oder andere sich davon bewegen ließ. Stück um Stück, Gespräch für Gespräch, Rede für Rede gewann er Einfluss und Zustimmung für seine Anliegen.
Biographen sagen, dass Wilberforce durch seinen kontinuierlichen Einsatz für das Evangelium und die Menschenrechte England mehr geprägt und beeinflusst hat, als die großen Erweckungsprediger John und Charles Wesley. Nur wenige Tage vor seinem Tod erreichte ihn die Nachricht, dass sein Lebenswerk erfüllt war – der Sklavenhandel wurde als illegal erklärt. Erstaunliche Gnade.

Millionen von Menschen wurden in England und später in anderen Ländern aus der Sklaverei befreit oder gar nicht erst versklavt. Weil ein Mann sich die Zeit nahm, Lieder für Kinder zu schreiben. Die Liebe und Wertschätzung, die darin zum Ausdruck kam, führte dazu, dass eines der Kinder sich ihm später bei einer wichtigen Lebensfrage anvertraute und guten Rat bekam. Und so wurden Weichen für ein Land, sogar für die ganze Welt gestellt.

Newton tat nichts Besonderes. Er schrieb Lieder, um seiner Gemeinde Predigtinhalte zu vermitteln. Für einzelne Menschen, die ihm wichtig waren. Ohne zu ahnen, wie viele Einzelne davon bewegt würden. Er tat es nur, weil ihm die Menschen wertvoll waren und er für sie da sein wollte. Und er schrieb Lieder für Kinder. Nichts Besonderes. Er schrieb die Lieder für einige, wenige. War für die einzelnen da. Er gab ihnen ganz alltäglich Zuwendung – auf seine Art und Weise, mit seiner Begabung. Für Dutzende von Kindern. Er streute Samen der Liebe und Ermutigung aus – ganz erstaunliche Alltagsroutine – ohne zu ahnen, dass einer dieser Samen aufgehen und Auswirkungen auf das Leben von Millionen von Menschen haben würde. Er teile aus, wie Gott es tut, weil er wusste, dass jedes Samenkorn der Liebe wertvoll ist.. „Siehe es ging ein Sämann aus zu säen… Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach.“ Mt. 13, 3 – 8.
Erstaunlich einfach. Nichts weiter als Alltagsroutine, Alltagsliebe, Alltagszuwendung – und in allem Alltäglichen Momente der Gnade. Erstaunliche Gnade.

Kerstin Hack: Wenn Gott Berliner Türkisch spricht Oder: Eine Lektion in Gelassenheit

Es war ein schöner Abend gewesen. Gemeinsam hatten wir als Hausgemeinde gegessen und uns von dem erzählt, wie wir in der vergangenen Woche Gott erlebt hatten. Wir berichteten von unseren Herausforderungen und Chancen und beteten füreinander. Nach einem gelungenen Abend im Berliner Stadtteil Neukölln nahm meine beste Freundin mich im Auto mit in den Westen der Stadt, wo ich wohne. Wir kamen nicht weit. Schon nach wenigen Minuten irritierte uns ein merkwürdig laut klopfendes Geräusch und das Empfinden, dass das rechte Hinterrad nicht mehr rund lief. Ein Platten? Das hätte gerade noch gefehlt. Wir stiegen aus, aber der Reifen schien in Ordnung. „Lass uns Markus anrufen!“ Der einzige Mann in unserer Hausgemeinde und begabter Handwerker war auch gerade auf dem Heimweg, er konnte nur wenige U-Bahn Stationen von uns entfernt sein.

Dennoch verwarfen wir den Gedanken und versuchten nochmals loszufahren. Was konnte das nur sein? Federbruch bei einem fast neuen Auto? Wir hielten nochmals an. Jetzt, wo der Reifen anders stand, konnte ich sehen: eine dicke Schraube hatte sich in den Mantel gebohrt und stand etwa 1,5 cm nach oben raus. Kein Wunder, dass der Reifen nicht rund lief und laute Geräusche verursachte.

Wir fuhren zur nächsten Tankstelle und baten den Tankwart um Hilfe beim Reifenwechel, da wir beide keine – oder ich nur sehr missglückte Erfahrungen damit hatten. „Geht nicht, muss arbeiten, bin alleine hier.“ Vor der Tür standen zwei junge solariumgebräunte Türken mit schickem Haarschnitt. Einer von beiden polierte sein schickes silberglänzenes Auto. „Könnt ihr uns helfen den Reifen zu wechseln?“ fragte ich.

Es gibt Zeiten, da ist es mir wichtig, klarzumachen, dass ich als Frau durchaus auch Dinge beherrsche, die traditionell als reine „Männersache“ gelten. Nachts um halb elf im Winter in Neukölln gehört nicht zu diesen Zeiten. Einer der Männer polierte weiter, der andere sagte:„Erst mal gucken!“

Er sah sich den Reifen an und erklärte uns, dass der noch völlig in Ordnung sei. „Da ist noch voll Luft drin. Geht morgen zum Reifenhändler. Kein Problem. Die Schraube ist oben, nicht an der Seite. Der Reifenhändler kann das so rausmachen, dass der Reifen nicht kaputt geht. Kein Problem.“ Und jetzt? Wollte er uns tatsächlich vermitteln, wir sollten mit dem Auto, so wie es war, weiterfahren? „Ja, kein Problem. Ich hab das auch mal gehabt. Gar kein Problem.“ „Auch Autobahn?“ „Kein Problem. Könnt weiterfahren. Kein Problem.“

Wir folgten seinem Rat, fuhren glücklich über diese Lösung über die Stadtautobahn nach Hause. Da sich die Schraube durch den Widerstand am Fahrbahnbelag immer weiter abrieb, wurde das Klopfgeräusch auch zunehmend leiser und melodischer. Wir waren froh, Auto fahren zu können und nicht spätabends umständlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren zu müssen. Und dankbar, dass gerade zwei türkische Männer an der Tankstelle waren, die sich auskannten – genau die richtigen für unser Problem.

Als wir so ruhig dahinfuhren erinnerte ich mich an etwas, was meine Freundin mir am Tag zuvor erzählt hatte. Sie hatte beim Beten ein Schaf gesehen, das sich in einem Dornstrauch verfangen hatte. Die Dornen hatten sich zum Teil tief im Fell und im Fleisch verhakt. Jesus hob das Schaf nicht einfach heraus – das Risiko weiterer Verletzungen wäre zu groß gewesen. Statt dessen zog er liebevoll und vorsichtig eine Dorne nach der anderen heraus, bevor er das Schaf in die Arme nahm und aus dem Gestrüpp hob.

Ich hätte das wahrscheinlich anders gemacht. Wenn ich ein Problem in mir oder anderen sehe, dann will ich es anpacken und lösen. Gleich und sofort. Das ist meist gut, sinnvoll und befreiend, manchmal auch unangemessen, wenn Dinge noch verhakt und verkantet sind, und richtet dann mehr Schaden an, als dass es nützt.

Manchmal ist es – wie an der Tankstelle – einfach nicht der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort, um ein Problem etwa sofort zu lösen. Vielleicht fehlt das Spezialwerkzeug. Oder die Fachkenntniss. Oder schlicht und ergreifend mehr Licht. Es könnte auch sein, dass es in dieser Situation zu viel Zeit und Energie kosten würde, das Problem gleich zu lösen – so wie wir an diesem Abend erst Stunden später nach Hause gekommen wären, hätten wir versucht, die Sache gleich in Angriff zu nehmen.

In solchen Situationen ist es möglicherweise die bessere Strategie, mit einer Schraube im Reifen erst mal weiterzufahren. Im übertragenen Sinn kann das bedeuten, mit einem Problem, das sich verkapselt hat, so lange zu leben, bis sich ein guter Ort und ein guter Raum dafür finden, es zu lösen. Natürlich nicht für immer. Ich kenne Menschen, die mit so vielen festgeklemmten „Schrauben“ herumfahren, dass ihr ganzes Leben unrund läuft. Das macht wenig Sinn. Genauso wenig, wie alles immer sofort lösen zu müssen.

Ich erlebe es immer wieder, dass Gott mich, wenn er mich etwas lehren möchte, mir Sätze ins Gedächtnis ruft, die ich schon einmal gehört habe. Ich kann mir vorstellen, dass er mich, falls ich mal wieder auf die Idee kommen sollte, alles unbedingt sofort lösen zu müssen, sanft und zart daran erinnert, dass das nicht immer die richtige Strategie ist. Möglicherweise spricht er dabei mit dem sanftem Akzent von Berliner Türken zu mir „Kein Problem. Kannst weiterfahren. Auch Autobahn. Kein Problem!“

Zuerst veröffentlicht im Magazin THE RACE. Die christliche Zeitschrift zum WEITER denken im Jahr 2008. Mit freundlicher Genehmigung.

Kerstin Hack. Mein kleiner frommer Schaden: Ich bin nicht Gottesdienst – tauglich!

Ich gestehe es: Ich bin nicht gottesdiensttauglich. Zu Beginn eines Gottesdienstes bin ich noch recht locker. Nach 20 Minuten werden mir die Sitze zu unbequem und ich rutsche unruhig hin und her, nach 40 Minuten lerne ich das Blatt mit den Veranstaltungshinweisen auswendig und erwische mich dabei, meine Lieblingspsalmen zu lesen, statt der Predigt zu folgen. Nach 60 Minuten wird die Sehnsucht nach Kontakt, Interaktion, visuellen Impulsen und Bewegung fast übermächtig. Das ist umso schlimmer, als ich gelegentlich eingeladen werde, Gottesdienste mitzugestalten oder in einem Gottesdiensten zu sprechen – und alle davon ausgehen, dass ich von dieser Veranstaltungsform begeistert bin.

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Kerstin Hack: Einladung zum Fest aller Feste. Die Vielfalt der Volksgruppen als Ausdruck der Fülle Gottes.

Jedes Volk, jede Ethnie bringt einen anderen Aspekt von Gottes Wesen zum Ausdruck. Wir können uns sehr bereichern und beschenken, wenn wir diese Vielfalt entdecken und schätzen lernen. „Kerstin Hack: Einladung zum Fest aller Feste. Die Vielfalt der Volksgruppen als Ausdruck der Fülle Gottes.“ weiterlesen