Wunderbar leben – alltagstaugliche Spiritualität

Früher habe ich meine eigene und die Spiritualität von anderen vor allem an zwei Faktoren gemessen: Bibel lesen und Gebet. Das war mein Maßstab. Geistlich war, wer die Bibel gut kannte und viel Zeit im Gebet verbrachte.

Dass Millionen von Christen, die bis in die Neuzeit hinein gar keine Bibel besaßen in meiner Bewertung von Geistlichkeit kaum eine Chance hatten, war mir dabei ebenso wenig bewusst wie die Tatsache, wie viel Druck ich mir selbst auferlegte.

Ohne dass es mir bewusst war, war mein Glaubensleben von der Frage nach richtig und falsch und der Suche nach größtmöglicher Effektivität geprägt: „Wie mache ich es richtig?“ „Wie bete ich richtig?“ „Wie evangelisiere ich richtig?“ „Wie lese ich die Bibel richtig?“ „Was sind die besten geistlichen Methoden, Übungen, um ein möglichst guter Christ zu sein?“

Mein geistliches Leben gestalte ich heute anders als früher. Heute ist die Frage nach dem „richtig oder falsch“ für mich keine allzu bedeutende mehr. Stattdessen bewegt mich viel mehr die Frage: „Was macht andere und mich lebendig?“ Sie ist so zentral für mich, dass ich ein ganzes Buch dazu geschrieben habe.[1] Die Frage nach der Lebendigkeit ist für mich die zentrale Frage, an der ich alles – auch die Qualität von Spiritualität – messe. Ich bin überzeugt, dass Gott da ganz nah ist, wo Leben ist. Ich glaube nicht mehr an die eine beste, effektivste und gesegnetste Methode, Gott zu begegnen und zu dienen – sondern daran, dass ich aus verschiedenen Wegen selbst auswählen kann.

Eine Freundin fasst diese Perspektive w ährend einer Gebetszeit in einem Bild für mich zusammen: Sie sieht mich als eine Frau, die ganz unterschiedliche Gefäße töpfert. Gott selbst gibt – symbolisiert durch Öl – seine Gegenwart in meine Gefäße. Früher habe ich gedacht: Ich muss genau das richtige Gefäß formen. Ich meinte wissen zu müssen, in welche Art Gefäße Gott am liebsten seinen Geist gibt.

Heute – auch inspiriert durc h dieses Bild – sehe ich das anders. Ich darf die Gefäße meines Lebens formen. Ich darf entscheiden und gestalten. Ich glaube, Gott hat Freude an meinem Gestalten und Entscheiden. Und er füllt mich, ist mit mir, bei mir.

Er hat uns als gestaltende Menschen geschaffen. Manchmal schreibe ich Artikel. Das ist ein mögliches Gefäß, das Gott – so hoffe ich – mit seinem Geist ausfüllt. Zu anderen Zeiten sind es Impulshefte, Quadros, Bücher, Blog- oder Twittereinträge, die unter meinen Händen entstehen. Oder auch ein Vortrag, den ich mit lebhaften Gesten untermale. Ein andermal fließt Gottes Liebe vielleicht durch eine Umarmung oder ein Coachinggespräch. Oder auch den Freiraum eine Ausstellung, einen Einkaufsbummel oder einen Kosmetiktermin zu genießen. Gott ist mit dabei, wenn ich meine Blumen gieße oder meinen kleinen Neffen wickle.

Ich glaube, Gott freut sich an meiner Vielfalt und Kreativität. Ich darf wählen, wie ich mein Leben gestalte. Er lebt in mir und mit mir und hat Freude daran, die Gefäße, die ich forme, mit seinem Geist zu füllen.

William Paul Young, der Autor des Buches “Die Hütte. Ein Wochenende mit Gott.“  antwortet auf die Frage: „Wie praktizieren Sie selbst ihre Beziehung zu Gott?“ folgendes: „Das ist eine sehr gute Frage. Und wissen Sie warum? Ich praktiziere meine Beziehung zu Gott nicht. Meine Beziehung zu Gott ist im Laufe der Zeit immer natürlicher geworden. … Gebet etwa ist für mich kein Gebet im traditionellen Sinn, sondern ein ganz natürliches, selbstverständliches Gespräch innerhalb meiner Beziehung zu Gott. Es ist mehr im Zentrum von allem, was ich tue, statt ein Teil meines Lebens zu sein. Wir können unser Leben doch nicht in zwei Teile trennen, in den religiösen und den weltlichen…. Bei allen meinen Tätigkeiten ist Gott dabei. Darum geht es mir. Ich will Gott nicht mehr von irgendwelchen Handlungen ausschließen – warum sollte ich das auch tun?“ [2]

Hiermit ist praktisch schon alles gesagt, was ich über geistliches Leben sagen kann. Gott mit mir. Ich mit ihm. Darum geht es mir. Ganz praktisch sieht das in meinem Leben so aus:

 

Intimität

Meine bewusste Begegnungszeit mit Gott ist zu erst einmal eine Zeitspanne, die geprägt ist vom „weg von“. Weg vom Computer, weg von den Geschirrbergen. Weg von allem und jedem, was Anforderungen an mich stellt. Eine Tasse Tee und meist eine Kerze signalisieren: Jetzt und hier ist Raum für mich. Für mich allein. Und meinen Gott. Morgens gönne ich mir die Zeit, erst mal langsam aufzuwachen, be vor ich mit Gott rede. Wenn ich mittags oder abends bewusst die Begegnung mit Gott suche, ist erst mal Zeit, um langsam zur Ruhe zu kommen.

Mir ist es in diesen Zeiten wichtig, erst mal zu spüren, was mich bewegt. In Zeiten, in denen  Kopf und Terminkalender voll sind, fällt mir das oft nicht so leicht. Mir hilft es, klar zwischen Gedanken u nd Gefühlen zu unterscheiden. Wir sind da in der Alltagssprache oft etwas schlampig und bezeichnen Dinge als Gefühle, die gar keine sind. Zum Beispiel: „Ich fühle mich von dir im Stich gelassen.“ Das ist eine Bewertung der Situation: Ich denke, du hast mich im Stich gelassen. Und wie fühlt man sich, wenn man denkt, man wurde im Stich gelassen: Wahrscheinlich traurig, ärgerlich, mutlos, enttäuscht, hilflos.

Ähnliches gilt, wenn ich mich selbst oder andere verurteile oder mich ärgere: Dahinter stecken tiefe Gefühle und Bedürfnisse, denen ich auf die Spur kommen kann. Wenn ich bei meinen echten Gefühlen angekommen bin, fällt es mir viel leichter, Gott zu begegnen. Ich spüre mein Herz und kann es ihm zeigen. Echte Begegnung geschieht.

 

Verändern

Es gibt wohl kaum etwas, was mich so kennzeichnet wie der Wunsch nach Veränderung. Ich sehne mich danach, mich zu verändern und weiterentwickeln…und Veränderung in diese Welt zu bringen. Im Kleinen – durch Coaching – und im Großen durch gesellschaftliches Engagement.

In Veränderungsprozessen erlebe ich Gott häufig am intensivsten. Ich erlebe in Gebetszeiten und auch außerhalb davon häufig Gottes Führung und Inspiration für Ver änderung. Ich entdecke Dinge, die mich weiterbringen: Gedanken, Kurse, Seminare, Bücher, Gespräche. Ich erlebe intensive Begegnungen, die für den jeweiligen Entwicklungsschritt, der gerade dran ist, richtig sind.

Ich habe Ideen, welche Gedanken und Impulse ich an andere weitergeben kann – vieles davon landet in meinen Büchern oder Impulsheften. Anderes gebe ich in Gesprächen oder auf meinem Blog weiter.

Das Verändern geht über mein persönliches Leben hinaus. Ich will mit meinem Gott etwas positiv in dieser Welt verändern. Neben der Begleitung von einzelnen Menschen engagiere ich mich deshalb auch für meine Stadt, soziale Projekte in Afghanistan und anderes. Ich bin am glücklichsten, wenn ich sehe und erlebe, dass Gott mich in irgendeiner Form gebraucht, um ein bisschen „Himmel auf die Erde zu holen“. So wie kürzlich, als ich vor den Wahlen bei einer Reise in den in Libanon intensiv dafür gebetet habe, dass nicht die radikal-islamischen Kräfte die Wahl gewinnen, sondern Parteien, von denen eine friedlichere Politik zu erwarten ist. Als ich das – positive – Wahlergebnis hörte, weinte ich vor Erleichterung. Dankbar für das Ergebnis – und dankbar dafür, dass ich mit me inen Gebeten vielleicht einen kleinen Teil dazu beigetragen habe. Mit Gott diese Welt zu verändern macht mir Spaß. Meistens zumindest.

 

Hören

Ich finde es faszinierend, dass Gott ein Gott ist, der mit uns kommuniziert, uns Rat und Wegweisung geben möchte. Das erlebe ich ganz unterschiedlich. Manchmal wird mir ganz „klassisch“ beim Bibellesen eine Passage besonders wichtig. Viele Texte sind mir jedoch so vertraut, dass sie mich kaum mehr bewegen – ich helfe dem ab, indem ich sie höre oder in nicht vertrauen oder fremdsprachigen Übersetzungen lese.

Oder ich erlebe – auch re cht „klassisch“, dass mir in persönlichen oder gemeinschaftlichen Gebetszeiten ein Gedanke besonders wichtig wird oder ein inneres Bild mich berührt – auch so erlebe ich, dass Gott spricht.

Darüber hinaus sprechen mich oft auch ungewöhnliche, nicht so „klassische“ Wege Gottes zu kommunizieren sehr an. In Begegnungen mit Menschen – egal ob gläubig oder nicht – scheint für mich oft etwas von Gottes Wesen durch. Ich fühle mich durch die Worte anderer angesprochen, ahne, dass Gott mir durch sie etwas zu sagen hat. Oder umgekehrt: Von meinen Worten werden andere offensichtlich berührt und erleben sie als Zuspruch Gottes.

Darüber hinaus erfahre ich Gottes Reden zu mir durch Bilder in einer Ausstellung, Texte eines Werbeslogans, Natur oder interessante Architektur oder Graffiti an der Wand. Die Impulse, die ich aufnehme, verbinden sich in mir mit dem, was ich bereits über Gott weiß und erfahren haben. Weil Gott mich häufig durch solche Dinge anspricht, halte ich Augen und Ohren offen – es gibt 1001 Weg, wie Gott zu mir spricht und manchmal kommt es bei mir an.

 

Feiern

Wenn ich Menschen coache, gebe ich gelegentlich den Rat: „Feiere das, wovon du mehr sehen willst.“ In anderen Worten: Versuche nicht, krampfhaft irgendetwas Neues zu machen, von dem du dir besseres Leben erhoffst. Entdecke stattdessen, wo du schon in deiner Beziehung mit Gott (oder in anderen Lebensbereichen) Gutes, Lebendiges, Hoffnungsvolles erlebst – und stärke es. Feiere es!

Feiern kann heißen: Einen Moment genießen, in dem ich mir selbst und Gott oder einem anderen Menschen nahe bin. Mir etwas Schönes zu gönnen. Innezuhalten und bewusst wahrzunehmen. Ein Freund sagte mir neulich: „Du kannst selbst einen Gang zum Bäcker zum Erlebnis machen.“ Das stimmt – es gibt so viel zu sehen, zu entdecken, zu feiern – in allem, was lebendig ist, entdecke ich Gott.

Feiern kann auch bedeuten, Meilensteine zu feiern. Situationen, in denen es mir gelungen ist, gegen die Kräfte in mir und um mich herum anzugehen, die Leben beeinträchtigen oder zerstören wollen. Ich feiere Mauern, die ich übersprungen und Grenzen, die ich überwunden habe. Oder auch Begrenzungen, mit denen ich endlich Frieden schließen konnte.

Ich lasse mich auch gern von Gott überraschen. Graham Cook formuliert es so: „Die Kirche und Gott sind manchmal fast das Gegenteil. Was in der Gemeine geschieht ist meistens vorhersehbar – aber die Menschen sind nicht immer zuverlässig. Gott hingegen ist absolut vertrauenswürdig – aber kaum vorhersehbar.“ Ich bitte Gott immer mal wieder, mich zu überraschen, ins Stau nen zu bringen, mir neue Seiten von sich zu zeigen.

Zu Beginn jeden Monats nehme ich mir eine Stunde oder einen ganzen Tag Zeit, um mit Gott mein Leben zu feiern. Wir, mein Gott und ich, fahren an einen schönen Ort, genießen den Tag zusammen. Ich lese, reflektiere, bete oder bin einfach nur still – oder bummle durch schöne Läden. Ich genieße es, nicht am Computer zu arbeiten. Ich feiere mein Leben mit Gott – und setze damit den Ton für die Tage und Wochen, die folgen werden.

Ich liebe das Leben – in seiner ganzen bunten Vielfalt. Und ich bin so dankbar dafür, dass mein Gott  ein Gott ist, dem ich begegnen und mit dem ich kämpfen, leben und feiern kann.

 

Bearbeitete und leicht gekürzte Fassung eines Artikels, der zuerst 2009 in der Zeitschrift Joyce erschien. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Buchtipps zum Thema


Kerstin Hack: Spring. Hinein is volle Leben. Down to Earth, 2007.

12,80 €.  Direkt erhältlich beim Down to Earth-Shop.

 

 

 

 

William Paul Young: Die Hütte. Ein Wochenende mit Gott. Allgria, 2009.

16,90€. Erhältlich z.B. bei Amazon.

Auf der Lesbar gibt es auch Rezensionen zu diesem Buch – von Kerstin Hack und  von Günther J. Matthia.

 

 

 


[1] Kerstin Hack. Spring. Hinein ins volle Leben.

[2] PRO, Christliches Medienmagazin 2/2009

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de