Kerstin Hack: Starke Männer

Als Single darüber schreiben, was Ehe und Partnerschaft stark macht – ist das nicht etwas gewagt? Vielleicht. Aber vielleicht ist es nicht weniger gewagt, als wenn verheiratete Menschen aus der Erfahrung einer Ehe über die Ehe im Allgemeinen reden? Wir sehen immer nur Teile des Bildes. Vielleicht kann derjenige, dem kein konkreter Partner den Blick auf die Ehe im Allgemeinen verstellt, manches klarer sehen, als der Mensch, der immer die Erfahrungen der eigenen Ehe vor Augen hat?

Unsere Zeit, ist in Bezug auf die Entdeckung der Dinge, die die wahre Stärke von Ehe ausmachen, außerordentlich verheißungsvoll. Überall zerbrechen bisher etablierte gesellschaftliche Rollenmodelle von Ehe und Familie. Die dadurch entstehende Werte-Verwirrung könnte uns dazu verleiten, in den Vergangenheitsblues abzugleiten und der „guten alten Zeit“ nachzutrauern, in der alles so viel einfacher war.

Das Zerbrechen von Formen, die häufig mehr an bürgerlicher Norm als am biblischen Vorbild für Ehe orientiert waren, könnte uns aber auch beschwingt in die Zukunft blicken lassen. Unsere Generation steckt nicht mehr in gesellschaftlich fest vorgegebenen Rollenbildern fest und kann sich ganz neu mit dem auseinandersetzen, wie Gott sich Ehe wirklich gedacht hat. Wir haben wie keine Generation vor uns die Chance, das Wesen der Ehe neu zu entdecken und auszuleben. Das ist phantastisch.

Jeder von uns ahnt: Unsere Gesellschaft und unsere Gemeinden brauchen dringend Männer und Frauen, die als Paar, als Freunde und als Team zusammenstehen, die sich ergänzen, und sich aktiv dafür einsetzen, dass Menschen Gott begegnen und miteinander ihren Glauben leben können. Wir brauchen stabile Ehen, die über die Jahre stark bleiben oder noch stärker werden, schwache, schwankende Ehen, die stark werden, und junge Ehen, die mit den Jahren an Stärke gewinnen.

Wie kommt man zu solchen Ehen? Als Single ist das für mich in zweierlei Hinsicht eine wichtige Frage. Zum einen, weil ich verheiratete Freunde dabei unterstützen möchte, mit ihren Ehen zum Ziel zu kommen. Zum anderen, weil ich als Single-Frau die Ehe als Lebensoption für sich selbst nicht ausschließt, gerne wissen und verstehen will, was Ehen erfüllt und stabil macht. Und nicht zuletzt, weil Ehe auch ein Sinnbild für die Beziehung der Gemeinde zu ihrem Gott ist.

Die Bilder von Ehe und die Beziehung Jesu zu seiner Gemeinde („seiner Braut“) beleuchten sich gegenseitig: Die Art, wie wir Ehe selbst erleben oder als Betrachter wahrnehmen, wird unser Denken über unsere Beziehung zu Gott prägen. Und umgekehrt: Wenn unsere Beziehung zu Gott als befreiend und glücklich erlebt wird, wird sich dies auch auf die Gestaltung der Partnerschaft auswirken.

 

Abenteuer

Ein wesentlicher Aspekt einer befreienden Beziehung ist der Aspekt des Abenteuers.

John Eldredge beschreibt das in „Der ungezähmte Mann“ sehr schön: „Zu viele Männer machen den Fehler zu glauben, dass die Frau selbst das Abenteuer ist. An dieser Stelle geht es mit der Beziehung unweigerlich bergab. Die Frau möchte nicht selbst das Abenteuer sein, sie möchte in etwas mit hinein genommen werden, das größer ist als sie selbst.“[1]

Mit Gott erlebe ich das ähnlich – jedoch nicht immer so dramatisch wie bei einem Urlaub auf Lanzarote. Freunde hatten mir ihre Ferienwohnung und einen Landrover mit Allrad-Antrieb zur Verfügung gestellt. Ich genoss es, auf holprigen Wellblechstrassen entlangzufahren, durch Hügel und Berge, unbekannte, neue Wege zu entdecken und große Staubwolken hinter mir aufzuwirbeln. An einem Tag, als ich betend auf einem Hügel saß, entdeckte ich einen Weg, der mir bis dahin noch nicht aufgefallen war. Auf der Karte war er als unbefestigte Straße eingezeichnet. Die Bedeutung des Wortes „unbefestigt“ erschloss sich mir in ihrer tiefsten Bedeutung erst, als ich schon ein ganzes Stück gefahren war. Wenden war nicht möglich. Der Weg war kaum so breit wie ein Auto, rechts gingen Felswände fast senkrecht nach oben, links steil in eine Schlucht nach unten. Manche Stellen waren so ausgewaschen, dass ich erst weiterfahren konnte, nachdem ich die halbmetertiefen Schlaglöcher mit heran geschleppten Felsbrocken ausgefüllt hatte. An manchen Kurven musste ich mit Vollgas über die Löcher „fliegen“, um dann sofort das Steuer wieder herumzureißen, der Felswand auszuweichen, dann sofort wieder gegensteuern, um nicht in den Abgrund zu stürzen.

Das war alles andere als gemütlich, keine Sonntags-Spazierfahrt, sondern die wildeste und rauste Strecke, die ich je gefahren bin. Endlich fand ich einen Platz zum Anhalten und Verschnaufen – mit faszinierender Aussicht auf eine unbewohnte Gegend, Berge und unendlich weites Meer. Ich fragte Gott etwas irritiert: „Sag mal, warum hast Du mich nicht vor dieser Strecke gewarnt?“ Und ich  empfand, dass er mir ganz leise und zart antwortete: „Weil ich Dir zeigen wollte, was ich geschaffen habe.“ Ich war fassungslos. Da schickte mein Gott mich auf halsbrecherische Wege, riskierte mein Leben und die Frühpensionierung meiner Schutzengel – „nur“ weil er sich danach sehnte, mir eine Ecke seiner atemberaubend schönen Welt mit mir zu teilen. Es war ihm wichtig, mir einen Teil der Schöpfung zu zeigen, den ich anders nie entdeckt hätte. Was für ein Gott!

 

Gemeinschaft und Intimität

Die Sehnsucht, von jemandem, der größer und stärker ist, als man selbst, zu einem Abenteuer eingeladen zu werden, haben sicher auch Männer. Abenteuer mit Gott zu erleben, stärkt die Beziehung zu Gott ebenso (oder noch mehr) wie softe Liebesbekenntnisse zu Jesus in Lobpreiszeiten, die ohnehin nicht jederman(n) leicht über die Lippen kommen.

Intimität (auch mit Gott), die beim Austausch von (verbalen) Zärtlichkeiten stecken bleibt, ist Hollywood-Süßholzgeraspel. Aber das ist nicht biblisch. Der Bräutigam der Bibel beschränkt den Ausdruck seiner Liebe nicht auf Worte der Liebe. Er geht vielmehr auf der Basis der vorhandenen tiefen Gemeinschaft weiter zum gemeinsamen Auftrag. Er lädt die Braut ein, gemeinsam mit ihm zu handeln. Wir sind als Partner Gottes geschaffen und berufen.

Es macht glücklich, von Gott eingeladen zu werden, mit ihm zu handeln. Ich denke gerne an die Zeit zurück, als ich es als Auftrag Gottes empfand, die Transformation Videos auf Deutsch zu produzieren. Ohne Vorkenntnisse im Medienbereich ließ ich mich auf dieses Abenteuer ein. Ich wusste oft nicht, wie es weitergehen sollte, aber Schritt für Schritt erlebte ich: Gott hat etwas geplant und vorbereitet, hilft mir, es richtig und gut zu machen (nicht perfekt… das wissen alle, die mich zu der Zeit erlebt haben).

Was durch diese Kooperation geschah, hat meine Vorstellungen vollständig gesprengt: Menschen fanden erstmals oder wieder neu zum Glauben an Jesus, andere entwickelten eine neue Vision für ihre Städte und begannen für ihre Region zu beten und konkrete Projekte zur Veränderung zu entwickeln.

Die Dynamik, die sich daraus entwickelte, war faszinierend – mein Gott handelte und ich durfte mittendrin dabei sein – und war überglücklich.

 

Starke Frauen gesucht

Für so eine wilde, interessante und dynamische Beziehung – sei es zu Gott oder einem Menschen, braucht man gute Nerven und eine starke Persönlichkeit. Stärke ist die Fähigkeit, die gottgegebenen Gaben und Talente zu erkennen und aktiv einzusetzen und zu nutzen.

Interessanterweise wird aber „starken“ christlichen Frauen häufig gerade ihre Stärke zum Vorwurf gemacht. Als extrovertierte und initiative Frau kann ich mich an unzählige Gespräche mit wohlmeinenden Freunden und Freundinnen und sogar Unbekannten erinnern, die nach Gründen für mein noch-immer-Single-sein suchten. Da ich weder ausgesprochen hässlich noch dumm oder unzugänglich bin, fanden sie den Grund schließlich in der einfachen Formel: „Du bist einfach eine zu starke Frau! Kein Mann wagt sich an Dich heran.“

Das ist nicht nur seelsorgerlich wenig einfühlsam, sondern hinter dieser vordergründig logischen Aussage verstecken sich einige große Denkfehler:

–          Gott hat einen Fehler gemacht. Da ich mich nicht selbst geschaffen habe, muss Gott einen Fehler gemacht haben. Okay, ein großer Teil meiner Persönlichkeit, meine Ecken und Kanten, gehen auf meine Rechnung. Aber dennoch bin ich überzeugt davon, dass die Grundstruktur meines Wesens von Gott geschaffen wurde: Er hat mich im Mutterleib bereitet – mit meinem Aussehen, meinen Gaben und meinem Temperament samt aller Entschlossenheit und Lebensfreude, aller Zielstrebigkeit, die in mir steckt, ja samt aller Stärke. Der Vorwurf „Du bist zu stark“, ist letztlich ein Vorwurf an Gott: Du hast da etwas falsch gemacht. Eine Frau mit Stärke ist in der (christlichen) Welt nicht unter die Haube zu bringen. Das ist – mit Verlaub gesagt – Majestätsbeleidigung. Gott macht keine Fehler. Und er hat sich etwas gedacht, als er uns schuf, wie er uns schuf. Und er entschuldigt sich nicht dafür, wie er uns geschaffen hat.

–          Der zweite, implizierte Vorwurf ist der Vorwurf an den Charakter. Man geht davon aus, dass starke Frauen ihre Stärke gegen den Partner einsetzen würden, nicht für ihn und mit ihm. Als ob es uns Freude machen würde, jemanden klein zu halten, zu unterdrücken, gegen jemanden zu kämpfen und wir uns eine Ehe wünschen würden, die von Dominanz und Unterdrückung geprägt ist. Sicher gibt es sie: Die verletzte Frau, die ihre Wunden hinter vorgespielter Stärke versteckt und schon mal vorbeugend gegen den Partner kämpft, um der Gefahr des erneuten  Verletztwerdens aus dem Weg zu gehen. Aber das trifft keineswegs auf alle Frauen zu, denen man „zu viel Stärke“ vorwirft. Die meisten starken Frauen, die ich kenne, sind kooperationsfähig, vergebungsbereit und ziemlich geduldig.

–          Der letzte Vorwurf richtet sich gegen die Männer. „Da traut sich kein Mann mehr an dich ran“, heißt nichts anderes als „(Christliche) Männer sind so schwach, dass sie nur in einer Ehe mit einer noch schwächeren Frau (über)leben können.“ Das ist einerseits ein pauschales, ungerechtfertigtes Verurteilen der Männer als Schwächlinge. Und es ist ein Leugnen dessen, dass wir es mit einem Gott zu tun haben, der Menschen (egal ob Mann oder Frau) stärken, verändern und prägen kann. Ein Gott, der beide zu gleichberechtigter, starker und dynamischer Partnerschaft befähigen kann. Danach sehnen sich Männer ebenso wie Frauen.

 

Ein feminisiertes Christentum

Es ist wichtig, Dominanz (herrschen über andere, was falsch ist) und Stärke (Gaben zum Wohl aller einzusetzen, was gottgegeben da ist) klar voneinander zu unterscheiden. Wir müssen es neu lernen, Stärke als etwas Positives zu begrüßen. Nur wenige sehen das so klar wie Elisabeth Eliot, die nach der Ermordung ihres Mannes durch die Auca Indianer mutig und stark seine begonnene Arbeit fortführte. Sie schreibt: „Es ist das Wesen der Maskulinität, Initiative zu ergreifen, und das Wesen der Femininität zu reagieren, darauf einzugehen. Wenn eine Frau die Freiheit hat, zu initiieren – d.h. frei ist, auf das Wort des Herrn zu hören und zu tun, was sie Ihn sagen hört, – dann ist sie in Verbindung mit ihrer maskulinen Seite. […] Sie ist dann frei, mit ihrem ganzen Sein auf Gott zu antworten, und somit auch fähig, die Initiative zu ergreifen, wenn es gefordert wird. […] Sie ist eine ausgewogene, feminine Schöpferin, geschaffen nach dem Bild des Schöpfers und Vaters.“

In christlichen Kreisen herrscht jedoch oft ein anderes Frauenbild vor. Das passive, reagierende, empfangende Element wird so sehr betont, dass aktives, initiatives Handeln von Frauen (und sogar von Männern) häufig als „zu stark“ oder gar „dominant“ verurteilt wird.

Die Femininisierung des Christentums in den letzten Jahrzehnten, die Überbetonung der „weichen“ Seiten Gottes, macht es Männern schwer, Mann zu sein und erlaubt es Frauen noch weniger, Stärke zu zeigen. So wichtig es war und ist, die zärtliche, sich uns zuwendende Liebe Gottes zu entdecken, darf dieser eine Aspekt des Wesens Gottes nicht unser gesamtes Gottesbild prägen. Gott ist auch ein Gott, der Donner grollen lässt und Blitze wirft, zornig über Ungerechtigkeit sein kann und sich als leidenschaftlicher Kämpfer präsentiert. Sehen wir nur den „lieben Gott“, wird eine ganze Generation von Christen daran gehindert, aus dem Brav-sein ausbrechen, ausgetretene Pfade zu verlassen und sich auf den Weg in die ganze Weite des unbekannten Neulandes aufzumachen.

 

Neue Bilder denken lernen

Das weit verbreitete Idealbild von der zurückhaltenden, sanften, christlichen Frau im Hintergrund und dem Rollenverständnis von Mann und Frau stammt jedoch nicht aus der Bibel, sondern aus der kulturellen Prägung des Mittelalters (Ritter und Hoffräulein), des viktorianischen Zeitalters bzw. des deutschen Bürgertums (der dominante Mann und die prüde, sexuell frigide, stille Frau). Neuere Bilder stammen aus den Hollywood-Romanzen und Märchen (der Held, die schmachtend-bewundernde Frau).

Diese gesellschaftlichen Bilder sind weit entfernt vom biblischen Frauenbild. Die Bibel beschreibt die Frau von Anfang an als starke, ergänzende gleichrangige Partnerin des Mannes. Gott nennt die Frau als „starke Hilfe“ (oder „starken Beistand“) für den Mann. Gott wählt hier einen Begriff, mit dem er sonst nur sich selbst beschreibt: „Ich bin dein Gott, dein starker Beistand. Auch und übrigens: Neben dir ist deine Frau, dein starker Beistand.“ Wow!

Als Gott die Frau schuf, tat er es nicht, um Adams gebrochenes Ego dadurch zu sanieren, dass er nun endlich jemandem helfen und heldenhaft aus allen Gefahren retten kann. Im Gegenteil: Er schuf „die Männin“ als Hilfe und starken Beistand für den ersten Menschen Adam damit sie gemeinsam den Auftrag erfüllen könnten.

Viele Frauen der Bibel haben eine ausgeprägte Persönlichkeit. Esther, Debora, die Braut des Hoheliedes, Priszilla, Lydia und nicht zuletzt die emanzipierte Frau aus Sprüche 31 sind einige der starken Frauen, die die Bibel beschreibt und die sie kein bisschen für ihre Stärke kritisiert. Sie stehen für viele Frauen, die die Initiative ergriffen und die von Gott dafür gelobt wurden, ja sogar als Heldinnen des Glaubens gelistet werden (siehe Hebräer 11). In traditionellen jüdischen Familien ist es bis heute üblich, dass der Ehemann am Sabbat seine Frau mit den Worten aus Sprüche 31 segnet und preist. Nochmal Wow!

Wenn wir dynamische Ehen haben wollen, dürfen christliche Frauen nicht länger „in die stille Ecke“ abgeschoben werden. Es tut dem Reich Gottes nicht gut, wenn wir Frauen, die Initiative ergreifen, vorschnell als „feministisch“ oder gar „dominant“ brandmarken und somit viel von dem Guten blockieren, das sie bewirken können.

Ein in Christus gebrochener Charakter denkt nicht mehr in den Kategorien von Neid und Konkurrenz, sondern hat das gemeinsame Ziel vor Augen. Auf dieser Grundlage können partnerschaftliche Teams wie das von Debora, die die Initiative ergriff und Barak, der den Plan ausführte, entstehen. Hier war es dem Mann egal, wer die Ehre für den Sieg bekommen würde. Das einzige, was ihm wichtig war, war, dass Deborah als Partnerin dabei war. Das Ergebnis: Eine gewonnene Schlacht und ein triumphal-glückliches, gemeinsam gesungenes Siegeslied von Mann und Frau.

 

Starke Ehen brauchen starke Männer

Ebenso wenig wie die „starke Frau“ eine dominante Kratzbürste ist, ist ein starker Mann automatisch ein kontrollierender Macho. Echte Stärke kennt die eigenen Stärken aber auch Schwächen und weiß, wo Ergänzung nötig ist.

Starke, unverheiratete Männer sind in der christlichen Szene Mangelware. Das liegt einerseits an der Unausgewogenheit der Geschlechter in der Gemeinde, in der viel mehr Frauen als Männer zu finden sind. Zum anderen liegt es daran, dass Männer sich mit dem Alleinleben schwerer tun als Frauen. Studien belegen, dass Single.- Männer weit stärker zu psychischen und körperlichen Problemen neigen als Männer, die in einer festen Partnerschaft leben oder auch Single-Frauen.

Das ist nicht nur ein Problem für die Single-Frauen, die in der Gemeinde keinen passenden Partner finden können, sondern auch für die Gemeinde schlechthin. Uns fehlt viel, wenn uns die Männer fehlen. Der Mangel ist nicht nur in Mitgliederzahlen und -beiträgen spürbar, sondern auch in dem Mangel an spezifisch männlichen Impulsen.

So stellt sich also die Frage: „Woher starke Männer nehmen – wenn nicht stehlen?“ oder etwas frommer: „Wie bekommen wir mehr (starke) Männer in die Gemeinde?“ Qualifiziertere Autoren (z.B. Eldredge) als ich, haben Gutes zur Wiederentdeckung des ungezähmt Männlichen geschrieben. Deshalb nur einige – sicher ergänzungsbedürftige – Impulse und Ideen zur Behebung des Männermangels in den Gemeinden.

a)    Beten und Arbeiten

Alles, was im Reich Gottes geschieht, fängt mit Gebet an. Auch die geistliche Ernte beginnt mit dem Gebet um Arbeiter in die Ernte, die die reiche und reife Ernte von noch nicht erretteten Männern einbringen. Wir können im Gebet christliche Männer darin unterstützen, ihre noch unbekehrten Freunde und Arbeitskollegen für Jesus zu gewinnen.

b)    Männer – Köder auswerfen

Ich bin eine Frau und kann mich deshalb nur zum Teil in das hineinfühlen, wie ein Mann angesprochen werden muss, um auf das Evangelium zu reagieren.

Die effektivste „Männerpredigt“, die ich mal gehört habe, ging um den Preis der Nachfolge. Der Prediger betonte Aspekte wie die Notwendigkeit der Radikalität und sprach darüber, dass Jesus zu folgen alles kosten kann, sogar das Leben. Er untermauerte seine Ausführungen mit drastischen Geschichten von zeitgenössischen Märtyrern. Ich dachte beim Zuhören nur: „Das ist aber eine typische Männerpredigt!“ Und ich lag damit gar nicht so verkehrt. Obwohl wesentlich mehr Frauen im Publikum saßen als Männer, gingen anschließend nur Männer beim Aufruf zur Lebensübergabe an Jesus nach vorne. Keine einzige Frau. Männer müssen offensichtlich auf ihre Art und Weise angesprochen werden, geschlechtsneutrale Predigten scheinen nicht die gleiche Wirkung zu haben.

Ein Freund bestätigte das, als er mir von seiner Bekehrung durch eine Jugendarbeit erzählte, die vom Stil her eher für Männer ansprechend war. „Wir haben auf den Camps so richtige Männersachen gemacht. Und die Aufforderung, Jesus nachzufolgen, war so direkt und rau, dass es schon an Unhöflichkeit grenzte. Aber Männer brauchen so was!“

Ich habe den starken Verdacht, dass Männer nicht sehr gut durch „weiche“ Predigten, die die Liebe und Sanftheit Jesu betonen, angesprochen werden wie z. B.: „Komm zu Jesus und er heilt dein verletztes Herz!“ Männer, die die Auseinandersetzung mit der eigenen Emotionalität scheuen, empfinden so etwas eher als Bedrohung denn als attraktive Einladung. Jesus hat Stärke und Vision zu bieten wie niemand sonst auf diese Welt. Männer sehnen sich danach. Also sollten wir ihnen das auch vermitteln. Bei „weichen“ Predigten wird der starke, aktive, handelnde Teil des männlichen Wesens nicht angesprochen.

c)    Männerfreundliche Gemeinden bauen

Seit Willow Creek haben es auch die letzten verstanden: Wenn man eine bestimmte Gruppe von Menschen in der Gemeinde haben will, muss man die Gemeinde so gestalten, dass diese Menschen sich dort wohl fühlen. Das ist logisch. Konsequent weitergedacht heißt das: Will man Männer erreichen…sollte man „männlich“ kommunizieren und einen männerfreundlichen Raum gestalten. Es gibt Handbücher, die erklären, wie man sich als Mann richtig wäscht und dabei trotzdem männlich bleibt (kein Witz!). Aber warum ist noch keiner auf die Idee gekommen, ein Handbuch darüber zu schreiben, wie man männerfreundliche Gemeinden baut?

Das liegt wohl zum Teil daran, dass man in Zeiten der Gleichmacherei der Geschlechter vergessen hat, dass es da nach wie vor den kleinen Unterschied gibt. Wir machen uns schlicht und ergreifend zu wenig Gedanken darüber, wie die meisten Männer das übliche Gemeindeprogramm empfinden. Zwei kernige, profilierte Männer, die ich kürzlich fragte, wie denn für sie ein „männerfreundlicher“ Gottesdienst aussehen würde, antworteten wie aus der Pistole geschossen: „Ich singe nicht gern. Dass man in vielen Gemeinden erst 45 Minuten softe Songs (wörtlich: Sissi-Songs!) singen muss, bevor überhaupt etwas passiert, finde ich schrecklich!“

Vielleicht sind diese beiden die Ausnahme, aber man sollte sich, wenn man ernsthaft Männer für Jesus gewinnen will, fragen, was sie am bisherigen Programm unattraktiv finden. Und dann entsprechend reagieren (Kletterwand in der Gemeinde oder Bier oder Männersauna, von der man den Gottesdienst per Bildschirm folgen kann…oder…ich weiß es nicht… bin ja kein Mann!)

Vielleicht will man aber – trotz aller Lippenbekenntnisse – die Männer nicht wirklich in der Gemeinde haben. Möglicherweise sind Gemeinden, die überwiegend aus Frauen bestehen, leichter zu führen als Gemeinden, in denen sich starke Männer miteinander auseinandersetzen und direkter, härter, manchmal auch schonungsloser miteinander umgehen als Frauen es tun.

Die Anwesenheit von „rauen“ Männern könnte das schöne, harmonische  Gleichgewicht in unseren Gemeinden durcheinander bringen. Das ist für manch einen etablierten Leiter so bedrohlich, dass er sich nicht wirklich danach sehnt, mehr von dieser Spezies in der Gemeinde zu haben.

Und falls es trotz unserer möglicherweise latenten Antihaltung gegen die Männer und unsere Männer-unfreundlichen Gottesdienstformen gelingen sollte, einige Männer für Jesus zu gewinnen, ist noch lange nicht garantiert, dass sie automatisch zu braven Gemeinde-Schafen werden.

Die meisten Gemeindeveranstaltungen sind zu 90% voraussagbar, das abenteuerliche Element fehlt, es gibt wenig, was einen Mann reizt, sich für diesen „Verein“ zu engagieren. Wie kann eine Gemeinde nicht nur Männer anziehen, sondern langfristig fördern? Ein paar (unfertige) Gedanken:

–          Männer-Themen herausfinden und zumindest eine Weile lang einen Schwerpunkt auf diese Themen setzen

–          Musikauswahl: Weniger „weiche Lieder“ singen und weniger singen (s.o.) Wenn schon singen, dann kernigere, proklamative, fetzigere Songs, die zum Tagesthema passen.

–          Männer – Events: Nein, keine faden „Männerabende“, wo man als Mann zur Passivität verdammt ist und nur zuhören darf, sondern Dinge, die Aktivität und Engagement erfordern. Etwas bauen, reparieren, herstellen, auf einer Kletterwand klettern, etwas Gutes trinken und reden. Oder Wildwasserfahren, Lagerfeuer,  Bergsteigen oder was auch immer.

–          Herausforderungen: Es gehört zum Wesen des Mannes, erobern und jagen zu wollen. Ein Mann ohne Herausforderung ist wie ein Fisch auf dem Trockenen. Echte Herausforderungen, Events, die nicht vorhersehbar sind, sind in vielen Gemeinden Mangelware.

–          Verantwortung: Männer tragen gerne Verantwortung. Wer Männer in der Gemeinde haben will, muss in der Lage sein, ihnen Verantwortung zu übertragen und ihnen dann den Freitraum geben, Dinge auf ihre Art anzupacken. Und sich dann überraschen lassen, was dabei herauskommt.

–          Unterstützung in der Berufung. Viele Männer sind nicht in die Gemeinde, sondern in die „Welt“ berufen.[2] Geistliche Leiter, die von Gott berufene Businessleute krampfhaft zum Dienst in der Gemeinde zwingen wollen, statt sie in ihrer Berufung am Arbeitsplatz zu unterstützen, schaden der persönlichen Entwicklungen des Einzelnen und letztlich auch Gottes Reich.

–          Väter: Viele Männer hatten Väter, die von ihnen Leistung gefordert und verlangt haben – auch um sich mit ihren Söhnen groß zu machen. Viele Leiter tun das gleiche, benutzen andere Menschen für ihre eigenen Zwecke. Männer brauchen, um zur Reife zu kommen, Vorbilder, die echte Väter für sie sind – Leiter, die sie nicht für ihre eigenen Zwecke benutzen und ausschlachten wollen, sondern Identität in ihr Leben sprechen und die Männer in dem unterstützen, wozu sie berufen sind.

 

Starke Frauen, starke Männer, starke Paare

Allein das Vorhandensein von starken Frauen und (mehr) starken Männern garantiert noch lange keine starken Paare. An vielen Stellen steht uns unser unerlöstes Ego im Weg und verhindert, dass wir Ergänzung im emotionalen, spirituellen oder intellektuellen Bereich willkommen heißen.

In der Regel äußert es sich in unerlösten Formen von Stärke, in Dominanz, Kontrolle und Manipulation. Besonders schlimm wird es, wenn diese Formen von missbrauchter, fehlgeleiteter Stärke dann auch noch als besonders „biblisch“ gerechtfertigt werden.

Deshalb noch mal zurück zum Anfang: Gott schuf den Menschen als Mann und Frau und gab ihnen gemeinsam, ohne einen Hierarchieunterschied zu machen oder den einen über den anderen zu stellen, den Auftrag der Verwalterschaft der Erde.

Dann kam der Sündenfall und brachte als Ergebnis (!!!) die Herrschaft des Mannes,  die es im paradiesischen Zustand nicht gab und die zu Dominanz und Kontrolle führen kann. Im Gegenpol dazu stand die unerfüllte Sehnsucht der Frau, die zu Manipulation und Kontrolle führen kann.

Dann kam Jesus und brachte Erlösung. Er gab uns die Möglichkeit aus den Mustern auszubrechen, die nicht gott-gewollt, sondern Ergebnis des Sündenfalls sind und wieder zu dem zurückzufinden, wofür wir geschaffen wurden: Partnerschaft von Mann und Frau, für die es in Christus – wie im Paradies – keinen Unterschied in der Hierarchie gibt. Keiner steht über dem Anderen. Unterordnung hat nicht mit Position und Macht zu tun, sondern mit einer Haltung des Herzens, die bereit ist, dem zu vertrauen, was Christus in den anderen hineingelegt hat („ordnet euch einander unter in Christus“). Punkt und Amen.

Häufig übersehen wir, dass Jesus uns nicht nur von unserer Sünde, sondern auch von dem Fluch der zerstörten Beziehung zwischen Mann und Frau erlöst hat. Wir betrachten einander nach wie vor durch die Brille des Sündenfalls und handeln entsprechend: Der Mann beherrscht, die Frau verlangt. Und wir ernten eine reiche Ernte: Die Früchte des Zorns und der Isolation. Wenn wir einander aus unerlöster Perspektive betrachten, brauchen wir uns nicht wundern, wenn wir in unerlösten Beziehungen leben.

Seit dem Tod Jesu sind diese Muster besiegt, auch hier ist der trennende Zaun niedergerissen und wir haben als Mann und Frau die Möglichkeit, einander mit neuen Augen zu sehen und einander neu zu begegnen.

Wenn wir starke Ehen entwickeln wollen, wird es von entscheidender Wichtigkeit sein, dass wir uns in unserem Bild von Ehe und dem Rollenverständnis von Mann und Frau nicht länger an den gesellschaftlichen Bildern orientieren, die unser Denken geprägt haben (Mittelalter, Bürgertum, Hollywood etc.), sondern von dem Modell, das Jesus selbst für Ehe gegeben hat: seine Beziehung zu seiner Braut, der Gemeinde.

Diese Beziehung ist geprägt von der Hingabe und Opferbereitschaft des Bräutigams, der seine Braut jedoch nicht als minderwertig betrachtet, sondern als Partnerin in seinen Auftrag einbezieht. Sie ist Mitregentin und Mitherrscherin mit Ihm, dem Haupt der Gemeinde.

Wir können unsere alten, falschen Bilder von Partnerschaft am Kreuz ablegen und uns neu von dem einzig wahren Bild für den Ehebund prägen lassen, der Liebe Jesu zu seiner Gemeinde. Das könnte uns die Chance geben, dass alte, schwache Ehen saniert werden, starke Ehen stark bleiben und neue, gute Ehen entstehen. Das wäre ein erfüllter Traum.

Dieser Artikel erschien zuerst im Adam Online Magazin 2004. Mit freundlicher Genehmigung.

 


[1] S. 36.

 

Büchertipps zum Thema:

 

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Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de

3 Gedanken zu „Kerstin Hack: Starke Männer“

  1. Das Handbuch für die männerfreundliche Gemeinde gibt es inzwischen… “ Warum Männer nicht zum Gottesdienst gehen“ von David Murrow.

    Ich fand das Buch sehr interessant, und wünsche mir, dass der feminine Geist aus den Gemeinden verschwindet, denn wenn die Männer mit ganzem Herzen und Freude kommen, dann kommt auch die ganze Familie… das hat was mit Vorbildfunktion zu tun. Warum sollen Söhne mitgehen, wenn Väter nicht gehen, weil es sie nicht in die Gemeinde zieht.
    Deinen Artikel finde ich sehr gut, ich würde gerne viel Sätze unterstreichen und am Rand Ausrufezeichen machen. Schade, das geht im Inet nicht… 😉

  2. Herzlichen Dank für diesen wichtigen, erfrischenden und ermutigenden Beitrag. Da ist viel Stoff zum Nachdenken, was mich, was die Ehe, was die Gemeinde betrifft. Danke für die Ansätze!

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