Birgit Schilling: Durchgangsstation, nicht Endstation Sehnsucht

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Als sich bei mir nach einigen Ehejahren trotz Kinderwunsch keine Schwangerschaft einstellte, wurde ich fast krank vor Sehnsucht nach einem Kind.

Als Missionarin in Nepal lebend, überkam mich immer mal wieder unbändige Sehnsucht nach ganz profanen Dingen: nach Schwarzbrot, Erdbeermarmelade oder einem Spaziergang durch den sommerlichen deutschen Wald.

 

Vor 15 Jahren konnte ich es nicht fassen, dass ich als junge Frau einen Beruf gewählt hatte, der doch so offensichtlich nicht meinem Wesen entsprach. Ich sehnte mich nach einem Beruf, der wirklich zu mir und meinen Begabungen passte und mich erfüllte.

Als letztes Jahr unser erstes Adoptivkind das Haus verließ, überkam mich, manchmal aus heiterem Himmel, eine unbändige Sehnsucht nach Zeit mit dieser Tochter.

Vor drei Jahren kam meine Beratungspraxis so richtig in Gang. Ich bot Seminare und Beratung an und schrieb begeistert mein Buch zum Thema Berufung. Gleichzeitig verging ich jedoch an manchen Tagen vor Sehnsucht nach Leichtigkeit, Freiheit und Abenteuer.

Zurzeit sehne ich mich immer mal wieder nach einer schicken Stadtwohnung, am liebsten direkt am Kölner Stadtwald und mit Dachterrasse. Und ein Wohnmobil wäre eigentlich auch nicht schlecht…

Was macht dieses Gefühl der Sehnsucht aus? Ich erlebe sie als eine Gefühlsmischung aus Verlangen und Wehmut. Wir wollen etwas haben, aber es ist uns, aus welchen Gründen auch immer, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt verwehrt. Wenn die Sehnsucht in uns aufsteigt, halten wir in unserem Alltags-Erledigungstrott inne. Trotz unerledigter Arbeit hasten wir nicht weiter zum nächsten Punkt unserer To-do Liste. Wir spüren unser Herz. Tränen schießen uns vielleicht in die Augen. Uns wird plötzlich schmerzlich bewusst, was uns im Leben wirklich wichtig ist und auch was uns möglicherweise fehlt. Wenn wir unser Herz inmitten unseres Alltags in dieser Weise spüren, ist das ein Geschenk Gottes. Und das ist immer gut.

 

In den Evangelien beobachten wir Jesus, wie er immer wieder seine Gesprächspartner mit ihrem Herzen und ihrer tiefen Sehnsucht in Kontakt bringt. So begegnet er der Samariterin am Jakobsbrunnen (Johannes 4). Diese hat zunächst nichts anderes im Kopf, als möglichst schnell wieder einen Punkt ihrer To-do Liste abhaken zu können. Sie will auf einfache Weise ihr täglich benötigtes Wasser organisieren. Und Jesus? Er sieht ihre unbändige, tiefe Sehnsucht nach Leben. Er weiß, dass sie von dieser, ihr selbst vielleicht gar nicht bewussten, Sehnsucht gelebt wird. Beharrlich und liebevoll bringt Jesus die Samariterin mit ihrer Herzenssehnsucht in Kontakt.

 

Sehnsucht zeigt immer, dass uns etwas fehlt. Manchmal ist es Irdisches, manchmal Ewiges. „Wenn ich in mir Sehnsüchte entdecke, die nichts in dieser Welt befriedigen kann“, sagt C.S. Lewis, „dann ist die einzige logische Erklärung dafür die, dass ich für eine andere Welt geschaffen wurde.“ Als Menschen sind wir für diese andere Welt geschaffen, für das Paradies. Und das spüren wir, wenn sich die Sehnsucht in uns meldet.

Im Paradies gab es keine Enttäuschung und keine Unzufriedenheit. Das menschliche Herz war stets freudig, im Zustand des „Schaloms“, wie der Hebräer es ausdrückt, im völligen Wohlergehen und Zufriedensein. In Kontakt mit sich und Gott. Im Paradies gab es keine Sehnsucht. Die Sehnsucht kam erst mit dem Sündenfall in die Welt. Das ist die Welt, in der wir heute leben.

Dennoch bin ich davon überzeugt, dass Sehnsucht kein Dauerzustand sein soll, in dem wir es uns einrichten. Ich halte es nicht für erstrebenswert, ein chronisch sehnsüchtiger Mensch oder Christ zu sein. Ich beobachte, dass ein von dauerhaft unerfüllter Sehnsucht geprägtes Leben auf Dauer in Depression und Handlungsunfähigkeit führt. Es bindet emotionale Kraft und Energie.

Sehnsucht ist stattdessen eine Gabe Gottes, die uns auf etwas hinweisen möchte. Gott redet durch meine Sehnsucht zu mir. Ich bin aufgefordert zu horchen: Worauf weist mich die Sehnsucht hin? Welche verborgene Botschaft will Gott mir in meiner Sehnsucht zuflüstern?

Wir sollen nicht in der Sehnsucht stecken bleiben, sondern sie als Wegweiser hin auf den Weg zu einem besseren Leben verstehen. Sehnsucht ist Durchgangsstation, nicht Endstation.

Manche Sehnsucht lädt uns zu einem Trauerprozess und zum Loslassen ein. Das ist eine Herzensangelegenheit –  die man nicht allein mit verstandesmäßigen Einsichten abkürzen und regeln kann.

Natürlich war meine Sehnsucht nach einem leiblichen Kind als junge Frau verständlich. Wenn ich mich meinen Tagträumen nach einem Baby hingab, fühlte ich mich zunächst etwas besser, da die Vorstellung, eines Tages doch schwanger zu werden, mich beflügelte. Doch indem ich meine Sehnsucht nach einem Kind immer und immer wieder nährte, wurde ich mit der Zeit zunehmend depressiv. Eines Tages wusste ich: Ich muss meinen Wunsch auf ein leibliches Kind loslassen. Der Weg ins Leben führte über das Betrauern unserer Kinderlosigkeit. Dieser Prozess erstreckte sich über mehrere Jahre. Erst danach konnte ich nach und nach andere gute Wege erkennen – wir haben drei wunderbare, lebendige Kinder adoptiert – und mein reales Leben wieder kraftvoll gestalten.

20 Jahre später hatte unser erstes Kind das Haus für ein soziales Jahr verlassen. Schlagartig wurde mir klar, dass unsere meist glückliche Familienzeit, wo alle Kinder zu Hause wohnen, für immer und ewig beendet war. Diese Trauer erwischte mich unvorbereitet. Ich hatte sie nicht erwartet. Ich hatte mich auf diesen Tag doch gut vorbereitet! Ich lebte doch mit Leidenschaft meine Berufung in meinem Beruf und engagierte mich von Herzen gerne in unserer Gemeindegründung! Aber mein Herz reagierte anders. Ich sehnte mich nach unserer Tochter und dachte wehmütig an die Zeit zurück, wo alle Kinder noch zu Hause lebten. Von mir aus hätte es so weitergehen können. Aber auch hier merkte ich, dass es mich nicht weiterführte, mich in der Sehnsucht nach der Tochter zu verlieren, sie ständig anzurufen oder auf andere Weise festzuhalten. Die Sehnsucht nach ihr lud mich ein, loszulassen und mich dem Trauerprozess zu stellen. Freundinnen, die diese Erfahrung schon hinter sich hatten, Zeiten der Stille, eigene Seelsorge halfen mir durch diese Traurigkeit hindurch.

 

Was machte ich mit meiner Sehnsucht nach Erdbeermarmelade, Schwarzbrot und dem deutschen Wald wenn all das in Nepal meilenweit entfernt und unerreichbar war? Eine Mentorin gab mir einen Rat, der mir weiterhalf. Sie sagte: „Wenn immer dich die Sehnsucht nach Deutschland mit seinen Vorzügen überkommt, dann sage: „Herr, ich verzichte darauf – für dich! Ich möchte es bewusst und gerne für dich tun. Der Verzicht ist mein Geschenk an dich. Du hast mich so reich beschenkt.“ Mir half diese Sichtweise sehr. Es war in Ordnung, profane Dinge wie Wald und Schwarzbrot zu vermissen. Und gleichzeitig wurde es zu einer Möglichkeit, Jesus meine Liebe auszudrücken.

 

Sehnsucht kann aber auch die Einladung Gottes zum Aufbruch sein. Durch die Sehnsucht flüstert Gott immer wieder in unser Herz hinein. Er wirbt darum, dass wir die Angst vor dem Unbekannten überwinden, unsere Herzenssehnsucht aktiv verfolgen und zu neuen Ufern aufbrechen.

Vor fast 10 Jahren sehnte ich mich so sehr nach einem neuen Beruf, der meinen Begabungen und Neigungen wirklich entsprach. Auf dem Schreibtisch einer Therapeutin lag „zufällig“ der Prospekt einer Ausbildung zur systemischen Supervisorin und Coach. Ganz schnell war mir klar: Das ist es! Genau das will ich werden! Das ergänzt super meine Ausbildung zur christlichen Beraterin. Das  Ganze hatte einen Haken: Als gelernte Krankenschwester verfügte ich nicht über die erforderliche Eingangsvoraussetzung eines abgeschlossenen Hochschulstudiums. Das setzte mich für Monate lahm und ich nahm das Kleingedruckte mit dem Hinweise von Ausnahmeregelungen gar nicht zur Kenntnis. „Auf dem Wege zu neuem Land kläffen die Hunde deiner Angst.“, las ich damals.  Ja, ich hatte Angst davor, enttäuscht, ja, verlacht zu werden. „Mit den Qualifikationen wollen Sie sich bei uns zur Weiterbildung bewerben? Das ist doch lächerlich!“, hallte es in meinem Kopf.  Aber meine Sehnsucht ließ nicht locker: „Du musst es einfach versuchen! Mehr als eine Absage kannst du doch nicht erhalten! Und wer weiß…?“

So saß ich einige Wochen später dann doch im völlig chaotischen Büro des Leiters des Supervisions- Institutes. Der Professor war die ersten 10 Minuten damit beschäftigt, seine Brille zu finden. Ich musste schmunzeln und meine Aufregung legte sich. Nachdem er mich eine Stunde lang interviewt hatte, meinte er in Aachener Platt: „Frau Schilling, Sie haben ja in Nepal gelernt, die Welt von einer anderen Seite zu sehen. Wissen Sie, und genau das ist  Supervision! Ich nehme Sie in die nächste Ausbildungsgruppe auf. “ Wie in Trance verließ ich schwebend sein Büro.

Manche Türen scheinen uns für immer verschlossen. Aber sind sie es wirklich? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden: indem wir versuchen diese Türe zu öffnen. „Und wenn die Türen zu sind, kannst du vielleicht durchs Fenster klettern“ sagt meine lebenslustige Freundin Kerstin gerne.

 

Sehnsucht kann uns darauf aufmerksam machen, dass wir ein Bedürfnis in unserem Leben nicht beachten und dass es an der Zeit ist, Entscheidungen zu treffen. Als ich vor einigen Jahren viel Zeit und Energie in meinen Beruf steckte, meldete sich die Sehnsucht nach mehr Ruhe, Freiheit und Spaß. Es war wichtig für mich gemeinsam mit meiner Coach-Freundin genauer hinzuschauen, was ich hierbei konkret ändern  konnte. Bei allen Änderungsvorschlägen hatte ich sofort die „Ja, aber…“-Antwort parat, weil mir genau diese Änderung nicht möglich erschienen. Doch ich musste schweren Herzens einige Entscheidungen fällen, um mein Leben wieder in eine gute Balance zu bringen. Das hieß konkret: Bestimmte Fortbildungen nicht zu besuchen, obwohl sie so reizvoll erschienen und bestimmte Aufträge nicht anzunehmen, obwohl sie finanziell attraktiv waren.

Hätte ich auf Dauer über ein gesundes Maß hinaus gearbeitet, wäre meine Sehnsucht nach Freiheit verständlicherweise weiter angewachsen. Und zwar so lange, bis ich schließlich im Burnout gelandet wäre. Wieder einmal war die Sehnsucht nach Freiheit keine Einladung, darin zu verharren und mir gleichzeitig die Freiheit umso fester zu wünschen oder gar Gott zu bestürmen, mir die Freiheit doch zu schenken („denn so was kann nur Gott tun!“). Nein, sie war vielmehr die Aufforderung, selber etwas in meinem Leben zu verändern, auch wenn das mit  bedauerlichen Folgen für die Rentabilität meiner Firma verbunden war.

 

Sehnsucht kann aber auch eine Einladung sein, unsere übersteigerten Wünsche, wie meine tolle Stadtwohnung und Wohnmobil, einfach loszulassen. Mich der Realität zu stellen, dass wir Kinder in Studium und Ausbildung haben und dass derartiger Luxus zurzeit finanziell einfach nicht möglich ist. Und dass ich mich besser damit abfinde – oder 80 Stunden pro Woche arbeite, um mir den Luxus doch zu leisten. Nein, das will ich nicht.

Ich kann mir aber ab und an einen schicken Tag in der City gönnen und mir überlegen, wie ich unser jetziges Heim im Rahmen unserer Möglichkeiten schön gestalten kann. So wie eine Freundin es tat, die sich eine größere Wohnung mit Platz für Gäste einfach nicht leisten konnte und dann ihre Wohnung mit Stockbett und anderen Dingen besucherfreundlicher machte. Ich kann mich bewusst daran freuen, dass mein Mann Wolfgang und ich mit unserem Tandem statt einem Wohnmobil auf Touren gehen. Das ist doch auch schön und besser für unsere Fitness!

Wenn all diese Gedanken mich noch nicht wieder innerlich gerade richten, denke ich an Frauen in Nepal, die morgens oft noch nicht wissen, wie sie ihre Kinder abends satt kriegen. Ich denke an Frauenrechtlerinnen im Iran oder Myanmar. Spätestens dann schüttele ich den Kopf über mich satte, reiche Frau im Westen, die mal wieder nichts Besseres zu tun hat, als Sehnsucht nach allem möglichen zu haben. Diese Sehnsucht ist ein Luxusleiden unserer westlichen Gesellschaft, das ich in Nullkommanichts auflösen würde, hätten wir existentielle Not.  Ich habe mich entschieden, mich an dem zu freuen, was tatsächlich ist und mich nicht in der Sehnsucht nach unerreichbaren Träumen zu verlieren.

Menschen, die mich für mein Leben inspirieren, sind hoffnungsvolle und aktive Menschen.

Die gelähmte Joni hätte vor Sehnsucht vergehen können, doch endlich wieder laufen zu können. Stattdessen nimmt sie ihre Behinderung an und verbreitet Hoffnung, indem sie eine Organisation gründet und sich im großen Rahmen leidenschaftlich für Behinderte einsetzt.

Corrie ten Boom hätte sich in der Sehnsucht nach einem freien Leben aufreiben können. Aber sie ergreift Gottes Auftrag innerhalb der KZ-Grenzen und wird dadurch eine Ermutigerin für andere.

Nelson Mandela geht gefangen auf Robin Island keinen sehnsüchtigen Tagträumen nach, sondern unterrichtet Mitgefangene, lernt selber beständig weiter, legt einen Gemüsegarten an und joggt jeden Tag auf der Stelle in seiner winzigen Gefängniszelle. Nur so war er später in der Verfassung, Präsident von Südafrika zu werden.

 

Sehnsucht… wenn ich sie in meinem Herzen verspüre, stelle ich „die intelligenteste Frage, die es gibt“, wie Hanne Baar es formuliert: „Was ist eigentlich los? Ja, was ist eigentlich los?“

Auf welche Spur möchte mich meine Sehnsucht diesmal führen? Welche freundliche Einladung Gottes ist mit ihr verbunden? Wie sieht der Weg in die Freiheit, zu der wir berufen sind, diesmal aus?

 

Birgit Schilling

Birgit Schilling lebt mit ihrer Familie in Hürth bei Köln. Sie arbeitet als Supervisorin, Coach und Paartherapeutin  und liebt es Menschen bei der Entfaltung ihrer Stärken und Gestaltung ihres Lebens zu begleiten. www.schilling-supervision.com

 

Bearbeitete und leicht gekürzte Fassung eines Artikels, der zuerst 2009 in der Zeitschrift Joyce erschien. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Buchtipps:

 

 

Impulsheft Nr. 6. Kerstin Hack:  Glück. Impulse für ein reiches Leben.

2,50€ Erhältlich im Down-to-Earth-Shop.

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de