Kerstin Hack: Klimaschutz – Pflicht und Kür

Trenntstadt Berlin: Glasrecycling in Berlin spart jährlich 30.000 Tonnen CO2

Letztes Wochenende war ich eine Klima-Sau. Ich bin mit dem Flugzeug zu einem Vortrag in die Nähe von Bonn geflogen.

Für eine Stunde nicht sonderlich gut bezahlten Vortrag zehn Stunden Zug fahren, macht einfach keinen Sinn. Das kann ich mir nicht leisten. Berlin ist so weit ab vom Schuss. Wann immer es geht,  kombiniere ich Seminar- und Vortragstermine in den alten Bundesländern miteinander. Wenn es nicht geht, was soll ich dann tun? Absagen? „Tut mir leid, aus Klimaschutzgründen kann ich Sie leider nicht inspirieren und ermutigen!“ Das will ich auch nicht. Wie blöde.

Heute hingegen war ich ein Klima-Engel. Am Morgen habe ich mir eine Kanne Tee gekocht und in die Thermoskanne gefüllt – statt wie an anderen Tagen den Wasserkocher für jede einzelne Tasse anzuschmeißen. Mittags habe ich rechtzeitig daran gedacht, den Herd beim Kochen abzuschalten und das Essen mit der Restwärme fertig zu garen. Ich habe eine alte Kaffeemaschine, die ich seit einer Weile nicht mehr benutze, aus der Ecke geräumt und werde sie verschenken – so braucht jemand anderes sich kein Neugerät anzuschaffen. Das spart Rohstoffe. Ich habe mir einen warmen Pulli angezogen, statt die Heizung höher zu drehen, zu einem Treffen bin ich mit dem Fahrrad gefahren und abends habe ich daran gedacht, die meisten elektrischen Geräte in meiner Wohnung komplett auszuschalten. Ich bin zufrieden: Heute war ich ein klimafreundlicher Mensch.

Vor einer Weile habe ich mich intensiver mit der Thematik Klimaschutz auseinander gesetzt. Ich wollte etwas tun und wusste, dass es tausend und eine Möglichkeit gibt, im Alltag klimafreundliches Handeln zu praktizieren. Es hat mich aber genervt, dass ich in der konkreten Situation nur selten an die Tipps und Anregungen gedacht habe, die ich irgendwo aufgeschnappt oder gelesen habe. Weil ich nun mal Autorin bin, habe ich das getan, was nahe liegt: Ich habe mir einen „Spickzettel“ geschrieben. Im Impulsheft „Umweltfreundlich. Impulse, unsere Welt zu erhalten“, habe ich für mich und andere die 50 besten Tipps zum Klimaschutz im Alltag zusammengetragen. Das meiste sind Klassiker wie etwa Geräte mit Standby-Funktion bei Nichtgebrauch vollständig auszuschalten oder möglichst viele Wege zu Fuß oder mit dem Rad zurückzulegen, was nebenbei auch dem Körper gut tut.

Seit ich mich intensiver damit beschäftigt habe, habe ich vor allem in meinem Denken eine Veränderung festgestellt. Ich denke zwar nicht immer an klimafreundliches Verhalten, aber immer öfter. Wenn ich im Supermarkt stehe und Äpfel auch Chile sehe, ist klar: Die nehme ich nicht. Früher hätte ich daran kaum gedacht. Jetzt habe ich das fast automatisch im Kopf.

Schritt für Schritt übe ich neues Verhalten ein. Ich freue mich, dass manches, was früher schwer und mühsam war, durch Erinnerung und Übung zum ganz selbstverständlichen Handeln im Alltag geworden ist.

Das ist gut, aber es reicht mir nicht. Durch klimafreundliches Verhalten im Alltag kann ich dazu beitragen, dass das Tempo, mit dem wir unseren Planeten zerstören, etwas verlangsamt wird – aber um diesen Prozess aufzuhalten, braucht es mehr, als „etwas sparsamer“ mit Ressourcen umzugehen.

Reine Appelle, den „Gürtel enger zu schnallen“, helfen auch nicht groß weiter – zumindest dann nicht, wenn die Frage der Finanzierbarkeit im Raum steht. Als Verlegerin habe ich lange Zeit keine Wege gefunden, wie ich meine Produkte so umweltverträglich wie möglich herstellen und dennoch zu einem akzeptablen Preis anbieten kann. Immerhin habe ich den ganzen Versand von Berlin in die Mitte Deutschlands verlegt, was zumindest die Transportwege verkürzt. Nach langem Suchen habe ich dann 2011  einen Partner gefunden, der mit mir flexible Lösungen erarbeitet hat, die es beiden Seiten ermöglichen, klimafreundlich und profitabel zu arbeiten. Ich bin glücklich.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, kreative Wege zu finden, wie klimafreundliches Handeln so gestaltet wird, dass es finanzierbar ist. Das ist gar nicht so unmöglich. Eine Firma, die Schokoküsse herstellt und dafür Unmengen an Eiweiß, aber kein Eigelb braucht, sammelt das Eigelb und gibt es an eine Nudelfirma weiter. Derzeit sucht die gleiche Firma nach einem Verwerter für die Eierschalen. Das ist ökonomisch wie ökologisch genial. Win-Win auf allen Ebenen.

Eine Druckerei hat mir zu Firmenbeginn mehrere Kisten mit Fehldrucken von Din A4 Papier geschenkt. Das Papier ist einseitig bedruckt, die Rückseite ist weiß. Die verwende ich zum Ausdrucken von Konzepten, Entwürfen und Rechnungskopien, die außer mir niemand sieht. Das hat mir – und der Druckerei – Geld gespart. Und einen oder zwei Bäume gerettet.

Das kann jeder – mit nicht mehr benötigten Texten, Kopien usw. im Kleinen auch machen. Kopien, statt sie im Mülleimer verschwinden zu lassen, als Konzeptpapier zu verwenden, macht kaum Aufwand und bringt etwas.

Ich bin ständig auf der Suche nach derartigen Modellen, nach kreativen und praktischen Lösungen, die im Kleinen wie im Großen nachhaltige Veränderung bewirken. Als einen kleinen ersten Schritt, habe ich einen Blog zu der Thematik „Kreativer Klimaschutz“ gestartet. Dort stelle ich Künstler vor, die aus alten Dingen kreativ Neues gestalten – oder eben auch Ideen aus der Wirtschaft, wie Klimaschutz. Ich lade Euch ein, mitzudenken und von den Wegen zu erzählen, die ihr entdeckt habt. Und miteinander ins Gespräch zu kommen – und ins Handeln.

Hier geht’s zum Blog „Kreativer Klimaschutz“.

 

Leicht verändert und gekürzte Fassung eines Artikels, der zuerst in der Zeitschrift Oora erschien. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Büchertipps zum Thema:

Kerstin Hack: Umweltfreundlich. Impulse, unsere Welt zu erhalten. Down to Earth, 2007.

Impulsheft, 2,50€. Direkt zu bestellen beim Down-to-Earth-Shop.

 

 

 

 

 

 

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de