Wasser in der Wüste

 „Wasser in der Wüste“  – immer wieder wird dieser Begriff in Predigten oder christlichen Texten verwendet. Man illustriert damit meist die erfrischende und belebende Wirkung des Wassers und stellt sich einen verschwitzen Menschen vor, der in der heißen Wüste ein kühles erfrischendes Glas Wasser trinkt.

Die Bilder, die wir dabei in unseren Köpfen haben, sind jedoch eher von der Werbung geprägt – wie Bier, das erfrischend, zischend aus der geöffneten Flasche sprudelt – als von der tatsächlichen Bedeutung, die Wasser in der Wüste hat.

Vor einigen Jahren bin ich für 10 Tage mit einer kleinen Gruppe durch die Sahara im Westen Marokkos gereist. Ohne Auto, Handy, Zelt, nur mit zwei einheimischen Führern und vier Dromedaren. Die Tiere trugen unsere Schlafsäcke und Ersatzkleidung, die Lebensmittel, das Wasser und – wenn wir keine Kraft mehr zum Laufen hatten – natürlich auch uns. Eines der Dromedare trug ausschließlich die Wasserkanister. Unsere siebenköpfige Gruppe brauchte knapp 40 Wasser täglich zum Trinken und Kochen. Waschen mit Wasser war nicht drin. Wir „wuschen“ uns mit Feuchttüchern aus dem Drogeriemarkt, die die ironische Aufschrift „Schnelle Sauberkeit“ trugen. Korrekter wäre gewesen: „Effektives Mittel zur gleichmäßigen Verteilung von Wüstenstaub auf der Haut – mit Garantie, dass nach dem „Waschen“ neuer Staub noch besser klebt als vorher.“ Den allmorgendlichen und allabendlichen Ritus des „Feuchttuchabreibens“ ließen wir uns trotzdem nicht nehmen – Waschriten aus einer Welt, in der es immer genügend Wasser zum Waschen gibt, hatten uns zu sehr geprägt. In der Wüste ist Waschen ein echter Luxus, der den seltenen Zeiten vorbehalten ist, wenn man ohne weitere Besucher an einem abgelegenen Brunnen ist, der genug Wasser führt – also praktisch nie.

Wasser trinken, auch wenn man nicht durstig ist

Die Wüste Marokkos ist im Frühjahr nicht heiß. Zumindest nicht so heiß, dass man ständig trinken will – obwohl man durch Verdunstung, Wind und Bewegung so viel Wasser verliert, dass man den Wasserhaushalt ständig nachfüllen muss, wenn man sich selbst nicht in Gefahr bringen will. Schon am ersten Tag musste eine Mitreisende das schmerzlich erleben. Sie trank zu wenig, weil sie sich nicht durstig fühlte und ging, da die Sonne nicht wirklich heiß war in der Mittagspause nicht in den Schatten. Die dennoch intensive Sonneneinstrahlung und vor allem die zu geringe Wasserversorgung forderten ihren Tribut: Rasende Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme und Schwäche waren die unmittelbaren Folgen. Zum Glück brachten süßer arabischer Tee (mit einigen großen Klumpen Zucker pro Kanne) und eine erholsame Nacht sie schnell wieder auf die Beine. Daraus haben wir alle gelernt: Für den Rest der Reise trug jeder eine Flasche Wasser am Gürtel – und trank, wann immer er daran dachte, egal ob er durstig war oder nicht. Sobald der Inhalt sich dem Ende zuneigte wurde Bohusch, das Wasser tragende Dromedar, angehalten und wir füllten unsere Flaschen wieder neu auf.

Die Wüste ist faszinierend. Kein Kilometer ähnelt dem nächsten. Dünen voller Schirmakazien wechseln sich mit Tälern vollerSträucher und Blumen ab, es gibt auch Steinwüsten, die voller Schätze sind: Von Quarz bis Karneol und Tier-Versteinerungen

bis Schiefer kann man alles finden – und vor lauter Begeisterung über die Landschaft und ihre Schätze das Wichtigste vergessen: zu trinken.

Immer wieder fragten wir uns deshalb auch gegenseitig: „Hast Du genug getrunken?“ Zu Hause würde ich eine derartige Fürsorge als nervig und bevormundend empfinden, aber in der Wüste war es ein angemessener Ausdruck der Fürsorge und des Schutzes. Man denkt nicht nur an sich selbst, sondern auch daran, wie man den Wegbegleitern helfen kann, das Lebensnotwendige nicht zu vergessen.

Mich hat diese Erfahrung in Bezug auf mein geistliches Leben sehr nachdenklich gemacht. Nur selten fühle ich mich wirklich „durstig“ und nehme wahr, dass ich Input und Erfrischung aus der Begegnung mit Gott brauche. Das mag daran liegen, dass ich ein prinzipiell zufriedener Mensch bin, der Mangel (ob geistlich oder emotional) häufig erst spät wahrnimmt. Es war für mich in der Wüste leicht, mich daran zu gewöhnen, die Wasserflasche ständig griffbereit zu haben und regelmäßig zu trinken, weil ich verstand, wie lebensnotwendig es war. In meiner Beziehung zu Gott gibt es in manchen Bereichen auch solch einen gesunden Griff zur Flasche wie z.B. Zeiten der Begegnung mit ihm zu Beginn und Ende des Tages. Aber auf weiten Strecken meines Tagesablaufs ist das „Wassertanken“ nicht integriert. Die Frage nach gesunden Lebensrhythmen beschäftigt mich schon seit langem. Ich will mich weiter damit auseinandersetzen, wie andere z.B. alte und neue monastische Bewegungen Rhythmen des „Auftankens“ in ihren Tagesablauf integriert haben.

Hauptsache Wasser

Nach einer der längsten Tagesetappen kamen wir am Brunnen Sta an. Brunnen in der Wüste sind wie Freunde und sie tragen wie in biblischen Zeite

n alle bedeutungsvolle Namen. Es dauerte eine Weile, bis wir unsere Wasserkanister auffüllen konnten, da zuvor erst noch einige Herden getränkt und einige Beduinenfrauen mit Wasser zum Wäschewaschen versorgt werden mussten. Als wir dann das Wasser zu Gesicht bekamen waren wir ziemlich entsetzt. Die Farbe ähnelte der von Wasser, das aus lange unbenutzten, verrosteten Rohren fließt: gelblich trüb und keineswegs appetitlich!

Der Sandsturm des vorangegangenen Tages hatte seine Spuren hinterlassen – weil der Sand in diesem Teil der Sahara sehr fein und tonig ist, setzt er sich nicht gleich am Boden ab, sondern verteilt sich im Wasser und färbt es hellbraun. Einige andere Hinterlassenschaften, die durch den Sandsturm in das Wasser gekommen waren, konnten durch ein Tuch etwas ausgefiltert werden. Die Reiseleiterin beruhigte uns: Dieser Brunnen hier führt gutes Wasser – und seit Sandkastenzeiten weiß man, dass ein bisschen Sand im Bauch noch niemandem geschadet hat. Außerdem gab es keine Alternativen. 20 km weit zum nächsten Brunnen laufen, um woanders vielleicht (!!!) klareres Wasser zu finden, war keine Option. Also tranken wir einen Tag lang hellgelbes Sandwasser. Dass die Wasserfiltertabletten, die wir vorsichtshalber ins Wasser taten um mögliche Keime abzutöten, wie Schwimmbad schmeckten, trug nicht unbedingt zur Verbesserung der Lage bei. Ich war dankbar, eine Wasserflasche aus blauem Metall zu besitzen, die mir bei Trinken zumindest den Anblick der Flüssigkeit ersparte. Mit Hilfe von mitgebrachten Vitamintabletten gelang es auch den sandig-chlorigen Geschmack fast wegzumogeln, wenn man nicht zu sehr daran dachte. Und als süßer arabischer Tee schmeckte es fast wie normal…fast.

Ich frage mich, wie manche verwöhnten Christen reagieren würden, die mit Freude jede Predigt zerlegen und das Haar in der Suppe finden, wenn sie die Alternative hätten, 20 km weit laufen zu müssen, um woanders geistlichen Input zu bekommen. Wir sind schnell dabei, die Schwächen und Fehler in dem zu entdecken, was uns präsentiert wird, weil unsere Auswahl an Alternativen so groß ist. Diesen Luxus kennen Christen in vielen anderen Ländern nicht, in denen ausgebildete Mitarbeiter ebenso fehlen wie Bibeln und Kommentare. Das macht das Wasser, das sie austeilen, vielleicht gelegentlich etwas trüb, ähnlich wie es bei den Heidenchristen des ersten Jahrhunderts war, die für ihr geistliches Leben auch relativ wenig Lehre zur Verfügung hatten. Aber auch trübes Wasser spendet Leben. Das war für mich eine wichtige Lektion.

 

Wasser ist alles

Die Gestaltung des Tagesablaufs in der Wüste ist fast vollständig vom Wasser geprägt. Die Dromedare konnten nur etwa eine Tagesmenge an Wasser plus eine kleine Reserve tragen (für die ganze Reise hätten wir 600 Liter gebraucht!). Deshalb mussten wir unseren gesamten Tagesrhythmus auf das Wasser einstellen. Wir gingen von

Brunnen zu Brunnen. An einem Tag war das besonders tragisch. Wir wollten zu einem Brunnen laufen, der sich in der Nähe eines verlassenen Dorfes befand. Nachdem wir etwa zwei Drittel der Strecke geschafft hatten, begegneten wir einer Gruppe von Nomaden. Die erste Frage, die Nomaden sich stellen, wenn sie sich begegnen ist: „Wie ist das Wasser?“ Dann kommen die Frage nach dem Wohlergehen der Tiere, der Kinder und der Frau. Die Nomaden teilten uns mit, dass der Brunnen, zu dem wir wollten, kein Wasser mehr führt. Der nächste Brunnen war zu weit weg, um ihn an diesem Tag noch zu erreichen. Also mussten wir unsere Route und unsere Pläne ändern. Eine Mitreisende wollte nur vier Tage mit uns gehen und sich dann an dem geplanten Brunnen von ihrem Freund abholen lassen, da dieser Brunnen als einer der wenigen mit dem Auto erreichbar war. Das ging nicht. Die Versorgung mit Wasser geht vor. Vor allem. Sie musste – ob wohl oder übel – die nächsten Tage bei uns bleiben… Der Freund saß, wie wir später erfuhren, einen Tag, eine Nacht (ohne Decke) und einen Vormittag mit mitgebrachten frischen Lebensmitteln für die Gruppe am Brunnen und wartete. Vergeblich. Zu einem Brunnen, der kein Wasser führt, kommen auch keine Menschen. Und Wasser hat Vorrang vor allem anderen.

Aber nicht nur sie hat darunter gelitten, dass wir unsere Route ändern mussten. Weil das Wasser rationiert werden musste, um bis zum nächsten Brunnen ausreichend Trinkwasser zu haben, konnte es nicht zum Kochen von Gemüse verschwendet werden. Es gab nur Reis mit Salz und (!!!) Zucker – ähnlich trocken wie der Reis war auch der Kommentar eines Mitreisenden auf die Frage, was es wohl am nächsten Tag zu essen gäbe: „Na, wohl das gleiche wie heute. Nur noch trockener!“

Er war zu optimistisch. Am nächsten Tag gab es gar nichts zu essen, weil das wenige verbleibende Wasser nicht zum Brotbacken verschwendet werden durfte (im Feuer gebackenes Wüstenbrot schmeckt übrigens herrlich!). Das Wasser war nur noch zum Trinken da. Wir versuchten uns mit Trockenobst, Traubenzucker und Bananen

chips etwas Energie zuzuführen, doch nach sechs Stunden Wanderung ohne Frühstück durch Geröllfelder und über Berge ohne etwas Richtiges im Magen, war ich mit meinen Kräfte am Ende. Nachdem wir endlich den Brunnen erreicht hatten, klappte ich zusammen…und brauchte – selbst bei der guten Pflege unserer einheimischen Führer (zerkauter Kardamom hilft gegen Übelkeit) einen halben Tag, um wieder auf die Beine zu kommen.

Erst wenn man Wasser hat und die Grundversorgung sichergestellt ist, kann man sich anderen Dingen zuwenden. In einer Welt, in der das Wasser ebenso sicher aus der Leitung kommt wie der Strom aus der Steckdose, war es für mich bewegend auch am eigenen Körper zu erleben, wie lebensnotwendig Wasser und das, was man daraus machen kann (Lebensmittel) ist. Wenn Jesus von sich selbst sagt, dass er das Wasser des Lebens ist, spricht er nicht von einer Luxus-Gartendusche, die wir im Hochsommer genießen. Er spricht davon, dass man das ganze Leben darauf hin ausrichten muss, dieses Wasser in sich aufzunehmen. Immer wie der. Täglich. Weil man sonst geistlich vertrocknet. Auch wenn innere Trockenheit meist nicht so schnell bemerkbar ist wie physischer Wassermangel, ist sie doch ähnlich fatal. Wenn man innerlich nicht bis in alle Zellen erfrischt und aufgetankt ist, fehlt einem nicht nur selbst die Kraft, um sich vorwärts zu schleppen: Man hat auch keine Energie mehr, um anderen Menschen etwas zu geben.

Alles Leben konzentriert sich aufs Wasser

Einige Wochen bevor wir in die Wüste kamen hatte es dort geregnet. Ich hatte schon von anderen gehört, welch ein beeindruckendes Erlebnis die blühende Wüste ist. Aber so richtig vorstellen konnte ich es mir nicht. Erst als wir uns der Wüste näherten und statt staubig grauer Geröllhalden von zartgrün überzogenen Flächen begrüßt wurden, begann ich zu ahnen, was „blühende Wüste“ bedeutet. Aber es kam noch besser. Ganze Ebenen waren voller Blumen und Büsche. Kilometerweit roch es nach Wüstenkamille, unbekannten orangefarbenen Wüstenparfüm-Blumen, nach Rucola und anderen exotischen Düften. An manchen Stellen waren die Blüten so hoch, dass sie mir bis zur Schulter reichten. Von den Herden der Nomaden, die sich an dem reich gedeckten Büffet bedienten, waren nur die Höcker und Köpfe der Dromedare zu sehen, kleinere Tiere verschwanden völlig im grünen Meer. Die Pflanzen schienen in Bezug auf Wachstum und Fortpflanzung den Turbo-Gang eingeschaltet zu haben – das Leben in der Wüste entfaltete eine ungeheure Dynamik, weit mehr und weit schneller, als wir es vom europäischen Frühjahr kennen, wo Pflanzen sich gemächlicher entfalten. Gegen Ende unserer Reise begann die Blütenpracht langsam zu welken. Aber überall neben den vertrocknenden Pflanzenbüscheln lagen Samenhäufchen, die darauf warteten, vom Wind an neue Orte getragen und vom nächsten Regen (in vielleicht zwei, drei oder vier Jahren) zu neuem Leben erweckt zu werden.

Die Tiere taten es den Pflanzen gleich. Überall sah man krabbelnde Raupen, die sich gierig an der grünen Pflanzenpracht satt fraßen und etwa 1 Zentimeter Grün pro Minute verspeisten. Es würde nur noch einige wenige Tage dauern, bevor sie sich zum Wüstenfalter verwandeln und Eier legen würden, aus denen beim nächsten Regen wieder junge Raupen schlüpfen. Noch dynamischer waren die Heuschrecken. Fasziniert sahen wir hunderten, wahrscheinlich tausenden von Heuschrecken bei der Paarung zu. Grellgelbe Heuschreckenmännchen vollführten mit den beige-eintönigen Weibchen, die an ihren Körpern hingen, große Sprünge und akrobatische Meisterleistungen. Das führte aber auch dazu, dass sie kurz nach der Zeugung im Wüstensand ihr Leben aushauchten, während die Weibchen noch bis zur Eiablage bei Kräften blieben. Aus den abgelegten Eiern schlüpften Tausende von Mini-Heuschrecken, die mit ihren Körpern und vier Beinen Blumenmuster in den Sand tupften: Innerhalb weniger Wochen würden auch sie zu erwachsenen Heuschrecken werden, sich paaren und Eier leben, die im Sand auf den nächsten Regen warten würden.

„Ohne Wasser kein Leben“ ist ein Satz, den jeder kennt. Aber es ist etwas anderes, mit eigenen Augen zu sehen, was geschieht, wenn Wasser auf vermeintlich toten Samen trifft und in extrem kurzer Zeit intensives Leben hervorbringt, das mit aller Kraft versucht, sich wieder zu reproduzieren. Ich frage mich, welche Samen in meinem Leben aus früheren Zeiten noch in mir schlummern und darauf warten, dass ein Sturzregen der Begegnung mit dem lebendigen Gott sie zum Leben erweckt. Wasser in der Wüste ist etwas Wunderbares. Wasser im eigenen Leben auch.

 

Leicht gekürzte Fassung eines Artikels, der in der Zeitschrift Aufatmen veröffentlicht wurde. Mit freundlicher Genehmigung.

 

 

 

 

 

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter
http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de