Kerstin Hack: Reden für das Leben. Schweigen für den Tod.

Ich habe Muskelkater, weil ich zwei Mal bis unter die Kuppel im Glockenturm des französischen Doms in Berlin geklettert bin. Der Turm ist aus schlichten Backsteinen gemauert, auf unzähligen Treppenstufen steigt man nach oben. Nach innen ist das Treppenhaus offen, man kann durch Mauernischen bis unters Dach oder bis ganz nach unten blicken. In diese Nischen hat der Künstler Götz Lemberg für seine Installation „Domoskopie“ 50 hohe Spiegel montiert. Durch die Spiegelungen entstehen neue Räume, alles wirkt surreal, phantastisch, wie eine Zeichnung von Escher, nur mit dem Unterschied, dass man mitten drin steht.

Langsam gehe ich nach oben. Ich blicke durch die Fensternischen und sehe im Spiegel andere Menschen, die meinem direkten Blick verborgen sind, aber deren Stimmen ich von oben oder unten hören kann. Mich sehe ich nie, immer nur die anderen. Der Blick auf mich selbst ist durch die Perspektive des Raumes verstellt. Die Besucher winken sich zu und lachen, wenn sie entdecken, dass sie den anderen nur im Spiegel sehen, der Gesuchte sich in Wirklichkeit aber an einer ganz anderen Stelle befindet, als sie vermutet haben.

Ich mag schlichte Architektur, sie bewirkt bei mir, ähnlich wie die Natur, dass ich Gottes Nähe intensiver wahrnehme. Ich denke über die Hugenotten nach. Seit 1685 kamen Tausende französische Glaubensflüchtlinge ins protestantische Berlin. Im katholischen Frankreich durften sie ihren Glauben nicht mehr praktizieren. Ihnen drohte Verfolgung und Tod. Der Kurfürst Friedrich Wilhelm gewährte ihnen Zuflucht. Unter anderem durch die Hugenotten wuchs die Einwohnerzahl Berlins in nur wenigen Jahrzehnten von 10.000 auf etwa 150.000 an. Für sie wurde der „Französische Dom“ gebaut, in dem ich mich nun befand.

Mich bewegte ihr Schicksal. Und der Preis, den sie dafür bezahlt haben, ihren Überzeugungen treu zu bleiben. Irgendwann setzte ich mich auf eine Treppe und begann zu beten. Ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich so mutig sein wollte wie sie, ob ich bereit wäre, den gleichen Preis zu bezahlen wie sie. Ich betete und schrieb in mein Notizbuch „Herr gib mir ETWAS von dem Mut der Hugenotten, die einen hohen Preis dafür bezahlten, dir zu folgen!“

Plötzlich schoss mir ein Satz durch den Kopf, den meine Großmutter mir einmal gesagt hat: „Die haben die ganzen Betten und den Hausrat auf die Straße geworfen und dann wurden sie weggebracht!“ Die, das waren die Nazis und sie, das waren die Juden aus dem Nachbarort, die abtransportiert wurden. Meine Oma wusste zu dem Zeitpunkt noch nichts von KZs. Sie hatte noch keine Ahnung, wohin die Juden gebracht wurden. Das erfuhr sie erst später. Aber sie wusste damals schon, dass das, was geschah nicht richtig war. Und sie schwieg. Meine Oma war einer der wunderbarsten Menschen, die ich je kannte: eine Bilderbuchoma, die immer nach frischgebackenem Kuchen roch, knubbelig und weich, aber mit Händen, die die Spuren eines langen Arbeitslebens zeigten. Es war die Oma, die mir den Zugang zum Glauben eröffnet hat. Meine Oma. Ihr Schweigen angesichts des Unrechts, das den Juden geschah, ist das einzige, was mein Bild von ihr etwas trübt. Obwohl ich das gut verstehen kann. Sie dachte wahrscheinlich wie viele, dass das Schicksal der Juden sie nichts anging oder dass man ohnehin nichts machen kann. Im Spiegel sah sie nur die anderen, nicht sich selbst.

Mich beeindrucken Menschen, die es wagen, etwas zur Rettung und zum Schutz anderer Menschen zu tun, auch wenn es aussichtslos erscheint. So wie Paul Ruseabagina aus Ruanda, dessen Geschichte in dem Film „Hotel Ruanda“ verfilmt wurde. Die ganze Welt sah weg, als eine Million Menschen von Hutu-Extremisten ermordet wurden. Er tat alles, was er konnte, um seine Tutsi Nachbarn zu schützen. 1268 Menschen verdanken ihm ihr Leben. „Die Welt schaute weg, aber einer breitete die Arme aus“, steht auf dem Filmplakat und wohl auch in Gottes Aufzeichnung über sein Leben.

Die wurden einfach weggebracht… „Weggebracht“ reimt sich auf „weggemacht“! Weggemacht, wie bei Abtreibung. Heute sind es nicht mehr die Juden aus dem Nachbardorf, die „weggebracht“ werden, heute werden die Kinder meiner Stadt „weggemacht“. Zwei von drei Schwangerschaften in meiner Heimatstadt Berlin enden mit dem Tod des Kindes. Vor einer Weile saß ich mit meinen besten Freunden zusammen. Wir unterhielten uns über die Umstände unserer Zeugung. Einer sagte „Ich war damals nicht gewollt!“ Synchron sagten alle anderen fast gleichzeitig „Ich auch nicht!“ Zum Zeitpunkt unserer Zeugung war keiner von uns geplant oder gar Wunschkind. Unsere Eltern befanden sich in einer Situation, in der sie sich durch ein (weiteres) Kind praktisch, emotional und finanziell vollständig überfordert fühlten. Wir waren in dieser Welt zu einem Zeitpunkt aufgetaucht, an dem wir reichlich unpassend und ungewollt waren. Eine Freundin ist sogar das Ergebnis einer doppelten Verhütung. Aber wir haben überlebt.

Im besten Fall freuten sich die Eltern über die Überraschung, in den anderen Fällen arrangierten sie sich mit den Kindern, die das Leben ihnen in den Schoss gelegt hat. Die meisten meiner Freunde sind vor 1970 gezeugt worden. Abtreibung war damals noch nicht so einfach möglich wie heute. HeutHeute HeHeute wird Müttern, die sich in ähnlichen Problemen befinden wie unsere Eltern damals, nahegelegt, dass es in ihrer der Situation doch „wohl besser sei“, das Kind nicht zur Welt zu bringen. Ich fragte mich: „Wer von uns würde heute leben, wenn es damals die gleichen Gesetze und Möglichkeiten gegeben hätte wie heute?“

Martin Luther King hat sinngemäß gesagt: „Wir hören in dem Augenblick auf zu lieben, in dem wir nicht mehr über das reden, was uns wichtig ist.“ In Bezug auf Abtreibung herrscht in Deutschland ein riesiges, eisiges Schweigen. Ich schweige auch. So wie meine Oma. Wenn die einen schweigen, schweigen die anderen auch. Die Kinder, die nicht leben konnten,  schweigen für immer. Ein Bibeltext geht mir durch den Kopf: „Errette, die man zum Tode schleppt, und entzieh dich nicht denen, die zur Schlachtbank wanken. Rede dich nicht damit heraus, dass du nichts gewusst hast. Gott sieht dir ins Herz und weiß, ob du die Wahrheit sagst. Er belohnt oder bestraft jeden Menschen, wie er es aufgrund seiner Taten verdient hat.“  (Spr. 24, 11 – 12).

Ich spüre, dass Gott mich zum Engagement, zum Aufstehen, zum Sprechen ermutigt. Aber durch mein Herz geht Angst. Wenn man in Deutschland etwas gegen die vorherrschende Meinung sagt, wird man sozial geächtet und nicht nur das. Man muss auch mit handgreiflichem Widerstand rechnen. Vor ein paar Monaten habe ich an einem Schweigemarsch für das ungeborene Leben teilgenommen. Es war friedlich. Nicht aggressiv. Wir trugen lediglich weiße Holzkreuze und ein Banner, auf dem stand: „Wir trauern um die abgetriebenen Kinder…“ Militante Abtreibungsbefürworter versuchten den Marsch durch Trillerpfeifen und eigene Banner zu stören. Und sie wurden handgreiflich und warfen Farbbeutel auf die Teilnehmer des Marsches. Einige Teilnehmer wurden getroffen, ihre Gesichter, Hüte und Mäntel waren mit Farbe verschmiert.

Ich bin keine Politikerin und keine Frau, die gerne in Gremien sitzt. Derartiges Engagement ist nichts für mich. Das sollen andere tun, die es besser können und lieber tun als ich. Aber ich bin Verlegerin und kann drucken, was ich will. Die jüngeren Menschen sind nicht so sehr von der Pro-Abtreibungspropaganda vergangener Jahrzehnte verseucht. Mir geht der Gedanke nicht aus dem Kopf, ob ich nicht für diese Zielgruppe trendige, provokante und aufrüttelnde Postkarten zu diesem Thema publizieren soll, um sie ins Nachdenken zu bringen. Zum Beispiel eine Karte mit einem Baby im Bauch einer schwangeren Mutter, das protestiert: „Mein Bauch gehört mir!“ und auf der Rückseite den Text: „Schon mal drüber nachgedacht, dass es da noch jemanden geben will, der beim Thema Abtreibung mitreden möchte?“

Am liebsten würde ich diese und andere Karten zehntausendfach drucken und mit Hilfe von jedem, der mitmachen will verschicken und in Kneipen, Cafés, Amtsstuben, Arztpraxen, Banken und Kirchen auslegen. Und natürlich als E-Cards zum Verschicken anbieten.

Ich möchte Menschen informieren und im guten Sinne provozieren. Zumindest sollen sie später nicht sagen können: „Ich habe es nicht gewusst!“  Ich wünsche mir, dass gerade junge Menschen beginnen, darüber nachdenken, was hier eigentlich geschieht. Ich kann einfach nicht glauben, dass man in einem Land wie Deutschland in den letzten drei Jahrzehnten acht Millionen Kinder abtreiben „musste“, weil es keinen anderen Weg gab. Es liegt gerade in der Jugend, daran zu glauben, dass Veränderungen und Verbesserung möglich ist. Vielleicht kann ich mit so einer Aktion dem einen oder anderen Kind das Leben retten. Ich möchte es wenigstens versuchen.

Trotzdem kriecht mir Angst den Nacken hoch. Ich habe Angst davor, dass Menschen mich missverstehen, angreifen und an den Pranger stellen könnten oder noch Schlimmeres. Wenn Menschen bereit sind, Farbbeutel auf andere Menschen zu werfen, nur weil sie eine andere Überzeugung vertreten, was werden sie noch tun?  Ich will es mir nicht ausmalen – und tue es doch. Habe Bilder vor Augen, von dem, wie Pro-Abtreibungs-Organisationen (pro Choice, wie es so elegant heißt) mich öffentlich attackieren könnten, wenn ich es wage, Tabus zu brechen und öffentlichkeitswirksam auf Problematiken aufmerksam zu machen, die lieber tot geschwiegen werden.  Tod. Geschwiegen.

Ich stehe auf und gehe weiter nach oben. Ich frage mich, ob ich den Mut aufbringe werde, zu konfrontieren. In einer Nische sehe ich mich selbst gespiegelt. Zweimal. Einmal frontal, direkt, fast mutig, die Haare vom Fahrradfahren zerzaust, ein bisschen wild. Weiter rechts noch mal ich – diesmal von der Seite, eher schüchtern, ängstlich. Ein Spiegel zittert. Ein paar Schritte weiter oben hängt ein Strahler über der Nische – auf meinem Spiegelbild funkelt der Ring an meiner Hand, der mich an meinen Bund erinnert, den ich mit Gott geschlossen habe. Er für mich. Ich für ihn. Wir zusammen. Logisch und fest.

Ganz oben unter der Kuppel kuschelt ein Paar auf einer Bank, sie reden leise miteinander, vertraut und innig. Manchmal lachen sie. Ob sie wohl Kinder haben? Ihnen gegenüber kann man unter der Tünche noch die Reste eines Graffiti erkennen „I love R“. Und oben drüber hängen die Glocken. Festgebunden. Stumme Glocken, die keinen mehr rufen können.

Ich mache mich auf den Weg nach unten, gehe noch mal hoch. Blicke nochmals auf die Spiegel und den bunt funkelnden Bundesring. Im Gehen durch diesen Spiegel-Raum hat sich etwas in mir verändert. Auf dem Weg nach Hause kommt mir eine Politikerkolonne entgegen – drei edle, dunkle Fahrzeuge, gut geschützt. Wie man die wohl erreichen kann? Und ich sehe eine Paar, das mühsam ihre beiden großen Kinder schleppt, die auf ihren Armen eingeschlafen sind. Kinder kosten etwas, keine Frage. Ich fahre mir an einer Scherbe den Reifen platt, bin zu müde, um mich zu ärgern, laufe weiter und schiebe mein Rad vor mir her. Angst habe ich immer noch. Ich weine, weil ich ahne, was es kosten könnte, gegen die Mehrheitsmeinung aufzustehen. Ich bin nicht wirklich mutig. Irgendjemand hat einmal sinngemäß gesagt „Zu glauben bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Aber es bedeutet, etwas trotz der Angst zu wagen!“ Mir ist klar. Ich kann, will und werde nicht schweigen. Ich habe keine Kinder und Enkel, aber wenn ich mal welche habe, möchte ich nicht, dass sie von mir sagen: „Unsre Oma war cool. Sie war eine tolle Frau, sie hat mir viel gegeben. Aber als Kinder millionenfach weggemacht wurden hat sie leider geschwiegen!“

Einige Zahlen

  • Seit 1975 wurde etwa 8 Millionen Kindern in Deutschland nicht erlaubt, den ersten Atemzug zu tun
  • In Berlin kommen auf eine Geburt zwei Abtreibungen (in anderen Teilen Deutschlands sind die Zahlen niedriger).
  • Die Hälfte aller Abtreibungen wird von Ehepaaren durchgeführt, die keine (weiteren) Kinder haben wollen.
  • Kinder können in Deutschland bis zum 9. Monat abgetrieben werden, wenn eine Behinderung diagnostiziert wird. Die Diagnosen, die zu Spätabtreibungen führen, sind in 35-40 % der Fälle falsch.
  • Ein Drittel der Kinder überlebt eine Spätabtreibung (Abtreibung bis zum 9. Monat), sie werden vom Personal liegen gelassen, bis sie verhungern oder erfrieren.
  • Jährlich werden für Abtreibungen 41 Millionen Steuergelder ausgegeben. Folgekosten wie Rentenproblematik oder psychosoziale Betreuung von Frauen, die unter dem Post-Abortion-Symptom leiden, nicht mitgerechnet.
  • Der Tierschutzbund hat 2 Millionen Mitglieder. Für den Schutz des ungeborenen Lebens engagieren sich etwa 40.000 Menschen.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 2/2005 der Zeitschrift für junge Leiter und Führungskräfte „The Race“. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Aus diesen Überlegungen enstanden ist die Initiative Leben und Leben lassen der Autorin: www.lebenundlebenlassen.de

 

Büchertipps zu diesem Thema (weitere auf obiger Website):

 

Michèle Minelli: Tabuthema Abtreibung. Informationen, Fakten, Adressen. Paul Haupt Verlag, 2000.

Zu bestellen z. B. über Amazon.

 

 

 

 

Susan M. Standford: Werde ich morgen weinen? Heil werden nach einer Abtreibung. Francke-Buchhandlung, 2005.

Zu bestellen z.B. über Amazon.

 

 

 

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de