Hoffnung hilft – 1. Mai in Kreuzberg, Berlin

Oder: Wenn man nur noch schreien kann

„Halt. Stehenbleiben. Ja, du – dich meine ich!“

Wenn Menschen laut rufen, dann wollen sie Distanz überbrücken.
Wie die Mutter, die ihrem Kind zuruft: „Halt, da kommt ein Auto.“, wenn sie zu weit weg ist, um es selbst zurück zu halten. Wir rufen auch dann laut, wenn die räumliche Distanz zwischen uns zu groß ist.

„Hey, du da. Jaaa! Ich brauche den Eimer. Bitte gib mir den runter.“
„Okay!“

Schreien überbrückt Distanz. Es hilft, den anderen, der weit weg ist zu erreichen. Manchmal schreien Leute einander an, obwohl sie ganz nah beieinander stehen. Das kann man bei Paaren gelegentlich beobachten. Die schreien einander an, obwohl sie im gleichen Raum sind. Und obwohl sie beide nicht schwerhörig sind.

Man kann das auch am 1. Mai erleben. Da brüllen Leute einander oder die Polizisten an, obwohl die direkt vor ihnen stehen und eigentlich ganz gut hören können.

Aber es macht Sinn. Mit Schreien überbrücken wir Distanz. Manchmal räumliche Distanz, aber manchmal auch innerliche Distanz, wenn wir denken, dass der Andere ganz weit weg ist. Wenn man Nähe spürt, muss man nicht schreien. Menschen, die sich ganz nah sind, flüstern oft sogar nur miteinander – zum Beispiel Liebespaare.

Schreien ist oft wirkungsvoll.

In unserer Familie war mein Bruder im Gegensatz zu mir immer der Brave. Ich hatte des Öfteren recht kreative Ideen, die meine Eltern nicht immer so gut fanden. Er hingegen hielt sich jedoch meistens an die Regeln. Doch irgendwann hatte er tatsächlich etwas ausgefressen. Meine Mutter wollte ihm dafür eine runterhauen. Das kam in meiner Familie zum Glück sehr selten vor. Aber in dem Moment war es so weit – sie holte mit dem Arm aus. Und mein Bruder rannte weg. Dann brüllte sie „Halt. Bleib stehen!“ Und war so erschrocken, dass er tatsächlich stehenblieb und sich eine Ohrfeige einfing.

Schreien ist wirkungsvoll. Babies machen es auch dauernd. Sie signalisieren mit dem Schreien: „Ich hab ein Problem. Ich spüre Schmerz. Mir tut etwas weh. Mach was, hilf mir.“ Die meisten Erwachsenen finden das cool und angemessen und machen dann alles Mögliche, um das Schreibündel zufrieden zu stellen.

Wir reagieren auf Schreien, weil es signalisiert: „Da ist einer in Not“.

Schreien ist auch ein Ausdruck von Hoffnung. Man schreit, weil man hofft: Vielleicht reagiert ja einer. Wer völlig verzweifelt ist – etwa, weil er sich in der Antarktis verlaufen hat oder in einer tiefen Depression hängt – schreit nicht mehr. Er gibt auf. Wer schreit, hat noch Hoffnung. Hoffnung gehört zu werden. – Hoffnung hilft!

Die lauteste Form von Schreien ist Gewalt. Wenn man denkt, der andere hört nicht zu, man kommt nicht durch, dann wendet man Gewalt an. Man packt den anderen am Kragen, zertrümmert Teller, schlägt die Möbel kurz und klein – man will, dass der andere hört und spürt: Mir tut hier was weh. Ich kann nicht mehr. Ich bin verzweifelt.

Ich saß mal mit 200 anderen Passagieren auf einem Flughafen fest. Wir saßen da 12 Stunden, ohne Information, ohne Essen, ohne Trinken. Und ohne dass Mitarbeiter der Fluggesellschaft sich um uns gekümmert hätten. Irgendwann war ein Mann so verzweifelt, dass er anfing, mit aller Kraft Plastikschilder zu zertrümmern. Das muss wohl auf den Überwachungskameras zu sehen gewesen sein. Kurz darauf kamen Mitarbeiter der Fluggesellschaft. Sie wollten ihn gleich abführen. Doch der Mann schrie sie an, machte sie auf unsere Lage aufmerksam. Sie reagierten auf seinen Hilfeschrei und brachten uns Wasser, gaben uns Information und einige Stunden später bekamen wir auch etwas zu essen.

Gewalt ist oft nichts anderes als sehr lautes, verzweifeltes Schreien.

So war es vor vielen Jahren auch bei vier Männern in Israel. Sie hatten einen Freund, der durch eine Krankheit bewegungsunfähig geworden war. Er konnte nicht mehr laufen. Sie waren alle verzweifelt.

Dann hörten sie von einem Wanderprediger mit Wunderkräften, der in ihre Gegend kam. Nichts wie hin. Sie bastelten eine improvisierte Trage und schleppten ihren Freund zu dem Haus, in dem der Prediger sich aufhielt.

Nur: Das Gebäude war rappelvoll. Schlimmer als bei „Deutschland sucht den Superstar“. Bis vor die Türen standen die Leute. Jeder wollte einen Blick auf den Wunderprediger erhaschen, seine Worte hören. Die Jungs machten auf ihre Lage aufmerksam. Erst höflich: „Bitte lasst uns durch! Wir wollen unseren Freund zu diesem Arzt bringen.“ Keine Reaktion.

Dann etwas lauter: „Hey Alter, hau mal ab, mein Kumpel hat ein Problem, wir müssen zu dem Meister durch.“ Keine Chance. Die Leute standen wie ne Mauer. Kein Durchkommen. Also raus, aufs Dach. Wenn die Türen zu sind, muss man andere Wege suchen.

Hoffnung hilft. Hoffnung hilft, Wege zu finden, wenn die normalen Wege verschlossen scheinen.

Die Jungs kletterten hoch, zogen ihren Freund hinterher und fingen an, das Dach zu zertrümmern. Unten saßen die Leute. Sie hörten andächtig dem weisen Mann zu, als plötzlich Staub auf sie rieselte, dann immer größere Brocken Holz, Lehm und Stroh herunterkamen. „Was soll das? Seid ihr verrückt?“ schrien sie. Und: „Macht doch was! Haltet die da oben auf!“ riefen sie den Leuten draußen zu. Doch die Zuschauer schauten wie überall lieber zu als einzugreifen.

Irgendwann war das Loch groß genug, um den Freund runterzulassen. Direkt vor die Füße von dem Meister: Jesus.

Wie reagiert man auf so ein Verhalten?

Stellt euch vor, ihr sitzt in der Kirche und plötzlich schleppen ein paar Typen einen Verwundeten an. Oder einen Alkoholiker, der Hilfe braucht. Und weil die Tür gerade geschlossen ist, schlagen sie ein paar Altarfenster ein, um rein zu kommen.

Der typische Deutsche hätte vielleicht gesagt: „So geht das nicht. Diese Jugend heute. Einfach alles kaputt machen. Kein Gefühl für Anstand und Ordnung. Was die machen, ist ja Sachbeschädigung. Klarer Verstoß gegen §303 des Strafgesetzbuches. Außerdem – Hausfriedensbruch, Verstoß gegen §123. Außerdem noch Störung einer öffentlichen Versammlung und Störung des öffentlichen Friedens. Die sollte man verhaften lassen. Eine Lektion sollte man ihnen erteilen. Die sollen erst mal lernen, wie man sich benimmt.“

Was macht Jesus? Er verurteilt sie nicht. Er verliert kein Wort darüber, dass ihr Handeln falsch war. Dass sie Gesetze übertreten hatten, wussten sie ohnehin selbst. Jesus schaut sie erst mal an. Die Jungs und den Kranken, den sie ihm vor die Füße gelegt haben. Er sieht die Hoffnung in ihren Augen. Hoffnung hilft.

Und weil er selbst die Hoffnung in Person ist, reagiert er. Er sagt: „Das größte Problem ist nicht das, was äußerlich an deinem Körper kaputt ist. Das größte Problem ist, was in dir drin kaputt ist. Das, was dich von Gott trennt. Das mache ich jetzt wieder heil. Ich vergebe dir deine Sünden.“

Dann sagt er: „Ich weiß, dass Vergebung allein nicht genug ist. Du brauchst auch konkrete Hilfe. Hoffnung hilft. Ganz praktisch. Deswegen heile ich dich auch. Er nahm er den Gelähmten an der Hand, half ihm auf, er konnte wieder gehen. Seine Freunde waren glücklich. Sie waren gehört worden. Hoffnung hilft!

Jesus hat auf die radikalen Hausbesetzer seiner Tage reagiert.

– Er hat sie nicht verurteilt.
– Er wies sie darauf hin, dass auch sie ein Problem haben.
– Er handelte konkret, um Lösungen herbeizuführen.

So wie die Freunde des Gelähmten damals, gibt es auch heute Menschen, denen diese kranke und kaputte Erde nicht egal ist. Die aufstehen und sich einsetzen wollen, weil ihnen steigende Mieten, die sich Arme nicht mehr leisten können, nicht egal sind. Weil sie Ausbeutung und Ungerechtigkeit auf dieser Welt nicht gleichgültig lassen. Sie leiden mit und wollen was tun. Sie hoffen auf Veränderung.

Aber oft kommen sie nicht durch. Sie wollen gehört werden. Sie hoffen, bei den Machthabern Gehör zu finden. Sie versuchen mit Worten und Aktionen zu ihnen durchzudringen und auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen.

Doch oft werden sie zurückgewiesen. Die anderen stellen sich taub. Geben ihre angestammten Plätze nicht auf. Verurteilen sie als Störenfriede. Reagieren nicht.
Dann versuchen sie es mit Gewalt. Hausbesetzungen. Gewalt gegen die Polizei. Anschläge. Brandstiftungen. Als verzweifelter Weg, gehört zu werden.

Nein, ich bin nicht für Gewalt. Ich lehne Gewalt als Weg, auf Probleme aufmerksam zu machen, ab. Aber ich kann verstehen, wenn Menschen so verzweifelt sind, dass sie keinen anderen Weg sehen, um auf bestimmte Probleme aufmerksam zu machen. Sie wissen nicht, was sie noch tun können, damit die Hoffnung nicht stirbt.

Wie würde Jesus auf die gewaltbereiten Linken von heute reagieren? Ich denke ähnlich, wie er damals auf die Ruhestörer seiner Zeit reagiert hat.

– Er würde sie liebevoll ansehen und nicht verurteilen.
– Er würde sie darauf hinweisen, dass sie selbst ein Problem haben.
– Er würde konkret handeln, um Hilfe in die notvolle Situation zu bringen.

Ich denke, er würde sie erst mal voller Liebe ansehen. Ihnen zeigen, dass er selbst die Hoffnung ist. Er würde ihnen das gleiche sagen, was er zu dem Gelähmten sagte:

„Das erste Problem, um das es geht ist nicht das, was in dieser Welt kaputt ist: Die korrupten Systeme, die Ausbeutung, die Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Das erste Problem beginnt bei dir, in dir drin. Auch da ist vieles kaputt, zerstört, unlebendig.

Deshalb ist das erste Problem, um das du dich kümmern solltest das, was in dir kaputt ist. Ich biete dir an, das in dir zu heilen, was in dir kaputt ist. Ich will kaputt machen, was dich kaputt macht. Ich will reparieren, was dich von Gott und vom Leben trennt. Das mache ich jetzt wieder heil. Ich vergebe dir deine Sünden. Ich gebe dir neue Hoffnung. Hoffnung hilft. Erst mal im Inneren.

Viele Christen denken, das würde genügen. Menschen auf ihre Trennung von Gott und vom Leben hinweisen. Und damit ist es gut.

Das genügt nicht. Jesus sorgte sich nicht nur um die Seele des Kranken. Er kümmert sich auch um den Rest, den kaputten Körper.

Genauso haben wir – als die Freunde von Jesus auf dieser Erde – den Auftrag, uns um diese kranke, kaputte Erde zu kümmern. Und Wege der Heilung zu suchen. Hoffnung hilft. Ganz praktisch.

Das kann bedeuten, dich um sozial benachteiligte Kinder zu kümmern. Oder Leute, die verschuldet sind, zu beraten. Oder Geld abzugeben. Oder mit jemanden, der sich die gestiegene Miete nicht mehr leisten kann, zum Vermieter zu gehen. Oder ihm helfen, die Differenz zu tragen. Oder auf eine andere Weise deine Fähigkeiten einzusetzen, damit anderen geholfen wird.

„Hoffnung hilft“ ist das Motto dieses Gottesdienstes.

Das bedeutet:
– Hinhören und Hinsehen. Und Menschen, die Gewalt anwenden, um auf Probleme aufmerksam zu machen, nicht zu verurteilen.
– Menschen liebevoll und klar darauf hinweisen, dass sie selbst ein Problem mit Kaputtheit haben. Und dass Jesus ihnen anbietet, das zu lösen.
– Konkrete Wege zu finden, wie man Hilfe und Heilung bringen kann.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen schönen 1. Mai.

Ansprache von Kerstin Hack beim Open Air Gottesdienst am Mariannenplatz

Ansprache als MP3

Die Autorin:

Kerstin Hack ist Verlegerin, Autorin und Coach und engagiert sich ehrenamtlich für ihre Stadt Berlin.

Nur Tote bleiben liegen – Gedanken über ein lebendiges Buch

Letztes Jahr hatte ich Pech. Bei einer Veranstaltung bekam jeder Teilnehmer ein Buch als Geschenk. Etwa 20 verschiedene Titel standen zur Wahl. Ich wollte Alles, außer gewöhnlich von Förster und Kreuz unbedingt haben – schon wegen des sprachwitzigen Titels. Doch ich bin ja wohl erzogen und brav. Ich wartete bis der Geschenktisch offiziell freigegeben war. Zu lange. Ein dreister, dicker Typ hatte mir das Buch schon weggeschnappt.
Das Ergebnis: Alles außer gewöhnlich führt nun die Liste der Bücher an, aus denen ich das meiste gelernt habe, ohne sie je gelesen zu haben. Meine Lektion: “Zeige offen, was dir wichtig ist und was du möchtest. Warte nicht zu lang. ” Ich habe meine Lektion gelernt.

Das neue Buch Nur Tote bleiben liegen der beiden habe ich tatsächlich gelesen. Mit Gewinn. Jedes Mal wenn ich in den letzten Wochen nach getaner Verlagsarbeit ein Kapitel las, stellte sich ein wohlig warmes Gefühl ein. Das lag zuerst einmal daran, dass meine Füße sich auf einem Massagegerät entspannten. Zum anderen am Inhalt des Buches.

Förster und Kreuz beschreiben die Eigenschaften, die ein Unternehmen braucht, um im harten Wettbewerb nicht nur zu bestehen, sondern sogar zu glänzen. Sie loben die Fähigkeit kreativ und experimentierfreudig Chancen nutzen, auf Sicherheiten zu verzichten, Kunden und Mitarbeitern Freiheit zu gewähren. Sie fordern dazu auf, die Intelligenz der vielen zu nutzen und transparent zu agieren. So wie in der schönen weiten – angesichts von Wiki-Wars zu rosarot gezeichneten – demokratischen Welt des Internets, wo jeder beitragen kann.

Innovation, Offenheit, Transparentz all das leben wir in meiner Firma. Zugegebenermaßen sind wir beim Down to Earth Verlag mit einer handvoll von Mitarbeitern noch weit davon entfernt ein großer Konzern zu sein. Doch die von den Autoren gelobten Tugenden wie Freiräume zu geben, Impulse meiner Mitarbeiter aufzugreifen und offen und transparent zu kommunizieren sind für mich als Chefin selbstverständlich. Beim Lesen jeder Seite stellte sich bei mir das erwähnte warme und wohlige Gefühl ein: Wir machen das gut!

Ich fragte mich etwas überrascht: Kann man heute eine Firma überhaupt noch anders führen? Offensichtlich schon. Die Autoren beschreiben immer wieder, wie innovationshemmend und kontrollierend es in vielen Konzernen zugeht. Gegen diese Leichengräber-Haltungen treten sie mit Sprachwitz und frischen Perspektiven an.

Auf jeder Seite spürt man ihre Leidenschaft, Dinge in Bewegung zu bringen. Sie wollen verkrustete Strukturen aufbrechen und Verantwortliche motivieren mehr Freiräume zu geben. Natürlich ganz konkret. Sie führen sie viele erfrischenden Beispiele von Firmenchefs an, die zeigen, wie es anders geht. Davon kann sich jeder Verantwortliche, der seine Firma weiter entwickeln möchte, die Scheiben abschneiden, die ihm am meisten Appetit machen. Allen Weiterkommen-Wollenden wärmstens zu empfehlen.

Nach der inspirierenden Lektüre blieben nur zwei Fragen offen:

–         Als Bestsellerautoren brauchen Förster und Kreuz sich nicht über schlechte Verkaufzahlen zu beklagen. Doch mich interessiert: Wer liest eigentlich dieses Buch? Innovative Menschen wie ich, die es eigentlich nicht unbedingt nötig haben. Denn wir gehören ohnehin zu der Generation gehören, die ohnehin nicht anders arbeiten will und kann. Oder lesen es tatsächlich die Chefs der großen Konzerne? Wenn ja, was machen sie damit? Hier würde ich sehr gern mal einem Konzernchef nach dem Kauf verfolgen und ihm bei der Lektüre über die Schulter und ins Gehirn sehen.

–         In kleinen Unternehmen wie meinen ist eine transparente und innovationsfördernde Unternehmenskultur oft eine Selbstverständlichkeit. Doch wie entwickelt man ein kleines Unternehmen zu einem großen, erfolgreichen Unternehemen, ohne die Lebendigkeit, Freiheit und Transparenz zu verlieren? Diese Frage, die die Lektüre in mir aufgeworfen hat, wird mich noch weiter beschäftigen. Vielleicht schreiben die beiden ja mal ein Buch darüber. Und wir sind dann drin. Ganz lebendig.

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Als Verlegerin macht mich die schöne Gestaltung des Buches fast grün vor Neid  – passend zum Cover. Der Campus Verlag macht das auf seine Art fast genauso schön wie wir. Dass mich das ein wenig wurmt, herausfordert und anspornt, unser Niveau zu halten und zu verbessern, muss ich ja nicht unbedingt zugeben. Oder vielleicht doch?

Günter J. Matthia: Rezension zu „Die Hütte und ich“

In dem hier betrachteten Buch geht es um Glauben, den Glauben an einen Gott, der sich kümmert und einmischt. Einen Gott, der persönlich erfahrbar ist.

Kerstin Hack, die Autorin, machte sich für eine knappe Woche auf in eine fremde Stadt, um Gott zu begegnen. Sie hatte ihn in den Monaten und Jahren vor dieser Reise aus den Augen – oder aus dem Empfinden? – verloren. Das Buch beschreibt die sechs Tage ihrer Suche und was sie dabei gefunden hat.

Wer sich um Doktrinen sorgt oder jeglichen Zweifel an diesem Gott für unverzeihlich hält, der wird Anstoß an dem Buch nehmen. Wer erwartet, eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Begegnung mit Gott zu erhalten, wird enttäuscht sein. Wer meint, unerschütterliche Antworten auf große Glaubensfragen erwarten zu dürfen, muss am Ende feststellen, dass es auch in diesem Buch keine gibt.
Dennoch – oder gerade deshalb – empfehle ich die Lektüre.

  • Warum will Gott, dass ich ihn um etwas bitte, wenn er das Gebet dann doch nicht erhört?
  • Warum spricht Gott und sagt mir Dinge zu, wenn er sie dann doch nicht erfüllt?
  • Wie kann ich ihm wieder neu vertrauen?

Diese Fragen bewegen (mit gutem Grund) die Autorin, ihnen spürt sie nach in Antwerpen. Allerdings nicht in einer Hütte, wie der Titel des Buches vermuten lässt, sondern in der Wohnung von Freunden.

Es sei zur ihrer Ehrenrettung der Autorin zugestanden, dass der Roman »Die Hütte« von William P. Young ihr offensichtlich bei der Suche nach einer Begegnung mit Gott hilfreich war, sie zitiert aus ihm, zieht Parallelen zwischen ihrer Woche in Antwerpen und dem im Roman geschilderten Wochenende. Letztendlich mag die Lektüre der Erzählung von Young überhaupt erst die Resultate ihrer persönlichen Gottsuche ermöglicht haben. Die Hütte darf als Symbol für einen Ort der Begegnung gelten, auch wenn dieser Ort ganz anders aussieht.

Dennoch verursacht mir der Titel »Die Hütte und ich« Stirnrunzeln, da die Reise eben keineswegs in eine Hütte geht, ein Anhängen an die Erfolgswelle des Romans von Young scheint mir unübersehbar. Der Untertitel »Gott neu vertrauen – eine Reise« ist da schon treffender und hätte meinem Geschmack nach dem Buch besser gestanden. Doch sei es, wie es ist, wir alle wissen ja: Don’t judge a book by its cover!

Entscheidend ist der Inhalt: Kerstin Hack hat ein ehrliches Buch geschrieben. Sie schildert ihre Erfahrungen mit nicht erhörten Gebeten, mit nicht eingetroffenen Verheißungen, mit einem Gott, der sich nicht einmischt in den Alltag des Menschen, obwohl der Mensch Grund zu haben meint, das erwarten zu dürfen.

Dieser Zustand kann den meisten Menschen, die sich ernsthaft Gedanken über ihren Glauben machen, nicht fremd sein.

Nick Cave hat den Zwiespalt in einem Lied so ausgedrückt: I don’t believe in an interventionalist God. But if I did, I would kneel down and pray… Es gibt vieles, worum er Gott gerne bitten würde, aber er zweifelt an dessen Interesse, auf die Bitten auch zu reagieren. Er zweifelt nicht an Gott selbst, sondern an Gottes Einmischung in unsere hiesigen Belange, auch wenn wir genau darum bitten würden.

In dem Roman »Die Hütte« geht es um das gleiche Dilemma: Die Tochter des Protagonisten Mack wird ermordet; Gott greift nicht bewahrend ein. Mack will dennoch gläubig bleiben, er weiß bloß nicht, was er von diesem unbeteiligten Gott halten, wie er mit seinem nunmehr zerstörten religiösen Weltbild zurechtkommen kann. Wie der Mann im Song von Nick Cave glaubt er nicht mehr an einen interventionalist God.

Und Kerstin Hack? Auch sie will an einen persönlichen Gott glauben, einen, der eingreift, sich kümmert, der nicht nur von Liebe redet, sondern sie praktiziert – und hat doch der Tatsache ins Auge zu sehen, dass klar formulierte Zusagen nicht eingetroffen sind. Wie sie damit umgegangen ist und nach der Woche in Antwerpen künftig umgehen will, das erzählt sie in diesem Buch.

Glaubwürdig wird die Beschreibung der sechs Tage für mich dadurch, dass es am Ende keine endgültigen Antworten oder wundersamen Wendungen des Schicksals gibt. Die Situation ist die gleiche wie am Anfang, gewandelt hat sich lediglich die Sicht der Autorin auf die schmerzhaften Fragen in ihrem Leben und Glauben – so wie Mack am Ende des Romans von Young noch immer damit leben muss, dass seine Tochter brutal ermordet wurde.

Kerstin Hack schreibt zwar am Schluß »ich fand Antworten auf meine drei großen Fragen. Gott ist mir begegnet und hat mir in der Begegnung mit ihm Antworten gegeben, die weit über meine Fragen hinausgingen«, aber das ist eben eine ganz subjektive Interpretation ihrer Woche in Antwerpen. Der Leser mag einen anderen Eindruck gewinnen, die »Antworten« als ungenügend empfinden. So ging es mir beim Lesen, aber ich konnte nachvollziehen, dass für die Autorin die Antworten tatsächlich gültig und hilfreich waren.

»Die Hütte und ich« regt dazu an, sich eigenen offenen Fragen zu stellen. Was die Autorin schildert, ist, wie sie selbst sehr deutlich schreibt, nicht zum Nachmachen gedacht, sondern als Anregung für den eigenen Weg zu einer Begegnung mit Gott.

Kersin Hack halfen Träume und innere Dialoge, Zeiten der Besinnung und Gespräche mit Menschen, sogar Kunst und Kultur bei ihrer Suche. Das ermutigt, eigene Versuche zu unternehmen, sich dem unbeteiligten, fernen Gott persönlich (wieder) zu nähern. Dass solche Versuche erfolgreich sein werden, kann dieses Buch nicht versprechen, will es gar nicht versprechen. Aber wie so oft im Leben mag das Beispiel eines fremden Erlebens die Tür zum eigenen Entdecken aufstoßen. Dieses Potential hat das Buch.

Mein Fazit: Eine lohnende Lektüre für alle, die in ihrem Glaubensleben auf Tatsachen gestoßen sind, welche nun dem Vertrauen auf einen eingreifenden, beteiligten Gott im Wege stehen. Wahrscheinlich findet der Leser nicht die erhoffte Aufklärung bezüglich seiner Enttäuschungen und Krisen, aber er kann miterleben, wie die Autorin mit ihren offenen Fragen umzugehen lernt. Vielleicht macht das Mut, eigene Wege zu suchen.
Und das ist allemal besser als billige Rezepte, die nur zu tieferer Enttäuschung führen würden.
Rezension zuerst erschienen auf: http://gjmatthia.blogspot.com
Das Buch:
Kerstin Hack: „Die Hütte und ich. Gott neu vertrauen – eine Reise“
Down to Earth, Berlin und Gerth Medien, Asslar
160 Seiten, € 12,80
Erhältlich direkt im Down to Earth Shop.

Weitere Bücher der Autorin:
Kerstin Hack: „Ich warte auf dich in der Hütte“.

GESCHENKBUCH: ICH WARTE AUF DICH IN DER HÜTTE
Inspirierende Texte zur neuen Begegnung mit Gott als Bildband. Ideal zum Verschenken an Menschen, die gerade durch schwere Zeiten gehen, Gott nicht verstehen und viele Fragen haben. Nur 9, 95 Euro.

Kerstin Hack: Tipps für effektives Arbeiten

Hier ein paar Arbeitstechniken, die helfen, Zeit und Energie gut und effektiv zu nutzen:

1. Zeitbedarf planen; nicht mehr als 50 % der Zeit verplanen
2. Schreibtisch von Überflüssigem frei räumen
3. Wochenplan und Tagesplan mit den wichtigsten Projekten (A, B, C) der Tage erstellen (SMARTE Ziele)
4. zwei Stunden täglich für konzentrierte Projektarbeit freihalten, am besten zu Tagesbeginn („Never check your emails in the morning).
5. erst die Dinge machen, die man sich vorgenommen hat, dann die verbleibenden Freiräume für anderes nutzen
6. Überlege: Wer von vorhandenen (oder neuen) Mitarbeitern könnte wiederkehrende Arbeiten, die mich viel Zeit kosten, übernehmen?
7. regelmäßig Swing lesen und leben; Pausen machen
——————————————————————————————7 Spielregeln der Zielsetzung – SMARTE Ziele

– Ziel ist spezifisch (konkret)
– Ziel ist messbar
– Ziel ist realistisch und erreichbar
– Ziel ist aktionsorientiert (eigene Handlung ist das Zentrum)
– Ziel ist relevant
– Ziel ist terminiert

Stelle dir deine Ziele bildlich vor und formuliere sie als bereits erreicht!

(nach Pallas-Seminare.de und SMART und eigenen Erfahrungen)

Kerstin Hack: Erfolg

 Ich sitze in der Ecke und weine. Auf meinem Schoß eine Schüssel mit dampfender arabischer Suppe. Alles zusammen war etwas zu viel: Die Erschöpfung nach einer intensiven Reise, die damit endete, dass ich mich erkältete, als ich unfreiwillig 33 Stunden auf einem Provinzflughafen verbringen musste, dessen einziger „Komfort“ in einer Klimaanlage bestand, die eisig kalte Luft in den Raum blies. Davon wurde der Steinfußboden, auf dem ich saß, weder wärmer noch bequemer. Ergebnis: Müdigkeit bis in die Knochen, rauer Hals, verstopfte Nase, Ohrenschmerzen. Dabei werde ich sonst eigentlich nie krank.

Zu Hause eine ausgefallene Heizungsanlage. 15 Grad in der Wohnung. Im November. Eisig. Kann nachts kaum schlafen, bin übermüdet und gefrustet. Heute wurde die Anlage repariert. Man sagte mir, ich müsste 30 Minuten warten, um zu sehen, ob die Maßnahmen Erfolg hatten. Hatten sie nicht. Es ist immer noch kalt. Die Heizkörper sind lauwarm oder klamm. Jetzt, Freitagnachmittag, kommt niemand mehr. Ein Wochenende Kälte. Frust. Mein Körper ist am Ende.

Habe das ganze Jahr hart gearbeitet. Zusammen mit meinem Lieblingsgrafiker ein Dutzend Impulshefte zu verschiedenen Themen publiziert, viel Werbematerial, ein neues Buch geschrieben, Prospekte und Displays für den Buchhandel gemacht. Geschenkschachteln für die Kunden. Artikel für Zeitschriften geschrieben. Aber an der einen oder anderen Stelle war ich mit Rabatten zu großzügig gewesen, so dass am Ende auf dem Konto – wie ich jetzt an den Bankauszügen sehen kann – nichts mehr übrig blieb. Obwohl die Sachen total beliebt sind.

Nein. Es war keine gute Woche. Ich sitze da und heule. Das Gefühl »Egal, was ich tue, es nützt doch nichts!« ist zu stark. Drückt aus mir raus. Tränen fließen. Ich fühle mich machtlos und hilflos. Weder kriege ich es hin, dass meine Wohnung warm wird, noch dass mein Kontostand in Bewegung kommt.

Ich wünsche mir besser zu sein, erfolgreicher. Oder einfach beschenkt zu werden mit Fürsorge, Wärme, Geld. Und weiß, dass es mir nichts nützen wird, um meine Seele zu besänftigen. Ich denke an Elia. Den, der geistlich richtig Karriere gemacht hat. Er hatte alles richtig gemacht. Sich als radikaler, konsequenter Nachfolger Gottes gezeigt. In in einem dramatischen Showdown alle finsteren Mächte konfrontiert und niedergemacht. Er hätte sich eigentlich gut fühlen können. Hätte.

Wenn da nicht das Gefühl gewesen wäre: »Ich bin der letzte Mohikaner. Der einzige. Völlig alleine gelassen. Und die anderen, vor allem Isebel, dieses Miststück, sitzen mir im Nacken.« Gegen seinen tiefen, inneren Blues kam auch der Erfolg nicht an, den er kurz vorher hatte.

Jeder braucht Erfolg. Erfolg heißt, dass auf meine Handlungen etwas folgt. Dass sie Auswirkungen haben. Dass das, was ich tue, Sinn hat und macht. Erfolg ist gut. Und gehört zum Leben. Wenn Erfolg auf Dauer ausbleibt, kann ich mich zu Recht fragen, ob es Sinn hat, was ich tue. Oder an welchen Maßstäben ich meinen Erfolg messe.

Keinen Erfolg zu haben ist einfach Müll. Aber Erfolg alleine kann nie mein Innerstes ausfüllen. Keinem nützt der äußere Erfolg, wenn die Seele innerlich nicht mitkommt. Wenn man nach wie vor an Bildern festhält, die einem suggerieren , dass man wertlos, nutzlos, hoffnungslos ist. Wer hofft, dass der Karrierekick, der Traummann oder der Supererfolg, der geistliche Durchbruch oder irgend ein anderes tolles Ereignis ihm und allen anderen endlich zeigt, dass er etwas wert ist, der hofft vergeblich. Kein Mensch, kein Ereignis kann geben und ausfüllen, was innerlich fehlt.

Wenn aller Erfolg mich nicht satt macht oder aller Misserfolg mich bis in die Tiefen meiner Seele trifft, hilft nur eins: Das zu tun, was Elia getan hat. Erst einmal zur Ruhe kommen. Loslassen vom eigenen Kämpfen, von den Versuchen, innere Löcher durch äußere Erfolge stopfen zu wollen. Geht nicht. Ging noch nie.

Etwas richtig Gutes essen. Kraft kriegen.

Und dann bei Gott zur Ruhe kommen. Hören, was der Vater sagt. Ganz leise. Überraschend. Vielleicht etwas ganz anderes als das, was ich erwartet haben. Aber genau das, was mein Herz braucht und hören muss, um wieder Kraft zu finden. Das werde ich jetzt tun. Jetzt gleich.

Anmerkung: Diesen Artikel habe ich 2007 geschrieben. Mittlerweile – mit etwas Zeitverzögerung – hat sich auch der Erfolg der vielen publizistischen und sonstigen Arbeit eingestellt…zumindest ein Stück weit.

Zuerst erschienen in THE RACE | Die christliche Zeitschrit zum WEITERdenken: www.therace-online.de

Kerstin Hack (40) inspiriert Menschen durch ihre Arbeit als Autorin und Referentin inGlaubens- und Lebensfragen. In ihrer Beratungspraxis unterstützt sie Menschen dabei, für sich passende Lösungen zu finden. Sie lebt in Berlin und liebt Fotoausstellungen, gute Filme und leckeren Kaffee. » www.kerstinhack.de » www.down-to-earth.de

Kerstin Hack: Wenn Gott Berliner Türkisch spricht Oder: Eine Lektion in Gelassenheit

Es war ein schöner Abend gewesen. Gemeinsam hatten wir als Hausgemeinde gegessen und uns von dem erzählt, wie wir in der vergangenen Woche Gott erlebt hatten. Wir berichteten von unseren Herausforderungen und Chancen und beteten füreinander. Nach einem gelungenen Abend im Berliner Stadtteil Neukölln nahm meine beste Freundin mich im Auto mit in den Westen der Stadt, wo ich wohne. Wir kamen nicht weit. Schon nach wenigen Minuten irritierte uns ein merkwürdig laut klopfendes Geräusch und das Empfinden, dass das rechte Hinterrad nicht mehr rund lief. Ein Platten? Das hätte gerade noch gefehlt. Wir stiegen aus, aber der Reifen schien in Ordnung. „Lass uns Markus anrufen!“ Der einzige Mann in unserer Hausgemeinde und begabter Handwerker war auch gerade auf dem Heimweg, er konnte nur wenige U-Bahn Stationen von uns entfernt sein.

Dennoch verwarfen wir den Gedanken und versuchten nochmals loszufahren. Was konnte das nur sein? Federbruch bei einem fast neuen Auto? Wir hielten nochmals an. Jetzt, wo der Reifen anders stand, konnte ich sehen: eine dicke Schraube hatte sich in den Mantel gebohrt und stand etwa 1,5 cm nach oben raus. Kein Wunder, dass der Reifen nicht rund lief und laute Geräusche verursachte.

Wir fuhren zur nächsten Tankstelle und baten den Tankwart um Hilfe beim Reifenwechel, da wir beide keine – oder ich nur sehr missglückte Erfahrungen damit hatten. „Geht nicht, muss arbeiten, bin alleine hier.“ Vor der Tür standen zwei junge solariumgebräunte Türken mit schickem Haarschnitt. Einer von beiden polierte sein schickes silberglänzenes Auto. „Könnt ihr uns helfen den Reifen zu wechseln?“ fragte ich.

Es gibt Zeiten, da ist es mir wichtig, klarzumachen, dass ich als Frau durchaus auch Dinge beherrsche, die traditionell als reine „Männersache“ gelten. Nachts um halb elf im Winter in Neukölln gehört nicht zu diesen Zeiten. Einer der Männer polierte weiter, der andere sagte:„Erst mal gucken!“

Er sah sich den Reifen an und erklärte uns, dass der noch völlig in Ordnung sei. „Da ist noch voll Luft drin. Geht morgen zum Reifenhändler. Kein Problem. Die Schraube ist oben, nicht an der Seite. Der Reifenhändler kann das so rausmachen, dass der Reifen nicht kaputt geht. Kein Problem.“ Und jetzt? Wollte er uns tatsächlich vermitteln, wir sollten mit dem Auto, so wie es war, weiterfahren? „Ja, kein Problem. Ich hab das auch mal gehabt. Gar kein Problem.“ „Auch Autobahn?“ „Kein Problem. Könnt weiterfahren. Kein Problem.“

Wir folgten seinem Rat, fuhren glücklich über diese Lösung über die Stadtautobahn nach Hause. Da sich die Schraube durch den Widerstand am Fahrbahnbelag immer weiter abrieb, wurde das Klopfgeräusch auch zunehmend leiser und melodischer. Wir waren froh, Auto fahren zu können und nicht spätabends umständlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren zu müssen. Und dankbar, dass gerade zwei türkische Männer an der Tankstelle waren, die sich auskannten – genau die richtigen für unser Problem.

Als wir so ruhig dahinfuhren erinnerte ich mich an etwas, was meine Freundin mir am Tag zuvor erzählt hatte. Sie hatte beim Beten ein Schaf gesehen, das sich in einem Dornstrauch verfangen hatte. Die Dornen hatten sich zum Teil tief im Fell und im Fleisch verhakt. Jesus hob das Schaf nicht einfach heraus – das Risiko weiterer Verletzungen wäre zu groß gewesen. Statt dessen zog er liebevoll und vorsichtig eine Dorne nach der anderen heraus, bevor er das Schaf in die Arme nahm und aus dem Gestrüpp hob.

Ich hätte das wahrscheinlich anders gemacht. Wenn ich ein Problem in mir oder anderen sehe, dann will ich es anpacken und lösen. Gleich und sofort. Das ist meist gut, sinnvoll und befreiend, manchmal auch unangemessen, wenn Dinge noch verhakt und verkantet sind, und richtet dann mehr Schaden an, als dass es nützt.

Manchmal ist es – wie an der Tankstelle – einfach nicht der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort, um ein Problem etwa sofort zu lösen. Vielleicht fehlt das Spezialwerkzeug. Oder die Fachkenntniss. Oder schlicht und ergreifend mehr Licht. Es könnte auch sein, dass es in dieser Situation zu viel Zeit und Energie kosten würde, das Problem gleich zu lösen – so wie wir an diesem Abend erst Stunden später nach Hause gekommen wären, hätten wir versucht, die Sache gleich in Angriff zu nehmen.

In solchen Situationen ist es möglicherweise die bessere Strategie, mit einer Schraube im Reifen erst mal weiterzufahren. Im übertragenen Sinn kann das bedeuten, mit einem Problem, das sich verkapselt hat, so lange zu leben, bis sich ein guter Ort und ein guter Raum dafür finden, es zu lösen. Natürlich nicht für immer. Ich kenne Menschen, die mit so vielen festgeklemmten „Schrauben“ herumfahren, dass ihr ganzes Leben unrund läuft. Das macht wenig Sinn. Genauso wenig, wie alles immer sofort lösen zu müssen.

Ich erlebe es immer wieder, dass Gott mich, wenn er mich etwas lehren möchte, mir Sätze ins Gedächtnis ruft, die ich schon einmal gehört habe. Ich kann mir vorstellen, dass er mich, falls ich mal wieder auf die Idee kommen sollte, alles unbedingt sofort lösen zu müssen, sanft und zart daran erinnert, dass das nicht immer die richtige Strategie ist. Möglicherweise spricht er dabei mit dem sanftem Akzent von Berliner Türken zu mir „Kein Problem. Kannst weiterfahren. Auch Autobahn. Kein Problem!“

Zuerst veröffentlicht im Magazin THE RACE. Die christliche Zeitschrift zum WEITER denken im Jahr 2008. Mit freundlicher Genehmigung.

Kerstin Hack. Mein kleiner frommer Schaden: Ich bin nicht Gottesdienst – tauglich!

Ich gestehe es: Ich bin nicht gottesdiensttauglich. Zu Beginn eines Gottesdienstes bin ich noch recht locker. Nach 20 Minuten werden mir die Sitze zu unbequem und ich rutsche unruhig hin und her, nach 40 Minuten lerne ich das Blatt mit den Veranstaltungshinweisen auswendig und erwische mich dabei, meine Lieblingspsalmen zu lesen, statt der Predigt zu folgen. Nach 60 Minuten wird die Sehnsucht nach Kontakt, Interaktion, visuellen Impulsen und Bewegung fast übermächtig. Das ist umso schlimmer, als ich gelegentlich eingeladen werde, Gottesdienste mitzugestalten oder in einem Gottesdiensten zu sprechen – und alle davon ausgehen, dass ich von dieser Veranstaltungsform begeistert bin.

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