Kerstin Hack: Glaube ist Kommunikation

Mit Gott im Gespräch

Zum Glauben gehört mehr als das Bejahen von theologischen Positionen. Wir treten in eine persönliche Beziehung zu Gott, der sich einen lebendigen, authentischen Dialog mit uns wünscht.

Gerade war ich draußen. Ich habe geraucht. Nein, keinen Tabak. Innerlich. Jemand hatte mir eine E-Mail ohne Anrede und Abschiedsgruß geschrieben. Und was darin stand, war auch nicht gerade nett. Nach dem Lesen konnte ich mich nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren. Also entschied ich mich, das einzige Sinnvolle zu tun: rauszugehen und mit meinem Gott zu reden. Ihm den ganzen Ärger, den die E-Mail ausgelöst hatte, vor die Füße zu legen. Und ihm einfach zu sagen, was mich bewegt. Wenn es denn so einfach wäre. Mir helfen in solchen Situationen die „Vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation“:

1. Die Situation klären
Was genau ist eigentlich geschehen? Ich versuchte erst einmal, im Gespräch mit Gott zu sortieren:  Ich hatte dies und jenes geschrieben. Er hatte folgendes geantwortet. Eine Situation so neutral es geht zu beschreiben, ist herausfordernd, weil unsere Gefühle uns schnell Bewertungen unterschieben wollen. Wir sagen „Er hat sich aufgeregt.“ oder „Sie hat voll rumgezickt.“ Neutraler wäre: „Als ein Fahrgast die Türschließung blockierte, rief der Busfahrer mit lauter Stimme: Gehen Sie endlich aus der Lichtschranke, damit ich losfahren kann.“

2. Die Gefühle benennen
Das zu erleben – wie fühlt sich das an? Als ich vorhin mit meinem Gott sprach, spürte ich erst mal Wut. Ich war sauer auf die Person. Wut und Ärger werden oft als „Torhütergefühle“ bezeichnet, weil hinter ihnen meist tiefere Gefühle steckten – etwa Trauer oder Hilflosigkeit. Als ich meinen Gefühlen nachspürte, nahm ich vor allem große Traurigkeit war. Das erzählte ich Gott.

3. Das Bedürfnis benennen
Was genau brauche ich jetzt? Unter jedem Gefühl liegt ein Bedürfnis. Unter angenehmen Gefühlen wie Freude, Entspannung oder Genuss liegen erfüllte Bedürfnisse. Unangenehme Gefühle weisen darauf hin, dass zentrale Bedürfnisse nicht erfüllt sind. Als ich meiner Situation nachspürte, merkte ich, dass mein Bedürfnis nach Respekt und Verbundenheit durch die Mail nicht erfüllt worden war. Und mir fehlte die Wertschätzung. Auch das erzählte ich meinem Gott.

4. Die Bitte formulieren
Worum kann ich jetzt bitten? Jedes Bedürfnis kann auf drei unterschiedliche Arten erfüllt werden: Zum einen, indem wir Menschen bitten, zu seiner Erfüllung beizutragen, z. B. „Ich blicke hier nicht durch, bitte erkläre mir das!“ Zum anderen können wir Gott um Hilfe bitten: „Vater, ich brauche jetzt Trost.“ Und schließlich können wir viele Bedürfnisse selbst erfüllen – manchmal ganz praktisch, aber durchaus auch emotional.
Bei dem Spaziergang vorhin habe ich einerseits Gott um Trost gebeten. Gerade als ich wieder nach Hause kam, klingelte das Telefon. Meine beste Freundin war am Apparat. Eigentlich rief sie nur an, um kurz einen Termin zu klären. Ich las ihr die Mail vor und bat sie um Gebet. Sie griff das spontan auf – und die Art und Weise wie sie für mich betete, spendete mir tiefen Trost. Für mich war das eine Antwort von Gott.

Natürlich läuft die Kommunikation mit Gott und Menschen meist nicht so schematisch ab wie eben beschrieben. Ich sprang eine ganze Weile zwischen Punkt 1, 2 und 3 hin und her, bis ich endlich klar spüren und formulieren konnte, worum ich Gott bitten wollte.

Von Herzen mit Gott reden

Die Psalmen sind eine bunte Sammlung von Gebeten im Alten Testament: Da findet man gut durchkomponierte – wie Psalm 119, der jeden Buchstaben des hebräischen Alphabets aufgreift –, sowie Gebete und Lieder mit Refrains. Aber auch solche, in denen die Beter ihren ganzen Schmerz ungeordnet vor Gott rausschreien. „Warum geht es mir so schlecht? Und warum geht es den Bösen so gut? Warum greifst du nicht ein?“

Oft können wir in unserem Schmerz nichts anderes tun als schreien, klagen und anklagen. Gott hält das aus. Der englische Autor Adrian Plass schrieb einmal,  dass sein Sohn manchmal sehr wütend auf den in seinen Augen fiesen, ungerechten Papa war, der ihm keine Eiscreme gönnte. Dann schlug er auf die Brust des Vaters ein – so lange bis er erschöpft war und in den Armen des Vaters einschlief, der ihm ohnehin nur aus Liebe die vierte Portion Eis verweigert hatte.

Gott sieht, welches Bedürfnis hinter unserem Schmerz steckt. Doch wir sollten auch selbst dem auf die Spur kommen, was uns bewegt, und klar benennen können, was wir brauchen und worum wir ihn bitten möchten. Zur Kommunikation mit Gott gehört, dass wir unser Herz vor ihm ausschütten – mit all unserer Freude und all unserem Leid und all unseren Bitten. Dabei kommt es nicht auf wohlformulierte Worte an. Die Bibel beschreibt Gott als Vater. Und wer schon mal einer Dreijährigen zugehört hat, die von ihren Erlebnissen im Kindergarten erzählt, der weiß, was gemeint ist. Man versteht nur die Hälfte. Es geht aber viel weniger um die perfekte Wortwahl als um die Verbindung, die entsteht, wenn man die leuchtenden Augen des Kindes sieht – oder auch die traurigen Augen, wenn eine kleine Welt untergegangen ist, weil ein Traktor ein Rad verloren hat oder ein Freund nicht mehr mit einem spielen will. Einem liebenden Vater kommt es nicht auf wohlformulierte Worte an, sondern darauf, dass seine Kinder ihr Herz mit ihm teilen.

Auf Gott hören

So wie Gott gern dem zuhört, was wir zu sagen haben, möchte er auch gern mit uns über das sprechen, was ihn bewegt. Aber wie redet Gott? Mit Donnerstimme vom Himmel? Eher selten. Das wünschen sich manche. Aber mal ganz ehrlich: So angenehm wäre ein lautes, für alle hörbares Gepolter dann doch wieder nicht. Gelegentlich spricht er hörbar – die Bibel berichtet davon. Doch meist wählt Gott etwas stillere Varianten der Kommunikation: Er redet durch Umstände, durch offene oder geschlossene Türen, die signalisieren: Hier geht es weiter, hier nicht. Er benutzt Bibeltexte, die uns plötzlich besonders ansprechen, oder Sätze von Menschen, die uns tief im Herzen berühren, sodass wir spüren: „Hier redet Gott.“ Und er spricht nicht zuletzt durch seinen Geist. Meist geschieht das durch eine leise innere Stimme. Fast jeder hat das schon mal erlebt: Ein plötzlicher Impuls „Ruf deine Tante an“ oder „Mache dies oder jenes jetzt“. Oft schieben wir diese Gedanken beiseite, weil wir gar nicht auf die Idee kommen, dass es Gott sein könnte, der da zu uns gesprochen hat.

Da es sich bei solchen Impulsen in der Regel um relativ kleine Dinge handelt, versuche ich mich darin zu üben, auf sie einzugehen: Wenn es Gott war, der zu mir geredet hat – wunderbar. Und wenn nicht, passiert meist auch nicht viel. In meinem Freiwilligen Sozialen Jahr hatte ich an einem Abend das Gefühl, ich sollte zu einer Mitarbeiterin gehen. Als ich an ihre Tür klopfte, empfing sie mich mit strahlenden Augen: „Ich habe Grippe und bin noch total schwach, aber ich habe Hunger. Deshalb habe ich Gott gebeten, dass er mir jemanden herschickt, der mit etwas zu Essen besorgt.“ So ging ich in die einige Hundert Meter entfernte Gemeinschaftsküche und holte ihr ein Abendbrot. Es machte mich glücklich und dankbar zu erleben, wie liebevoll sich Gott um Menschen kümmert – auch durch uns, wenn wir auf das Hören, was er uns sagt.

Hören einüben

Wir können einüben, Gottes Stimme zu hören, indem wir ihn um sein Reden bitten. Wenn ich per Mail oder auf Facebook Freunden zum Geburtstag gratuliere, nehme ich mir gelegentlich einen Moment Zeit und frage Gott: Gibt es etwas, das du dem Menschen durch mich sagen willst? Ein Zuspruch, eine Ermutigung, eine Stärkung? Häufig habe ich dann einen bestimmten Gedanken oder einen Bibelvers im Kopf und schreibe diesen auf. Kürzlich mailte mir eine Freundin zurück: „An meinem Geburtstag habe ich Gott gebeten, zu mir in Bezug auf das kommende Jahr zu sprechen. Ich empfand, dass er mir eine ganz konkrete Zusage machte und dass eine bestimmte Bibelstelle für mich wichtig wäre. Als ich mich später Facebook einloggte, hattest du mir genau das gleiche geschrieben, was ich in meinem Gespräch mit Gott von ihm gehört hatte. Das hat mich so ermutigt!“

So können Sie üben. Fragen Sie Gott, ob er durch Sie einem Menschen etwas Ermutigendes sagen will. Wenn Sie daraufhin einen bestimmten Gedanken haben, dann teilen Sie ihn dem anderen mit. Am besten nicht so überdramatisch: „So spricht der Herr…“. Wählen Sie lieber eine dezente Variante: „Ich habe für dich gebetet/an dich gedacht und dabei kam mir folgende Bibelstelle/folgender Gedanke in den Sinn …“ Das Gute daran ist: Bei Ermutigung kann nicht viel schiefgehen. Selbst, wenn Ihr Eindruck nicht 100% direkt von Gott kommen sollte, wird er dem anderen guttun.

Sie können durchaus auch selbst die Person sein, für die Sie Ermutigung empfangen. Werden Sie ab und zu ruhig und fragen Sie Gott: Willst du mir gerade etwas sagen? Je öfter Sie das üben, umso leichter wird es Ihnen fallen, seine Stimme zu hören – in bewussten Zeiten des Fragens, aber auch im Alltag zwischendurch.

Sehend hören

Die ganze Bibel hindurch und bis heute erleben Menschen, dass Gott bildhaft zu ihnen spricht. Plötzlich entstehen vor ihrem inneren Auge Bilder, die ihnen etwas von der Zukunft und Hoffnung vermitteln, die Gott für sie hat. Auch das Sehen kann man üben. Ich habe es immer wieder erlebt, dass Menschen, die steif und fest behauptet haben, sie könnten Gott nicht hören, plötzlich in der Lage waren, sein Reden wahrzunehmen. Alles was sie dafür tun mussten, war Gott um ein sprechendes Bild zu bitten.

Von Menschen lernen – mit Menschen teilen

Wir müssen unseren Glauben glücklicherweise nicht in der Isolation leben. Von anderen zu hören, wie sie mit Gott leben, erfrischt und belebt uns. Eine Freundin von mir hat vor gut einem Jahr ihre ersten Schritte mit ihm gewagt. Sie hat mir und anderen viele Fragen gestellt – auch darüber, wie sie mit Gott reden kann. Wir haben geantwortet, ihr von unseren Lieblingsbüchern erzählt, und sie einfach zuhören lassen, wenn wir mit Gott geredet haben. Irgendwann begann sie selbst zu beten – erst still für sich, dann auch laut mit uns zusammen. Ganz natürlich.

Unsere Beziehung zu Gott wächst, wenn wir uns mit anderen darüber austauschen. Wir dürfen die Momente mit anderen teilen, in denen wir sein Handeln offensichtlich erlebt haben – das kann ihnen neue Hoffnung geben. Wir können aber auch über die Dinge sprechen, die wir nicht einordnen und verstehen können. Da hilft uns ihre Sichtweise vielleicht weiter.

Ein Gespräch wird in der Regel dann bereichernd, wenn wir selbst offen und lernbereit sind. Bei Menschen, die offensichtlich mehr wissen als wir, fällt uns das leicht. Was aber, wenn wir die „Experten“ sind, die den „Unwissenden“ etwas vermitteln wollen? So ein Gespräch wird für beide Seiten schnell unbefriedigend. Der Theologe Walter Hollenweger hat einmal gesagt, dass etwas schief läuft, wenn wir das Evangelium an andere weitergeben und selbst nichts Neues dabei entdecken.

In einem Gespräch sagte eine Frau, der ich von meinen Erfahrungen mit Gott erzählte: „Das, was du beschreibst, ist viel heimeliger als das, was ich bisher kenne – meine Wünsche ans Universum zu richten.“ Mir hat ihr Kommentar neu bewusst gemacht, wie warm und persönlich der Gott ist, mit dem ich lebe. Ich bin dadurch bereichert worden. Deshalb empfehle ich: Seien Sie auch in Gesprächen mit Menschen, die gar nicht an Gott glauben oder anscheinend weniger über ihn wissen als Sie, offen für neue Entdeckungen. Vielleicht helfen Ihnen ihre Fragen dabei, selbst Antworten zu finden.

Apropos Antworten: Seien Sie entspannt. Niemand wird es Ihnen übel nehmen, wenn Sie nicht auf alle Fragen eine Antwort wissen. Die meisten Menschen lieben Geschichten. Wenn Sie ihnen ehrlich davon erzählen, wie Sie mit Gott leben und kommunizieren, werden Sie Ihnen zuhören – und mit Ihnen ins Gespräch kommen. Und vielleicht auch mit ihm.

 

Zuerst erschienen im Magazin Entscheidung, Ausgabe 3/2013, mit freundlicher Genehmigung. www.entscheidung.org

 

Buchtipp zum Thema:

s_e_gebet_400x400
Kerstin Hack: Gebet. Schlicht + ergreifend. Inspiration von A – Z rund um das Gebet. Von Anbetung über Jubeln bis zu Segnend beten. 12,95€

Erhältlich direkt beim Down-to-Earth-Verlag.

 

 

 

 

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de