Kerstin Hack: Unverschämt glücklich

Zwei Menschen, die sich lange nicht gesehen haben, treffen sich.
»Wie geht es dir?«
»Naja, ganz gut, aber auf Arbeit gibt es Probleme, die Kinder sind gerade in einer stressigen Phase, na ja, ich kann nicht klagen, aber … und wie geht es dir?«
»Danke, mir geht es blendend.«
Schweigen. Sprachlosigkeit. Keine Rückfragen.

Unsere Gesellschaft befindet sich in einem merkwürdigen Zustand. Alle streben nach Glück. Sie kämpfen in ihren Jobs, arbeiten hart an ihren Beziehungen, besuchen Erziehungsseminare, Weiterbildungen, Workshops für ausgeglichenes Leben und mehr Gelassenheit, aber keiner scheint tatsächlich zu glauben, dass ein fröhliches und zufriedenes Leben tatsächlich phasenweise möglich ist.Ist einer tatsächlich sehr froh, meldet sich bei anderen sofort Skepsis und Stirnrunzeln. Einer der glücklich ist? Das ist bestimmt ein oberflächlicher Vergnügungsmensch, jemand ohne Tiefgang oder noch schlimmer – ein Verdränger. Das Leben muss doch hart sein.
Mit deutscher Schwermut beäugen wir alles mit Skepsis, was nach Leichtigkeit aussieht. Selbst als Christen betonen wir häufig die Ernsthaftigkeit der Nachfolge, den Kampf, die Schwierigkeiten, das Überwinden. Glücklichsein bleibt ein Tabu.
Eines, das ich gerne brechen würde. Ja, wir leben in einer gefallenen Welt und müssen im Schweiße unseres Angesichts unser Brot erwerben, auf einem Acker, der Dornen und Disteln trägt, und unter Schmerzen Kinder gebären.
Aber der Gott, dem ich folge, hat uns nicht nur dazu geschaffen, dass wir uns mühsam durchs Leben schleppen und irgendwann nach einer Serie erfolgreich geschlagener Schlachten endlich im Himmel ankommen und uns dann erholen können.
Jesus selbst war kein Mann, der ständig über die Schwere des Lebens jammerte – zu so einem wären Kinder nicht freiwillig auf den Schoß gekrabbelt. Und wer will schon jemandem folgen, der einem auf Erden nur Mühsal verspricht, selbst wenn im Himmel Belohnung auf einen wartet.
Jesus konnte feiern und das Leben genießen und hat es so ausgiebig getan, dass seine Feinde ihn dafür kritisierten und ihm seine Gottesbeziehung und Ernsthaftigkeit absprachen. Ein frommer Asket, wie Johannes der Täufer, einer, der ein entbehrungsreiches Leben lebt und sich aufopfert um seine Botschaft der Buße möglichst wirkungsvoll zu vermitteln – mit so einem konnten sie gerade noch leben, wenngleich der Silberstreifen der Hoffnung, seine Ankündigung des kommenden Reiches Gottes, auch sie irritierte. Mit der Ankündigung zukünftigen Glücks kann man leben, aber was tut man mit einem, der jetzt schon glücklich ist – und Menschen glücklich macht. So einem wie Jesus.
Jesus irritierte. Statt nur zu beten und die Thora zu lehren, feierte er. Statt mit Gelehrten über die rechte Auslegung des Wortes zu diskutieren und den Zustand der gottlosen Welt zu bejammern, verbrachte er Zeit mit ungebildeten und reichlich unfrommen Menschen und brachte Glück in ihr Leben: Er heilte und befreite sie, holte ein paar Leichen aus den Gräbern und gab sie ihren Angehörigen zurück und redete von einem Gott, der es tatsächlich mit den Menschen gut meinte. Nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern greifbar, real und jetzt.
Das musste die provozieren, die es sich in ihrem Unglück gemütlich gemacht hatten und nichts mehr erwarteten, als dass Gott ihnen Anerkennung dafür aussprach, dass sie ja so fromm, leidensbereit und unglücklich waren.
Glücklich sein und andere glücklich machen – das stößt auf Skepsis. Damals wie heute. Ich kümmere mich nicht mehr drum. Sollen sie doch denken, was sie wollen.
Nein, ich bin kein oberflächlicher Mensch, nehme das Leben nicht auf die leichte Schulter.
Ja, ich kenne auch schwere Zeiten, in denen ich vor Verzweiflung geweint habe und nicht mehr wusste, wie es weitergeht.
Aber jetzt gerade bin ich ziemlich glücklich und zufrieden, ich lache oft und gern, arbeite nicht zu viel, genieße vielfältige Begegnungen und freue mich am Leben. Kurz: Ich bin so rundum zufrieden und in etwa fast genau 97,5% glücklich. Und werde tun, was ich kann, damit das so bleibt und diesen Zustand genießen. Egal, was andere denken.

Zuerst erschienen in THE RACE | Die christliche Zeitschrit zum WEITERdenken: www.therace-online.de

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de

4 Gedanken zu „Kerstin Hack: Unverschämt glücklich“

  1. Die Gesellschaft, bzw. jeder Einzelne als Teil dieser, sollte wirklich einmal überdenken, ob er oder sie im tiefsten Inneren sich selbst gegenüber soviel Wahrheit eingesteht. Wenn man schon nicht anderen gegenüber ehrlich sein kann, dann wenigstens zu sich selbst, bitte.

  2. Hallo liebe Kerstin,

    dein Text berührte mich. Ja, Gott ist doch so viel anders, als es uns Pfarrer oftmals von der Kanzel predigen, die Gemeindestruckturen wortlos rüber bringen, oder uns die Mutter warnt, was wir als Christen alles nicht tun dürfen, denn es könnte ja den Zorn Gottes wecken … Erfahrungen aus meiner Kindheit. Ich habe das mit der Erlaubnis zum Zufriedensein in unserer Gesellschaft zwar noch nie so krass empfunden, wie du es beschreibst. Möglicherweise besteht da ein Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz. Aber die Liebe und die Freiheit und eben das „tief empfundene Glück“ das wir als Kinder des himmlischen Vater in ihm haben können, sehe ich recht selten. Das macht mich traurig. Doch gebe ich nicht auf, nach einem glücklichen Leben, ab von der Norm, zu streben. Es lohnt sich einfach nur. Und wenn man selber glücklich ist, kann man auch anderen eine Freude bereiten, was das Leben nochmals schöner macht. Dafür will ich leben. 😉

    Ich wünsche dir viel Erfolg mit Down to Earth, sowie im Nichtstun und Geniessen und viele tolle Begegnungen.
    Herzlich grüsst
    Sandra S.

  3. Das kann ich mit nur zwei Wörtern kommentieren:
    „Stimmt genau“

    Super Artikel !

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