Kerstin Hack: Machtlos? Ganz Down to Earth

Viele Menschen stehen mit einem Gefühl völliger Machtlosigkeit vor den Bergen in ihrem Leben – egal, ob es sich dabei um Papierstapel auf dem Schreibtisch oder die Nöte ihrer Umgebung handelt. Was kann man tun, wenn man sich machtlos fühlt? Man macht los! Kerstin Hack verrät, wie es geht.

stuehleGestern habe ich einen Berg von Hoffnungslosigkeit besiegt. Einen Berg aus Papier. 15 cm hoch. Einzelne Blätter mit Texten. Vorträgen. Seminarunterlagen. Notizen. Papierberg. Ablage. Normalerweise bin ich da ziemlich diszipliniert, habe mir angewöhnt, Papiere sofort abzulegen oder spätestens am Ende des Arbeitstages.
Doch in den letzten Monaten gelang mir das nicht mehr. Im September hatte ich mich relativ kurzfristig dazu entschlossen, ein neues Buch zu schreiben und das Projekt dann ziemlich schnell durchgezogen. Das kostete Zeit und Energie. Dann kamen Buchmesse und zwei neue Seminare, die ich erstmals hielt. In diesen drei Monaten war das Leben um einiges intensiver als üblich – und manches blieb liegen. Erst ein Blatt oder zwei, dann drei, dann vier – schon steht das Chaos vor der Tür.
Angesichts der Höhe des Stapels überkam mich das Gefühl völliger Machtlosigkeit. Immer wenn ich den Stapel ansah, rührte sich das schlechte Gewissen: Du solltest. Du müsstest … Lange gelang es mir, ihn zu ignorieren, auf die Seite zu schieben, mich mit »irgendwann mal« zu vertrösten. Doch irgendwann mal war klar: Wenn ich nichts tue, wird das immer schlimmer.
Und so begann ich vor vierzehn Tagen gegen ihn anzugehen. Wo gehört das hin? Wo jenes? Ordner raus. Blatt rein. Einmal, zweimal, zwei Dutzend Mal. Hundert Mal. Obwohl ich jeden Tag daran arbeitete, schien der Stapel ebenso wenig zu schmelzen wie der Schnee auf meinem Balkon. Jedes nochmal Hinsehen: »Was ist da eigentlich los?« erforderte Zeit und Energie. Jede Entscheidung »Was mach ich damit?« kostete Kraft.
Gestern der Jubelschrei: Fertig. Mein Schreibtisch sieht an der Stelle wunderbar aus – und originell, weil ich eine Büste, die ich mir vor kurzem gekauft habe, dort platziert habe. Sie wird darüber wachen, dass mir das nicht wieder passiert.
Berge von Hilflosigkeit sind noch verhältnismäßig überschaubar, wenn es sich dabei »nur« um Papier handelt, das angesehen, mit Überlegung bedacht und dann abgelegt oder entsorgt werden muss. Schlimmer ist es mit den Bergen der Hilflosigkeit, die wir täglich vor Augen haben, wenn wir in die Medien sehen: Misshandelte Kinder in Berlin, Erdbeben in Haiti, Hungernde Flüchtlinge in Afghanistan.
Die Lösung ist aber gar nicht so verschieden von den Papierstapeln. Hinsehen. Was will ich damit tun. Klar geht das nicht überall. Ich hab auch im Büro nicht versucht, alles auf einmal zu bewältigen … Da sind doch irgendwo noch die 800 Dias … Hilfe!!! Nur weil wir nicht alles tun können, heißt das noch lange nicht, dass wir gar nichts tun können. Wer gar nichts tut, ist garantiert machtlos.
Wer etwas macht, macht los. Vielleicht an der einen Stelle, die ihm am Herzen liegt. Eine Lehrerin erzählte mir, dass sie angesichts der Nöte, die die Kinder mitbringen, innerlich aufgegeben hat – und dass ihr durch einen Impuls von mir, neu klar wurde: »Ich kann nicht alles tun. Aber ich kann etwas tun.« Ich kann ein Blatt nach dem anderen wenden. Da, wo ich kann.
Dem einen liegt vielleicht Afrika am Herzen, dem nächsten allein erziehende Mütter und wieder einem die Not der abgetriebenen Kinder und ihrer verwaisten Eltern. Egal, welcher Stapel dir vor Augen liegt – du hast die Macht, etwas zu verändern. Ein Blatt zu wenden. Einem Menschen zu helfen. Ein Leben zu verändern. Nicht zuletzt dein eigenes … weil Leben spenden immer besser ist, als frustriert denken, dass man ja ohnehin nichts machen kann. Und weil man manchmal tatsächlich sieht, dass Stapel der Hilflosigkeit schmelzen und sich etwas verändert.

Fühlt ihr euch machtlos? Dann macht los.

Zuerst veröffentlicht in THE RACE – Die christliche Zeitschrift zum Weiterdenken, Ausgabe 36. Mit freundlicher Genehmigung. www-therace-online.de

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Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de