Kerstin Hack: Unter seinen Flügeln fliegen. Als junge Frau im geistlichen Dienst.

Kerstin Hack über die Auseinandersetzung mit der Frage von Frauen in geistlicher Leiterschaft. Hier berichtet sie von bezeichnenden Stationen in ihrem Leben.

Eine Chronologie.

 

1971

„Breit aus die Flügel beide, o Jesu meine Freude und nimm Dein Küchlein ein –
will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen, dies Kind soll unverletzet sein.“


Meine Großmutter ist die erste Frau, die mir Jesus nahe bringt. Eingehüllt in ein Federbett, das so schwer ist, dass ich mich kaum bewegen kann, lausche ich ihren – für mich kaum verständlichen – Worten. Von einem zarten Jesus-Bild sanft angelächelt, erlebe ich zum ersten Mal die Geborgenheit, die nur Er geben kann.

1973 – 1975

Bei Kindergeburtstagen verkleide ich mich nur ungern als edle Prinzessin im Seidenkleid. Als Pirat hat man mehr Bewegungsfreiheit…

1977

Diakonissen, Frauen Gottes mit allem Drum und Dran (Haube, Schwesterntracht und viel Humor), führen mich auf einer Kinderfreizeit zu Jesus. Die Freude über seine Vergebung füllt mich bis zum Platzen… Der Jesus, den Oma mir nahe gebracht hat, ist nun in mein Leben gekommen.

1980

Unsere Teenie-Gruppe bricht zusammen. Ich bleibe als (fast) einzige übrig. Die leitende Diakonisse gibt nicht auf, sondern nimmt sich jeden Freitagabend Zeit, mit mir zu singen, zu beten und in der Bibel zu lesen. Sie leiht mir viele Biographien großer Männer und Frauen Gottes aus. Ein Intensiv-Jüngerschaftstraining. Erst Jahre später begreife ich, welchen Schatz diese Frau in mich gelegt hat.

1981

Als Frau, die dem Herrn dienen will, kann man Missionarin werden, Predigerfrau oder Diakonisse. Eine Freundin erklärt mir: „Es ist ein Unterschied, ob du selber als Frau im vollzeitlichen Dienst bist oder mit einem Mann im Dienst verheiratet bist.“ Das leuchtet ein. Die meisten Predigerfrauen, die ich kenne, bleiben so sehr im Hintergrund, dass man weder ihre Namen noch ihre Gesichter kennt. Das erscheint mir nicht sonderlich reizvoll. Ernsthaft setze ich mich mit der Frage auseinander, ob ich – trotz eines abstehenden Ohrs – unter eine Diakonissenhaube passen würde. Als eine Diakonisse mir erklärt, dass alle jungen Schwestern gut singen können, ist auch diese Möglichkeit gestorben. Bleibt nur noch Missionarin übrig…

1983

In der Kleinstadt, in die ich mittlerweile umgezogen bin, gibt es keinen Bibelkreis. Also gründe und leite ich einen gemeinsam mit einer anderen Christin. Frauen in Leiterschaft? Die Frage stellt sich uns nicht. Wer hätte es sonst machen sollen? Es gab keine gläubigen Männer am Ort. Mehrere Teilnehmer finden in dieser Zeit zu einer lebendigen Beziehung zu Jesus.

1984

Im Kino läuft „Yentl“. Zwei Frauentypen werden in dem Film, der Anfang des Jahrhunderts spielt, kontrastiert. Yentl ist burschikos und wissensdurstig, ein Bücherwurm, dem die weiblichen Tätigkeiten nicht recht gelingen wollen. Im Kontrast dazu Hadaz, eine ausgesprochen feminine Frau „mit Bändern und Spitzen, die immer recht sitzen“. Sie sieht wunderbar aus, kann köstlich backen und kochen, ist sehr gefühlvoll und hält Denken und Lernen für Tätigkeiten, die den Männern vorbehalten sind. Der Film „Yentl“ verdichtet sich in mir zum Bild dessen, was ich sein möchte: Nicht entweder denkende oder fühlender Frau, sondern eine Frau, die ihr ganzes Hirn und ihr ganzes Herz zu benutzen weiß.

1985

Ich erlebe den ersten charismatischen Gottesdienst. Mit einer echten Prophetin. Sie predigt mit einer Leidenschaft und Hingabe, die ich noch nie erlebt habe. Anschließend gibt sie mehrere absolut korrekte Prophetien an ihr unbekannte Menschen weiter, die ich jedoch kenne. Neue Dimensionen dessen, wie man Gott erleben und ihm dienen kann, eröffnen sich mir.

1991

In der christlichen Studentenarbeit, in der ich mich engagiere, gilt die Regel: Frauen werden von Frauen übersetzt, Männer von Männern. Mein Englisch ist gut, deshalb werde ich zur Übersetzerin erkoren. Nur: ich komme praktisch nicht dran. Weibliche Gastredner tauchen nicht auf.

1992

Endlich kommt doch eine Ehefrau als Gastrednerin. Sie erklärt, dass es von der Heiligen Schrift her eindeutig ist, dass sich Ehefrauen den Ehemännern unterordnen sollen (erst später entdecke ich Bibelstellen wie Epheser 5,21, die auch von gegenseitiger Unterordnung sprechen). Sie erklärt, dass sich das auf Ehe bezieht und nicht bedeutet, dass sich alle Frauen allen Männern unterordnen müssen. Was für eine Erleichterung!

1994

Als Assistentin des englischsprachigen AIMS-Direktors komme ich nach Berlin und erlebe die Pionierphase eines neuen Dienstes mit – und genieße es.

Herbst 1994

Die Österreicherin Maria Prean beeindruckt mich. Eine Leiterin, die humorvoll und ehrlich ist, Feuer in den Knochen hat, kein Blatt vor den Mund nimmt. Eine Frau, die trotz mancher Lebenskrisen voll unerschütterlichen Gottvertrauens ist und sich stur weigert, ihrem Gott zu misstrauen. So (ähnlich) möchte ich mal sein, wenn ich 50 bin.

Frühjahr 1995

Nach nur einem Jahr geht mein Chef zurück in seine Heimat. Der Vorstand fragt mich, ob ich bereit wäre, die Arbeit weiterzuführen. Mein alter Chef sagt mir: „Leite es doch einfach übergangsweise, bis wieder ein richtiger Leiter (ein Mann?!) da ist.“ Der „richtige“ Leiter kommt nie. Im Sitzungsprotokoll steht: „Es soll versucht werden, die Arbeit von AIMS mit Kerstin weiterzuführen.“

Auch ich traue mir nicht allzu viel zu und beklage mich betend: „Gott, mein früherer Chef hatte so viel Erfahrung, so viele Kontakte. Ich selber bin so unerfahren…“ Jesus antwortet mir innerlich: „Als ich nach Jerusalem eingezogen bin, habe ich mir kein Paradepferd der Wiener Hofreitschule ausgesucht, sondern einen kleinen Esel, auf dem noch nie jemand geritten war. Wenn mir das für meinen Einzug nach Jerusalem genügt hat, dann reichst du mir auch für AIMS.“ Ich kapiere: Es kommt nicht auf die Qualität des Trägers an, sondern darauf, wer im Sattel sitzt!

Ich habe zwar die Aufgaben meines früheren Chefs übernommen, aber er war Direktor, ich tue das gleiche und bin „Büroleiterin“. Das klingt so, als ob ich Sekretärinnen erzähle, wie sie Bleistifte spitzen sollen. Ich bin froh, als der Titel später etwas passender zu „Geschäftsführerin“ umgeändert wird.

Ein guter Freund erklärt mir an meinem ersten Tag als offizielle Leiterin von AIMS: „Jetzt wird sich kein Mann mehr an Dich herantrauen.“ Ist das wahr? Haben Männer so viel Angst vor Frauen in Leitungspositionen, dass sie sich nicht in ihre Nähe wagen? Wieso soll geistliche Leiterschaft automatisch bedeuten, dass eine Frau nicht in der Lage ist, sich in eine Partnerschaft einzufügen? Es dauert lange, bis ich die quälenden Fragen wieder aus meinem Kopf und Herzen verbannt habe.

Mai 1995

Ich lade verschiedene Leiter zu einem Arbeitstreffen ein. Die einzige Frau, die an dem Treffen teilnehmen will, sagt kurzfristig ab. Verdorbene Pommes und die Aussicht, ein Treffen von überwiegend älteren Männern zu leiten, verderben mir komplett den Magen. Die Nacht vor dem Treffen verbringe ich im Badezimmer. Die Gebete von Geschwistern und die Akzeptanz der Brüder bringen mich wieder hoch. Das Treffen wird ein Erfolg. Ein Mann betet für eine meiner Mitarbeiterinnen: „Herr, segne Esther in ihrer Jugend, wenn sie jetzt kommt, um Kerstin zu unterstützen.“ Esther in ihrer Jugend ist nur drei Monate jünger als ich.

Pfingsten 1995

Martin Bühlmann sagt: „In unseren Gemeinden sind 65 Prozent der Mitglieder nicht zum Dienst freigesetzt“. Die Zuhörer – ich eingeschlossen – sind erstaunt über diese präzise Statistik. Er redet weiter: „Ich meine die vielen Frauen in unseren Gemeinden.“

Herbst 1995

Immer wieder schreie ich zum Herrn: „Zeig‘ mir, wie ich als Frau leiten kann!“ Ich kann und will nicht wie ein Mann leiten, aber frage mich, wie weibliche Leiterschaft aussehen soll. Vergeblich suche ich nach Modellen für weibliche Leiterschaft. Die meisten Leiterinnen sind zehn oder 20 Jahre älter als ich und oft verheiratet. Es ist ein Geschenk Gottes, endlich eine Frau in etwa meinem Alter und in einem ähnlichen Dienst kennen zu lernen. Sie erträgt und beantwortet viele meiner „Wie machst du das?“-Fragen…

Februar und November 1996, September 1997

Ich arbeite mit Jan Schlegel zusammen, um die „Mission 2000“-Konferenzen durchzuführen. Auch wenn unsere Dickschädel gelegentlich ohne ABS zusammenprallen, ist die Zusammenarbeit mit ihm sehr partnerschaftlich und bereichernd – und oft sehr lustig. Ein Teilnehmer sagt mir, dass das Erleben unserer Zusammenarbeit ihm Hoffnung für Deutschland gegeben hat. Ich frage mich oft, warum Gott ausgerechnet zwei so junge, an vielen Stellen noch ungehobelte Leiter wie uns ausgewählt hat. Der Kommentar einer Teilnehmerin hilft mir: „Wenn ich euch zwei da vorne stehen sehe und mitbekomme, dass ihr auch nicht alles im Griff habt, und sehe, dass Gott Euch trotzdem gebraucht, dann bekomme ich Hoffnung, dass er mich auch gebrauchen kann.“

April 1996

Noch immer habe ich viel Respekt vor „großen“ Leitern. Auf einem Einsatz lerne ich mehrere kennen. Ein älterer Leiter aus der Schweiz beeindruckt mich besonders. Immer wenn ich schüchtern von meinen ersten Gehversuchen im geistlichen Dienst erzähle, kommentiert er begeistert: „Das ist doch gewaltig, oder?!“. Befreiende Vaterschaft und Annahme machen sich in meiner Seele breit und schmelzen die Angst vor den „großen“ Leitern. Meine silbergraue Brille, die mir Seriosität und eine Ausstrahlung von Leiterschaft verleihen sollte, lege ich nach dem Einsatz zugunsten von Kontaktlinsen ab.

Sommer 1996

Zum allerersten Mal predige ich in einem Sonntagsgottesdienst. Vorher zittern mir die Knie. Ein guter Freund von mir betet: „Im Namen aller Männer sage ich, dass Kerstin die Freiheit haben soll, das zu reden, was du ihr aufs Herz legst.“ Ich kichere und frage mich, ob er wirklich das Recht hat, im Namen aller Männer zu reden? Was soll’s – das Gebet ermutigt und befreit! Wow!

Herbst 1996

In meiner Stillen Zeit frage ich mich, wie das Konzept der Unterordnung funktioniert. „Herr, die Chance, irgendwann mal einen perfekten Mann zu heiraten, ist gleich Null. Aber wie soll ich mich denn jemandem unterordnen, der garantiert Fehler macht und falsche Entscheidungen trifft? Das musst Du mir erklären.“ Am Abend ermutige ich eine Freundin, die Schwierigkeiten damit hat, Gott zu hören. Sie betet für mich und bekommt 1.Petrus 3,5: „So schmückten sich auch einst die heiligen Frauen, die ihre Hoffnung auf Gott setzten und sich ihren Männern unterordneten“. Ich verstehe: Die Sache mit der Unterordnung funktioniert nur, wenn ich meine Hoffnung auf Gott setzte. Wenn ich ihm vertraue, dann wird er mich auch vor Schaden durch Fehlentscheidungen eines Ehemannes oder Leiters  bewahren. Ich habe für mich den Schlüssel gefunden.

1997

Immer wieder sagen mir Männer (und Frauen!): „Es ist ja ganz schön, dass du diesen Dienst bei AIMS tust, aber Gott hätte sicher lieber einen Mann berufen.“ Ich weiß, dass Gott mich berufen hat, es macht mich müde, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich an den Platz gegangen bin, an den der Herr mich gerufen hat. Bin ich nur Gottes zweite Wahl? Ich lerne einen Mann kennen, der einige Jahre zuvor gebeten worden war, die Arbeit von AIMS in Deutschland aufzubauen. Er hatte das Zeug dazu. Aber als er betete, zeigte ihm Gott, dass  dieser  Job nicht seine Berufung ist. In mir jubelt es: „Gott hätte einen wirklich guten Mann nehmen können, aber er wollte mich!“ Ein wenig schadenfroh genieße ich es, ein schlagkräftiges Argument gegen die „Zweite Wahl“-Theorie zu haben.

Mai 1997

Gott beruft mich, ein Gebetsteam in ein arabisches Land zu leiten. Der Co-Leiter ist ein Mann. Einige können diese Konstellation nicht verstehen, aber Gott hat ganz klar mir den Auftrag und damit auch die Autorität dafür gegeben. Als wir ankommen, begrüßt ein einheimischer moslemischer Leiter zuerst mich, dann den Co-Leiter, dann Fiona, eine weitere Frau aus dem Team und heißt uns in seinem Land willkommen. Das ist eine völlig ungewöhnliche Reihenfolge in einem arabischen Land. Fiona kommentiert erstaunt: „Es ist, als ob er weiß, wer bei uns die Leitung hat!“ Eine interessante Erfahrung.

Sommer 1997

Einer meiner langjährigen Mitarbeiter erzählt mir: „Früher hatte ich immer Angst vor deutschen Frauen – durch die Zusammenarbeit habe ich diese Angst verloren.“ Es ist das (bisher) schönste Kompliment meines Lebens. Gott hat den Schrei meines Herzens „Hilf mir, gut zu leiten“ offensichtlich erhört.

Frühjahr 1997

Ich bin ausgelaugt und fahre zum Auftanken auf eine Konferenz. Ich wünsche mir, segnendes Gebet zu empfangen. Es wird allerdings nur nach spezifischen Aufrufen für Leute gebetet. Alle Ehefrauen von Leitern werden nach vorne gerufen und empfangen Gebet. Während sie noch vorne stehen, wird allgemein für „die Leiterinnen in Deutschland“ gebetet. Um mich herum sitzen mehrere ledige Leiterinnen von geistlichen Diensten. Ich koche vor Wut: „Kapieren diese Leute nicht, dass es Leiterinnen gibt, die nicht verheiratet sind und dass nicht jede Frau eines Leiters automatisch selbst Leiterin ist…?“ Gott erinnert mich an eines meiner Versprechen: „Ich will dir vertrauen, dass du mich auch durch unvollkommene Leiter richtig führst.“ Als ich ihm still im Herzen neu mein Vertrauen ausspreche, erfüllt mich tiefer Frieden, der wie in Wogen in meine Seele kommt. Seine Wärme und Liebe schmilzt die Wut. Ich nehme nicht mehr wahr, was um mich herum vorgeht. Plötzlich spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Der Leiter der Konferenz steht vor mir und fragt „Darf ich für dich beten?“. Er segnet mich lange, dann betet sein Co-Leiter, dann zwei weitere Mitarbeiter und noch mal zwei. Gott hatte es – trotz aller menschlichen Unzulänglichkeit doch richtig für mich gemacht.

Sommer 1997

Eine junge Leiterin kommt zu mir. Sie weiß sich von Gott in eine Gemeindegründungsarbeit berufen und ist dafür auch offensichtlich begabt. Ihre Teammitglieder und die Pastoren ihrer Gemeinde erkennen ihre Berufung an, aber sie selbst kämpft mit der Frage, ob sie als Frau überhaupt leiten darf. Die Bibel ist voll von Beispielen, die in Leitungsdiensten stehen – ich frage mich, wieso wir uns immer noch so schwer damit tun. Weniger die Bibel scheint das Problem zu sein als vielmehr unsere verzerrte Perspektive.

Herbst 1997

Auf einer Zugfahrt erklärt mir ein Theologe einige der schwierigen „Frauenstellen“ in der Bibel. Er erklärt mir die genaue Bedeutung griechischer Worte und zeigt mir an konkreten Beispielen, wie sich vorherrschende, Frauen abwertende Weltbilder der Übersetzer auf die Übersetzungen ausgewirkt hat. Mir gehen Kronleuchter auf. In den folgenden Monaten löchere ich ihn und einen befreundeten Neutestamentler mit Fragen, die sie bereitwillig beantworten. Ich beginne, den Teufelskreis zu verstehen: ein bestimmtes (nicht biblisches) Weltbild prägt die Übersetzungen. Die übersetzten Bibeltexte werden dann verwendet, um („biblisch begründete“) Lehrmeinungen zu rechtfertigen, die Frauen in der Entfaltung ihrer Gaben und Berufungen blockieren.

Sommer 1998

Rob, knapp 15 Jahre älter als ich, leitet den Schulungszweig unserer Organisation. Er stellt mich seinem jüngsten Sohn mit den Worten vor: „Das ist mein Boss.“ Wir amüsieren uns köstlich über das Entsetzen in seinem Gesicht. Für uns ist die Zusammenarbeit in dieser Konstellation von Anfang an so natürlich gewesen, dass wir kaum mehr darüber nachdenken – jeder hat seinen Platz.

Sommer 1998
In meinem Team sind gegen alle Regeln (?!) mehr Männer als Frauen. Ich genieße die Zusammenarbeit mit meinen „Jungs“ und „Männern“ sehr, auch wenn ich gelegentlich ihren liebevollen Spott über (mal wieder) abgestürzte Computer ertragen muss.

September 1998

Ich lese in meiner Stillen Zeit die Geschichten von Esther und Deborah. Ich bin fasziniert von der Bereitschaft, sich von anderen Rat geben zu lassen und von dem Mut, den Esther beweist. Auch Barak fasziniert mich. Da ist ein Mann, dem es wichtiger ist, eine gesalbte Frau an seiner Seite zu haben, als selber die Ehre zu bekommen. Ich wünsche mir eine neue Generation von Baraks, die sagen: „Wir wollen, dass Ihr Frauen Gottes mit uns geht, egal, wer am Ende die Ehre bekommt.“

November 1998

Der australische Pastor Jim Nightingale erzählt auf einer Konferenz, dass in der Nacht vor der Landung der ersten Weißen in Australien, alle Frauen an Bord des Schiffes vergewaltigt wurden. Er erzählte, wie Christen im Gebet und Versöhnung versuchen, das tiefe Misstrauen zwischen Männern und Frauen aufzubrechen. Dann bat er alle Frauen, die jemals von Männern emotional oder körperlich misshandelt oder sexuell missbraucht worden sind, aufzustehen. Kaum eine Frau blieb sitzen. Er und andere Leiter bitten die Frauen um Vergebung für Unterdrückung, Gewalt und für den Ausschluss von Leiterschaft. Der über viele Jahre lang angestaute Schmerz bricht aus den Frauen heraus. Viele schluchzen, weinen und schreien.

In mir wächst der Wunsch, mehr als bisher an der Versöhnung zwischen Männern und Frauen beteiligt zu sein. Es geht nicht darum, dass einer den anderen dominiert oder manipuliert, sondern dass wir gemeinsam, versöhnt mit unseren Unterschieden, den Auftrag Jesu erfüllen.

Winter 1998

Ich übernehme die Koordination und Leitung einer Gebetsinitiative. Mit im Boot sitzen Leiter, die viel mehr Erfahrung mit Leitung haben als ich. Eine Gruppe von erfahrenen Leitern leiten ist eine neue Herausforderung. Meine Knie sind weich und die Angst, etwas falsch zu machen schnürt mir gelegentlich die Kehle ab. Bei den Arbeitstreffen erstaunt es mich, wie selbstverständlich sie meine Leiterschaft akzeptieren, ja ausdrücklich wünschen. Sie scheinen weniger Probleme mit mir als Leiterin zu haben als ich selbst.

Februar 1999

Die gute Zusammenarbeitet bricht zusammen. Ein Leiter besteht darauf, dass die Initiative, die ich ins Leben gerufen habe, von jemandem, mit einem „nationalen Mandat“ geleitet wird. Die anderen Mitglieder im Trägerkreis wagen es nicht, sich dagegen zu stellen, obwohl einige, wie sie mir hinterher sagen, das Vorgehen nicht richtig fanden. Eine Gruppe von Männern übernimmt das Projekt, ich darf nur noch organisatorische Aufgaben übernehmen. Es verletzt mich weniger die Haltung des einen Mannes, der von seiner Perspektive aus richtig gehandelt hat, als die Passivität der anderen, die mich nicht verteidigen, sondern allein im Regen stehen lassen. Ich hatte viel Herzblut in das Projekt investiert. Nun weine ich stundenlang, wie um ein Kind, das man mir weggenommen hat. Ich bin froh um eine Freundin, die da ist und mittrauert und mir zum Trost wunderschöne Blumen kauft. Jochebed, die Mutter von Mose wird zu meiner Heldin. Wie hat sie den vom System erzwungenen gewaltsamen Verlust ihres Kindes ertragen? Wie hat sie es ausgehalten, bei allen nur als „Amme“ zu gelten, wo sie doch wusste, dass sie die Mutter des Kindes war?

Februar 2000

Die Visionen für Gebet und Veränderung von Städten, die ich habe, passen nicht mehr in den Rahmen des Vereins, für den ich bisher gearbeitet habe. Mit wackeligen Füssen mache ich mich auf den Weg in die Selbständigkeit. Ich erlebe, wie Gott den Prozess so sehr beschleunigt, dass mir fast schwindelig dabei wird. Ich synchronisiere und vertreibe die Transformation-Videos, die zu hunderten ins Land gehen. Ein Freund kommentiert erstaunt: „Manche Leiter haben versucht, dich zum Schweigen zu bringen, jetzt hört man deine Stimme im ganzen Land!“

Frühjahr 2001

In einer Gebetszeit empfinde ich, dass Jesus mich fragt: „Willst Du viele berühren (z.B. durch Vorträge) oder einige prägen? Du hast die Wahl. Ich entscheide mich dafür, ein Mensch zu werden, der primär in andere investiert und intensiv, eins zu eins, die Dinge an andere weiterzugeben, die ich selbst von Jesus lerne.

Oktober 2001

Ich setzte mich leidenschaftlich für den Aufbau einer Jugendgemeinde ein. Mit Haut und Haaren lehre ich, bete ich, kümmere mich um die Menschen, die zu uns kommen. Ich träume davon, dass es uns „Jungen“ gelingt, aufzubauen, wo die „Alten“ sich schwer tun – ein Team aufzubauen, in dem Männer und Frauen sich ergänzen und miteinander Reich Gottes bauen. In dem kleinen Leitungsteam zu dem ich gehöre, nehmen die Spannungen jedoch zu. Der Hauptverantwortliche sagt es in einem klärenden Gespräch ganz klar: „Ich will kein gleichberechtigtes Team neben mir, sondern ein Team, das in erster Linie das umsetzt, was ich auf dem Herzen habe. Das ist in meinem Augen ein gutes Leitungsteam.“ Mir bleibt die Spucke weg. Ich weiß, dass ich in einer reinen Unterstützungsfunktion meine konzeptionellen und strategischen Gaben nicht einbringen kann. Ich weiß, dass ich in einem solchen „Team“ früher oder später innerlich verkümmern werde. Ich bleibe weiter dabei, aber bitte, aus dem Team entlassen zu werden. Später geht der andere Co-Leiter aus den gleichen Gründen. Warum tun wir uns so schwer damit, gemeinsam zu bauen?

2002

Ich habe das Empfinden, dass es im Leib Jesu noch viel um Machtkämpfe geht. Wie auf der Börse versuchen viele, sich ihren Marktanteil zu sichern und kämpfen um das größte Stück „Kuchen“. Ich habe Angst vor weiteren Auseinandersetzungen mit Menschen, die niemanden neben sich ertragen können und bin froh, dass ich mich für eine Weile hinter der wachsenden Verlagsarbeit „verstecken“ kann.

 

2003

Das Netzwerk „Gemeinsam für Berlin“ kommt in Gang. Der Vorstand besteht ausschließlich aus den fünf Männern, die die Vision dafür geboren haben. Als Frau, die aktiv mitwirkt, fühle ich mich unter ihrer Leiterschaft extrem wohl. Ich habe das Empfinden, dass sie keine eigenen Ambitionen oder gar Starallüren haben. Sie sind offen für das, was ich einbringe. Sie greifen meine Impulse auf, prüfen sie intensiv und stellen sich, wenn sie etwas gut finden, voll und ganz dahinter. Ich bin ein impulsiver Mensch, der nicht immer alle Details bedenkt. Deshalb ist diese Art der Kooperation für mich die optimale Ergänzung und Plattform. Ich erlebe viel Wertschätzung, aber auch gute, konstruktive Kritik, die mich vor einigen Fehlern bewahrt. Bei Veranstaltungen spricht der oder diejenige, die etwas zu sagen hat, manchmal auch ich. Ich genieße diese vertrauensvolle, natürliche und ungezwungene Zusammenarbeit.

Winter 2002

Ein befreundeter Leiter weiß um ungelöste Konflikte zwischen mir und einem anderen Leiter und bietet sich für ein versöhnendes Gespräch als „Übersetzer“ an. Als mir während des Gesprächs ein massiver Vorwurf gemacht wird, springt der „Übersetzter“ ein und nimmt mich in Schutz: „Ich kenne Kerstin schon lange und arbeite seit Jahren mit ihr zusammen. Das Verhalten, das du ihr vorwirfst, habe ich an ihr nie erlebt.“ Das ist einer der schönsten Sätze, die ich je gehört habe.

Februar 2003

Ein Berliner Pastor spricht in einer Gebetszeit über mir aus: „Willkommen in Berlin. Du hast hier einen Platz. Du darfst sein, wer du bist. Du darfst natürlich sein. Du bist willkommen.“ Und er unterstreicht es mit seinem Leben – indem er mir immer wieder Raum gibt, mich ermutigt und unterstützt. Berlin hat einige der schlimmsten Männer der Geschichte hervorgebracht. Aber auch einige der besten.

Sommer 2003

Es macht mich hilflos und wütend, immer wieder „wohlmeinende“ Kommentare von flüchtigen Bekannten über mein Single-Sein zu bekommen. Ich empfinde das als Grenzüberschreitung und frage mich, warum verheiratete Menschen sich die Freiheit herausnehmen, jemanden, den sie kaum kennen, auf etwas so persönliches wie die Frage der Partnerschaft anzusprechen. Ich frage Ehepaare, die ich kaum kenne, doch auch nicht nach der Qualität ihres Ehe- und Sexuallebens. Ich wage es, einer Person zu schreiben, dass ich Fragen zu meinem Lebensstand als unangemessen für eine geschäftliche Beziehung finde. Er entschuldigt sich dafür, aber der geschäftliche Kontakt ist seither abgebrochen.

Herbst 2003

Ich reise nach Afghanistan und bin überrascht, wie schnell man sich an die Dinge gewöhnt, die für Frauen dort normal sind: immer einen Schleier tragen, einem Mann beim Gespräch nicht in die Augen sehen, immer auf dem Rücksitz des Fahrzeugs Platz nehmen.

Juli 2004

Ich werde zum ersten Mal Tante – und finde es wunderschön.

Januar 2004

Ein Freund erklärt mir, dass ein Vater seinen Kindern die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen und anderen etwas zu geben, vermittelt. Eine Mutter gibt das Wissen um Rechte und die Fähigkeit zu empfangen weiter. Mich bewegt das tief. Ich weiß um die Begrenzungen meiner Eltern, die auch in meinem Leben ihrer Spuren hinterlassen haben. Aber ich bitte Gott, all das, was da gefehlt hat, auszufüllen. Nicht nur, damit ich selbst in meiner Tatkraft und meinen Rechten gestärkt bin, und mehr empfangen und geben kann, sondern auch, um andere zu unterstützen und ihnen geben zu können. Ich will Mutter sein!

 

Leicht gekürzte und veränderte Fassunt eines Artikels, der zuerst in der Zeitschrift Aufatmen erschien. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Büchertipp zum Thema:


Loren Cunningham: Why not women? A fresh look at Scriptures on Women in Missions, Ministry and leadership. YWAM Publishings, 2001.

11,99€ Erhältlich z.B. bei Amazon.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de