Kerstin Hack: Gebet auf Berlins Straßen. Protokolle vom 30. April und 1. Mai 2006

Es ist wieder soweit. 1. Mai in Berlin. Linksradikale, Autonome und andere Gruppierungen, die ihrem Ärger und ihren Forderungen lautstark und zur Not auch gewaltsam Ausdruck verleihen wollen, schmieden Pläne für ihren 1. Mai. Die Ladenbesitzer verbarrikadieren ihre Geschäfte hinter zentimeterdicken Sperrholzplatten. Die Polizei bereitet sich auf einen harten Einsatz vor und die Christen verschanzen sich in ihren Gemeinderäumen und wollen mit der bösen Welt in Berlin nichts zu tun haben. Das war einmal. Fast 20 Jahre lang standen der 30. April und der 1. Mai in Berlin im Zeichen von Randalen, Gewalt und Zerstörung.
Heute sieht es in Kreuzberg anders aus. Das liegt zum einen an Bürgern, die mit einem friedlichen „Myfest“ der Gewalt viel Entfaltungsraum nehmen. Zum anderen an einem geänderten Polizeikonzept, das einerseits auf Zurückhaltung, aber auch auf gezieltes Eingreifen setzt, wenn es nötig wird. Und nicht zuletzt liegt es an vielen Christen in Berlin, die sich – auf ganz unterschiedliche Weise – für einen friedlichen 1. Mai einsetzen und auf ihre Art und Weise das Beste der Stadt suchen.

Protokoll von zwei Tagen in Berlin

30. 4. 2006 – 18.00
Wir, ein gutes Dutzend Christen, sind zum Boxhagener Platz im Berliner Stadtteil Friedrichshain gekommen, um in Zweierteams für einen friedlichen Verlauf der Walpurgisnacht zu beten. In der Vergangenheit war es im Anschluss an das traditionell stattfindende Konzert regelmäßig zu Ausschreitungen gekommen. Christen aus der Landeskirche, aus Freikirchen und Hausgemeinden, von Mitte Zwanzig bis Siebzig, laufen zu zweit um den Platz.
Alles ist ruhig. Wir beten und räumen die eine oder andere Flasche weg, die auf der Straße liegt: »Flaschen, die nicht liegen, können auch nicht fliegen.« An den vier Ecken des Platzes stehen Container, in die Flaschen geworfen werden können. Die Polizei bittet alle Neuankömmlinge den Inhalt von Glasflaschen in Plastikbecher umzufüllen – höflich, freundlich. Ein Polizist bedankt sich mit Handkuss, als ein erst widerwilliger Festbesucher dann doch bereit ist, seine Flasche in den Container zu werfen.
Der Abend ist sonnig und ruhig. Statt Steinen fliegen Frisbee-Scheiben durch die Luft, Punks, Freaks, junge und alte Anwohner feiern friedlich auf den Straßen, trinken Latte Macchiato oder Bier. Ein paar wenige tanzen zu den Klängen einer Punk-Band, die von einem Bühnenwagen spielt.

22.00
Die Band beendet ihr Konzert. 2005 war es nach dem Ende des Konzerts zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen. Auch jetzt ist die Stimmung angespannt. Neben mir streiten sich drei junge Menschen mit der Polizei. Einer zeigt auf seinen aufgeschnittenen Finger und wirft der Polizei vor, absichtlich Flaschen zertreten zu haben und ihm jetzt nicht zu helfen. Es ist offensichtlich, dass die Polizisten in ihren dicken Schutzuniformen kein extra Täschchen für Verbandsmaterial dabei haben. Ich biete ihm ein Pflaster an. Das ist zwar so klein, dass es die Wunde kaum bedeckt, aber es verfehlt seine Wirkung nicht. Der junge Mann beruhigt sich, geht weg. Seine Freundin schreit weiter auf die Polizisten ein, wirft ihnen vor, mutwillig Pfandflaschen zu zerstören. Ich versuche, sie zu beruhigen, ihr zu sagen, dass es wirklich nicht die Polizei war, die die Flaschen zerstört hat. Irgendwann beruhigt sie sich und sagt: »In Leipzig haben Polizisten meinen Kumpel erschossen, obwohl der gar nichts gemacht hat. Nur weil er wie ein Punk aussah. Und die Polizisten sind nicht mal bestraft worden, haben nur ihren Job verloren.« Ich weiß nicht, wie ich sie trösten kann, sage nur, dass es mir leid tut, biete ihr Schokolade an. »Darf ich mir zwei Stück nehmen, noch eins für meinen Freund?«, fragt sie.
Die Stimmung wird immer unruhiger. Die Menge wartet darauf, dass etwas passiert. Wir beten um Frieden, erleben es mehrfach, dass Leute, die laut schreiend zu aggressiven Handlungen aufrufen, still werden, nachdem wir für Frieden für sie gebetet haben. Ein junger Mann klettert auf einen Baum, rutscht mehrfach ab, schafft es am Ende doch. Es ist etwas passiert. Die Menge jubelt dem Helden zu.
Später räumt die Polizei den Platz. Friedlich, freundlich, nur eine Handvoll Leute reagiert mit aggressiven Parolen und nervigem Pfeifen auf Trillerpfeifen, das wohl mehr den eigenen Geltungsdrang befriedigen soll. Insgesamt hat die Räumung eher spielerischen Charakter. Es fliegen keine Flaschen oder Steine, die Menge macht das Spiel mit, sich abtreiben zu lassen. Am Bürgersteig sehe ich ein Mädchen, dem die Tränen in den Augen stehen. Ohne groß nachzudenken gehe ich zu ihr: »Was ist, hast du Probleme, kann ich dir helfen?«. »Mein Freund ist, glaube ich, gerade verhaftet worden, er ist vor einem Polizisten gestürzt, der hat es wohl als Provokation aufgefasst, ich weiß nicht was los ist.« Ich umarme sie kurz, sie will in eine andere Richtung weiter als wir. Ich laufe zur S-Bahn, fahre nach Hause. Müde aber dankbar für einen ruhigen Abend falle ich ins Bett.

1. Mai 11.00
Etwa 800 Christen treffen sich, um gemeinsam Gott anzubeten und für die Menschen in Kreuzberg zu beten, besonders für ein friedliches Miteinander der unterschiedlichen Kulturen. Am Ende werden Brezeln verteilt, die man als Zeichen der Gastfreundschaft einem Menschen aus einer anderen Kultur schenken soll. Wir gehen zu dritt zu einem Falafel-Stand und verschenken unsere Brezel, sagen den Männern dort, dass wir uns freuen, dass sie hier sind. Es sind Palästinenser, die uns erklären, dass »Herzlich Willkommen« auf Arabisch »Achlan wa Sachlan« heißt (so ungefähr zumindest). Sie teilen eine Falafel mit uns. Eine Frau aus unserer Gruppe fragt, was das sei – sie hat, obwohl sie in Berlin lebt, diese köstlichen, gebratenen Bällchen aus Kichererbsenmus, die es in Berlin eigentlich an jeder Straßenecke zu kaufen gibt, noch nie gegessen. Ich bin platt.

16.00
Nach einer Mittagspause sind wir wieder auf den Straßen unterwegs. Manche von uns beten. Andere sammeln Müll auf. Die Stimmung ist weder gut noch schlecht, schwer zu fassen. Um 18.00 läuft eine illegale Demo durch die Straßen. Als wir einen Demonstranten fragen, wofür sie eigentlich demonstrieren, kann er das nicht so genau sagen. »Revolution, Herrschaft des Proletariats« und ein paar andere Parolen fallen, aber so genau weiß er das auch nicht. Später kommt es nach einer weiteren illegalen Demonstration zu einem Zusammenstoß mit der Polizei. Flaschen und Böller werden geworfen. Einige Jugendliche versuchen, eine Mülltonne anzuzünden. Wir sagen freundlich »Hier wohnen doch Menschen, das bringt doch nichts« und treten das Feuer wieder aus. Bei einem zweiten Versuch schreiten wir nicht ein. Ein riesiges Feuer lodert auf, stinkende Rauchschwaden hängen in der Straße. Aus einem Fenster filmt jemand das Feuer und überträgt die Szenen live an eine Hauswand. 1. Mai Multimedia. Wir sind im 21. Jahrhundert angekommen.
Flaschen fliegen. Ein Teenie-Mädchen wirft einem Polizisten eine Flasche auf den Rücken. Sie und ihre Freundin feiern den Erfolg und die Heldentat. Mir bricht es fast das Herz. Eine Reggae-Band spielt unbeirrt weiter. Gegen Mitternacht entspannt sich die Lage, immer mehr Menschen gehen nach Hause, wir gehen auch.
Ich bin traurig, dass es überhaupt zu Gewalt kam, wenngleich die Rangeleien und die brennenden Mülltonnen kein Vergleich zu den gewalttätigen Auseinandersetzungen der letzten Jahre sind. Aber ich habe mir einen vollständig friedlichen 1. Mai gewünscht. Den gab es leider nicht.

2. Mai
Die Presse meldet »Friedlichste Walpurgisnacht seit Jahren!« und »Die Spirale der Gewalt ging weiter nach unten!«
Für nächstes Jahr wünsche ich mir, dass noch mehr Menschen des Friedens auf den Straßen unterwegs sind. Christen, die sich einmischen, Menschen auf die eine oder andere Weise Gottes Liebe zeigen, sie willkommen heißen, für sie da sind. Ich wünsche mir, dass der 1. Mai in Berlin nicht »nur« friedlich in dem Sinne ist, dass es keine Gewalt gibt, sondern ich wünsche mir, dass der 1. Mai in Berlin zu einem Tag wird, an dem viele Menschen Gott begegnen.

 

Leicht veränderte Fassung eines Artikels, der zuerst in der Zeitschrift The Race erschien. The Race ist heute oora – www.oora.de. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Büchertipps zum Thema:

 

Kerstin Hack: Draußen beten. Impulse zum Gebet im Freien. Down to Earth.

Impulsheft, 2.50€. Direkt zu bestellen beim Down-to-Earth-Shop.

 

 

 

 

Kerstin Hack, Axel Nehlsen, u.a. Beten für unser Land. Impulse für segnendes Gebet. Down to Earth.

Impulsheft, 2.50€. Direkt zu bestellen beim Down-to-Earth-Shop.

 

 

 

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de