Kerstin Hack: Begegnung in Berlin – oder: wieder zum Leben finden

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Die Berliner sind nicht bekannt gerade dafür, höflich und zuvorkommend zu sein. Die alte Dame neben mir war es auch nicht. Sie saß mitten auf der Parkbank und rückte auch dann nicht zur Seite, um mir Platz zu machen, als ich mich auf die Kante der Bank setzte. Ich wollte das letzte Abendlicht noch nutzen, um die letzten Seiten eines Buches über Beratungstechniken zu lesen. Nur einmal beugte sie sich auf die Seite, um aus der Tasche ein Fläschchen Kräuterlikör zu holen und auszutrinken.

Dann begann sie zu erzählen. Davon, dass sie jetzt einkaufen gehen müsse, weil ihr Mann kürzlich einen Schlaganfall erlitten habe, zum Glück sei sein Denken nicht betroffen, aber das Laufen. Ja, ein Gymnastiker käme jede Woche ins Haus, würde ihm helfen. Und sie selbst sei auch nicht mehr so gut beieinander. Venenentzündung, zwei künstliche Hüftgelenke „ein echtes wäre mir lieber“. Aber dennoch müsste sie den Einkauf erledigen. Ja, sie habe die Anerkennung als Schwerbehinderte, könne für fünf Euro im Monat alle öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Aber jetzt sei sie erschöpft, legt eine Pause auf der Parkbank ein. Die Söhne würden sich nicht um sie kümmern. Die hielten immer nur die Hand auf. Ja, sie hätte einiges gespart. Ihre Sprache, Kleidung, ihr geschmackvoller Schmuck, das tiefschwarz gefärbte Haar, das gut und dick geschminkte Gesicht, die sorgsam gezupften Augenbrauen, die dann mit einem schwarzen Kajalstift nachgezogen worden waren, wiesen darauf hin, dass es sich bei meiner Gesprächspartnerin um eine Frau aus „besseren Kreisen“ handelte.

Sie hatte Finanzen studiert, noch an der Humboldt-Uni in Ost-Berlin, dann aber in den Westen „rübergemacht“, lange bei der Sparkasse gearbeitet. Ihr einer Sohn sei jetzt auch arbeitslos, nachdem er dreißig Jahre an einer Stelle gearbeitet hatte, habe man ihn plötzlich nicht mehr gebraucht. „Gebraucht haben sie ihn eigentlich schon. Aber er war ihnen zu teuer. Da haben sie einen billigeren genommen.“ Der jüngere, 47 Jahre alte Sohn, habe auch keine Arbeit. Er würde sie ab und an bitten, ihr den Haushalt zu machen, für sie sei das anstrengend, aber sie würde es trotzdem tun. Ich frage etwas erstaunt nach: „Für einen Sohn mit 47?!“ „Ja, wissen Sie, er hat zwei linke Hände!“ Ich denke „Da ist aber in der Erziehung irgendetwas richtig schief gelaufen.“ Aber weil ich manchmal einfach zu feige bin, sage ich nur: „Ach so ist das!“

Ja, die Tochter, das nun 42-jährige Nesthäkchen, die würde ihr häufig helfen. „Aber sie kann ja auch nicht immer, sie ist ja noch berufstätig und hat ihren eigenen Haushalt. Und nächste Woche fährt sie in den Urlaub – mit einem Bekannten. Sie wollte sich ja eigentlich keinen mehr anmachen, nachdem ihr Mann vor elf Jahren an Krebs gestorben ist. Aber jetzt hat sie doch einen. Ein netter junger Mann, der mit ihr Motorrad fährt. Er will sie heiraten. Ist wirklich nett. Aber sie sagt, sie kann sich nicht entscheiden. Hängt noch an ihrem alten Mann. Sie sagt, sie kann sich nicht entscheiden. Ich will ja nichts sagen, aber man kann doch nicht für immer trauern. Depressionen sind doch nicht gut. Die machen doch krank. Ich will ja nichts sagen, aber…“

Hier bricht sie ab, sieht mich an, erwartet eine Antwort, eine Lösung für ihr Mit-Leid um ihre Tochter. Elf Jahre sich dem Leben verschließen, nicht mehr lieben wollen und sich nicht mehr lieben lassen können – ich bin selbst berührt und geschockt – elf Jahre ausgebremstes, eingeschränktes Leben. Was soll ich sagen? In meinem persönlichen Umfeld bin ich auch mit den Auswirkungen von Trauer konfrontiert und habe keine Antworten. Erst recht keine Patentlösungen. Mein Rat: „Sagen Sie ihr, sie soll noch einmal gut und bewusst Abschied von ihrem früheren Mann nehmen und dann das Leben neu bejahen!“, klingt merkwürdig dünn. Aber etwas anderes fällt mir nicht ein.

Sie verabschiedet sich, weil ihre Tochter versprochen hat, gleich anzurufen. Bedankt sich zum Abschied für das Gespräch: „Mein früher so starker Mann ist jetzt so schwach. Er jammert nur. Zu Hause ist der Teufel los!“ Ich antworte „Na, wenn der Teufel los ist, dann muss man den Herrgott einladen!“ Sie dreht sich um, schaut mich kurz an und sagt: „Das tue ich…!“ und geht langsamen Schrittes weiter, den weinroten Einkaufs-Trolley langsam hinter sich herziehend, obendrauf die Tüte mit den Lidl-Sonderangeboten.

Ich werde ihr Gesicht nicht so schnell vergessen, das Gesicht der Mutter, die ihrem Kind das Leben geschenkt hat – und nun leidet, wenn sie sieht, dass die Kinder dieses Leben nicht ausschöpfen können oder wollen. Zum ersten Mal verstehe ich, dass Trauer nicht nur diejenigen trifft, die einen großen Verlust erlitten haben, sondern auch die Menschen, die den Trauernden lieben und ihm oder ihr wünschen, wieder zum vollen, reichen, liebenden Leben finden zu können.

Und plötzlich sehe ich hinter dem dick geschminkten Gesicht innerlich ein anderes Gesicht aufleuchten. Das Gesicht des himmlischen Vaters. Ich ahne: Wenn schon eine recht herbe Berliner Mutter so mit ihren Kindern mitfühlen kann, wie viel mehr der Vater im Himmel. Der, von dem alles Leben kommt. Wie viel mehr muss er sich wünschen, dass seine Kinder leben! Wie sehr berührt es ihn wohl, mit ansehen zu müssen, wenn seine Kinder – aus dem einen oder anderem Grund – das Leben verlernt und sich dem Leben verweigert haben. Wie würde es ihn freuen, wenn sie das Leben wieder begrüßen, willkommen heißen, umfassen und ergreifen könnten. Ich ahne etwas von seiner Vaterliebe, die Leben geben will. „Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ Das sagt mein Gott. Der lebendige, der, der alles Leben geschaffen hat. Ich bin so tief berührt von seiner Liebe, wie schon lange nicht mehr.

In dem Beratungsbuch, das ich gelesen hatte, wurden viele Möglichkeiten erläutert, wie man Menschen helfen kann, aus alten Wegen auszubrechen. Auch aus Denk- und Gefühlsmustern, die sich nach traumatischen Erfahrungen eingestellt und den Menschen in ein inneres Gefängnis gebracht haben. Ich denke daran, wie eine Freundin mich einmal beschrieben hat: „Ich sehe dich wie einen Menschen, der in einem Raum mit vielen Vogelkäfigen von Käfig zu Käfig geht und die Türen der Käfige öffnet, damit die Vögel wieder in die Freiheit fliegen können.“

Ich empfinde, dass mein Gott mir sagt: „Ich lebe und will Menschen zum Leben helfen. Machst du mit mir mit?“ Ganz leise sage ich „Ja!“

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Lydia. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Büchertipps zum Thema:

 

Kerstin Hack: Loslassen. Impulse für ein befreites Leben. Down to Earth.

Impulsheft, 2,50€ Direkt zu bestellen beim Down-to-Earth-Shop.

 

 

 

Kerstin Hack: Leben – schlicht + ergreifend. Down to Earth.

12,95€ Direkt zu bestellen beim Down-to-Earth-Shop.

 

 

 

 

 

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de