Kerstin Hack: Chronisch nett – typisch weiblich?

Kleine Mädchen sollen „lieb und nett sein“. Viele Frauen (aber auch manche Männer) behalten diesen Grundsatz ein Leben lang bei. Doch chronisch nett zu sein, hat auch seine Tücken. Kerstin Hack erzählt, dass sie sich eine nette Angewohnheit abgewöhnt.

Schöner geht es kaum. Ich sitze mit einem vertrauten Freund, der gerade zu Besuch ist, bei herrlichem Frühlingswetter im Café der königlichen Gartenakademie. Um uns herum gut gelaunte Menschen und die Blütenpracht des Frühlings. Wir trinken Beerenprosecco und Latte Macchiato und freuen uns an der Verbundenheit und Wertschätzung, die wir füreinander empfinden. Als ich erwähne, dass ich mir hier noch einen Rosenstock für meinen Balkon kaufen will, weil meiner im langen Winter gestorben ist, reagiert mein Freund spontan: »Darf ich dir einen schenken? Ich wollte dir etwas mitbringen, aber ich habe nichts Passendes gefunden. Darf ich?«. »Ja, klar«. Hier bin ich typisch Frau – Blumen kann man(n) mir immer schenken. Wenn es obendrein noch solche sind, die lange blühen und gedeihen und mich an den Geber erinnern – dann erst recht.

Wir schlendern hinüber zu den Rosen – eigentlich gehen wir ziemlich zügig, weil wir nur noch wenig Zeit haben. Ich will unbedingt eine weiße Rose haben. Rot und Rosa finde ich kitschig. Gelb ist undenkbar. Weiß hat was. Die meisten Pflanzen sind viel zu hoch für meinen Balkon. Erst nach einer Weile werden wir fündig. Ich entdecke eine Rose, die genau passt. »Schau mal, was ich habe!« ruft im gleichen Moment der Freund und hält einen Stock in die Höhe. Auf dessen Etikett steht, dass die Rosen 50 cm hoch werden. Das ist okay. Aber wohl ebenso tief. Ich sehe: Der Blumentopf ist etwa 30 cm hoch – das ist viel zu tief für meinen Balkonkasten.

Ich stelle meine Rose wieder zurück. Wir nehmen seine. Mir ist klar, dass sie nicht passen wird. Ich schweige. Ich bin ja lieb und nett. Will ihn nicht enttäuschen. Oder: Ich habe Angst davor, dass ich mich schlecht fühle, wenn ich Enttäuschung in seinem Gesicht sehe. Ich denke immer noch, dafür verantwortlich zu sein, dass es Menschen in meiner Umgebung nie schlecht geht. Wie doof! Zu Hause bestätigt sich der Verdacht. Immerhin – ich besitze noch einen großen, hohen Terrakottatopf, in den ich die Rose stelle. Dort sieht sie sehr schön aus. Das war aber nicht das, was ich wollte. An dem Platz, für den ich eigentlich eine Rose haben wollte, gähnt nach wie vor ein großes Loch.

Schon unterwegs hatte ich mich über mich selbst geärgert und mich gefragt: Warum hatte ich nicht den Mut, einfach zu sagen, dass ich lieber »meine« Rose haben wollte? Wieso knicke ich so schnell innerlich ein, wenn jemand anderes einen Vorschlag macht? Wieso sage ich nicht: »Ich möchte lieber etwas anderes?«. Warum fällt es mir so schwer, klar zu äußern, was ich will? Warum bin ich so lieb und nett?

Aus meinem Regal mit ungelesenen Büchern hole ich das heraus, das gerade passt: »Sei nicht nett, sei echt!« Der Autor, Kelly Bryson, unterscheidet zwischen Menschen, die aus freien Stücken andere beschenken, also warmherzig, transparent und echt sind, und solchen, die »chronisch nett« sind. Damit meint er Menschen, die angepasst, lieb und nett sind, weil sie Zurückweisung fürchten. Sie wollen letztlich durch ihr nett-Sein Liebe erkaufen oder haben Angst, abgelehnt und abgeschrieben zu werden, wenn sie mal nicht nett sind.

Chronisch nette Menschen erkennt man unter anderem daran, dass sie

  • sich entschuldigen, wenn ein anderer ihnen auf die Füße tritt (Hilfe, das tue ich tatsächlich!)
  • Menschen viel zu lange zuhören, obwohl sie schon gar nichts mehr aufnehmen können oder ihre Zeit lieber anders verbringen möchten (Auch das passiert mir manchmal)
  • sich in unendlich lange Gespräche mit Telefonmarketingleuten verwickeln lassen (Puh, die Zeiten sind bei mir definitiv vorbei)
  • ständig darauf ausgerichtet sind, was die anderen wohl wollen (Hmm, hin und wieder!)
  • sich sofort schuldig fühlen, wenn es irgendjemandem in ihrer Umgebung nicht gut geht (Autsch, das kenne ich!)
  • 1000 Sachen nicht aus Freude tun, sondern aus Pflichtgefühl und es schaffen, selbst richtig angenehme Tätigkeiten als Pflicht darzustellen: »Ich muss jetzt …« (Nee, das hab ich mir abgewöhnt.)
  • denken, sie müssten alle eigenen Wünsche zu Gunsten anderer hintenan stellen (Hmm. Nur noch selten)

chronisch-nett-1Die Erziehung zum nett-Sein, brav und pflichtbewusst, trifft Jungs wie Mädchen. 90 % aller zehnjährigen Schulkinder antworten auf die Frage, was es bedeutet, gut zu sein mit: »Ruhig sein!« Wir bringen Kindern oft schon früh bei, dass »gut sein« heißt, sich so zu benehmen, dass es keinen Erwachsenen stört. Wir bringen ihnen nicht bei, dass gut sein bedeutet, echt, authentisch und in Beziehung zu sich selbst und anderen zu sein. Echte Empathie zu entwickeln, Dinge aus Überzeugung zu tun, nicht als Pflichtprogramm. Kein Wunder, dass Pippi Langstrumpf seit Jahrzehnten die Heldin vieler Kinder ist – ein Mädchen, das es wagt, nicht nett und angepasst zu sein, sondern echt. Ein Mädchen, das stark und mutig ist und fähig, tiefe Gefühle zu empfinden und zu zeigen. Ein mutiges Menschenkind, das auch mal Ablehnung riskiert. Zu entfalten, wer und wie sie ist und was an göttlicher Kreativität in ihr steckt, hat für sie einen höheren Wert, als von allen Menschen gemocht zu werden.

Okay. Es gibt auch chronisch nette Männer. Ihr kennt sie. Die, die sich so weich anfüllen, wie ein Putzlappen, den man mit zu viel Weichspüler gewaschen hat. Ohne Profil. Nur »Ja, wenn du willst …« Igitt! Aber nach meiner Erfahrung ist die Anzahl der »netten« Frauen weit höher.

Kelly Bryson erklärt das so: »Unsere Kultur hält besonders Frauen dazu an, genau darauf zu achten, was andere wollen, statt die eigenen Bedürfnisse im Blick zu behalten. Die Fähigkeit, sich unterzuordnen wird, bezogen auf Frauen, romantisiert und erotisiert.«(»Sei nicht nett, sei echt!«, S. 23)

Kleine Mädchen werden besonders belohnt, wenn sie »lieb und nett« sind.
Lächeln. Nichts sagen. Lieb, brav und schön sein. Das bringt Anerkennung. Kleinen Mädchen wird das Märchen von der kleinen Meerjungfrau erzählt, die – um die Liebe des Mannes zu gewinnen, in den sie sich verliebt hatte – ihre Form der seinen anpassen musste. Als Preis für die Liebe musste sie obendrein noch ihre Zunge hergeben und war zum ewigen Schweigen verdammt. Die Märchen-Botschaft unserer Kultur lautet: Während Männer stark sein müssen, für ihre Interessen kämpfen, sich durchsetzen, Mut und Heldenhaftigkeit beweisen, um die Liebe einer Frau zu gewinnen, muss eine Frau, um die Liebe eines Mannes zu gewinnen, ihre Form der seinen anpassen, sich zurechtstutzen, anpassen und verbiegen. Und vor allem verstummen.

Was für eine Lüge!!! Wer behauptet denn, dass es wahr ist, dass Männer nur solche Frauen schätzen, die kein eigenes Profil haben, sich nicht äußern und zeigen können? Vielleicht ist das in der Realität tatsächlich so, aber wenn, dann nicht, weil das Gottes ursprüngliche Idee für menschliche Begegnung war. Sondern vielmehr, weil auch Männer von den Märchen unserer Kultur so verbogen und verformt wurden, dass sie denken, Stärke bedeutet, der einzige zu sein, der etwas zu sagen hat und sich durchsetzen kann. Weil sie nicht gelernt haben, dass Andersartigkeit stehen zu lassen und lieben zu können, der größte Ausdruck von Stärke und Reife ist. <

Derartige kulturelle Märchen sind alles Mögliche – nur nicht göttlich. Jesus war kein netter Mann. Er war klar, warmherzig und zugewandt. Er erkaufte sich die Liebe der Menschen nicht mit Nettigkeit. Er liebte, war zugewandt und echt – und auch manchmal konfrontativ.
Auch die Frauen der Bibel sind weit entfernt von der schmachtenden Hollywood-Diva, dem aufopfernden Hausweibchen oder dem anpassungsfähigen Fußabtreter. Die Bibel spricht von der Frau als von einem gleichberechtigten und gleichwertigen Gegenüber. Die geniale Power-Frau, die in Sprüche 31 beschrieben wird, ist eine, die so sehr auslebt, was ihren Interessen und Bedürfnissen nachkommt, dass ihr Mann und ihre Söhne vor Staunen den Mund nicht mehr zubekommen. Ja, sie sorgt sich um andere und tut Dinge für sie. Aber sie tut es nicht aus Abhängigkeit, um deren Liebe zu erkaufen. Sie tut es als reicher Mensch, der viel zu geben hat und gerne gibt.

Und ich? Ich bin ein chronisch netter Mensch (CNM) auf dem Weg der Heilung. Vor einigen Monaten habe ich in der Auseinandersetzung mit einem guten Freund (schön, dass es Menschen gibt, an denen ich mich reiben kann), zum ersten Mal tief im Inneren gespürt: »Meine Wünsche und Bedürfnisse sind ebenso wichtig wie seine.« Ich habe darum gekämpft, dass wir einen Weg finden, der auch für mich in Ordnung ist. Früher hätte ich vermutlich auch gesagt, dass meine Wünsche ihre Berechtigung haben, aber im Grunde doch gedacht, dass das, was der andere will oder braucht, wichtiger sei als meine Wünsche und Bedürfnisse. Oder ich hätte mich, falls ich meine Interessen doch geäußert oder gar durchgesetzt hätte, schlecht und schuldig gefühlt. Das ist vorbei!

Aber in Momenten, wo ich denke, schnell reagieren zu müssen, wie beim Rosenkauf im königlichen Gartenparadies, rutsche ich in recht unkönigliches Verhalten zurück – werde zum kleinen Mädchen, das es allen recht machen will … Selbst wenn der andere überhaupt nichts davon hat. Es hilft mir, mehr Zeit zu haben, um zu fragen und spüren: Was brauche ich? Dann sind die Chancen weit besser, dass ich meine Wünsche klar und offen äußern kann. Mich zeigen. Mutig und kühn.

Ja, ich habe einiges gelernt. Nicht zuletzt, dass es einen wichtigen Menschen gibt, zu dem ich zur Abwechslung mal besonders nett sein will: Ich selbst. Kürzlich habe ich mir bei einem Einkaufsbummel lauter überflüssiges Zeug gekauft: Ein Schneidbrett, das sich zusammenfalten lässt, sodass man das zerschnippelte Gemüse leichter in den Topf befördern kann, ein Paar Ballerinas (keine Sorge, Prinzessin werde ich trotzdem nicht) und eine Flasche Parfüm der Marke »Berlin« – was sonst! Das war anders als früher, da hätte ich immer gesagt »Ist ja nicht nötig. Ich brauch das nicht unbedingt.« Stimmt vollkommen. Aber es bereichert und verschönert mein Leben. Und das ist okay.

Nett zu mir geworden bin ich nicht nur in Bezug auf materielle Dinge – solche Tage wie jenen kann ich mir gar nicht ständig leisten. Es ist vielmehr so, dass meine inneren Dialoge sich ändern. Ich sage mir seltener Dinge wie »Mensch, stell dich nicht so an!« oder »Ist doch egal, ist nicht so wichtig, was du willst. Du brauchst dies oder jenes nicht.« Ich habe vielmehr gelernt – und lerne es immer noch – mir achtsam zuzuhören: »Was fühle ich gerade? Was brauche ich jetzt? Was wünsche ich mir?«

chronisch-nett-2Ich will weiter lernen. Ich will mich nicht mehr verbiegen, um dem vermeintlichen Bild der anderen von einem »netten Menschen« zu entsprechen. Stattdessen will ich mich Menschen zuzumuten. Männern und Frauen. Mich zeigen mit dem, wer und wie ich bin. Mit dem, was gerade in mir lebendig, wach und fröhlich ist – oder traurig, entsetzt und verwirrt. Ich will weiter lernen, anderen die Freiheit zu lassen, mich so zu sehen und zu mögen wie ich tatsächlich bin – oder auch nicht.

Es war vorauszuahnen. Zwei Tage später bin ich noch mal ins königliche Gartenparadies gefahren, obwohl ich auf Grund vieler Projekte nur wenig Zeit hatte. Ich habe mir »meine« Rose gekauft und sie an den Platz gepflanzt, den ich für sie vorgesehen habe. Meine weiße Rose. Symbol für den Widerstand gegen die Anpassung; dagegen, es den anderen recht machen zu wollen, selbst wenn etwas überhaupt nicht in meine Lebens-Töpfe passt.

Zuerst veröffentlicht in THE RACE – Die christliche Zeitschrift zum Weiterdenken, Ausgabe 34. Mit freundlicher Genehmigung. www.therace-online.de

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mich-zeigenSich nach außen nicht zu zeigen, wie man wirklich ist, hat häufig auch mit falscher Scham zu tun. Wie man lernen kann, sich wirklich zu zeigen, erklärt Rosemarie Stresemann in ihrem Quadro „Mich zeigen – Leben ohne falsche Scham„.

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de

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