Kerstin Hack: Alles Asche – oder: Vulkane und der Ausbruch der Kreativität

Mal ehrlich. So ein Vulkanausbruch hat doch was. Da bricht irgendwo auf einer kleinen Insel im Atlantik ein Vulkan aus, dessen Namen selbst die besten Nachrichtensprecher erst nach einer Woche Üben ohne Stocken über die Lippen bringen. Und plötzlich verbindet uns alle eine große, gemeinschaftliche Aschewolke, die uns alle irgendwie betrifft.

Endlich gibt es wieder ein gemeinsames Gesprächsthema: Der Vulkan und seine Folgen. Jeder kennt jemanden, der auf irgendeine Weise betroffen ist oder zumindest jemanden, der wiederum jemanden Betroffenen kennt, dessen Flüge gestrichen wurden … Jeder hat Geschichten zu erzählen. Eine schöne große Aschewolke-Gemeinschaft.

Mit einer gewissen Genugtuung sieht der Otto-Normalbürger, dass auch die »da oben« nicht unverwundbar sind. Politiker, die nicht in die Luft gehen können, sondern ebenfalls am Boden bleiben müssen. Wie die Bundeskanzlerin, deren Rückreise aus den USA von Pannen begleitet wurde und zwei Tage länger dauerte als geplant, und die mit vorbildhafter Gelassenheit auf die Veränderung reagierte. Sie saß es einfach aus.

Die Selbstsicherheit ist – zumindest für eine Weile – aus manchen öffentlichen Ankündigungen verschwunden. Es tut gut, aus den Büros der Chefs von Mega-Konzernen plötzlich demütige Sätze zu hören wie etwa: »Falls wir fliegen können …«

Dennoch hielt sich die Katastrophe in Grenzen. Tausende von Menschen saßen weltweit auf Flughäfen und Bahnhöfen fest oder schlugen sich per Anhalter durch die Galaxis – effektiv organisiert über Twitter, Facebook und Co. Das war zweifelsohne unangenehm und mit der einen oder anderen persönlichen Katastrophe verbunden. Ich selbst war auch von den Flugstreichungen betroffen, konnte aber auf den Zug ausweichen. Neben mir saß jedoch ein kleines Mädchen, das minutenlang bitterlich weinte. Es konnte nicht verstehen, warum ihr Reise-Traum nicht in Erfüllung ging. Dennoch: Eine wirkliche Katastrophe hat andere Dimensionen.

Wie etwa der Ausbruch des Vulkans Tambora auf Indonesien im April 1815 – der größte Vulkanausbruch der letzten 10.000 Jahre. Die Explosion war so gewaltig, dass man sie noch im 2000 km entfernten Sumatra hören konnte. Etwa 70.000 Menschen starben als Folge des Ausbruchs und seiner Auswirkungen wie etwa Flutwellen. 150 km Staub- und Ascheteile legten sich um die Atmosphäre. Das führte dazu, dass das Klima bis 1816 merklich abkühlte und im Jahr 1817 in Europa und den USA der Sommer praktisch ausfiel. Katastrophale Missernten. Tausende von Nutztieren verendeten, weil die Nahrungsmittel fehlten. Eine echte Katastrophe.

Die meisten Menschen ließen die Katastrophe über sich ergehen. Sie versuchten, das Beste aus der Situation zu machen und hofften, dass es nach der Katastrophe wieder normal weitergehen würde. Doch es gab einige, die in und nach der Katastrophe weiterdachten. Wie etwa die Gründer der ersten Sparkassen, die für ähnliche Katastrophen vorsorgen wollten. Sie konnten nicht ahnen, dass die Weiterentwicklung dieser Vorsorgemaßnahmen und neu entwickelte Finanzierungsmöglichkeiten selbst Krisen auslösen würden.

Auch andere dachten strategisch über Lösungen nach. Wie etwa Karl Friedrich Drais von Sauerbronn, ein badischer Forstmeister. Ihm war klar: Mit den fehlenden Pferden fehlten auch die Transportmittel. Ohne Pferde also kein Weiterkommen. Er suchte nach Alternativen für das Pferd und erfand die »Draisine«, eine »Schnelllaufmaschine« aus Holz, die das Laufen erleichtern sollte und mit den Füßen angetrieben wurde. Die Draisine ist ein Vorläufer – im wahrsten Sinne des Wortes – unseres heutigen Fahrrads.

Andere Menschen riefen in Folge der damaligen Katastrophe landwirtschaftliche Wettbewerbe ins Leben, um die Entwicklung der Landwirtschaft zu fördern. Den Chemiker Justus von Liebig inspirierte die Erinnerung an die Hungersnöte zu seinen Untersuchungen über die Bedingungen des Pflanzenwachstums. Das führte zur Entwicklung der organischen Chemie und zur Einführung der Mineraldüngung, um die Erträge in der Landwirtschaft zu steigern.

Mich fasziniert das. »Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade daraus«, heißt ein Spruch, den ich liebe. Es gibt Menschen, die auf persönliche und universelle Katastrophen mit Klage und Bedrückung reagieren: »Warum hat mich das getroffen?« Sie bleiben passiv und beklagen ihr Schicksal. Andere versuchen zu überleben. Und wieder andere werden kreativ und suchen nach weit reichenden Lösungen. Nicht nur für sich, sondern auch für andere. Was genau macht den Unterschied zwischen den »Zitronenschluckern« und den »Limonadeproduzenten« aus? Ist es vielleicht dieses eigenartige Gemisch aus Realismus, Mitgefühl und Hoffnung?

• Realismus, der die Augen vor Katastrophen nicht verschließt: Der nicht blind hofft, dass alles schon irgendwie gut gehen und nie wieder so schlimm kommen wird. Sondern der vielmehr sehenden Auges weiß, dass bestimmte Situationen tatsächlich schwierig sind. Der weiß, dass Katastrophen unvermeidbar sind – und deshalb nach Wegen sucht, sie gut zu bewältigen.

• Empathie für das Leiden der anderen Menschen. Tiefes Mitgefühl für das, was sie getroffen hat und die Bereitschaft, sich für andere, die weniger emotionale und praktische Ressourcen haben, einzusetzen.

• Hoffnung, dass es Mittel und Wege gibt, unvermeidliche Katastrophen in ihrer Wirkung abzumildern.

Wenn ich jetzt mit meinem tollen Fahrrad durch die Stadt fahre, genieße ich meine Beweglichkeit und die Schnelligkeit, mit der ich mich vorwärts bewegen kann. Ich bin dankbar. Dankbar für Menschen, deren Herz bei Katastrophen nicht verzagte, sondern voll Mitgefühl blieb. Menschen, die den Kopf nicht in den Sand gesteckt, sondern genutzt haben, um das Leben anderer zu verbessern. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar – ihre Erfindungen haben das Leben von Millionen von Menschen verbessert und in vielen Fällen sogar gerettet. Danke!

 

Zuerst veröffentlicht in  oora – Die christliche Zeitschrift zum Weiterdenken, Ausgabe Nr. 37  2/2010. Mit freundlicher Genehmigung. www.oora.de

 

Büchertipps zu diesem Thema:

 

Torsten Huith: Kreativität entwickeln. Potentiale entdecken und entfalten. Down to Earth, 2011.

Quadro 4,00€. Direkt zu bestellen beim Down-to-Earth-Shop.

 

 

 

 

Kerstin Hack: Erfolg. Schlicht und ergreifend. Down to Earth, 2011.

12,95€ Direkt zu bestellen beim Down-to-Earth-Shop.

 

 

 

Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de