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Die Kunst des Trauerns. Nach jedem Ende kommt ein neuer Anfang

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16.Jan.2012 | von | Kategorie: Besondere Empfehlungen

Der Verlust eines geliebten Menschen oder der lieb gewonnenen Arbeitsstelle trifft einen plötzlich und unerwartet. Eine Ära geht zu Ende. Tiefe Trauer breitet sich aus. Was dann? Wie kann man diese Phase für sich sortieren und nutzen? Wie kann man andere darin unterstützen? Hilfestellung dazu gibt es hier.

Passt dieser Artikel überhaupt zu mir? Das hatte ich mich schon bald nach meiner Zusage gefragt. Ich mag praktische Ideen, die man gleich umsetzen kann. Gebe leidenschaftlich gerne Besser-Leben-Tipps und freue mich, wenn ich höre, dass sie das Leben anderer Menschen erleichtern und bereichern. Erlebt jemand jedoch einen Verlust und betrauert diesen, sind konkrete, praktische Tipps meist fehl am Platz und greifen zu kurz.

Trauer kommt wie ein ungebetener Gast – und bleibt auf unbestimmte Zeit. Und weil sie irgendwie zur Familie gehört, kann man sie nicht einfach rauswerfen. Billige Ratschläge im Sinne von »Kopf hoch« helfen nun gar nicht. Sie führen eher dazu, dass man sich noch mehr zurückzieht, weil man sich unverstanden und allein gelassen fühlt.

Was hilft bei Trauer?

Wenn man selbst trauert, hilft es zu verstehen, woher die Trauer kommt. Trauer entsteht immer aufgrund eines Verlustes. Das kann ein geliebter Mensch sein, der plötzlich nicht mehr da ist. Oder auch der Verlust von körperlicher Kraft. So wie bei einer Frau, die nach einer – gut verlaufenen – Krebserkrankung nicht mehr zu ihrer früheren Kraft zurückfand und nun über diesen Verlust trauert. Es kann auch der Verlust von Beziehungen sein. Oder auch der Verlust einer Arbeitsstelle.

Manches verliert man im Leben und kann es relativ gelassen hinnehmen – doch in der Regel verliert man mit dem Verlust auch die Sicherheit. Bisher dachte man, die Ehe wäre stabil, der geliebte Mensch würde bis ans Ende seiner Tage bei einem bleiben, der Körper würde weitgehend leistungsfähig bleiben, man würde immer einen Job haben. Und plötzlich erlebt man: Das, was vermeintlich sicher war, stürzt ein. Nichts ist mehr sicher. Das verunsichert. Man muss jetzt neue Sicherheit finden.

Erstmal sortieren

Hier hilft es, das Trauern bewusst als Sortieren zu begreifen. Wer trauert, kann und muss neu sortieren: Was hat in meinem Leben Bestand? Was nicht? Oder auch: Was bleibt von diesem Lebensabschnitt? Was muss ich für immer loslassen?

Mir hat es in einer Trauerphase geholfen, mich ganz bewusst von hunderten kleinen Dingen einzeln zu verabschieden, die nun nicht mehr möglich waren. Ich habe Gott für jedes Einzelne gedankt. Und dann gesagt, dass ich akzeptiere, dass es nun nicht mehr ist. Akzeptieren heißt nicht »gut finden«. Es heißt lediglich »annehmen«. Ich nehme an, dass es ist, wie es ist. Ich kämpfe nicht mehr dagegen an. Das kann insbesondere dann hilfreich sein, wenn Selbstanklage im Spiel ist und man sich ausmalt, dass der Verlust vielleicht hätte vermieden werden können, hätte man nur dieses oder jenes getan. Damit kann man Tage, Wochen, Monate und Jahre verbringen. Oder zum Annehmen finden. Und sagen: Es war, wie es war. Und ich gehe jetzt weiter.

Im Trauern entdeckt man, was Bestand hat. Was trotz allem bleibt. Manche Menschen, Beziehungen, eigene Stärken, Erfahrungen, Schätze, Erinnerungen an schöne Zeiten und gelebtes Leben. Das kann – nach einer Phase, in der man den Blick nach hinten richtet – wieder Kraft für das geben, was vor einem liegt. Mit dem Verlust ist nicht alles vorbei.

Ins Leben zurückkehren

Ich habe einem Freund nach dem Krebstod seiner Frau geschrieben, dass ich ihm wünsche, dass er gut trauern kann, aber dann auch wieder ins Leben zurückkehrt. »Es ist schlimm genug, dass der Krebs ihr Leben zerstört hat. Es wäre noch schlimmer, wenn er jetzt auch deines zerstören würde.« Ich wagte es, ihm folgenden Satz zu schreiben: »Ein gutes Leben ist die beste Rache.« Einige Zeit später schrieb er mir, dass er eine neue Partnerin gefunden hat und wieder heiraten wird – und dass ihn dieser Satz ermutigt hat, nicht in der Vergangenheit und dem Verlust stecken zu bleiben, sondern die neuen Möglichkeiten zu sehen. Er hat sich für den Verlust »gerächt«, indem er neu begann und das Beste aus der Situation machte.

Anderen helfen

Wer Menschen unterstützen will, die gerade einen Verlust betrauern, tut gut daran, zu wissen, dass Trauer in verschiedenen Phasen kommt.1 In der Anfangsphase ist man oft nur geschockt. Man leugnet, was geschehen ist. »Das kann doch nicht wahr sein!« Man ist geschockt, erstarrt, hält alles für einen bösen Traum. In dieser Phase braucht man vor allem praktische Unterstützung. Man ist wie gelähmt, und es tut gut, wenn Menschen da sind und helfen, indem sie Essen kochen, Einkäufe erledigen, praktische Aufgaben übernehmen.

Löst sich die Starre, kommen in einer zweiten Phase die Emotionen hoch: Angst, Wut, Zorn, Unruhe. Auch Anklage gegen die vermeintlich Schuldigen: den früheren Partner, die Ärzte, Gott, das Leben selbst. Hier ist Beschwichtigen fehl am Platz. Auch Erklärungen sind wenig hilfreich, selbst wenn sie inhaltlich stimmen, wie beispielsweise »Gott meint es trotz allem gut mit dir.« Was wirklich hilft, ist, dem Trauernden Raum zu geben, seine Gefühle ungeschminkt zu äußern. Man kann ihn unterstützen, indem man Resonanz gibt: »Du fühlst dich gerade so und so.« oder »Es klingt, als ob du gerade …«

In der dritten Trauerphase versucht man, das Verlorengegangene irgendwie wiederzufinden. Man hält innerlich Zwiesprache, träumt, phantasiert. In dieser Phase kommt häufig auch nicht Gelöstes an die Oberfläche. »Ich wünschte, ich hätte ihm das noch gesagt.« In dieser Phase kann es hilfreich sein, nachzufragen: »Welche Erinnerungen sind denn besonders schön? Was kannst oder möchtest du aus dieser Phase behalten?«

In der vierten Phase hat man den Verlust schließlich akzeptiert und entdeckt neue Lebensmöglichkeiten. Wenn man ahnt, dass der andere sich wieder dem Leben zuwenden möchte, kann man ihn einladen – zu Aktivitäten und gemeinsamen Unternehmungen.

Das, was hier so ordentlich klingt, ist im echten Leben ein weitaus größeres Chaos. Menschen, die trauern, durchlaufen diese Phasen in der einen oder anderen Form. Doch nicht immer geradlinig und chronologisch, sondern häufig mit Sprüngen hin und her. Wer Trauernde begleitet, darf sich auf Überraschungen gefasst machen. Mal ist Akzeptanz und Gelassenheit spürbar, dann wieder wütendes Aufbegehren. Manchmal im Minutentakt wechselnd.

Wer sich darauf einlässt, einem Menschen hierbei zur Seite zu stehen und sensibel auf die jeweilige Phase zu reagieren, kann dabei Schätze entdecken. Denn jedes geteilte Leben ist wunderbar und hat seine eigene Schönheit. Das macht ja auch den Verlust oft so hart. Doch in der Trauer mit dem anderen zu entdecken, was von dieser Phase behalten werden kann – und was jetzt immer noch möglich ist – eröffnet wunderbare Möglichkeiten des Mitleidens, Mitliebens und Mitlebens.

 

1          Nach der Trauerforscherin Verena Kast – sehr verkürzt – dargestellt. Ausführlicher zu finden unter de.wikipedia.org/wiki/Trauer#Trauerprozess_in_vier_Phasen_nach_Kast

 

Zuerst veröffentlicht in oora - Die christliche Zeitschrift zum Weiterdenken, Ausgabe Nr. 42 – 3/2011. Mit freundlicher Genehmigung. www.oora.de

 

Büchertipp zum Thema:

Kerstin Hack: Worte des Trostes. Zitate und Gedanken für Zeiten der Trauer. Down to Earth.

Impulsheft, 2,50 €. Direkt zu bestellen im Down-to-Earth-Shop.

 

 

 

 

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