Kerstin Hack: Ehe, Ehe über alles? Oder: Gebraucht Gott nur Ehepaare? Eine historische Perspektive.

Eine geistlich-historische Perspektive zum Ehestand und Singlesein.

Immer wieder hört oder liest man als Single von anderen wohl meinenden Christen: „Alle Menschen, die im Reich Gottes Entscheidendes bewirkt haben, hatten einen Partner, der sie unterstützt und gefördert hat.“ [Das Zitat stammt aus einem Artikel, den ich vor einer Weile in einer christlichen Zeitschrift las.] Denn konsequent zu Ende gedacht würde das bedeuten, dass man erst dann, wenn man den richtigen Partner gefunden hat, etwas Entscheidendes für Gott bewirken kann? Und es würde bedeuten, dass Gott Menschen primär auf Grund ihres Familienstandes gebrauchen kann, nicht auf Grund ihres Glaubens und Gehorsams (siehe Hebräer 11).
Oberflächlich betrachtet, scheint das zu stimmen. Man muss nur auf die (Vorzeige)-Ehepaare blicken, die stark zusammen stehen und gemeinsam etwas für Gott bewirken. Da fällt es leicht, zu sagen „Die gebraucht Gott besonders!“ Aber da solche Aussagen Singles, die wirklich von ganzem Herzen Jesus folgen und ihm dienen wollen, sehr massiv unter Druck setzen können, lohnt es sich, die Sache genauer unter die Lupe zu nehmen. Da an anderer Stelle bereits über die biblische Perspektive dazu geschrieben wurde, will ich mich hier auf die historische Perspektive beschränken.
Wenn man die Geschichten der Bibel und die Kirchengeschichte betrachtet, sieht man auch, dass nicht alle Menschen, die Gottes Sache intensiv voran gebracht haben, in einer glücklichen Ehe gelebt haben. Es gibt Dutzende von Männern und Frauen, die keine Ehepartner hatten oder in schwierigen oder katastrophalen Ehen lebten. Gott hat sie dennoch gebraucht.
Man kann auch nicht von allen Glaubenshelden und -heldinnen der Bibel sagen, dass sie in Vorzeige-Ehen lebten: Jakob, Lot, Esther, David (und seine Ehe mit Michal) hatten erhebliche Eheprobleme, ganz zu schweigen von Männern wie Salomon oder Simson, die bei der Wahl ihrer Lebenspartner nicht unbedingt ein glückliches Händchen hatten. Dennoch gebrauchte Gott sie. Auch die Geschichte der Gemeinde ist voll von Menschen, die in unbefriedigenden, manchmal sogar schrecklichen Ehen lebten, und dennoch Gottes Reich voranbrachten.
Ein Beispiel ist Graf Zinzendorf (1700 – 1760), dessen anfänglich gute und von Zuneigung geprägte Ehe mit Erdmuthe Dorothea Gräfin Reuß-Eberdorf war in späteren Jahren von zunehmender Entfremdung gekennzeichnet. Zinzendorf fühlte sich Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen enger verbunden als seiner eigenen Frau (in der Regel ein Warnsignal, bei dem jeder die Notbremse ziehen sollte), unternahm aber offenbar keine aktiven Schritte, um seine Ehe wieder neu zu beleben.
Ein anderes Beispiel ist der große Indien-Missionar William Carrey (1761-1834), der als Pionier der modernen Mission gilt. Er übersetzte die Bibel in verschiedene indische Sprachen und war Vorbild für Hunderte, wahrscheinlich Tausende von weiteren Missionaren. Sein Leben und seine Gedanken, sein leidenschaftliches Plädoyer dafür, das Evangelium zu den Menschen zu bringen, die noch nichts von Jesus gehört haben, hat dazu beigetragen, dass Millionen von Menschen zu Jesus gefunden haben. Seine Frau jedoch konnte seine Berufung nicht nachvollziehen oder teilen. Sie folgte ihm zwar nach Indien, war jedoch mit ihrem Unverständnis und den psychischen Problemen (wahrscheinlich schweren Depressionen), die sie plagten, eher eine Last als eine Hilfe für ihn. Wie er es trotz dieser Belastung geschafft hat, mehr als 40 indische Sprachen zu lernen und die Bibel oder Teile der Bibel in diese Sprachen zu übersetzen und „nebenbei“ durch sein leidenschaftliches Engagement gegen die Witwenverbrennung dazu beizutragen, dass diese grausame Tradition für illegal erklärt wurde, bleibt Menschen mit etwas weniger Lebensenergie ein einziges Rätsel.
In einer ähnlich schwierigen Ehe lebte der berühmte englische Erweckungsprediger John Wesley (1703-1791). Er hatte in seinen jüngeren Jahren starke Zuneigung zu einer Frau Namens Sophie Hopkey empfunden, dann aber auf Anraten eines befreundeten geistlichen Leiters den Kontakt zu ihr vollständig abgebrochen – ohne ihr zu erklären, warum er das tat. Jahre später heiratete er die Witwe Mary Vazeille. Ein Biograph schreibt trocken über diese Ehe „Sie war ein schrecklicher Fehler für beide Seiten. Mary war emotional labil und John war nicht bereit, Abstriche in seinem intensiven Reisedienst zu machen.“ Die Ehe gelang nie und das Paar lebte schließlich getrennt und John Wesley erfuhr erst nach der Beerdigung seiner Frau von ihrem Tod. Trotz dieses schwierigen persönlichen Hintergrundes trug John Wesley entscheidend dazu bei, das England seiner Zeit geistlich und sozial zu erneuern. Gott hat ihn trotz seiner offensichtlichen Fehler in der Wahl der richtigen Partnerin mächtig gebraucht.
Die Liste der Menschen, die trotz schwieriger Ehen von Gott gebraucht wurden, ließe sich unendlich lang fortsetzen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass es sehr energie-geladenen Menschen häufig nicht leicht fällt, die Energie, die sie für das Erreichen von (geistlichen) Zielen aufbringen, auch in die Entwicklung einer Partnerschaft zu stecken. Das ist zu keiner Zeit ideal. „Geistliche Erfolge“ rechtfertigen die Vernachlässigung der wichtigsten Beziehung im Leben nicht. Dennoch hat Gott es sich nicht nehmen lassen, diese Menschen zu gebrauchen.
Neben den Glaubenshelden der Bibel und der Geschichte, die trotz schwieriger Ehen Gottes Reich aktiv voranbrachten, gibt es das große Heer der Singles, die Entscheidendes für Gott bewegten: Martin Luther und Zwingli lösten noch als Single-Männer die Reformation aus. Gladys Aylward, Franz von Assisi, der junge Hudson Taylor seien nur als einige von Tausenden allein stehender Menschen genannt, ohne die unsere Welt sehr viel dunkler wäre.
Auch in unserer Zeit gibt es Singles wie Mutter Theresa oder Frére Roger und Tausende, deren Namen man nicht kennt, die von Gott gebraucht werden. Menschen, die auch ohne Partner an ihrer Seite gegen die Finsternis in dieser Welt ankämpfen. Ganz zu schweigen von den Singles der Bibel: Der Apostel Paulus als Paradebeispiel eines – auch ohne Partner – prägenden Menschen. Und nicht zuletzt unser Herr Jesus selbst.
Dieses Heer von einflussreichen, die Welt verändernden Singles oder Menschen, die in einer Ehe den einsamen Kampf des Glaubens kämpften, gibt Hoffnung. Es relativiert Aussagen wie die oben zitierte, dass nur Ehepaare in Gottes Reich Entscheidendes bewirkten. Der Blick in die Geschichte zeigt: Man kann auch ohne die Unterstützung eines Ehepartners etwas in dieser Welt bewegen, wenn man glaubt und Gott vertraut und gehorcht. Aber natürlich: Mit Partner geht das auch! Weil nach wie vor auch stimmt, dass es nicht gut ist, wenn man alleine ist.

Kerstin Hack, Nov. 2005
Zuerst veröffentlicht in dem Magazin THE RACE.

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter
http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de