Können Kinder Sünder sein? Oder: Schuldempfinden bei jungen Menschen

Als 10-Jährige fuhr ich meine jüngere Schwester im Kinderwagen aus. Ich war dabei unachtsam. Sie fiel heraus und stürzte mit dem Kopf auf eine Steinplatte. Und schrie wie am Spieß. Als meine Eltern mich anschließend fragten, warum sie so schrie, log ich sie an: »Ich weiß es nicht, vielleicht hat sie Hunger?«

Ich schämte mich und schwor mir, nie wieder zu lügen. Als meine kleine Schwester in einer ähnlichen Situation von meinem Bett auf den Boden fiel, log ich jedoch trotzdem wieder. Dass es mir nicht gelungen war, die Wahrheit zu sagen, war für mich ein Schock. Ich realisierte: Ich bin nicht gut. Trotz aller guten Vorsätze schaffe ich es nicht, immer so zu handeln, wie ich es eigentlich will.

Kurz darauf hörte und begriff ich zum ersten Mal das Evangelium, dass Gott als Mensch – Jesus – zu uns auf die Erde kam, um unsere Schuld zu tragen, uns zu entlasten, mit uns durchs Leben zu gehen und uns die innere Kraft zu geben, besser und liebevoller zu handeln.

Für mich war schnell klar: »Das ist das, was ich will!« So schrieb ich an meine Eltern, erklärte die Situation und entschuldigte mich. Anschließend bat ich Gott in einem Gebet um Vergebung und entschied mich, von nun an in Verbindung mit ihm leben zu wollen. Ich spürte tiefe Erleichterung und explosive Freude.

Kinderkram? Kann ein Kind überhaupt schon wissen, was Sünde ist? Vielleicht. Doch ich habe als Mitarbeiterin auf christlichen Ferienlagern immer wieder erlebt: Kinder wissen sehr genau, dass manche ihrer Handlungen falsch sind – und sehnen sich nach Vergebung.

Ich erinnere mich an ein Mädchen, das darunter litt, dass sie ihre Eltern auf die Frage hin, wer etwas angestellt hatte, belog. Das führte dazu, dass ihre unschuldige Schwester Prügel bekam.

So wie sie können meiner Erfahrung nach viele Kinder schon in jungen Jahren benennen: An dieser einen Stelle habe ich etwas falsch gemacht und nicht so gehandelt, wie es gut und richtig gewesen wäre. In der Regel sind es nicht unendlich viele Vergehen, die sie belasten, sondern einige wenige Schlüsselsituationen, durch die sie erkennen: Mein Handeln ist nicht immer gut. Ich brauche Vergebung.

In der Erzählung »Die Schuldkiste«, die in meiner Kindheit in christlichen Kreisen recht verbreitet war, wird von einem Jungen erzählt, der Gegenstände, die ihn an schuldhaftes Verhalten erinnerten, in eine Kiste verbannte und erst später den Weg zur Vergebung fand.

Man braucht Kindern keine Schuld einzureden, wenn sie sie nicht klar empfinden. Das führt nur zu Verkrampfung und Unnatürlichkeit. Davon würde ich abraten. Doch viele Kinder wissen, wo sie definitiv falsch gehandelt haben. Sie erleben das Evangelium tatsächlich als frohe Botschaft: »Gott vergibt mir meine Schuld. Ich kann neu beginnen.« Unbeschwert. Kindlich. Froh.

 

Zuerst veröffentlicht in oora – Die christliche Zeitschrift zum Weiterdenken, Ausgabe Nr. 36 1/2010. Mit freundlicher Genehmigung. www.oora.de

 

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Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de