Libanon – Leben in einem innerlich zerrissenen Land

Beim Besuch einer deutschen Familie im Libanon lernte Kerstin Hack das Leben in einem von verschiedensten Religionen und vom Krieg – geprägten Land kennen.

Kompakt und intensiv. Das ist Libanon. Auf einer Fläche von 10.000 Quadratkilometern – etwa halb so groß wie Hessen – leben knapp vier Millionen Menschen der unterschiedlichsten Kulturen. Orthodoxe und maronitische (d.h. katholisch-libanesische) Christen, sunnitische und schiitische Moslems sowie Druse – Anhänger einer Sonderform des Islam. Ein Land mit einer so wechselhaften Geschichte, wie nur wenige andere.

Aber erst mal der Reihe nach. Freunde von mir leben seit Jahrzehnten in der Region. Ich hatte sie schon in Jordanien besucht und wollte mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie und ihr Wirkungsfeld noch einmal zu sehen, bevor sie – der Kinder wegen – nach Europa zurückkehren würden. Zufälligerweise waren zwei gute Freundinnen, die in Beirut ihre Kindheit verbracht hatten, zur gleichen Zeit dort. Teils allein, teils mit ihnen zusammen, erlebte ich dieses Land.

Ankunft und erste Tage

Jetzt bin ich angekommen. Nach einer hektischen Reise, auf der mein Geldbeutel verloren ging und ich in aller Eile Karten sperren lassen musste. Es tut gut, hier zu sein. Wohnung mit Blick zum Meer. Einfach herrlich.

Meine Freundin erklärt mir die „Basics“, die ich wissen sollte:

„In den verschiedenen Kriegen wurden die Kraftwerke immer wieder zerstört. Die Reparaturen waren so teuer, dass der Staat nicht genug Geld hat, um Brennstoff für die Kraftwerke zu kaufen. Deshalb haben die verschiedenen Stadtteile zu unterschiedlichen Zeiten keinen Strom. Unser Haus hat einen Generator. Also, Kerstin, falls du im Aufzug fährst und er stecken bleibt, ist das kein Grund zur Panik. Nach fünf Minuten springt die Elektrizität in der Regel wieder an.“
Ah, okay. Gut zu wissen.

Wie überall im Mittleren Osten wird das Toilettenpapier hier in Eimern neben der Toilette entsorgt – eigentlich keine schlechte Methode, um das Abwassersystem nicht mit unnötigem Ballast zu verstopfen. Aber anders als anderswo läuft das Wasser hier tatsächlich und tröpfelt nicht nur. Durch die hohen Berge ist der Libanon sehr regenreich und hat höchstens gegen Ende des Sommers Wasserprobleme.
Ach ja, Kakerlaken oder ähnliche Tiere, die ich nicht identifizieren kann, gibt es natürlich auch…

Vom Balkon aus sieht man das Meer – und das UN Schiff, das die Küste patrouilliert, um zu verhindern, dass Waffen ins Land geschmuggelt werden. Waffen, mit denen die Hisbollah, die schiitische Miliz, die eigene Macht sichert und Israel angreift. Das UN Schiff nützt nicht wirklich viel, da die Hisbollah ohnehin weit mehr Waffen besitzt als die libanesische Armee, die dagegen praktisch politisch wie militärisch machtlos ist. Neue Waffen kommen auch über den Flughafen ins Land.
In Beirut leben Christen und Moslems – teils in separaten Stadtteilen, teils wie dort, wo meine Freundin wohnt, in gemischten Bezirken, in denen es Kirchen und Moscheen gibt. Die Lautsprecher der Moscheen sind weit weniger laut und viel dezenter als ich es von anderen arabischen Ländern kenne.

Dennoch hat man nachts die Wahl zwischen Ruhe und Hitze (bei geschlossenem Fenster) und Lärm (Moschee, Autos, Leute) und relativer Frische. Ich habe Ohrstöpsel und Variante zwei gewählt. Nach einigen Tagen wache ich nicht einmal mehr auf, wenn der Muezzin ruft.

Kriegsspuren

Ich bin überwältigt von der Schönheit der Innenstadt Beiruts… wunderschöne Häuser im osmanischen Jugendstil aus hellgelbem Sandstein. Ich verstehe, warum man die Stadt Paris des Ostens nennt… sie ist so schön wie Paris – nein, eigentlich viel schöner!
Im Straßenbild sieht man nur wenige zerstörte Häuser. Genauer gesagt habe ich nur ein massiv zerstörtes Gebäude gesehen, das noch steht: das Holiday Inn, das kurz vor dem letzten Krieg fertig gestellt wurde. Nach gut 20 Kriegen und Bürgerkriegen seit den 50er-Jahren – der längste davon dauerte 17 Jahre -, haben die Libanesen eine gewisse Routine darin entwickelt, den Normalzustand wieder herzustellen.

Dennoch ist der Krieg ständig präsent. Das fängt schon beim Frühstück an. „Die Frühstückseier sind etwas klein“, meinte meine Freundin entschuldigend. „Wir kaufen sie von einer Hilfsorganisation, die Menschen, die im Krieg Gliedmaßen verloren haben, hilft. Sie geben ihnen Hühner und kümmern sich um die Vermarktung, so dass diese Menschen, die sonst keine Arbeit finden würden, eine Möglichkeit haben, Geld zu verdienen. Es gibt viele gute Projekte hier – aber auch so viele Nöte…“

Die tieferen Schäden des Krieges sind erst bei genauerem Hinsehen zu erkennen. Meine Freundin erzählt mir von ihren Erfahrungen: „Ich komme mit Krieg ganz gut zurecht, kann klar und überlegt handeln. Der letzte Bürgerkrieg spielte sich direkt hier ab. Die Hisbollah hat 2008 unseren Stadtteil besetzt und lieferte sich Schlachten mit der Armee, um mehr Macht zu erpressen. Sie kämpften auf unserem Dach, hier am Balkon siehst du noch die Einschusslöcher. Mein jüngster Sohn brauchte lebensnotwendige Medizin und mein Mann war gerade verreist. Mein ältester Sohn und ich überlegten, was wir tun sollten. Am Ende ist er in einer Feuerpause zur einzig offenen Apotheke gegangen – wir dachten, dass es noch schwieriger für die jüngeren Kinder wäre, wenn ich verletzt würde. Ich komme mit Krieg eigentlich ganz gut zurecht, nur mein Magen nicht. Ich kann dann nichts essen und verliere an Gewicht. Ich weiß in so einer Situation nicht, was ich mit meinem Ärger tun soll. Ich kann ja nicht rausgehen und die Kämpfer, die vor meiner Haustür stehen, anschreien.“
Dem jüngsten Sohn spürt man die Angst bis heute ab. Er ist sehr in sich verschlossen und läuft stundenlang im Kreis durch die Wohnung und schwingt sein Plastikschwert gegen imaginäre Feinde.

Meine Freundin erzählt weiter: „Am Ende unserer Straße war eine der Autobomben, mit der man 2004 einen Anschlag auf einen der Politiker verübt hat. Er hat – schwer verletzt – überlebt. Ich zeig dir nachher die Stelle, wo das war. Die Kinder gehen jeden Tag auf dem Schulweg daran vorbei. In der Schule trainieren sie nicht nur Feueralarm, sondern auch das richtige Verhalten bei Amokläufen und Bombenangriffen. Jede Art von Bedrohung hat einen eigenen Klingelton.“

Geschichte

Überall begegnen einem die Spuren von 8000 Jahre bewegter Geschichte. Auf diesem kleinen Fleck Erde findet man alles: Siedlungen aus Steinzeit, Eisenzeit, Bronzezeit. Erst lebten hier die Phönizier, dann erlebte das Land assyrische, persische, griechische, römische, byzantinische, islamische (Mamelucken) und christliche (Kreuzfahrer) Herrschaft, gefolgt vom Osmanischen Reich, französischer Kolonialmacht, Unabhängigkeit und später jahrelanger syrischer und israelischer Besetzung.

Meine Freunde haben selbst Werkzeuge aus der Steinzeit gefunden, römische Münzen, eine Toga-Nadel, Siegelringe und eine vollständig erhaltene Öllampe aus der griechischen Zeit… hier gibt es so viele derartige Fundstücke, dass der Finder sie in der Regel behalten darf – es ist nur verboten, sie außer Landes bringen.

Ich besuche auch Orte wie das historische Byblos (Jbail), in dem das erste Alphabet zwar wahrscheinlich nicht entwickelt, aber von wo aus es verbreitet wurde. Der griechische Name Byblos (das Buch) erinnert ebenso wie die Überreste der vielen Tempel und Gebäude an die reiche kulturelle und wirtschaftliche Vergangenheit. Auch heute ist es noch ein wunderschöner Hafenort.

Mich beeindrucken auch die 8000 Jahre Kulturgeschichte, die geballt im Nationalmuseum zu sehen sind. Auch die Geschichte des Museums selbst ist faszinierend: Zur Bürgerkriegszeit (1975-1991) stand es praktisch genau auf der Green Line (Demarkationslinie), die das christliche Ostbeirut vom moslemischen Westbeirut trennte und entlang derer es die heftigsten Kämpfe gab. Die größeren Statuen und Mosaike konnten nicht aus dem Gebäude gebracht werden, also hat der Museumsdirektor sie kurzerhand in Stahlbeton einmauern lassen. So haben sie den Krieg faszinierend gut überstanden – auf der Homepage des Museums kann man Videos von der Öffnung der Beton“kammern“ sehen.[1]

Berge und Täler

Auch landschaftlich hat der Libanon viel zu bieten. Direkt von der Küste steigen die Berge steil empor. Wir mieten uns ein Auto und stürzen uns ins Abenteuer des libanesischen Verkehrs. Die Libanesen fahren sehr dynamisch; rechts überholen, Spurwechsel über drei Spuren auf Schnellstraßen etc. sind nicht ungewöhnlich. Dynamisch, aber nicht aggressiv. Mir hat es ungemein viel Spaß gemacht – nur eine Bergstraße war so ausgewaschen, dass der mittlere Teil der Straße 40 Zentimeter höher lag als der Rest – von den gut 100 Gelegenheiten, den Wagen unten aufzusetzen habe ich nur zwei genutzt….das war nicht so schön.

Traumhaft hingegen war die Landschaft. Mediterrane Vegetation, Zedern, schmucke kleine Dörfer, die verstehen lassen, warum der Libanon den Spitznamen „Schweiz des Mittleren Ostens“ bekommen hat.

Freundliche Nachbarn laden uns zu Mokka und Maulbeersaft ein und erzählen uns von der Region. Mit meinem Gastgeber erkunden wir ein faszinierendes Feuchtgebiet und eine Bergregion, die die christliche Umweltschutzorganisation A Rocha[2] vor der Zerstörung bewahrt hat und die jetzt ein privates Naturschutzgebiet sind. Der Libanon ist ein ungemein schönes, vielfältiges Land.

 

Frauen, Kinder, Sicherheit

Frauen sind im öffentlichen Leben zwar sehr präsent, haben aber nur wenig Einfluss. Nur zwei Prozent der Abgeordneten im libanesischen Parlament sind Frauen. Man sagt hier, dass eine Frau es nur in Trauerkleidung ins Parlament schafft. Nur wenn ein naher Angehöriger gestorben ist oder ermordet wurde, hat auch eine Frau die Chance, gewählt zu werden.

Auf den Wahlplakaten sind dementsprechend wenige Frauen zu sehen – es überwiegen die alten, hoffentlich weisen Männer. Nur eine Partei wirbt mit jungen Gesichtern: Neben dem Gesicht eines jungen Mannes steht: „Ich wähle Veränderung.“ Sein weibliches Gegenüber fordert auf: „Sei schön. Geh wählen.“

Deutlicher kann man es kaum sagen, wie man – ungeachtet der jeweiligen Religion – die Rolle der Frau sieht. „Sei schön!“ ist ihre Hauptaufgabe. Das Wichtigste für eine Frau ist, sich einen reichen Mann zu angeln. Sehr zur Freude der Designer, die sündhaft teure Kleidung erfolgreich verkaufen – die Innenstadt ist voll von superteuren Boutiquen und Frauen, die die Kleidung und das entsprechende Make-up tragen. Mit meinen bequemen Mokassins bin ich trotz meiner dunklen Haarfarbe eindeutig als „nicht von hier“ zu erkennen. Wie ich von der Tochter meiner Freunde weiß, geht der Druck, als Frau äußerlich perfekt zu sein, schon in den frühen Teenagerjahren los. Es wird diskutiert, wer wohl die besten Chancen hat – und die Mädels machen sich schon als 12- oder 13-jährige entsprechend zurecht. Heiraten ist das Thema. Während ich in einem Café sitze und lese, höre ich, wie drei junge Frauen sich über ihre Vorstellungen von Brautkleid und Hochzeit unterhalten – zwei Stunden lang!

Hat eine Frau erfolgreich den richtigen Mann geangelt, ist es – neben der Verpflichtung für ihn schön zu bleiben und mit 40 noch wie eine Zwanzigjährige auszusehen – ihre allerwichtigste Aufgabe, für Nachkommen zu sorgen. Das führt dazu, dass Frauen, die schwanger sind, hierzulande wie rohe Eier behandelt werden. Sie dürfen nichts mehr tun, sollen sich ständig ausruhen und sind bis zur Geburt schlapp und dick geworden, was die Geburt nicht gerade leichter macht. Gleichzeitig hat man ein hohes Vertrauen zu Ärzten und glaubt, dass ein vom Arzt durchgeführter Kaiserschnitt besser und sicherer ist als eine natürliche Geburt. Das führt dazu, dass außer den Beduinenfrauen, die keine Krankenversicherung haben, praktisch keine Frau mehr ihre Kinder auf natürlichem Wege zur Welt bringt…

 

Politik und die Zukunft

Die Menschen hier haben Angst vor der Zukunft. Das Land ist innerlich so zerrissen und gleichzeitig Spielball der viel größeren und stärkeren umliegenden Länder – jede kleine Erschütterung kann ein Erdbeben auslösen.

Im Land kämpfen pro-westliche und radikal-islamische Kräfte (Hisbollah) um Einfluss. Der Iran, Syrien und die USA unterstützen die Kräfte, die ihren politischen Interessen entsprechen. Während ich im Libanon bin ist auch der amerikanische Vize Joe Biden zu Besuch – und fährt mit seiner Wagenkolonne an mir vorbei.

Israel hat große Angst vor einem Wahlsieg der Hisbollah – es fürchtet, dass sich dann die Raketenangriffe auf ihr Land noch verstärken werden. Die Israelis müssen schon seit Jahren mit der ständig präsenten Angst vor Angriffen der libanesischen Hisbollah-Miliz leben, die mit ihren Raketen-Attacken vom Libanon aus eine anhaltende Bedrohung für Israel darstellt. Doch seit Israel im Krieg gegen die Hisbollah 2006 alle Straßenbrücken, die größte Molkerei des Landes (es gab ein Jahr lang keine Milch mehr), Glas- und Schokoladenfabriken zerstört hat, glauben viele Menschen im Libanon nicht mehr, dass es Israel in diesem Krieg nur um das Erreichen militärischer Ziele ging. Die meisten Libanesen vermuten andere Interessen – wie Rache, die Schwächung des gesamten Landes, Ausschaltung eines wirtschaftlichen Konkurrenten in der Region.

Beim Besuch der Gedenkstätte für den ermordeten Premier Hariri und seine sieben Fahrer und Leibwächter komme ich mit einem der Aufseher ins Gespräch. Er sagt mir: „Ich habe Angst vor den nächsten Wahlen.“ Ich: „Ich werde dafür beten.“ Er: „Fang am besten gleich damit an.“

Das habe ich getan. Bei den Wahlen gab es ein klares Ergebnis, das auch von der Hisbollah akzeptiert wurde. Zum Zeitpunkt meines Schreibens ist die Lage im Libanon friedlich. Doch mich bewegt es sehr, dass die Situation jederzeit wieder eskalieren könnte. Jederzeit können der Machtkampf im Land und der Konflikt mit den Nachbarländern erneut aufflammen. Mit nicht absehbaren Folgen. Ja, ich werde weiter für dieses wunderbare Land und seine Menschen beten.

 

 

Bearbeitete Fassung eines Artikels, der zuerst 2010 in der Zeitschrift Joyce erschien. Mit freundlicher Genehmigung. www.joycenet.de

 

Buchtipp zum Thema:

 

Rawi Hage: Als ob es kein Morgen gäbe. DUMONT Literatur und Kunst Verlag, 2009.

256 Seiten, 19,95€. Erhältlich z.B. bei Amazon.

 

 

 

 

 

 

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter
http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de