Kerstin Hack: Wenn einer neu zum Leben kommt

Lazarus2„Elazar, komm hierher!“ – wie aus weiter Ferne drang die Stimme zu ihm. Sein erster Impuls war, sich die Decke über den Kopf zu ziehen und so zu tun als sei er noch im Tiefschlaf. So wie er es immer getan hatte, wenn seine Mutter ihn rief, um Holz zu holen oder Wasser. Seine starke jüdische Mutter Susanna. „Kerstin Hack: Wenn einer neu zum Leben kommt“ weiterlesen

Kerstin Hack: Down to Earth geht ins 10. Jahr

Am 15. Februar ist es so weit:  Down to Earth startet ins 10. Jahr.
Für mich als Initiatorin ist es sehr spannend zu sehen, was seit der Gründung alles geschehen ist. Manches hätte ich mir im Traum nicht vorstellen können – obwohl Down to Earth fast im Traum entstanden ist: Eines Nachts bin ich aufgewacht und hatte den Gedanken im Kopf:  „Wenn du mal etwas Eigenes gründest, nenne es „Down to Earth“! Da ich nicht vorhatte, etwas zu gründen, schrieb ich den Namen auf einen Zettel – man weiß ja nie – drehte mich um und schlief weiter…

Kurz danach überschlugen sich die Entwicklungen…und ich entschied mich, eine Firma mit Schwerpunkt Verlag – Beratung und Seminarangebot zu gründen. Fast alles war Neuland…aber was klar war:   Das „Kind“ heißt Down to Earth. Im Englischen bedeutet der Begriff sowohl „handfest“ als auch „runter auf die Erde“ – für mich eine schöne Umschreibung dessen, was man sonst „inspiriert“ nennt.

Ein kleiner Überblick für euch in Zahlen, was seit dieser Zeit entstanden ist :

Publikationen

  • 20 Bücher
  • 30 Impulshefte
  • 5 Impulshefte in anderen Sprachen!
  • 2 Videos / DVDs
  • 4 Kalender
  • 1 CD-Rom

Vortragstätigkeit

  • gut 100 Seminare, Workshops, Predigten, Referate, Vorträge, Gestaltung von Frauenfrühstücksevents, Mitgestaltung von Konferenzen…

Coaching

  • herrlich viele Begleitungen von ganz unterschiedlichen Menschen; einige ganz offiziell geplante Coaching- und Beratungsgespräche, andere, die sich eher überraschend und nebenbei ergaben

Gremien

  • unzählige inspirierte, lebendige und manchmal auch zähe Stunden und Tage in Gremien, Ausschüssen, Planungstreffen, regionalen und überregionalen Initiativen im In- und Ausland

Fehler

  • Gefühlte Millionen! Wenn man aus Fehlern wirklich klug wird….in Form von Impulsheften, Vorträgen und Caoching teile ich die REICHEN Erfahrungen aus meinen Fehlern…und hoffe, dass sie euch bereichern, ohne euch notwendigerweise so viel zu kosten, wie es mich gekostet hat, die Lektionen zu lernen….

Internet

  • ein Dutzend Internet-Seiten und Unterseiten zu verschiedenen Schwerpunktthemen (Verlag, Kerstins Blog, kreativer Klimaschutz, Gott hören, Vaterliebe Gottes, Leben und Leben lassen, die Täufer) – siehe Leiste rechts

Zur Feier des Geburtstages haben wir für euch und auch für uns die Lesbar neu gemacht, diese Seite hier, auf der wir Essays, Artikel, Tipps usw. publizieren. Ab jetzt plane ich, jede Woche – meistens Mittwoch – einen neuen Artikel dort zu publizieren. Die Artikel kannst du auch per Feedreader abonnieren, so dass du immer sofort informiert bist, wenn dort etwas Neues erscheint.

Begegnungen
Zahlen sind das eine. Aber was kaum zu erfassen ist, sind die Auswirkungen von Begegnungen. Was hat ein Gedanke aus einem Buch oder dem Internet oder eine Begegnungen in einem Menschen bewirkt?

Gerne würde ich hier deine Geschichte hören!

  • Was verbindest du mit Down to Earth?
  • Wo und wie hast du von dem, was wir tun, profitiert?
  • Was hat dir geholfen? Was begeistert dich?
  • Was findest du weniger gut?
  • Was wünscht du dir von uns?
  • Was wünscht du uns?
  • Was wolltest du uns schon immer mal sagen?

Schreib das, was du mitteilen möchtest, doch einfach in die Kommentarfunktion!

Ich freue mich sehr!

Kerstin Hack

Kerstin Hack: Wenn Gott Berliner Türkisch spricht Oder: Eine Lektion in Gelassenheit

Es war ein schöner Abend gewesen. Gemeinsam hatten wir als Hausgemeinde gegessen und uns von dem erzählt, wie wir in der vergangenen Woche Gott erlebt hatten. Wir berichteten von unseren Herausforderungen und Chancen und beteten füreinander. Nach einem gelungenen Abend im Berliner Stadtteil Neukölln nahm meine beste Freundin mich im Auto mit in den Westen der Stadt, wo ich wohne. Wir kamen nicht weit. Schon nach wenigen Minuten irritierte uns ein merkwürdig laut klopfendes Geräusch und das Empfinden, dass das rechte Hinterrad nicht mehr rund lief. Ein Platten? Das hätte gerade noch gefehlt. Wir stiegen aus, aber der Reifen schien in Ordnung. „Lass uns Markus anrufen!“ Der einzige Mann in unserer Hausgemeinde und begabter Handwerker war auch gerade auf dem Heimweg, er konnte nur wenige U-Bahn Stationen von uns entfernt sein.

Dennoch verwarfen wir den Gedanken und versuchten nochmals loszufahren. Was konnte das nur sein? Federbruch bei einem fast neuen Auto? Wir hielten nochmals an. Jetzt, wo der Reifen anders stand, konnte ich sehen: eine dicke Schraube hatte sich in den Mantel gebohrt und stand etwa 1,5 cm nach oben raus. Kein Wunder, dass der Reifen nicht rund lief und laute Geräusche verursachte.

Wir fuhren zur nächsten Tankstelle und baten den Tankwart um Hilfe beim Reifenwechel, da wir beide keine – oder ich nur sehr missglückte Erfahrungen damit hatten. „Geht nicht, muss arbeiten, bin alleine hier.“ Vor der Tür standen zwei junge solariumgebräunte Türken mit schickem Haarschnitt. Einer von beiden polierte sein schickes silberglänzenes Auto. „Könnt ihr uns helfen den Reifen zu wechseln?“ fragte ich.

Es gibt Zeiten, da ist es mir wichtig, klarzumachen, dass ich als Frau durchaus auch Dinge beherrsche, die traditionell als reine „Männersache“ gelten. Nachts um halb elf im Winter in Neukölln gehört nicht zu diesen Zeiten. Einer der Männer polierte weiter, der andere sagte:„Erst mal gucken!“

Er sah sich den Reifen an und erklärte uns, dass der noch völlig in Ordnung sei. „Da ist noch voll Luft drin. Geht morgen zum Reifenhändler. Kein Problem. Die Schraube ist oben, nicht an der Seite. Der Reifenhändler kann das so rausmachen, dass der Reifen nicht kaputt geht. Kein Problem.“ Und jetzt? Wollte er uns tatsächlich vermitteln, wir sollten mit dem Auto, so wie es war, weiterfahren? „Ja, kein Problem. Ich hab das auch mal gehabt. Gar kein Problem.“ „Auch Autobahn?“ „Kein Problem. Könnt weiterfahren. Kein Problem.“

Wir folgten seinem Rat, fuhren glücklich über diese Lösung über die Stadtautobahn nach Hause. Da sich die Schraube durch den Widerstand am Fahrbahnbelag immer weiter abrieb, wurde das Klopfgeräusch auch zunehmend leiser und melodischer. Wir waren froh, Auto fahren zu können und nicht spätabends umständlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren zu müssen. Und dankbar, dass gerade zwei türkische Männer an der Tankstelle waren, die sich auskannten – genau die richtigen für unser Problem.

Als wir so ruhig dahinfuhren erinnerte ich mich an etwas, was meine Freundin mir am Tag zuvor erzählt hatte. Sie hatte beim Beten ein Schaf gesehen, das sich in einem Dornstrauch verfangen hatte. Die Dornen hatten sich zum Teil tief im Fell und im Fleisch verhakt. Jesus hob das Schaf nicht einfach heraus – das Risiko weiterer Verletzungen wäre zu groß gewesen. Statt dessen zog er liebevoll und vorsichtig eine Dorne nach der anderen heraus, bevor er das Schaf in die Arme nahm und aus dem Gestrüpp hob.

Ich hätte das wahrscheinlich anders gemacht. Wenn ich ein Problem in mir oder anderen sehe, dann will ich es anpacken und lösen. Gleich und sofort. Das ist meist gut, sinnvoll und befreiend, manchmal auch unangemessen, wenn Dinge noch verhakt und verkantet sind, und richtet dann mehr Schaden an, als dass es nützt.

Manchmal ist es – wie an der Tankstelle – einfach nicht der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort, um ein Problem etwa sofort zu lösen. Vielleicht fehlt das Spezialwerkzeug. Oder die Fachkenntniss. Oder schlicht und ergreifend mehr Licht. Es könnte auch sein, dass es in dieser Situation zu viel Zeit und Energie kosten würde, das Problem gleich zu lösen – so wie wir an diesem Abend erst Stunden später nach Hause gekommen wären, hätten wir versucht, die Sache gleich in Angriff zu nehmen.

In solchen Situationen ist es möglicherweise die bessere Strategie, mit einer Schraube im Reifen erst mal weiterzufahren. Im übertragenen Sinn kann das bedeuten, mit einem Problem, das sich verkapselt hat, so lange zu leben, bis sich ein guter Ort und ein guter Raum dafür finden, es zu lösen. Natürlich nicht für immer. Ich kenne Menschen, die mit so vielen festgeklemmten „Schrauben“ herumfahren, dass ihr ganzes Leben unrund läuft. Das macht wenig Sinn. Genauso wenig, wie alles immer sofort lösen zu müssen.

Ich erlebe es immer wieder, dass Gott mich, wenn er mich etwas lehren möchte, mir Sätze ins Gedächtnis ruft, die ich schon einmal gehört habe. Ich kann mir vorstellen, dass er mich, falls ich mal wieder auf die Idee kommen sollte, alles unbedingt sofort lösen zu müssen, sanft und zart daran erinnert, dass das nicht immer die richtige Strategie ist. Möglicherweise spricht er dabei mit dem sanftem Akzent von Berliner Türken zu mir „Kein Problem. Kannst weiterfahren. Auch Autobahn. Kein Problem!“

Zuerst veröffentlicht im Magazin THE RACE. Die christliche Zeitschrift zum WEITER denken im Jahr 2008. Mit freundlicher Genehmigung.