Kerstin Hack: Voller Leben

Ich lebe und ihr sollt auch leben. Jesus. Johannes 14, 19

Manche Dinge beginnen eher ungewöhnlich. „Spring“, mein Buch über das Leben und das, was das Leben lebenswert macht, begann mit dem Tod. Nicht mit meinem eigenen, ich bin noch gut lebendig, sondern mit Sterbefällen in meinem Freundeskreis. Weil ich einigen Menschen, die schmerzhafte Verluste erlebt haben, sehr nahe stand, fiel mir auf, dass nicht nur der Verstorbene tot war, sondern auch die Menschen, die ihm oder ihr nahe standen, ein Stück abstarben. Sie verloren die Lebensfreude, zogen sich vom Leben zurück und lebten das – trotz aller Verluste – immer noch wunderbare, bunte, vielfältige Leben nur noch in Schwarz-Weiß. Das bewegte mich und tat mir leid.

Jesus sagte doch: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Diese Aussage machte mich nachdenklich. Er meinte damit doch sicher mehr als bloßes Existieren – echtes, gefülltes, frohes, lebensspendendes Lebendigsein. Es war doch schon schlimm genug, dass einige wunderbare Menschen nicht mehr am Leben waren, aber ich fand es schrecklich, dass andere Menschen freiwillig das Lebendigsein aufgaben. Je intensiver ich die Reaktionsmuster beobachtete, die auf schmerzliche Verluste folgten, umso klarer wurde mir: Dieses Verhalten zeigen nicht nur Menschen, die einen Todesfall erlebt haben, sondern in gewisser Weise trifft und das alle.

Wir werden geboren und erhalten mit der Geburt die Einladung, unser einmaliges, einzigartiges, nie wiederkehrendes Leben voll und ganz und leidenschaftlich zu leben. Aber wir werden auch unser Leben lang mit dem Tod konfrontiert. Zum einen durch die Tatsache, dass unser Leben auf dieser Erde zeitlich begrenzt ist und eines Tages enden wird. Zum anderen durch 1000 kleine und große Tode: Trennung oder Verlust eines geliebten Menschen oder einer erfüllenden Aufgabe, schmerzhafte, verletzende Begegnungen, sowie Mobbing, Hass, Krankheit und Schicksalsschläge sind »Tod im Kleinformat«.

Mir wurde klar: Jedes Mal, wenn uns etwas Hartes, Kritisches oder Vernichtendes begegnet, stehen wir in der Gefahr, innerlich auch ein Stück weit abzusterben, indem wir steif, hart, kalt, abweisend und verschlossen werden. Die gute Nachricht: Wir haben bei jeder Begegnung mit dem Tod – egal ob es sich um einen großen oder kleinen Tod handelt – die Möglichkeit zu wählen, wie wir reagieren. Wir können innerlich mit in den Tod gehen oder am Leben bleiben: aufgeschlossen, nahbar, achtsam, begeisterungsfähig und beziehungsorientiert.

Das faszinierte mich. Ich habe mich über mehrere Monate mit dem Unterschied zwischen Tod und Leben beschäftigt und mir ganz konkret – zugegebenermaßen etwas morbide – überlegt, was der Unterschied zwischen einer Leiche und einem lebendigen Menschen ist. Mir fiel auf: Lebendige Menschen sehen, bewegen sich, sie wählen aus, gestalten, sie fließen innerlich mit, sie begegnen anderen und sie reflektieren. Tote tun all das nicht.

Leben kann man (neu) lernen, indem man die einzelnen Aspekte des Lebens bejaht, sich dafür entscheidet und manches bewusst übt. Ich habe das getan und gleichzeitig alles, was ich über das Einüben von Lebendigkeit weiß, zu Papier zu gebracht. So entstand mein Buch „Spring. Hinein ins volle Leben“. Es ist eine Einladung, sich – auch und besonders nach schmerzhaften Erfahrungen – wieder neu aufs Leben einzulassen.

Kurz nach Fertigstellung von Spring erfuhr ich, dass der Bibeltext, der mich beim Schreiben bewegt hatte die Jahreslosung für das Jahr 2008 sein würde. Ich hatte – ohne es zu wissen – das Buch zur Jahreslosung geschrieben. Wie überraschend lebendig.

 

Buch zum Thema:

 

Kerstin Hack: Spring. Hinein ins volle Leben. Down to Earth.

12,80 €. Direkt zu bestellen beim Down to Earth-Shop.

 

 

 

 

 

 

 

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de

3 Gedanken zu „Kerstin Hack: Voller Leben“

  1. Danke – und Dein Timing ist wiedermal „nicht von dieser Welt“…dieser Text passt für meine momentane Situation gerade 100%ig. – Ich trauere gerade um meine Mama, die vollkommen unerwartet vor 2 Wochen gestorben ist, und ich suche momentan nach Wegen, um mit dieser Trauer und den leider unvermeidlichen Schuldgefühlen (zu selten gesehen etc) umzugehen…Bewusst trauern, nicht verdrängen, weiterleben, nicht zurückziehen…und zB auch gerade jetzt beten, auch wenn es mir momentan sehr schwer fält, weil das Herz sogar zu schwer für einen Seufzer zu Gott ist…zwischen Theorie und Praxis liegen leider viele schwere Schritte…trotzdem hat mir dieser Text nun Mut gemacht – und dafür ein dickes Danke !

  2. Liebe Petra – danke für deinen offenen Kommentar…und wie schön, dass der Text zur rechten Zeit kam. Trauern ist Sortieren…das, was bleibt und das, was man loslassen muss. Ich wünsche dir, dass du deinem Herzen und Gottes Herzen sehr nahe sein kann….und Seufzer sind manchmal die allerbesten Gebete.

  3. vielen Dank, das ist wirklich nett…Und ja, Sortieren ist wichtig, wenn auch leider schmerzvoll, denn vieles, das war, wird nie wieder so sein…aber Gott weiss um das, was uns bewegt, und schickt uns grosse und kleine Hilfen…zB hilfreiche Postings wie Deines heute…Danke nochmal..

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