Kerstin Hack: Was macht man, wenn Gott nichts macht? Die Frage nach dem Leid

celtmourn282x212Heute erhielt ich eine Mail: Nach jahrelanger Kinderlosigkeit konnten Freunde vor einem Jahr unerwartet zwei Kinder adoptieren. Sie waren überglücklich. Jetzt wurde beim Mann ein Hirntumor diagnostiziert. Er liegt im Krankenhaus, ist kaum noch ansprechbar. Sie hoffen auf ein Wunder.

Warum geschieht so etwas? Warum greift Gott nicht ein, wo er doch liebend und allmächtig ist? Man fragt sich: Hätte ein liebender Gott nicht mein Kind beschützen, meine Ehe retten, meinen Arbeitsplatz erhalten müssen? Oft, wenn Gott etwas nicht tat, was ich erhofft oder erwartet habe, löste das tiefe Traurigkeit, Hilflosigkeit und viel Wut in mir aus. Oder – wie Mack es in dem Roman „Die Hütte“ nach einem Gewaltverbrechen an seiner Tochter tat – mit Rückzug. Mit einem Gott, der mir nicht hilft, will man nichts zu tun haben. Wie kann man sich auf ihn verlassen, wenn er, da wo man ihn dringend gebraucht hätte, offensichtlich nicht eingegriffen hat?

Das Schlimmste, was man in leidvollen Situationen tun kann, ist sich selbst die Schuld zu geben und sich anzuklagen. „Gott hilft mir nicht, weil ich…. Ach hätte ich doch…“ Das hilft nicht weiter. Der Gott der Bibel hat ein für alle Mal klar gemacht: Christus hat die Strafe für unsere Schuld auf sich genommen und getragen. Punkt.  Schlimme Dinge passieren, weil wir in einer kaputten, gebrochenen Welt leben. Aber nicht, weil Gott uns für unsere Sünden bestraft. Die Strafe liegt auf ihm, Christus, nicht auf uns.

Fast genauso zerstörerisch wie Selbstanklage ist es, Gott Vorwürfe zu machen und an seinem Charakter und seiner Liebe zu uns zu zweifeln. Eine Bekannte hat einen Mann geheiratet, der sie in der Ehe finanziell betrogen hat. Sie kann Gott anklagen: „Wieso hast du es zugelassen, dass ich diesen Mann geheiratet habe?“ Hätte Gott die Eheschließung tatsächlich verhindert, würden ihre Anklagen vielleicht anders lauten: „Gott, wieso haben sich meine Träume nicht erfüllt. Wieso hast du nicht gemacht, dass…?“

Unsere Sicht – auch auf Gottes Handeln – ist immer begrenzt. Wer weiß, ob das, was wir gestern für großes Glück hielten sich morgen zur Katastrophe verwandelt? Wir wissen nicht, ob das, was wir jetzt für eine Katastrophe halten, morgen vielleicht ein Segen ist. Und wie Gott selbst vermeintliche Katastrophen noch zum Guten wenden kann.

Und: Wieso sollte Gott alles tun? Er hat uns doch diese Welt anvertraut. Als selbstständige Verlegerin musste ich schmerzhaft lernen, dass Gott nicht meine Firma führt, für genügend Kunden und Publicity sorgt, sondern es mir zutraut und zumutet, meinen Verlag zu führen. Er nimmt mir die Verantwortung, mein Leben zu gestalten, nicht ab und schützt mich nicht vor jedem Fehler und jeder Katastrophe –das würde mich entwürdigen.

Leid ist immer schmerzvoll. Aber Gott anzuklagen, hilft uns nicht, den Schmerz zu bewältigen. Jede Anklage – gegen Gott oder uns selbst – bringt uns in Distanz. Zu Gott und zu uns selbst. Der Blick auf unsere vermeintlichen Rechte ist meist rückwärts gewandt: „Gott (oder ich) hätte das tun sollen!“ Das versperrt den Blick auf das Jetzt. Auch auf das, was ich jetzt brauche. Ich erlebe immer wieder, dass sich innerlich viel löst, wenn ich das, was hätte sein können, stehen lassen und vielleicht sogar akzeptieren kann. „Es war wie es war.“ Und wenn ich anschließend mit Gott über das spreche, was jetzt ist: „Bitte hilf mir, mit dem umzugehen, was mich jetzt bewegt, und was mir jetzt weh tut. Ich brauche jetzt deine Nähe.“

 

Büchertipp zum Thema:

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de