Kerstin Hack: Fragen und Entdeckungen

Gute Fragen finde ich klasse. Es gibt kaum ein größeres Kompliment, das man mir machen kann, als zu sagen: „Das war eine gute Frage!“ Die besten Fragen sind Fragen, bei denen der Gefragte tief und gut überlegen muss und beim Antworten etwas Neues über sich selbst entdeckt, was er vorher nicht wusste. Und der Fragesteller beim Entdecken dabei sein darf. Solche Erfahrungen des gemeinsamen Entdeckens, in denen man sich oder einem anderen Menschen auf die Spur kommt, gehören für mich zu den kostbarsten und begeisterndsten Momenten des Lebens.

Andere Menschen empfinden Fragen offensichtlich anders. Ein langjähriger guter Freund sagte mir neulich: „Ich dachte früher immer, du willst mich ausfragen. Ich habe lange gebraucht, bis ich verstanden habe, dass du mir Fragen stellst, weil du dich wirklich dafür interessierst, wie es mir geht.“ Natürlich habe ich Interesse an ihm! Wenn er mir egal wäre, würde ich ihn doch nicht fragen. Ist doch logisch, oder?

Aber weil er das offensichtlich ganz anders empfand, habe ich ihn gefragt, was er denn macht, wenn er einem Menschen tiefer begegnen will. „Etwas zusammen unternehmen, abwarten, sehen, ob der andere mir von sich aus etwas erzählen will!“ Ah, so macht er, macht man(n) das. Das muss Frau erst mal gesagt werden…

Ein befreundeter Lehrer hatte mir mal etwas Ähnliches erzählt: „Ein Skilager ist die beste Zeit, um Schülern zu begegnen: Man ist den ganzen Tag zusammen, und früher oder später fährt man mit jedem mal Lift. Da kann man dann reden, wenn man will, muss man aber nicht.“

Männer ticken da offensichtlich anders als ich. Ich wünschte, das hätte mir schon früher mal jemand gesagt. Es hätte mir geholfen, zu wissen, dass es Männern, wenn sie etwas unternehmen wollen, nicht nur um die Action, das Abenteuer, das Erlebnis geht, sondern dass es auch den Wunsch nach Begegnung ausdrücken kann. Das hätte mir manches dumme Fehlurteil („Der ist ja gar nicht an echter Begegnung [= Reden] interessiert!“) erspart. Ich hätte gemeinsame Aktivitäten viel mehr genießen können, wenn ich sie stärker als eine Form der Begegnung wahrgenommen hätte; dabei hätte ich auch den anderen viel besser kennen lernen und manches Spannende und Neue entdecken können. Und manche meiner Fragen hätten sich vielleicht beantwortet, noch bevor ich sie gestellt hätte.

Aber dafür ist es noch nicht zu spät. Seit meiner neuen Erkenntnis freue ich mich darüber und darauf, neue, vielfältige Begegnungen zu haben, Wandern, Sport, Klettern oder Spielen zu genießen – und dabei zu entdecken, was in einem anderen Menschen steckt. Ein faszinierendes Konzept! Merkwürdig, dass ich da noch nicht früher drauf gekommen bin. Und wenn ein Mann es dann womöglich bei einer Einladung zu einer Aktivität auch noch schafft, zu sagen: „Du, ich möchte gerne etwas mit dir unternehmen – weil ich dir begegnen will!“, dann wäre das natürlich erst recht richtig cool. Noch Fragen?

 

Dieser Artikel erschien zuerst in Adam online im Jahr 2007. www.adam-online-magazin.de.

Mit freundlicher Genehmigung.

 

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Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de