Kerstin Hack: Begegnung mit Täuferchristen im Hamburger Bahnhofsviertel

Foto: Michael Tewes

 

Der Kontrast hätte nicht größer sein können. Gerade noch hatte ich auf dem Weg von Berlin nach Hamburg in den verstaubten Plüschsesseln des Intercity Budapest – Hamburg gesessen und ein Buch über postmoderne Kultur gelesen. Und jetzt suchte mein Auge den Bahnsteig nach den Männern ab, mit denen ich mich treffen wollte: fünf Brüder aus der Täuferkolonie Elmendorf, die irgendwo in der Prärie Minnesotas zu Hause waren.

Ein weißhaariger, bärtiger Mann lächelte mich an. Unter seiner Regenjacke sah ich die Hosenträger hervorblitzen: Ja das mussten sie sein – und hinter ihm entdeckte ich auch die anderen Brüder…von 23 bis wohl Seniorenalter. Schwer zu schätzen.

Ein bisschen Small Talk am Anfang. Sie erzählen mir, dass die Person, die sie abholen sollte, einen Tag zu früh am Flughafen war, weil sie den Datumswechsel bei internationalen Flügen nicht bedacht hatten. Und wie sie dann im Zug in die falsche Richtung fuhren. Ich sage: „Das kann ja jedem mal passieren.“ Innerlich denke ich aber: „Die sind ja doch nicht so ganz von dieser Welt…“

Wir müssen ein merkwürdiges Bild abgegeben haben, als wir auf den Vorplatz des Hamburger Bahnhofs traten. Ich mit meinem roséfarbenen Sommermäntelchen und die fünf Herren in der traditionellen Kleidung der Mennoniten: Dunkle Hosen mit Hosenträgern, einfarbigen oder karierten Hemden. Nur die Hüte, die ich erwartet hatte, waren zu Hause oder im Mietwagen geblieben.

Im Internet hatte ich Peter Hoovers Buch „The Secret of the Strength“ (Das Geheimnis der Stärke) als Download entdeckt und innerhalb von 24 Stunden durchgelesen. Er beschreibt darin die Geschichte der Täuferbewegung. (oder taufgesinnten Christen, Wiedertäufer, Amischen oder Mennoniten). Die Täufer waren zehn Jahre nach Beginn der Reformation als Gemeinschaft von Christen entstanden, die die Erwachsenentaufe und gemeinschaftliches Leben praktizierten, gemeinsam (ohne Priester oder Pfarrer!) in ihren Häusern Abendmahl feierten, den Dienst an der Waffe verweigerten und Gütergemeinschaft in unterschiedlichem Ausmaß praktizierten. Peter Hoover schrieb in seinem Buch offen von theologischen und sonstigen Fehlern seiner Gemeinschaft – aber vor allem von ihrer Entschlossenheit, Jesus um jeden Preis zu folgen. Und der Preis war hoch. Die Täufer wurden sowohl von der katholischen als auch von der jungen protestantischen Kirche verfolgt, tausende von ihnen wurden ertränkt, verbrannt, geköpft, sie wurden enteignet, ihrer Kinder beraubt und ins Gefängnis geworfen. Und waren dennoch nicht bereit, ihren Glauben aufzugeben.

Noch nie zuvor war mir ein Buch so nahe gegangen. Ich habe von der ersten bis zur letzten Seite geweint. Zum einen, weil ich entsetzt über diesen Holocaust an Christen war, diese tausendfache Ermordung von Glaubensgeschwistern, von der ich bis zu diesem Zeitpunkt nichts gewusst hatte. Über die dunkle Seite der Reformation spricht man offensichtlich nicht so gerne… dass tausende von Christen damals ihr Leben lassen mussten, weiß man kaum – das Ausmaß dessen, was damals an geistlichem Leben im Namen der Kirche(n) zerstört wurde, kann ich nur erahnen.

Gleichzeitig faszinierte mich, was ich von den Täuferchristen las. Die Art, wie sie Gemeinschaft lebten, entsprach dem, wonach viele meiner Freunde und ich uns sehnen. Gelebte Gemeinschaft, in der jeder Raum findet, Treffen im Alltag, Abendmahl in den Häusern – das, was ich in Peters Buch über die innere Stärke und das Leben der Täufer gelesen hatte, klang keineswegs antik und verstaubt, sondern so zeitnah und für meine Generation absolut relevant. Ich entschied mich, das Buch auf Deutsch zu publizieren, weil ich auch anderen Menschen Zugang zu dem reichen Erbe der Täufer geben wollte. Zwischen dem Autor Peter Hoover und mir entwickelte sich ein intensiver Email-Austausch (trotz der Hosenträger weiß er moderne Technik durchaus zu schätzen).

Nun traf ich ihn also hier in Hamburg. Je mehr wir redeten, umso erstaunter stellten wir fest, wie ähnlich wir uns waren. Nicht äußerlich, aber in dem, was uns bewegte: Wir waren von den Büchern der gleichen Autoren geprägt worden z. B. Ronald Allens provokantem Buch über die Art, wie Paulus Gemeinden gründete und den fantastischen Büchern von Gene Edwards über das Gemeindeleben der frühen Gemeinde. Peter war auch stark von Uli Eggers‘ Buch über die Bruderhöfe beeinflusst worden, das er zwei Jahrzehnte zuvor gelesen hatte und war überrascht und erfreut, zu hören, dass der Autor noch lebt und Teil einer Lebensgemeinschaft ist. Daneben die Bücher von Henry Nouwen und Anselm Grün – erstaunlich, wie viele Werke wir beide zu den Büchern zählten, die uns am tiefsten geprägt hatten. Diese Bücher hatten in uns die Sehnsucht danach geweckt, in Gemeinschaft zu leben, die authentisch und tief ist.

In meinem Leben ist es bislang noch bei der Theorie geblieben. Ich teile mein Leben recht intensiv mit einer kleinen Gruppe von Christen, die sich gut kennen, offen und transparent miteinander leben und sich gegenseitig unterstützen und tragen. Aber das ist noch weit von der Intensität des geteilten Lebens entfernt, nach dem ich mich eigentlich sehne. In Elmendorf hingegen wird umfassende Gemeinschaft gelebt und gepflegt. Etwa 120 Christen, darunter viele Kinder, leben zusammen. Sie teilen Hab und Gut, Arbeit und ihren Glauben miteinander. Sie essen und beten täglich zusammen. Hochzeiten werden von allen organisiert. Lebensmittel und sonstige Artikel für den Bedarf der Gemeinschaft werden entweder selbst produziert oder zentral eingekauft. Und Entscheidungen werden zusammen getroffen. Der Himmel auf Erden? Wohl nicht. „Wir sind auch nur Menschen.“

Und sie stoßen auf Interesse bei anderen Menschen. 80 % der Gemeinschaft bestehen aus Leuten, die in der Kommunität groß geworden sind. Aber 20 % haben sich ihnen als Erwachsene angeschlossen. So wie Jorge, der Argentinier, der während des Falklandkrieges aus Glaubensgründen den Kriegsdienst verweigerte und jetzt in Schweden lebt. Er wollte Teil der Gemeinschaft in Elmendorf werden, scheiterte aber an den amerikanischen Einwanderungsbestimmungen. „Überlegt ihr deshalb, eine neue Kolonie in Europa zu gründen?“, frage ich. Peter hatte mir bereits von diesen Plänen erzählt, in Europa einen neuen Hof aufzumachen. „Nicht nur deswegen“, antwortet Jorge in seinem weichen, melodischen Englisch. „Sondern auch, weil wir hier in Europa einen großen Hunger nach der Art von verbindlicher Gemeinschaft spüren, wie wir sie leben! Eigentlich würden wir am liebsten in Deutschland einen Bauernhof kaufen und eine Gemeinschaft ins Leben rufen. Das wäre aus vielen Gründen für uns am sinnvollsten. Aber hier ist es nicht erlaubt, Kinder zu Hause selbst zu unterrichten, so wie das bei uns üblich ist. Und wir haben nicht genug Fachpersonal, um eine christliche Privatschule zu gründen. Deshalb scheidet Deutschland vorerst leider als möglicher Ort aus.“

Wir fragten uns, ob so eine Gemeinschaft unbedingt die Form der Elmendorfer Gemeinschaft haben müsste. Dany Wurtz, ein Nachkomme österreichischer Hutterer, tat sich sichtlich schwer mit dem Gedanken, Kinder in einem urbanen Kontext großzuziehen. Das sei auf dem Land doch besser“, meinte er und fügte nach einer Denkpause hinzu: „Aber merkwürdig – die ersten Täufergemeinschaften befanden sich alle in Städten!“ Wir unterhalten uns über christliche Kommunitäten auf dem Land, die für viele „Städter“ auch Zufluchtsort und Platz zum Auftanken sind: Kommunitäten, die Menschen zu stillen Wochenenden und Einkehrtagen einladen, um ihnen in der Geborgenheit der Gemeinschaft zu neuer, tieferer Gottesbegegnung zu verhelfen. Aber auch über die Notwendigkeit, Formen des gemeinschaftlichen Lebens zu finden und zu entwickeln, die in unsere Städte passen.

Wir reden intensiv darüber, wie Christen aller Jahrhunderte neu entdeckt haben, was gemeinschaftliche Nachfolge heißt. Die fünf Männer hören fasziniert zu, als ich ihnen davon erzähle, wie die 24-7 Gebetsbewegung das rund-um-die-Uhr Gebet der Herrnhuter Brüdergemeinden neu entdeckt wurde und unsere Kultur wieder belebt hat. Sie beten nicht mehr wie die Herrnhuter in „Chören“ (Gruppen) streng getrennt nach Brüdern und Schwestern sondern bunt gemischt in einem Raum. Aber sie übernehmen wie die Herrnhuter jeweils Ein-Stunden-Schichten und beten leidenschaftlich für ihre Freunde und ganze Völker und Nationen, die Jesus noch nicht kennen. Genau wie die Heilsarmee in England, die 2003 ein Jahr lang rund um die Uhr gebetet hat und dabei erlebte, wie Gott sie an ihre Wurzeln erinnerte: Hingabe an das Evangelium und Dienst an den Armen. Und die 24-7 Leute gehen an Orte wie Ibiza, wo der Partylöwe tobt. Dort beten sie rund um die Uhr, missionieren und dienen den Menschen. Wie die alten Herrnhuter, die in alle Enden der Welt gingen, um den Menschen das Evangelium zu bringen. 24-7 ist bunt. Gebete werden nicht nur verbal gebetet, sondern auch gemalt oder als Graffiti an packpapierbeklebte Wände gesprüht. Die meisten der jungen Menschen sehen bunter und ein bisschen wilder aus als ihrer Vorgänger, aber die geistliche Genetik, der Hunger nach tiefer Begegnung mit Gott und die Leidenschaft, Jesus in dieser Welt bekannt zu machen, ist die gleiche.

„Wir wollen Gemeinschaften fördern, die hier entstehen!“ sagt Peter. „Keine Gemeinschaften, die identische Kopien ihrer Gemeinschaft sind. Das geht nicht. Wir orientieren uns am Evangelium, aber viel von unserem spezifischen Lebensstil ist einfach unsere Kultur. Wir haben uns entschieden, die Umsetzung des Evangeliums auf eine bestimmte Art und Weise zu praktizieren. Das Evangelium bleibt immer gleich, aber bestimmte Ausdrucksformen von gelebter Gemeinschaft können sich stark voneinander unterscheiden.“

Wie hat Paulus Gemeinden gegründet? Indem er mehrere Monate an einem Ort blieb, den Menschen dort beibrachte, was es heißt, Christus zu folgen und die neue Gemeinschaft dann verließ – aber weiter per Brief, Entsendung von Mitarbeitern oder eigenen Besuchen mit der neuen Gemeinde in Kontakt blieb. Das Modell könnte auch heute noch funktionieren. Was könnte geschehen, wenn Brüder und Schwestern aus Gemeinschaften wie Elmendorf einige Monate ihres Lebens mit (jungen) Menschen verbringen würden, um ihnen bei der Formung von Gemeinschaften zu helfen? Um mit ihnen durchzubuchstabieren, was es in ihrer Zeit, in ihrer Kultur und in ihrer Umgebung heißt, Jesus gemeinschaftlich zu folgen? Wir beginnen zu träumen.

Als wir uns im Nieselregen vor dem Hamburger Bahnhof verabschieden, trennen sich Freunde, die noch einen Weg miteinander gehen werden. Nicht nur, weil wir gemeinsam ein Buch publizieren, sondern weil in uns allen der Traum von gelebter Gemeinschaft lebendig ist… für mich in meiner Großstadt Berlin, für die Brüder in Elmendorf und der neu zu gründenden Gemeinschaft – wahrscheinlich irgendwo in Norwegen.

Und auch in anderer Hinsicht sind wir nicht so verschieden. Ich verabschiede mich herzlich von den Brüdern und gehe ins Bahnhofsgebäude, um mir noch eine Fahrkarte für die Rückfahrt zu kaufen. „Heute fährt kein Zug mehr nach Berlin“, informiert mich die freundliche Dame am Schalter. Ich schaute auf meinen ausgedruckten Fahrplan. Da stand es aber doch schwarz auf weiß: 22.08: Hamburg – Berlin. Nur sonntags! Lesen sollte man können. „Ich bin wohl auch nicht so ganz von dieser Welt“, denke ich lächelnd….

 

Leicht gekürzte und veränderte Fassung eines Artikels, der zuerst in der Zeitschrift Aufatmen publiziert wurde. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Büchertipp zum Thema:

 

Peter Hoover: Feuertaufe. Das radikale Leben der Täufer. Eine Provokation. Down to Earth, 2006.

€14,80 Direkt erhältlich im Down-to-Earth-Shop.

 

 

 

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter
http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de