Kerstin Hack: Von Herbststürmen und Zechprellern

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Die drei Tage am Meer hatten mir gut getan. Direkt nachdem ich mein neues Buch „Spring – hinein ins volle Leben“ fertiggestellt hatte, setzte ich mich in den Zug nach Rügen.Nach dem intensiven Endspurt des Buchprojekts, der Kommunikation mit Grafik, Lektorat, Druckerei usw. tat es mir einfach gut, ein paar Tage nichts zu tun, einfach nur da zu sein, zu lesen, zu beten, aufs Meer zu schauen, spazieren zu gehen, viele schöne Bilder zu tanken und Rad zu fahren. Natürlich hatte ich mein Rad mitgenommen. Ohne geht es nicht.

Am Morgen des letzten ganzen Tages saß ich auf einem  Korbstuhl im Büro des Hauswarts, um meine Rechnung für die Ferienwohnung zu bezahlen, auch wenn ich erst einige Stunden später abreisen sollte. Piet war ein echter Rüganer, kernig robust, mit kleinem Bauch. Ich konnte erkennen, dass sein Haar, das nur noch einen Teil des Kopfes bedeckte, einmal blond gewesen sein musste. Er war kein Mann, der viele Worte machte. Das hatte ich schon bemerkt, als die Lampe im Bad ausgefallen war und er auf meine wortreiche Entschuldigung mit einem trockenen „Das passiert schon mal!“ geantwortet hatte. Oder als das Türschloss zu meiner Ferienwohnung kaputt ging. Er brummelte lediglich „Dass so was auch immer sonntags passieren muss“ und ging dann zu einer unbenutzten Ferienwohnung, deren Schloss er aus- und in meine Tür einbaute.

Während ich wartete, bis er die Quittung ausstellte, fiel mein Blick auf der Karte von Rügen.  „Ist die schön!“ bemerkte ich angesichts der vielen liebevollen Details, die zu erkennen waren. „Ach, die ist schon alt. Die Herbststürme letztes Jahr haben der Küste mächtig zugesetzt. Hier oben in der Stubbenkammer ist viel abgebrochen. Auch der Kreidefelsen hier. Und er zeigte auf einen Punkt an der Karte.

„Die Stürme sind schon heftig. Sie kennen doch die Mauer unten an der Seebrücke.  Da steht das Wasser bis an die Mauer, sie wissen doch wo die ist.“ Unbewusst nickte ich, ohne wirklich Ahnung zu haben, von welcher Mauer er sprach, um seinen Redefluss nicht zu unterbrechen. „Da spült es den ganzen Sand weg. Aber der wird dann wieder neu angespült. Da muss man einfach drauf vertrauen.“

Ich bedankte mich und ging, ließ aber versehentlich meine fein säuberlich ausgestellte Quittung auf dem Schreibtisch neben dem Aschenbecher liegen, in dem sich die Zigarettenstummel häufen.  „Halt. Ihre Quittung!“ rief Piet. Eigentlich brauchte ich die Quittung nicht, aber es muss ja alles seine Ordnung haben. Darauf bestand er. „Bezahlt haben bisher alle. Bis auf einen. Der ist aber nicht weit gekommen. Nur bis zum Rügendamm. Da hatte ich ihn dann. Ich kannte ja sein Auto. Und alle  Schleichwege durch die Walachei. Der musste mit mir bis hierher zurückfahren. Und hier zahlen. Muss ja alles seine Ordnung haben. Und 50 Euro extra. Wegen versuchten Betrugs. Wenn er das nicht gemacht hätte, hätte ich ihn angezeigt.“

Immer wieder, wenn ich im Laufe dieses letzten Urlaubstages an dieses  Beispiel norddeutsch-kerniger Selbstjustiz dachte und mir vorstellte, wie der zechprellende Urlauber eine ganze Stunde hinter Piet her zurück zum Büro fahren musste, um dort ordentlich zu bezahlen, wie es sich gehört, fing ich an zu schmunzeln. Für Piet war das sicher eine der Heldenstunden seines Lebens, er der Robin Hood aller geprellten Hoteliers.

Seine Worte bewirkten weit mehr als nur kurzfristiges Amüsement. Mit dem Schmunzeln schlich sich auch ein Gedanke ein: Dieser Mann versteht etwas vom Leben. Er hat verstanden, dass es Situationen gibt, in denen einem alles weggespült wird, wie der Sand von Herbststürmen. Und dass man nichts anderes tun kann, als es zu ertragen, abzuwarten, Ostfriesentee trinken, eine rauchen und darauf vertrauen, dass der Sand zu seiner Zeit schon wieder kommt.

Aber dass es auch andere Situationen gibt, in denen man entschieden handeln muss. Wenn man zu Unrecht  beraubt wird, wenn man um etwas gebracht wird, was einem zusteht. Und dass man in solchen Situationen nur das einzig richtige tun kann: ins Auto steigen, durch die Walachei fahren und die Räuber stellen und konfrontieren. Und sie die Konsequenzen ihrer Handlungen tragen lassen. Kein falsches Mitleid. Kein unnötiges Dulden. Wo sie ihre Zeche nicht bezahlt haben und uns auf der Rechnung sitzen lassen. Da gilt es „Nein“ zu sagen. Entschieden „Nein. Das ist nicht gut, was du tust. Und ich werde die Konsequenzen deines falschen Handelns nicht für dich tragen.“

Meinen ganzen letzten Urlaubstag beschäftigt mich die Frage, wie ich den Unterschied erkennen kann, bei welchen unangenehmen, ungewollten Situationen, mit denen ich mich konfrontiert sehe, es sich um „Zechprellerei“, also durch schuldhafte Handlungen anderer, die sich auf mein Leben auswirken, handelt, und bei welchen um „Herbststürme“, Ereignisse, die einfach geschehen und unabwendbar sind.

Ich ahne, dass es mehr als eine Situation in meinem Leben gab, in denen ich wie wild gegen Stürme angekämpft habe. Ich habe versucht, mich gegen das, was über mein Leben hereinbrach anzustemmen, dagegenzuhalten, wollte es mit aller Gewalt ungeschehen machen. Ich saß vor einem erloschenen Feuer und hoffte, es durch mein „das darf doch nicht sein!“ wieder zum Brennen zu bringen. Erfolglos.

Und es gab mehr als genug Situationen, in denen ich zugelassen habe, dass Menschen mich benutzt haben, um den Konsequenzen ihres eigenen unverantwortlichen Handelns zu entgehen. Wo sie von mir erwartet haben, dass ich Aufgaben übernehme, die sie hätten tun sollen. Wo sie versuchten, mir einzureden, ich sei dafür verantwortlich, dass sie sich besser fühlen und nicht erkannten, dass ihre Gefühle ihre Gefühle sind und Ergebnis ihrer eigenen richtigen und falschen Haltungen und Denkweisen.

Puh. Ich ahne, wie viel Kraft ich in meinem Leben verloren habe, indem ich gegen Stürme angekämpft und mich von Zechprellern habe ausnutzen lassen. Die Frage danach, wie ich den Unterschied erkennen kann, bewegt mich.

 

Stürme geschehen

Am Nachmittag begegnet mir eine ältere Frau am Strand. Sie zeigt auf die kahle Sanddüne und sagt zu mir: „Hier war letztes Jahr noch Wald. Ich verstehe gar nicht, wieso die den weggemacht haben. Ich erkläre ihr, dass „die“ nicht die Menschen waren, die hier abgeholzt haben, sondern die schweren Herbststürme des Jahres 2006, die Bäume entwurzelt und ins Meer gerissen haben, so dass jetzt nur noch kahler Sand übrig ist.

Stürme geschehen einfach. Es sind unvorhergesehene Ereignisse in unserem Leben, für die niemand etwas kann. Allenfalls Gott. Den klagen wir dann auch gerne an.

Und selbst der ist nur „bedingt haftbar“ – schließlich hat er uns eine Welt anvertraut, die wir durch unser unangebrachtes Verhalten immer weiter ruinieren. Selbst ein Teil der Herbststürme ist durch Klimawandel hausgemacht. Unfälle geschehen, Menschen sterben, Arbeitsplätze werden wegrationiert, Menschen werden krank. Stürme gehören zu unserer kaputten, gefallenen Welt ebenso wie Sonnenschein und Frühlingsblumen.

Ohne dass man „die“ oder „den da oben“ direkt dafür verantwortlich machen kann.

 

Bei Zechprellerei ist das anders

Da ist etwas, was mir schadet, direkt auf das falsche Handeln von Menschen zurückzuführen. Das geschieht nicht „einfach so“, sondern genau deshalb, weil der oder die falsch gehandelt hat. Und hier gilt es, heftig zu protestieren. Während der Apostel Paulus Schiffbruch und Hunger als unvermeidbare Begleiterscheinungen seiner Berufung sah, wehrte er sich aufs heftigste, als er – entgegen dem damals gültigen Recht – ausgepeitscht wurde, obwohl er römischer Bürger war. „Hier ist mir Unrecht geschehen. Und ihr seid dafür verantwortlich“, protestierte er lautstark. Er fügte sich nicht in sein vermeintliches Schicksal, sondern unternahm alles, was in seiner Macht stand, um den Schaden möglichst zu minimieren. Er ertrug die falschen Handlungen anderer nicht ohne Protest. Mir gefällt das.

 

Frieden finden

Hätte Paulus die Misshandlung einfach geschluckt – ich glaube nicht, dass er Frieden gefunden hätte. Gottes Frieden stellt sich dann in unserem Herzen ein, wenn wir nach seinem Willen handeln. Und wenn wir Übeltäter und Zechpreller, die unserem Leben Schaden zufügen, einfach gewähren lassen, bleibt das Gefühl zurück, ausgenutzt worden zu sein.

Wir glauben sogar manchmal, christlich zu handeln, wenn wir gutmütig sind und einfach nachgeben. Aber häufig ist das, was wir „Liebe“ nennen, nur Feigheit, lieb-Kind-sein wollen, nicht anstoßen wollen. Und aus lauter Nettigkeit verzichten wir darauf, Unrecht klar zu benennen. In uns bleibt das  nagende Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, was auch bei jedem Versuch, das Geschehene zu akzeptieren, nicht weggeht. Es stellt sich kein echter Friede ein. Und nicht nur das. Wir nehmen durch unsere Feigheit, Unrecht zu konfrontieren, dem anderen die Chance, sich an unserer Klarheit neu zu orientieren.

 

Vor Jahren hatte ich einmal eine Kundin, die mehr Bücher bestellt hatte, als sie bezahlen konnte. Auf meine Zahlungsaufforderung hin schrieb sie mir, dass sie einfach mehr bestellt hatte, als sie es sich leisten konnte. Auch wenn ich generell eher großzügig bin, war ich in diesem Fall nicht bereit, ihr  unverantwortliches Handeln durch Großzügigkeit zu decken, sondern teilte ihr mit, dass ich auf der vollständigen Zahlung bestehen, ihr jedoch anbieten würde, diese in Teiletappen zu zahlen. Weil das nicht sofort klappte, erinnerte ich sie in mehreren Briefen daran, dass es Zeit zum Zahlen sei. Irgendwann war dann die letzte Rate eingetroffen, ich hatte die Geschichte schon fast vergessen, bis ich einen Brief von ihr erhielt, in dem sie mir schrieb, dass mein hartnäckiges Bestehen, auf dem was Recht war, ihr geholfen habe, ihre Finanzen in Ordnung zu bringen und sie jetzt finanziell gut dastehe. Wow!

Nicht jeder Mensch ist so lernbereit wie diese Frau es war und nicht immer bewirkt klares Handeln meinerseits so phantastische Veränderung beim Anderen. Es gibt Situationen, da bleiben Menschen verstockt, selbstbezogen, unverantwortlich. Sie denken, alle anderen müssten für sie springen und hüpfen. Aber wann immer ich richtige Grenzen gesetzt habe, spüre ich Frieden. Hierfür bin ich verantwortlich – hierfür du.

Und wann immer ich auf eine Situation angemessen reagiert habe, spüre ich im Innersten, dass ich richtig gehandelt habe. Der Friede, den ich spüre, wenn ich nach Gottes Willen gehandelt habe.

Das spüre ich auch, wenn ich zu dem, was Stürme in meinem Leben angerichtet haben, endlich ja sagen kann. Wenn ich Stürme

mit Zechprellern verwechselt habe, bin ich ihnen – im Bild gesprochen – quer durch die Republik nachgefahren, um „Gott nachzujagen“, ihn zum Umkehren zu bringen, dazu,  sich das, was geschehen ist, nochmal zu überlegen und es rückgängig zu machen. Eingeholt habe ich ihn nie. Er kennt die Schleichwege durch die Walachei besser als ich und ließ sich von meinem Protest überhaupt nicht beeindrucken. Ab und zu hörte ich ein leises „Lass verloschene Feuer verloschen sein. Das lässt sich nicht mehr neu entzünden.“ Aber meine Protestrufe übertönten ihn. Ich kämpfe gegen das, was war, an und finde keinen Frieden.

Abends sehe ich am Strand zwanzig umgestürzte Bäume. Sie haben den Herbststürmen nicht standhalten können, sind umgestürzt, ins Meer gefallen. Einige sind samt Wurzel herausgebrochen, andere klammern sich noch mit müden Wurzeln im Erdreich fest, können daraus aber kein Leben mehr ziehen. Sie haben den Umfang meiner Taille, einige sind kräftiger und größer. Alle hat es umgeweht.

Ich sitze auf einem Baum, ein Meter unter mir Sand und Meer. Und ich denke traurig an die Bäume, die im letzten Jahr den Stürmen nicht standhalten konnten. Bäume, die ich sorgfältig gepflanzt hatte. Voller Freude darauf, eines Tages ihre Früchte zu essen und noch im Alter unter ihrem Schatten zu sitzen. Grausam herausgerissen aus der Mitte ihres Lebens. Ohne Grund. Einfach nur Sturm. Ich bin traurig. Rede mit meinem Gott. Bitte ihn, mir das Unerklärliche zu erklären, das Sterben von Hoffnung. Ich höre nur das Rauschen von Wellen, die sanft an den Strand schlagen.

Die Herbststürme werden wieder kommen. Vielleicht werden die zwei Dutzend Bäume, die hier liegen, anderen Bäumen Schutz vor den Wellen bieten. Vielleicht gelingt ihnen nicht einmal das. Ich muss keinen Zweck darin finden, es nicht verstehen. Stürme sind Stürme. Und reißen manches mit sich in den Tod. Ganz leise sage ich ja. Und dann klettere ich unter den Bäumen durch. Ich habe mein Leben lang immer versucht, über Hindernisse hinwegzukommen, denke, dass es gut ist, zu lernen, sich auch ab und zu unter das, was geschehen ist, zu beugen.

Der Mond geht golden hinter den zarten Wolken auf. Am Strand schwimmen Schwäne, goldenes Mondlicht bricht sich im Wasser vor der Kulisse der erleuchteten Selliner Seebrücke. Ich frage mich, ob Gott alles, was an Kitsch zu bieten ist, aufgefahren hat, um mich daran zu erinnern, wie schön das Leben sein kann – auch nach Stürmen. Über mir leuchten die Sterne.

Ich radle nach Hause. Packe mein Gepäck für die Rückfahrt. Und nehme mehr mit nach Hause als Sand, Steine und Muscheln.

 

 

 

Buchtipp:

 

Kerstin Hack:Spring – hinein ins voll Leben. Down to Earth, 2007.

12,80€ Direkt erhältich beim Down-to-earth-Shop

 

 

 

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de