Kerstin Hack: Hunger. Strategien, satt zu werden.

Drei Tage nach Weihnachten und all seinen Leckereien, mit einer heißen Tasse Tee vor mir und einem Teller mit Weihnachtsplätzchen neben mir über „Hunger“ zu schreiben, ist eine mittlere Herausforderung. Anderswo auf der Welt fliegen die Raketen, wüten die Zyklone und machen Bürgerkriege und Erdbeben Millionen obdachlos. Aber hier? Bedrohung von Leib und Leben sind mir fremd und fern. Physischen Hunger kenne ich nur aus den Zeiten, wo ich wenig oder nichts gegessen habe, um mich auf Gott auszurichten oder abzunehmen. Oder beides.

Das heißt jedoch nicht, dass es nicht dennoch ungestillte Bedürfnisse in meinem Leben gibt. Sie melden sich, wenn die Grundbedürfnisse, die zum Erhalt der physischen Existenz nötig sind, wie Nahrung, Kleidung und Sicherheit, gestillt sind. Da gibt es eine Reihe von Bedürfnissen, die wir selbst stillen können wie etwa das Bedürfnis, unserem Leben durch entsprechende Tätigkeiten Sinn zu geben, unsere Kreativität auszuleben oder etwas zu erschaffen und zu gestalten.

Aber daneben gibt es viele Bedürfnisse, für deren Erfüllung wir andere Menschen brauchen. Hier fangen die Krisen an. Vielen Menschen gelingt es gar nicht, ihre Bedürfnisse ganz klar und offen zu benennen. Ich habe jahrelang darunter gelitten, dass ein eigentlich guter Freund bei unseren gelegentlichen Telefonaten fast nur von sich erzählte und nie nach mir fragte. Mein Bedürfnis nach Wertschätzung blieb reichlich unerfüllt. Ich dachte, ihm wäre egal, was mich bewegt. Irgendwann sprach ich das an. Er reagierte erstaunt: „Klar will ich wissen, wie es dir geht! Aber ich möchte dir gern die Freiheit geben, mir dann von dir zu erzählen, wann du es möchtest. Deshalb frage ich nicht.“ Ach, so ist das.
Indem ich mein Bedürfnis klar geäußert habe, sind meine Chancen, gefragt zu werden, deutlich gestiegen. Und manchmal erzähle ich jetzt auch viel lockerer vor mir aus – weil ich weiß, dass ich die Freiheit habe, es zu tun.

Manche Menschen benennen ihre Bedürfnisse nicht direkt. Sie sagen vielleicht: „Es ist herrliches Wetter draußen“, wenn sie eigentlich meinen „Ich habe das Bedürfnis nach Austausch und Gemeinschaft mit dir und würde gerne mit dir spazieren gehen.“ Sie wundern sich dann vielleicht nur, wenn der – hinter einem Computermonitor verborgene Gesprächspartner – mit einem kurzen „Ja“-Grunzen antwortet und sind womöglich sogar frustriert, weil ihre Wünsche nicht gehört wurden.
Andere verstecken ihr Bedürfnis nach Zuwendung und Unterstützung hinter Jammern über dieses oder jenes Wehwehchen oder den Wunsch nach Bewunderung und Wertschätzung hinter negativem Reden über andere. Auf Bedürfnisse, die nicht klar geäußert werden, kann der andere kaum angemessen reagieren.

Wir – hier meine ich vor allem die Menschen mit den XX-Chromosomen – träumen häufig davon, dass andere Menschen unsere Bedürfnisse erahnen und ungefragt erfüllen. Das Verrückte: Uns unsere Wünsche von den Lippen – oder noch genauer – von den Hirnwindungen abzulesen – das tut noch nicht einmal Gott. Obwohl er vielleicht das einzige Wesen im Universum ist, das diese Fähigkeit zu 100% beherrscht. Aber selbst Gott erwartet, dass wir aus der emotionalen Babyphase „Mama errät, was ich brauche“ aussteigen und als erwachsenes Gegenüber mit ihm kommunizieren. „Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet. Oder es aus miesen, egozentrischen Motiven tut.“

Impuls 1: Es erhöht die Chancen, den Hunger gestillt zu bekommen, wenn man die eigenen Bedürfnisse offen, klar und verständlich nennt.

Alle echten Bedürfnisse dienen dem Leben. Mit Bedürfnis meine ich nicht die endlos lange Wunschliste der Dinge, die eigentlich ganz nett und schön wären. Ich meine vielmehr die emotionalen Grundbedürfnisse nach Akzeptanz, Wertschätzung, Nähe, Gemeinschaft, Empathie, Ehrlichkeit, Liebe, Geborgenheit, Selbstverwirklichung, Vertrauen usw. Diese Bedürfnisse sind universell. In jeder Kultur sehnen sich Menschen nach Schönheit, Harmonie und Inspiration, Frieden und Freiheit. Auf der Ebene der Bedürfnisse können wir uns tief verstehen und begegnen.
Leider unterscheiden sich die Strategien, wie man diese Bedürfnisse erfüllen möchte, zum Teil so drastisch, dass das zugrunde liegende Bedürfnis für den anderen fast nicht mehr erkennbar ist. So erzählte mir ein Bekannter entsetzt und voller Unverständnis vom laxen Umgang der Amerikaner mit Schießwaffen. Er erkannte nicht, dass er genau das gleiche Grundbedürfnis hat wie die Freunde jenseits des großen Teiches und dass sich lediglich die Meinung über die beste Strategie für mehr Sicherheit drastisch unterschied. In der Politik werden diese Strategiediskussionen täglich ausgefochten. Jeder will Gerechtigkeit, Sicherheit, Wohlstand, Frieden usw. – nur, wie das am besten zu erreichen sei – darüber scheiden sich die Geister.

Aber man muss gar nicht so weit schweifen. Samstagnachmittag herrscht in deutschen Wohnzimmern Harmonie und Gemeinschaft – zumindest als Bedürfnis. Ob dieses Bedürfnis jedoch am ehesten durch einen romantischen Kino- oder Theaterbesuch oder eher durch das – biergestärkte – Betrachten von 22 Männern, die einem runden Ball hinterherlaufen, zu erfüllen sei, herrscht Uneinigkeit. Werden dann noch dem jeweils anderen Rücksichtslosigkeit und Egoismus vorgeworfen, enden die Grabenkämpfe nicht selten damit, dass andere Orte, die eigentlich Nähe und Harmonie fördern könnten wie z. B. das Ehebett, boykottiert werden.

Entspannter könnte die Sache werden, wenn man erkennt, welches Bedürfnis der konkreten Strategie des anderen zu Grunde liegt. Auf der Ebene der Bedürfnisse „ah, du sehnst dich nach Gemeinschaft und willst deswegen mit mir Fußball gucken / ins Kino gehen“ kann man sich leichter begegnen als auf der Ebene der Strategien. „Ich will nicht ins Kino / Fußball sehen!“
Wer nur einen Weg sieht, seine Bedürfnisse zu erfüllen, wird leicht rigide und rechthaberisch. Wer gerade mal zwei Wege kennt, um sie zu erfüllen, gerät häufig mit sich selbst in einen Konflikt: Soll ich dies oder jenes tun? Wer jedoch eine Vielzahl von Möglichkeiten sieht, seine Bedürfnisse zu erfüllen – Gemeinschaft z. B. beim Fußballgucken oder im Kino oder beim Kuscheln oder beim Erzählen oder Essen zu erleben, kann aus der Vielzahl der Möglichkeiten diejenige auswählen, die am besten passt. Er kann auch entspannter mit sich und anderen umgehen.

Impuls 2: Es erhöht die Wahrscheinlichkeit, Bedürfnisse erfüllt zu bekommen, wenn man zwischen Bedürfnissen und Strategien unterscheiden kann und eine Vielzahl von Strategien zu Erfüllung von Bedürfnissen beherrscht. Und wenn man es lernt, auf die Bedürfnisse des anderen zu achten, die hinter seinen – gegebenenfalls wenig hilfreich erscheinenden – Strategien stecken.

Das gilt auch in Bezug auf Wünsche. Nicht nur Kinder äußern häufig unerfüllbare Wünsche. Ein konkreter Wunsch ist häufig nichts anderes als eine Strategie, ein Bedürfnis zu erfüllen. Hier ist es sinnvoll nachzufragen. So wie eine befreundete Mutter es tat, als ihre drei Töchter, die sich in einer kleinen Drei-Zimmer Wohnung ein Zimmer teilten, den Wunsch nach einem eigenen Zimmer äußerten. Sie fragte nach und am Ende kam heraus, dass sie sich Autonomie wünschten – einen Bereich, der nur ihnen gehören würde, über den sie verfügen könnten. Dieser Wunsch war erfüllbar. Sie baute an die drei Wände des Zimmers jeweils ein Hochbett. Darunter wurde für jede Tochter mit einem Vorhang ein separater Bereich abgetrennt, der nur ihr gehörte. Auch wenn ihr Wunsch nach einem Zimmer nicht erfüllbar war, so hatte die kluge Mutter doch auf das Bedürfnis dahinter gehört und nach dem besten Weg gesucht, es zu erfüllen.
Ich habe den Verdacht, dass Gott das manchmal ähnlich tut. Wir kommen mit unseren Wünschen bei ihm an und haben ganz klare Vorstellungen, wie er sie erfüllen kann und sollte. Und sind häufig enttäuscht, wenn er es nicht so tut. Manchmal erkennen wir im Nachhinein: Er hat meine Gebete erhört, anders als ich es erwartet habe, aber so, dass es zutiefst gut war. Es könnte vielleicht entspannender sein, wenn man schon während des Betens in einen Dialog mit Gott und sich selbst tritt und sich fragt: „Was ist das Bedürfnis hinter meinem Wunsch?“ und ihn fragt: „Ist meine Idee der beste Weg zur Erfüllung?“  Vielleicht kann das Loslassen eigener Vorstellungen ganz neue Horizonte öffnen.

Impuls 3: Es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass man ein echtes Bedürfnis eines anderen Menschen erfüllen kann, wenn man nachfragt, was sich hinter den geäußerten und möglicherweise schwer erfüllbaren Wünschen versteckt.

 

Zuerst veröffentlicht in THE RACE – Die christliche Zeitschrift zum Weiterdenken, Ausgabe 33, 2009.

The Race ist heute oora. www.oora.de    Mit freundlicher Genehmigung.

 

Bücher zum Thema:

Damaris Graf: Gut kommunizieren. Training für bessere Beziehungen. Down to Earth.

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Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter
http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de