Kerstin Hack: Radikal leben in Berlin. Warum Dutschke in Niemöllers Grab liegt – Impulse von einigen Berliner Jesus-Freunden

Vollbremsung. An offenen Kirchentüren kann ich einfach nicht vorbei gehen. Hinter den Mauern alter Dorfkirchen verbirgt sich in der Regel die eine oder andere Entdeckung. So auch bei der Dorfkirche in Dahlem. Das „Dorf“ ist mittlerweile längst von der Großstadt Berlin verschluckt worden, die Uni ist in unmittelbarer Nachbarschaft, mit der U-Bahn erreicht man die Innenstadt in weniger als 20 Minuten. Aber ein alter Gutshof aus märkischem Sandstein umgeben von Feldern und die kleine, alte Dorfkirche mit ihren trutzigen Mauern erinnern noch an die dörfliche Vergangenheit des Stadtteils.

Gleich nach dem Eingang bleibe ich stehen. Das erste Grab, das mir in die Augen sticht ist von Gollwitzer, Theologe im Widerstand im dritten Reich, später „Studentenpfarrer“ der 68er Bewegung. Der hier? Ich bin erstaunt, merke, dass meine Geschichtskenntnis doch einige Lücken aufweist.

Ein paar Meter weiter der Grabstein von Martin Hirsch, Richter am Bundesverfassungsgericht. Ein Grabstein auf einem christlichen Friedhof – ohne Bibelwort, aber mit einem Zitat von Rosa Luxemburg: „Freiheit ist immer nur die Freiheit des Andersdenkenden“. Hätte das Jesus auch so gesagt? Ich ahne, dass mich hier einige Überraschungen erwarten.

Ich gehe in die alte Kirche, deren Wand ein rostiges, aus Eisenschrott zusammengefügtes Kreuz ziert…Moderne Kunst, die ungewohnt grob und rau den Schmerz des Kreuzes besser zum Ausdruck bringt als manche „glatten“ vertrauten Darstellungen. „Das hat der Künstler eigentlich für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche – was für ein grauenhafter Name – gemacht. Aber als es fertig war, wollte der Gemeinderat es nicht haben. Es war ihnen zu rau. So haben wir es bekommen. Hierher passt es.“ Der Mann, der Aufsicht führt, ist in Erzähl-Laune. Er sieht mich beim Sprechen kaum an, erzählt aber voller Begeisterung von seiner Kirche, von der Kanzel, auf der Bibeltexte stehen – zum „Volk“ hin tröstende Worte, zu den Herrschenden hin, die auf gesondertem Chorgestühl saßen mahnende Worte.

In dieser Kirche wurde gemahnt. Von Martin Niemöller, einem der führenden Köpfe der bekennenden Kirche im Dritten Reich, der nicht nur die Ungerechtigkeiten der Nazis gegenüber der Kirche anprangerte, sondern auch ihre Rassenpolitik. Niemöller half Juden mit gefälschten Taufpapieren zum Überleben. Der Aufseher erzählt mir „Da draußen liegt auch seine Sekretärin. Die hat die ganzen Papiere gefälscht, das musste ja auch jemand machen. Sie ist dann mit einer Pistole im Handtäschchen zu den Leuten gegangen, um sie auszuliefern. Sie war ´ne echt scharfe Frau“.

Und weil er gerade Zeit hat, geht er mit mir vor die Kirche zu den Grabsteinen, die die Kirche umgeben. Da liegt Gertrud Staewen begraben, eine Frau, die mit ihrem Mut vielen Menschen das Leben rettete. Neben ihr liegt Rudi Dutschke begraben. Mein Begleiter erklärt: „Dutschke ging bei Gollwitzers ein und aus. Gollwitzer war keiner der Professoren, die von Montag bis Freitag Vorlesung machen und dann verschwunden sind. Er und seine Frau hatten ein offenes Haus, in dem jeder willkommen war. Die jungen Leute suchten ja nach Antworten. Das konnte der Kommunismus allein nicht befriedigen – dafür waren die Genossen im Osten auch einfach zu dumm. Deswegen hatte Gollwitzer für sie so eine Anziehungskraft. Für Dutschke war er wie ein Vater. Als er verletzt worden war, pflegten ihn Gollwitzers über lange Zeit hinweg. Dutschkes Frau war ja auch Theologin. Und seinen Sohn hat er nach dem wildesten aller Propheten im alten Testament, Hosea, genannt. Als Dutschke unerwartet starb, war hier auf dem Friedhof kein Platz mehr frei. Da sagte Niemöller: „Er kann mein Grab haben. Ich habe ja Verwandtschaft in Westdeutschland, die werden für mich schon einen Platz finden, wenn ich sterbe. So kommt es, dass Rudi Dutschke neben der Sekretärin von Martin Niemöller begraben liegt.“

Es bewegt mich, hier auf engem Raum Menschen zu „begegnen“, die ich nur aus Geschichtsbüchern kannte und deren Leben auf ganz eigenartige Weise miteinander verzahnt ist. Der Pfarrer aus der bekennenden Kirche, der sein Grab einem Mann gibt, dessen radikaler Kampf für Gerechtigkeit viele „gute Menschen“ dazu brachte, ihn als Störenfried ihrer brav-bürgerlichen Gesellschaft abzustempeln – ohne ihm zugehört zu haben. Ein Studentenpfarrer, der vielen Frommen viel zu links war, dessen gelebtes Leben und seine gelebte Liebe und sein Willkommen dem Mann aus Nazareth sicher ähnlicher war als die Rechtgläubigkeit vieler Kritiker. Eine Frau, für die Nachfolge Jesu bedeutete, mit gefälschten Dokumenten und einer Pistole in der Tasche das Leben von Menschen zu retten, die von einem mörderischen System bedroht waren.

Die Bewertungs-Schablonen, die mir meine christliche Sozialisation mitgegeben hat, passen nicht mehr. Hier haben Menschen radikal gelebt, ganz unterschiedlich.

Die Stimme des Aufsehers unterbricht mich in meinen Gedanken: „Hier in der Nähe wohnt ein Politiker. Seine Frau vergisst manchmal, ihr Handy vor dem Gottesdienst auszuschalten.“

Wie tragisch. Ich wünsche mir, dass mein Leben durch mehr als durch „Ruhestörung im Gottesdienstablauf“ verstörend ist. Ich wünsche mir, überall da verstörend zu sein, wo Leben bedroht und verhindert wird. Nicht wie Niemöller, Staewen, Gollwitzers und Dutschke…sondern auf meine Art und Weise. Kerstin lebendig.

 

Leicht veränderte und gekürzte Fassung eines Artikels, der zuerst im Magazin „THE RACE“ veröffentlicht wurde. THE RACE ist heute oora. www.oora.de

Mit freundlicher Genehmigung.

 

 

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter
http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de