Kerstin Hack: Fußball, Rache und Vergebung
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23.Jan.2012 | von kerstin | Kategorie: Besondere Empfehlungen
Rache ist süß. Ausgleich macht quitt. Aber ganz so einfach ist es nicht.
Mal ehrlich. Rache ist süß. Wenn uns jemand etwas angetan hat, dann tut es erst mal gut, uns so richtig auszumalen, was wir diesem Menschen wünschen. Wenn wir zu den netteren Bewohnern der Erde gehören, dann wünschen wir ihm vielleicht nur ein paar kleine Unglücke. Wir hoffen, dass er selbst spürt, wie es ist, wenn er das erlebt, was er uns angetan hat. Aber es kann auch sein, dass wir ganze Rosenkriege in unserem inneren Kopfkino ablaufen lassen. In den letzten Monaten habe ich mich intensiv mit dem Thema Vergebung beschäftigt. Dabei ist mir deutlich geworden, dass Menschen immer Ausgleich wünschen, wenn sie Ungerechtigkeit erlebt haben, was menschlich, natürlich und normal ist. Man will Schadenersatz. Gerechtigkeit. Wiedergutmachung. Oder auch Rache. Rache ist nichts anderes als der Versuch, den Schmerz oder das Unrecht, das einem zugefügt wurde, auszugleichen, indem man der anderen Person Schaden oder Unrecht zufügt. Dann ist man quitt.
Die paar kleinen Probleme
Es gibt in jeder Situation mehrere unterschiedliche Sichtweisen. Meistens zwei. Mit Anwalt drei. Was für den einen schwerwiegend ist, ist für den anderen weniger tragisch. Da Menschen sich in ihrer Beurteilung unterscheiden, gibt es auch unterschiedliche Perspektiven ob und in welcher Höhe Ausgleich zu leisten ist.
Es gibt auf dieser Welt keinen perfekten Maßstab für Ausgleich. Ist zum Beispiel der Ehebruch oder Vertrauensbruch des einen Partners dadurch ausgeglichen, dass der andere Partner das Gleiche tut? Oder wiegt bewusster, absichtlicher Ehebruch oder Vertrauensbruch schwerer als unabsichtlicher? Oft ist es so, dass der eine empfindet »Jetzt ist es ausgeglichen«, der andere aber denkt: »Das reicht noch lange nicht« und fühlt sich benachteiligt.
Beispiel: Deutschland – England
Als ich gerade mitten im Schreiben war, lieferte mir die WM eines der griffigsten Beispiele für die Sehnsucht nach Ausgleich. Erst mal ein Blick zurück.
Wir haben das Jahr 1966. Wembley, WM-Endspiel Deutschland gegen England. Es steht 2:2. In der Verlängerung schießt ein Engländer den Ball an die Latte. Der plumpst nach unten. Auf die Torlinie, aber nicht ins Tor. Dennoch: England bekommt das Tor anerkannt, geht damit 3:2 in Führung und gewinnt durch einen weiteren Treffer in den letzten Sekunden, als sich schon Zuschauer auf dem Spielfeld befanden, die Weltmeisterschaft. Die Deutschen sehen sich im Unrecht. Und wünschen sich Ausgleich. 44 Jahre lang.
2010. Südafrika. Achtelfinale. Wieder Deutschland gegen England. Ein Engländer schießt den Ball an die obere Latte. Der Ball plumpst von oben nach unten – hinter die Torlinie ins Tor. Der Treffer wird vom Schiedsrichter nicht anerkannt. Die Deutschen behalten die Führung. Schießen noch zwei weitere Tore, sind eine Runde weiter.
Unterschiedliche Sichtweisen
Ich bin nur einmal alle vier Jahre zur WM Fußballfan. Doch immer Beziehungsfan. Wie Menschen ihre Beziehungen gestalten, finde ich faszinierend. Deshalb las ist mit Begeisterung, wie unterschiedlich die Menschen 2010 auf dieses nicht gegebene Tor reagierten.
Die deutsche Sichtweise: Das Tor nicht anzuerkennen war ein klarer Schiedsrichter-Fehler. Aber der hat keinen Unterschied gemacht. Wir hätten auch dann gewonnen, wenn er das Tor anerkannt hätte. Wir waren die eindeutig bessere Mannschaft. Die Sichtweise des englischen Trainers und mancher, keineswegs aller, Engländer: Der Schiedsrichter-Fehler hat das Spiel entscheidend geprägt. Hätte er das Tor anerkannt, hätte das Spiel womöglich anders geendet.
Manche Deutsche sehen in dem Tor den »Ausgleich für Wembley«. Sie sagen, nun hätten sie Ausgleich, Genugtuung, Rache für das damalige Unrecht erhalten. Andere empfinden, dass eine Fehlentscheidung, die keine Auswirkungen auf das Ergebnis hatte, kein ausreichender Ausgleich für den möglicherweise entgangenen WM-Titel von 1966 ist. Manche Engländer könnten argumentieren, dass ein eindeutiges Tor nicht anzuerkennen weit schlimmer ist, als ein zweifelhaftes Tor anzuerkennen. Weil Menschen immer mit unterschiedlichen Maßstäben messen – jeder aus seiner Perspektive – wird eine perfekte Einigung über das, was gerechter Ausgleich ist, wohl nie möglich sein.
Die dritte Partei
Der sowjetische Linienrichter, der 1966 in Wembley für die Entscheidung, das Tor zu geben, mitverantwortlich war, wurde kurz vor seinem Tod gefragt, warum er das anerkannt habe, obwohl es doch eindeutig kein Tor war. Er antwortete mit einem einzigen Wort: »Stalingrad«. Auch da war offensichtlich noch eine Rechnung offen.
Der Verzicht auf Ausgleich
Mich hat diese Situation bei der WM 2010 fasziniert, weil es mir so viel über das menschliche Herz und den Umgang mit Unrecht gezeigt hat. Ob man beim Fußball vergeben kann, weiß ich nicht. In privaten Situationen hingegen hilft es mir, anzuerkennen, dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt und oft dritte Parteien die Situation beeinflussen. Mich entlastet der Gedanke, dass perfekter Ausgleich nicht möglich ist, weil zwei Menschen immer zwei unterschiedliche Perspektiven haben.
Wenn es ohnehin nicht möglich ist, zu perfektem Ausgleich zu kommen, kann ich – aus freien Stücken – auch darauf verzichten. Weil es mich aus dem aussichtslosen Kampf um Ausgleich führt und ich Ausgleich nicht (immer) brauche, um mein Leben weiter gut zu leben. Manche Menschen nennen diesen Verzicht auf Ausgleich auch »Vergebung«.
Zuerst veröffentlicht in oora – Die christliche Zeitschrift zum Weiterdenken, Ausgabe Nr. 38 – 3/2010. Mit freundlicher Genehmigung. www.oora.de
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