Kerstin Hack: Jesus ist postmodern – unsere Gemeindekrisen sind es auch

Gabi war eine „Vorzeigechristin“: Sie engagierte sich fest in der Gemeinde, war bei vielen Aktivitäten dabei. Doch mit der Zeit sank ihr Bedürfnis, zum Gottesdienst zu gehen und sie zog sich aus der Mitarbeiterschaft zurück, ohne genau sagen zu können, warum. „Es bringt mir alles nichts mehr!“, antwortete sie Gemeindemitgliedern, die nach dem Grund ihres Fernbleibens fragten.

Auf die Frage, ob denn in ihrer Beziehung mit Jesus alles in Ordnung sei, antwortete sie entschieden: „Ja, ich erlebe ihn tief – allein und wenn ich mit Freunden zusammen bin und ihn anbete. Da ist alles okay…“

Alle liebevollen Appelle, ihre Treue zu Jesus doch auch durch ihren Gottesdienstbesuch und ihre Mitarbeit in der Gemeinde zum Ausdruck zu bringen, fruchteten nichts.

Es gibt heutzutage viele „Gabis“, die sich  innerlich oder auch äußerlich (Austritt) von der Gemeinde verabschiedet haben: Ihr Engagement schwindet, sie können sich nicht mehr dazu aufraffen, die Gottesdienste zu besuchen, geschweige denn, langfristig Verantwortung zu übernehmen. Standarderklärungen wie „die Person liebt Jesus nicht mehr“ werden ihrer Situation nicht gerecht.

In vielen Fällen ist die Ursache nicht geistlicher, sondern kultureller Natur. Gabi lebt den größten Teil ihrer Zeit, z.B. Beruf und Freizeit, in einer postmodernen Kultur, wird aber in der Gemeinde mit kulturellen Formen konfrontiert, die in der Moderne entstanden sind. In dieser Kultur fühlt sie sich nicht zu Hause. Kultur ist im Duden definiert als „die Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen einer Gemeinschaft, eines Volkes“. Mit dem Schlagwort „Wandel von der Moderne zur Postmoderne“ beschreiben wir die tiefgreifenden, kulturellen Veränderungen der letzten Jahre. Die Gemeinde hat vielerorts nicht mit diesen Veränderungen Schritt halten wollen und können.

Zum Teil liegt das daran, dass sie ihre Gemeindestruktur als „biblisch“ empfindet. Das mag sie auch in einem gewissen Kontext sein. Das Evangelium und seine Werte sind ewig, zeitüberschreitend und unwandelbar. Aber wenn wir dieses Evangelium zum Ausdruck bringen wollen, müssen wir zu den Formen („Lebensäußerungen“) greifen, die unsere Kultur bietet. Das Evangelium bestimmt das, was wir tun sollen. Unsere Kultur prägt die Art, wie wir es tun. Manche dieser kulturellen Formen sind, gemessen am Evangelium, positiv, andere sind „neutral“ oder negativ und brauchen Veränderung. Das gilt für „traditionelle“ kulturelle Formen genauso wie für Ausdrucksweisen der Postmoderne.

Die Gemeinde Jesu steht immer vor der Aufgabe, zu durchdenken, wie die alten, ewigen Werte des Evangeliums in ihrer Zeit und Welt gelebt werden können.

Dort wo eine Gemeinde sich dieser Herausforderung nicht stellt, sondern in kulturellen Mustern vergangener Generationen stecken bleibt, fühlen sich Menschen, die postmodern geprägt sind, nicht mehr zu Hause.

 

Einige Konfliktfelder

Wo liegen nun die Unterschiede?

Wenn postmoderne Menschen in eine Gemeinde kommen, die traditionell oder modern (Stil der 60er-, 70er- oder 80er-Jahre) ist, kommt es in der Regel in einem oder mehreren der unten beschriebenen Gemeindebereiche zu einem Zusammenprall der Kulturen und Lebensweisen.

 

Post-Gottesdienst?

In der postmodernen Welt läuft vieles gleichzeitig ab: Während der Computer hochfährt, schreibt man eine SMS und kocht Kaffee. Im Computer  sind immer mehrere Fenster offen, so dass man von einem Programm ins nächste springen kann, wenn eines zu langsam oder langweilig wird. In fast allen Lebensbereichen kann man zwischen unendlich vielen Varianten (z.B. für Handyfarbe, Klingeltöne etc.) wählen. Und dann kommt man in einen Gottesdienst und es gibt nur ein einziges Angebot: 30 bis 45 Minuten lang still in einer Reihe sitzen und einer einzigen Person zuhören. Die so geforderte Konzentration auf einem einzigen Empfangskanal ist für viele postmoderne Menschen, die ständig auf mehreren Kanälen Signale empfangen, fast nicht zu leisten.

Die Gewohnheit, dass alle Gemeindeglieder in Reih und Glied auf Stühlen sitzen und sich nur zur Anbetung oder zum Gebet erheben, ist nicht gerade postmodern (es ist noch nicht mal biblisch). Postmodern wäre es, sowohl bei der Gestaltung des Raumes und des Programms Wahlmöglichkeiten zu geben: Raum zum Sitzen, Stehen, Liegen, Malen, Tanzen oder Kaffee trinken. Raum, sich noch mit etwas anderem zu beschäftigen, während gleichzeitig noch das „normale“ Programm (Predigt, Anbetung, Ansagen etc.) läuft. Und Raum, in dem auch andere Sinne, wie z.B. durch visuelle Untermalung, angesprochen werden. Ebenso wichtig wie der äußere Freiraum ist auch der innere Raum: Postmoderne Menschen müssen es spüren, dass sie sein und sich ausdrücken dürfen, so wie sie sind.

 

Post-Verbindlichkeit?

Postmoderne Menschen leben in einer Welt, die nicht mehr vorhersehbar ist. Unsere Eltern hatten noch einen Beruf fürs Leben. Wir können von Glück reden, wenn wir mehr als acht Monate beim gleichen Arbeitgeber bleiben können. Aus diesem Grund fällt es vielen postmodernen Menschen schwer, sich langfristig für etwas zu verpflichten, egal ob es sich um einen Vertrag fürs Fitnessstudio oder Mitarbeit in der Gemeinde handelt.

Postmoderne Menschen sind nicht generell unverbindlich. Sie leben häufig in treuer und teurer (Telefonkosten!) Verbindlichkeit zu einigen vertrauten Freunden, mit denen sie sich regelmäßig treffen und ihr Leben und ihre Lebenskrisen teilen. Aber sie lassen sich nur schwer für verbindliche Mitarbeit in Bereichen festlegen, die sie als „unpersönlich“ empfinden, wie z.B. ein „Evangelisationsprogramm“.

Postmoderne Menschen engagieren sich für Jesus. Sie tun das – wie die ersten Christen – meistens in einer Form, die beziehungsorientiert ist: Bekannten, die Jesus noch nicht kennen, von ihm zu erzählen, ist für sie genauso selbstverständlich, wie bis Mitternacht Freunde zu trösten und für sie zu beten. Das ist ihr unschätzbarer Beitrag für das Reich Gottes.

 

Post-Ratio?

Postmoderne Menschen haben wenig Interesse an Lehre – zumindest wenn sie überwiegend rational und theoretisch ist und den Anspruch erhebt, die Antwort auf alle Fragen zu haben. Aber sie sind hungrig nach Weisheit, nach Lebenserfahrungen, nach Antworten auf spezifische Fragen der Lebensgestaltung: Wie kann ich mich als Nachfolger Jesu in dieser spezifischen Situation verhalten? Eine Antwort, die zugibt, nur einen Teil der Wahrheit erkannt zu haben, ist ihnen allemal lieber als ein billiges Patentrezept, das dann doch nicht zu ihrer komplexen Lebenssituation passt.

Postmoderne Menschen, wollen Antworten dann erhalten, wenn sie die Fragen haben, nicht vorher. Ideal ist es, spontane Lehre in den Kontext des Lebens einzubauen. Lehre über Gebet während man betend durch die Straßen läuft. Lehre über den richtigen Umgang mit Finanzen in der Kaffeepause oder beim gemeinsamen Shopping usw. Lehre, die im Kontext des Lebens vermittelt wird, wird auch im Leben umgesetzt.

Wenn eine Gemeinde postmoderne Menschen ansprechen, aber nicht auf die gewohnte Predigtform mit logisch-rationaler Erklärung und dem Drei-Punkte-Schema verzichten will, dann ist Transparenz und Illustration von großer Wichtigkeit. Der Inhalt muss von der Person, die erzählt, durchlebt worden sein, bevor sie als glaubwürdig eingestuft wird. Geschichten, Bilder und Beispiele aus dem eigenen Leben, die das Gesagte illustrieren, geben auch einer „normalen“ Predigt größere Chancen, gehört zu werden.

Eine Form der Lehre, mit der eine Freundin und ich experimentieren ist „Lehre im Kombipack“: Sie ist ein rational-logischer Mensch und kann biblische Zusammenhänge hervorragend gliedern und analysieren. Ich wiederum kann Fakten durch Bilder, Beispiele und Geschichten Leben geben. Wir lehren gelegentlich gemeinsam: Sie „quatscht“ und ich „quatsche dazwischen“. Auf diese Art und Weise können sowohl moderne als auch postmoderne Menschen die Lehre aufnehmen und verdauen.

 

Post-Respekt?

Postmoderne Menschen der westlich geprägten Welt leben in einem Umfeld, in dem jeder etwas zu sagen hat und ernst genommen wird. In den Chatrooms des Internets gibt es keine Hierarchien und Geschlechterdiskriminierung, genauso wenig wie in den meisten postmodernen Hinterhof- und Loftfirmen. Einen Raum, in dem jeder zählt und sich einbringen kann wünschen sie sich auch in ihrem geistlichen Zuhause.

Es ist für postmoderne Menschen fast völlig unverständlich, warum in einer Gemeinde ein einzelner oder eine kleinen Gruppe von (meistens) Männern das Sagen hat. Eine unpersönliche Gottesdienstform, die nur von einigen Verantwortlichen gestaltet wird und wenig Raum für echte zwischenmenschliche Kommunikation bietet, ist für sie weder attraktiv noch verständlich. Sie ist nicht mit ihrem „normalen Leben“ in Einklang zu bringen. Und auch nicht mit dem biblischen Gebot „wenn ihr zusammenkommt, hat jeder etwas zu geben“ (1. Kor. 14,26) vereinbar.

Gleiches gilt für strukturelle Hierarchien. Postmoderne Menschen respektieren Menschen mit Lebenserfahrung. Sie spüren intuitiv, ob jemand „echt“ ist. Sie sind auch bereit, sich von Menschen, die eine „natürliche“ oder organische Autorität haben, etwas sagen zu lassen. Aber „strukturelle“ Autorität hat für sie keinen inneren Wert.

Das oberstes Gebot für Gemeinde, die in der Postmoderne (über)leben will, lautet deshalb: Raum schaffen für alle. Das zweite, ebenso wichtige Gebot ist folgendes: Hierarchien und Privilegien abbauen. Flache, teamorientierte Leiterschaft etablieren und als Leiter demütig auf das hören, was Gott durch andere Gemeindeglieder sagen will. Menschen, die allein aufgrund ihrer Position Autorität beanspruchen, werden in der Postmoderne schlichtweg nicht gehört. Aber postmoderne Menschen ehren das Wort von Menschen, welche die natürliche Autorität eines von Christus geformten Charakters haben, egal an welcher Position sie stehen.

Wir können das Rad der Zeit nicht mehr zurückdrehen. Unsere Welt wird postmodern. Die Herausforderung, in diesem Kontext Gemeinde zu gestalten, wird in den nächsten Jahren noch wachsen. Wahrscheinlich auch die Spannungen und die Konflikte, die mit jedem Wandel verbunden sind. Damit das Schiff Gemeinde auf dem postmodernen Meer nicht untergeht, sondern weitersegeln und neue Menschen an Bord nehmen kann, müssen auch vertraute Lebensformen als Ballast über Bord geworfen werden.

Es stellt sich die Frage: Können moderne und postmoderne Menschen in einer Gemeinde miteinander existieren? Meine Antwort lautet: Nein und Vielleicht. Nein, denn neuer Wein braucht neue Schläuche.

Dort wo die Strukturen fest etabliert sind und die Mehrzahl der Gemeinde sie als gut und schützend empfindet, wird die postmoderne „Fraktion“ früher oder später andere Formen für ihr Leben mit Jesus wählen. Ähnliche Prozesse erlebten viele der heute etablierten Gemeinden vor 20 oder 30 Jahren, als sie selbst aus anderen Gemeindeformen auszogen, um ihren eigenen Weg zu finden. Wenn nun eine neue Generation das Gleiche tut, ist das weder eine Katastrophe noch ein Zeichen von Rebellion der „Jungen“ oder dem Versagen der „Alten“, sondern der ganz normale Lauf der Dinge.

Vielleicht gibt es auch echte Chancen. Die Auseinandersetzung mit der Postmoderne bietet faszinierende Möglichkeiten: Postmoderne Menschen lieben Dinge, die auch den ersten Christen wichtig waren: gemeinsames Abendmahl, informelle Treffen in der vertrauten Umgebung, Veranstaltungen im „Tempel“, zu denen jeder kommen kann, wann er will. Der Dialog mit Menschen der Postmoderne bietet der Gemeinde ganz neu Chancen, dass sie ihr eigenes Wesen tiefer versteht und neu entdecken kann, wie Jesus sich Gemeinde gedacht hat. Damals und Heute.

 

Bearbeitete und leicht gekürzte Fassung eines Artikels, der zuerst im Dezember 2002 in der Zeitschrift Aufatmen erschien. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Buchtipps zu Thema:

 

Roland Allen, Kerstin Hack, u.a.: Gemeinden gründen. Dynamisch und stabil – von Paulus lernen. Donw-to Earth, 2009.

Quadro, €4.00 Direkt erhältlich beim Down-to-Earth-Shop.

 

 

 

 

Dan Kimball: Emerging Church – Die postmoderne Kirche: Spiritualität und Gemeinde für neue Generationen. Gerth Medien, 2005.

€17.95 Direkt erhältlich z.B. bei Amazon.

 

 

 

 

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de